Underground

Underground, englisch für »unter der Erde«, im kulturellen Bereich ein Begriff, der suggeriert, dass es neben der etablierten Kultur – Literatur, Bildende Kunst, Musik usw. – eine weitere Ebene unter dieser für jeden sicht baren Schicht gibt, deren Protagonisten den Sinn ihrer künstlerischen Produktionen nicht vorrangig in kommerzieller Anerkennung sieht.

In der Rockmusik kam der Begriff in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre in den USA auf. Underground sollte andeuteten, dass es neben der in den Hitparaden vertretenen Musik – damals vor allem von Bands der so genannte British Invasion und der amerikanischen Reaktion darauf repräsentiert – eine Art Gegenkultur gab, deren Vertreter weder auf Erfolge in den Hitparaden aus waren noch solche erreichten. Vielmehr hatten die mit dem Begriff belegten Musiker und Bands größtes Interesse daran, ihre Musik als Ausdruck ihrer Persönlichkeit frei von außermusikalischen Intentionen zu halten; in gewisser Hinsicht war dies der Versuch eine Art »autonome Rockmusik« zu kreieren.
Es konnte in einer Kunst, deren Medium die Schallplatte ist, nicht ausbleiben, dass die Musikindustrie die Bezeichnung aufgriff und die Musik verschiedener bei ihr ohnehin unter Vertrag stehender Bands mit dem Wort belegte. So veröffentlichte Columbia/CBS 1968 unter dem Titel »That’s Underground« einen Sampler, auf dem zehn Bands vertreten waren, für deren Musik man die Bezeichnung Underground für passend hielt: The Electric Flag, Spirit, The Cambers Brothers, Leonard Cohen, Moby Grape, Big Brother & The Holding Company mit der Sängerin, Janis Joplin The United States of America, Blood, Sweat & Tears, Bob Dylan und Mike Bloomfield/Al Kooper/Stephen Stills. Die Reihe der Namen zeigt, dass es außer dem Blues kaum Gemeinsamkeiten zwischen diesen Musiker und Bands gab. Dennoch wird deutlich, dass in dieser Musik die Improvisation eine mal größerer, mal kleinere Rolle spielt, lässt man Dylan und Cohen mal außer Acht insgesamt also eine Nähe zum Jazz. Um 1970 veröffentlichte nicht nur die CBS derartige Zusammenstellungen – auf »That’s Underground« folgten weiter LP -, sondern auch etwa die Polydor ihre »Supergroups«- bzw. »Pop Sound«-Sammelplatten, die – ohne das Wort Underground zu benutzen – ein ganz ähnliches Konzept verfolgten. Die Platten demonstrieren, dass die Musikindustrie den Umbruch in der Rockmusik gegen Ende der 1960er-Jahre, die Aufteilung in diverse Strömungen, von denen etwa Jazzrock und Progressive Rock sich zu Anfang der 1970er-Jahre als bedeutsam erweisen sollten, noch nicht recht kanalisiert hatte.
Als zentrale Figuren des amerikanischen Underground gelten aber auch The Fugs, Captain Beefheart and his Magic Band und vor allem Frank Zappa. Bis auf Zappa waren im Übrigen alle Bands des Underground eher unpolitisch und Anflüge politischer Stellungnahme wurden, wenn überhaupt vorhanden, spätestens im Laufe der ersten Hälfte der 1970er-Jahre aufgegeben.
Underground beschränkt sich im Kern auf amerikanische Bands, wenn es ihn der Sache nach natürlich auch in Europa gab. Teile des britischen Jazzrocks der 1970er-Jahre, vertreten etwa von Soft Machine, National Health, Slapp Happy, Henry Cow, Hatfield and the North und Matching Mole könnten als europäischer Underground bezeichnet werden. Der Begriff Underground verschwand im Übrigen schon in den ersten Jahren der 1970er.



Diskografie

Diverse: That’s Underground (1968)
Diverse: Pop Revolution form the Underground (1970)
Diverse: Underground ’70 (1970)
Diverse: Deep Overground Pop (1970)



Literatur

Kaiser, Rolf-Ulrich: Underground? Pop? Nein! Gegenkultur! – Eine Buchcollage; Köln 1969
Hoffmann, Raoul: Zwischen Galaxis & Underground; München 1971