Weltmusik

Weltmusik, englisch: World Music, unscharfe und letzten Endes auch nicht zutreffende Bezeichnung für Rock- und Pop-Musik, die nicht in Nordamerika oder Europa, sondern in Ländern der so genannten Dritten Welt, vornehmlich in Afrika entstanden ist.

Der Begriff »Weltmusik« ist allerdings weit älter: er geht auf den deutschen Musikwissenschaftler Georg Capellen (* 1869, † 1934) zurück, der den Begriff bereits im Jahre 1906 prägte. Aufgegriffen wurde er später von dem bundesdeutschen Jazz-Kritiker Joachim-Ernst Berendt, der in diesem Sinn auch einige Schallplatten produzierte. Er brachte dazu jeweils Jazzmusiker und Musiker verschiedener Nationalitäten zusammen und nahm deren gemeinsame Improvisationen auf. Berendt nannte die Plattenreihe wie eine von ihm veranstaltete Konzertreihe »Jazz Meets The World«. Am Anfang der Weltmusik-Welle, die etwa Mitte der 1980er-Jahre einsetzte und alle Anzeichen von Hype trug, standen allerdings die Platten von Peter Gabriel (»So«, 1986), Paul Simon (»Graceland«, 1987) und Talking Heads (»Naked«, 1988) sowie eine Discotheken-Platte der Produzentengruppe Coldcut, die in eine Aufnahme der Hiphop-Gruppe Erik B. & Rakim ein kurzes Stück eines jemenitischen Volksliedes einbauten. Gesungen hatte dieses Lied die israelische Schlagersängerin Ofra Haza. Der Erfolg der genannten Platten führte dazu, dass Journalisten und im Gefolge auch die Schallplattenindustrie, Mitte der 1980er-Jahre ohnehin auf der Suche nach unverbrauchten Klängen, auf die Popmusik Asiens und Afrikas aufmerksam wurden.

Dieser Trend wiederum wurde von den Rockmusikern Europas und, in geringerem Maße, Nordamerikas aufgenommen und in vielfältiger Weise in der Musik verarbeitet. Musik wie Rai aus Algerien, Warba aus Obervolta und der Elfenbeinküste, High Life aus Nigeria und Ghana, Soukous aus Zentralafrika, Juju aus Nigeria, Griot-Musik von der Westküste Afrikas und Mbaqanga von der Südküste, weiterhin bulgarische Volksmusik, indische Musik, Musik aus Korea und den arabischen Ländern konnte zwar nur selten die Hitparaden erobern, lenkte aber den Blick auf Musik, die nicht in Europa oder den USA entstanden war. Der sich abzeichnende Trend wurde von der Schallplattenindustrie flugs vermarktet und beinahe jedem Arrangement mit exotischen Instrumenten das Etikett »Weltmusik«, »World Music« oder schlicht »Ethno Pop« aufgedrückt. Die eurozentristische Sicht, von der die seriöse Musikethnologie längst Abstand genommen hat, ist dabei unübersehbar: Allemal müssen die außereuropäischen Musiker ihre Musik mit anglo-amerikanischen Rock-Modellen vermischt haben, um als Welt-Musiker angenommen zu werden. Man kann von der Plattenindustrie sicherlich nicht erwarten, dass sie sich als Nische für das Überleben fremder – und zumeist auch aussterbender – Musik zeigt. Die in den Jahren 1988 und 1989 überbordende Produktion von Schallplatten mit Weltmusik stieß aber auf ein unerfahrenes Publikum, das die Pop-Musik aus Afrika und anderen Ländern eher als zusätzlichen Klangreiz verstand und damit auf demselben Erkenntnisstand blieb wie der Rockhörer der 1960er-Jahre, der George Harrisons »The Inner Light« (1967) hörte.

Einige Rundfunkjournalisten allerdings nahmen sich der Musik, vornehmlich, aber nicht ausschließlich, in anderer, adäquater Weise an. In Berlin beispielsweise veranstaltete der damalige Sender Freies Berlin die Veranstaltungsreihe »Heimatklänge« und gab auch eine kleine Schallplattenreihe unter dem gleichen Namen heraus. »Real World« nannte Peter Gabriel ein von ihm gegründetes Schallplattenlabel, auf dem auch außereuropäische Musik veröffentlicht wird.

Zu Beginn der 1990er-Jahre ließ das Interesse des Publikums an World Music stark nach und sei wurde wieder eine Randerscheinung. Einige Musiker konnten sich allerdings für kürzere oder längere Zeit in der westlichen Musikwelt behaupten, so etwa der Sänger Youssou N’dour, der Chor Ladysmith Black Mambazo sowie die Sänger Salif Keita, Cheb Khaled und Mori Kanté.

Der Klang außereuropäischer Instrumente indessen verlor seine Anziehungskraft auf amerikanische und europäische Rock- und Popmusiker nicht, was daran abgelesen werden kann, dass es eine große Anzahl von Sound Libraries gibt, die Samples dieser Instrumente bereit halten. Wenn diese Samples auch in diversen Stilrichtungen der Popmusik genutzt werden, so wird mit den unter Verwendung dieser Samples zustande gekommenen Resultaten kaum der Begriff Weltmusik verbunden.

Diskografie

Ladysmith Black Mambazo: Amabutho (1973)
The Beatles: Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)
Ofra Haza: Yemenite Songs (1985)
Peter Gabriel: So (1986)
Mori Kanté: Akwaba Beach (1987)
Youssou N’Dour: Immigrés (1987)
Paul Simon: Graceland (1987)
Talking Heads: Naked (1988)
Cheb Khaled: Khaled (1992)
Youssou N’Dour: Égypte (2005)

Literatur

Broughton, Simon/Ellingham, Mark/Muddyman,David/Trillo, Richard (Hrsg.) World Music – The Rough Guide; London 1994