Honky-Tonk-Piano

Honky-Tonk-Piano, zusammengesetzt aus englisch Honky-Tonk für »Spelunke« und Piano, mehr oder weniger defektes, über Jahre nicht gewartetes Klavier, wie es in den Kneipen des US-amerikanischen Westens und Südens gestanden haben könnte.

Gemeint ist indes nicht das Instrument selbst, sondern der Klang, den ein vernachlässigtes Klavier eben erzeugt. In erster Linie rührt der schwankende, mitunter jaulende Klang eines derartigen Klaviers von den Saiten des Instrumentes her: Die Saiten des einzelnen Chores sind gegeneinander verstimmt, es fehlen einzelne Saiten, der Filz der Dämpfung ist verhärtet oder fehlt. Zu retten sind derartige Klaviere nur mit erheblichem Aufwand. Der Klang dieser im Deutschen despektierlich auch als »Klimperkasten« bezeichneten Instrumente wird gelegentlich aber gefordert, denkbar sind etwa Aufnahmen für Spielfilme, die die Atmosphäre dieser Kneipen illustrieren wollen. Man kann sich dann behelfen, indem man in den Filz der Hämmerköpfe eines intakten Pianos Reißzwecken steckt; so schlagen dann die Metallflächen der Reißzwecken auf die Saiten und erzeugen einen ähnlichen Klang.

Der Klang eines Honky-Tonk-Pianos wird immer wieder auch mit dem frühen Jazz in Verbindung gebracht und war in den 1950er-Jahren in Großbritannien für Boogie-Aufnahmen beliebt; einen Namen machte sich etwa die Pianistinnen Winifred Atwell (* 1914, † 1983) und Gladys Mills (* 1918, † 1978), bekannt unter dem Namen Mrs Mills. In der Bundesrepublik Deutschland war der Jazz-Pianist Fritz Schulze-Reichel unter dem Namen »Schräger Otto« Hauptvertreter dieses fiktiven Jazz.

In der Rockmusik ist das Honky-Tonk-Piano immer wieder mal zu hören, etwa bei den Beatles in den Songs »Ob-La-Di, Ob-La-Da« (1968) und »Lady Madonna« (1968). In dem Song »Honky Tonk Woman« (1969) der britischen Band The Rolling Stones nimmt der Text Bezug auf die Kneipen des Westens; ein Honky-Tonk-Piano ist in dem Song allerdings nicht zu hören.