Klassifikation

Klassifikation, zusammengesetzt aus lateinisch classis für »Klasse« und ficare für »machen«, Bezeichnung für ein System zum Einordnen von Objekten in Klassen; im Falle einer Klassifikation von Musikinstrumenten sind die Objekte Musikinstrumente jeglicher Art. Voraussetzung für das Aufstellen einer Klassifikation und einer nachfolgenden Klassierung der Musikinstrumente ist eine Definition, welche Objekte als Musikinstrumente gelten sollen.

Besteht über die Beantwortung dieser keineswegs unerheblichen Frage Konsens, so ist bereits augenfällig, dass Musikinstrumente trotz ihrer Verschiedenheit und großen Anzahl aufgrund von bestimmten Gemeinsamkeiten in Gruppen eingeteilt werden können. Die Art dieser Gruppen ist kulturell determiniert: Es wäre auf den ersten Blick unsinnig, Musikinstrumente beispielsweise nach Glanz der Oberfläche zu klassieren. Es wäre allerdings denkbar, dass es eine Kultur gibt, in der genau die Oberflächenbeschaffenheit eines Gegenstandes die größte Bedeutung hat. So sind beispielsweise die Klassifikation Aristoteles’ (* 384, † 322 v. Chr.), der Instrumente in die Klassen »beseelt« und »unbeseelt« einteilte, oder die von Aristoxenos, der im 4. Jahrhundert vor Christus die Klassen »kontinuierlicher Klangverlauf« und »diskontinuierlicher Klangverlauf« aufstellte, keineswegs von vornherein unsinnig. Die Klassifikation, die Nikomachos von Gerasa vorschlug – er stellte eine Klassifikation nach »Saiteninstrumente«, »Blasinstrumente« und »Schlaginstrumente« auf –, hat bis in die Neuzeit ihre Bedeutung behalten, wenn sie auch nicht allen Anforderungen an eine umfassende Klassifikation völlig gerecht wird. Ptolemäus wählte als Klassifikation eine Einteilung in »Instrumente der Musiktheorie« – dazu zählte er etwa das Monochord – und »Instrumente der Musikpraxis«.

Um 500 setzte sich Boethius mit der Klassifikation der Musikinstrumente auseinander, und schloss sich der Klassifikation von Nikomachos an; etwa zur gleichen Zeit modifizierte Cassiodor (* etwa 485, † 580) diese Klassifikation, indem er die Saiteninstrumente, deren Saiten geschlagen werden, zu den Schlaginstrumenten zählte, die er dementsprechend in Saiteninstrumente und eigentliche Schlaginstrumente einteilte.

So veränderten die Musiktheoretiker jeder Epoche die auf den in der Antike angestellten Überlegungen basierenden Klassifikationen, wobei in Europa stets die Naturwissenschaften im Hintergrund standen. Doch vermischten sich im Mittelalter diese Ideen mit der Religion: Hatte noch um 1100 Johannes Affligemensis Instrumente danach kategorisiert, ob ihre Tonhöhe bestimmt oder unbestimmt war, so wurde 200 Jahre später die Bibel als Grundlage für eine Klassifikation benutzt, in der Saiteninstrumente dem entsprechend einen herausgehobenen Platz einnehmen. Erst in der Renaissance wurde diese weder von naturwissenschaftlichen noch musikimmanenten Kriterien getragene Klassifikation wieder aufgegeben und die antike Einteilung in »Blasinstrumente«, »Saiteninstrumente« und »Schlaginstrumente« bildete die Basis für zeitgenössische Versuche der Klassifikation von Musikinstrumenten. Praetorius teilte die Instrumente nach deren Möglichkeiten, akkordisch, mehrstimmig oder nur einstimmig gespielt werden zu können, ein, es wurde nach a priori lauten oder leisen Instrumenten klassiert und spätestens im 17. Jahrhundert war die dreiteilige Klassifikation – Saiteninstrumente, Schlaginstrumente, Blasinstrumente – so anerkannt, dass sie bis in die Neuzeit Gültigkeit behielt.

Im 19. Jahrhundert entwarf der belgische Instrumentenbauer, Konservator und Museumsleiter Victor-Charles Mahillon (* 1841, † 1924) eine Systematik der Musikinstrumente, die er zwischen 1880 und 1924 in dem fünfbändigen »Catalogue descriptif et analytique du Musée Instrumental du Conservatoire Royal de Bruxelles« niederlegte. Dieser Katalog diente E.M. von Hornbostel und C. Sachs 1914 für eine Klassifikation der Musikinstrumente, bei der das Kriterium das schwingende Element selbst, also der eigentliche Tonerzeuger war. Sie übernahmen Mahillons Klassifikation in Chordophone (schwingende Saiten), Aerophone (schwingende Luftsäulen), Membranophone (schwingende Membrane) und Idiophone (Selbstschwinger). In der weiteren Differenzierung nahmen sich von Hornbostel und Sachs die in den Naturwissenschaften – etwa der Biologie – üblichen Methoden der Klassifikation einerseits, die dezimal organisierten bibliothekarischen Klassifikationen andererseits zum Vorbild. Die Klassifikation wurde 1914 in der »Zeitschrift für Musikethnologie« veröffentlicht, später ausführlich in dem 1920 erstmals vorgelegten »Handbuch der Musikinstrumentenkunde« von Sachs dargestellt.

Trotz ihrer Mängel in der Anlage wie auch in manchem Detail dient diese Klassifikation von von Hornbostel und Sachs allen folgenden Versuchen als Grundlage. Einige suchten die Verbesserung in einer Vereinfachung und Zusammenfassung – so etwa André Schaeffner mit seinem 1931 veröffentlichten Vorschlag, Instrumente nach festem oder gasförmigem Schwingungsteil zu unterteilen –, oder aber in einer weiteren Detaillierung, wie die von Hans Heinz Dräger 1948 eingeführte Klasse der Elektrophone zeigt. Dass die monohierarchische Klassifikation von von Hornbostel und Sachs die gestellte Aufgabe nicht lösen könne, erkannte Kurt Reinhart bereits 1943, doch wurden seine Überlegungen erst 1960 veröffentlicht: Er schlug eine parallele Systematik zur Ergänzung der vorhandenen Klassifikation vor, in der Instrumente nach Einton- und Mehrtonfähigkeit sowie nach Art der Gestaltungsmöglichkeit der Tonhöhe unterschieden werden.

Eher pragmatisch ist die auch unter Laien übliche und auf dem Vorschlag Nikomachos‘ beruhende Klassifikation der Instrumente in Streichinstrumente, Blasinstrumente, Zupfinstrumente und Schlaginstrumente; auch die Tasteninstrumente gehören im Grunde genommen in diese Klassifikation, die umstandslos an der hauptsächlichen Spielweise eines Instrumentes orientiert ist. Dahinter aber steckt mehr, denn eben diese Klassen versammeln die obligaten Instrumente des klassischen Orchesters. So haben in dieser Klassifikation die Streichinstrumente, die Blasinstrumente – ihrerseits dann doch unterteilt in Holz- und Blechblasinstrumente – und die Schlaginstrumente eine gewisse Vormachtstellung, denn obligat gibt es im klassischen Orchester, dem Orchester der Klassik, nur die Harfe als Zupfinstrument und Tasteninstrumente sind gar nicht vertreten.

Konsequent in der Anlage, aber außerhalb der Musikwissenschaft kaum praktikabel ist die Klassifikation, die Herbert Heyde 1975 entwarf. Danach ist jeder Aspekt eines Musikinstrumentes nach seinen Eigenheiten zu analysieren. Das sind etwa Anreger, Vermittler, Verteiler, Umsetzer, Wandler, Modulator, Amplifikator, Resonator und weitere mehr. Doch wurde diese Klassifikation – die im Übrigen nicht ohne eine Handreichung auskäme, was mit diesen Begriffen im Einzelnen gemeint oder eben nicht gemeint ist – von der technischen Entwicklung seit etwa 1980 überholt. Ob digital arbeitende Geräte wie Sampler überhaupt Musikinstrumente sind, wie etwa Syntheseformen wie beispielsweise die Granularsynthese – bei der Klänge in beliebig kurze Teile zerlegt und zu neuen Klängen zusammengesetzt werden – in eine Klassifikation eingepasst werden können und als was Software-Synthesizer anzusehen sind, die Hardware-Geräte exakt nachahmen, ist offen.

Literatur

Sachs, Curt: Handbuch der Instrumentenkunde; Leipzig 1920, 5. Auflage 1966