Labialpfeifen

Labialpfeifen, von lateinisch Labium für »Lippe«, daher auch Lippenpfeifen, Aerophone (Kernspaltflöten, Orgelpfeifen), neben den Lingualpfeifen die zweite große Gruppe von Orgelpfeifen; die Tonerzeugung durch eine Labialpfeife gleicht der einer Blockflöte.

Labialpfeifen aus Metall sind ihrem Aussehen nach die »typischen« Orgelpfeifen, wie sie zum Beispiel in mehr oder wenigerer großer Anzahl im Prospekt einer Orgel stehen. Je nachdem, ob eine Labialpfeife aus Metall oder Holz hergestellt ist, unterscheidet sich die Bauart geringfügig.

Labialpfeifen aus Zinn

Labialpfeifen aus Zinn im Prospekt einer Orgel (Fotolia)

Eine aus Metall hergestellte Labialpfeife besteht im Wesentlichen aus dem konisch geformten Pfeifenfuß und dem Pfeifenkörper, der durch Länge und Form Tonhöhe und Klang der jeweiligen Pfeife bestimmt. Äußerlich sichtbar sind das Unterlabium und das Oberlabium; dazwischen befindet sich ein mehr oder weniger hoher Schlitz; an dieser Öffnung ist der Bart angebracht – je nach Pfeifenart ein Seitenbart, Kastenbart oder Rollenbart. Das Unterlabium befindet sich als Auskehlung am oberen Ende des Pfeifenfußes. Im Inneren der Pfeife wird der Pfeifenfuß durch ein aufgelötetes Blech, Kern genannt, abgedeckt, jedoch nicht vollständig; vielmehr kann die durch ein Loch im unteren Ende des Pfeifenfußes einströmende Luft durch einen schmalen Schlitz im Kern austreten. Die Luft strömt durch diesen Schlitz in den Pfeifenkörper und trifft auf die Kante des Oberlabiums; hier entsteht durch Verwirbelung der Ton, dessen Höhe von der in dem Pfeifenkörper befindlichen Luftsäule bestimmt wird. Die Druckschwankungen am Labium – die Luft strömt abwechselnd in die Pfeife oder streicht außen am Pfeifenkörper vorbei – versetzen die Luftsäule in der Pfeife in Schwingung.

Labialpfeifen-Holz

Labialpfeifen aus Holz (Fotolia)

Eine Labialpfeife aus Holz ist im Prinzip genau so gebaut, doch unterscheidet sie sich in einigen wenigen Bauteile im Fuß der Pfeife. Grundsätzlich sind Holzpfeifen im Querschnitt nicht rund, sondern quadratisch. Der hölzernen Labialpfeife fehlt das Unterlabium; statt dessen wird die Kernspalte von einem kleinen Holzbrett, dem so genannten Vorschlag, nach oben abgeschlossen. Das Oberlabium wird aus dem Material des Pfeifenkörpers geformt; es ist zwar möglich, innen in der Röhre das Holz abzuschrägen – das ergäbe eine innenlabiierte Pfeife –, doch hat es sich eingebürgert, das Holz außen abzunehmen, bis eine Schneide entsteht – damit ergibt sich eine außenlabiierte Pfeife. Der Kern besteht bei Holzpfeifen ebenfalls aus Holz.

Zu den Registern, die auf Labialpfeifen beruhen gehören beispielsweise die Prinzipale, Streicher (Viola, Gamba usw.), Querflöte, Subbass. Der Name Spitzflöte weist schon ein wenig daraufhin, dass bei diesem Register der Pfeifenkörper nicht zylindrisch geformt ist, sondern nach oben konisch verläuft. Ein Register mit konisch nach oben sich weitendem Pfeifenkörper ist beispielsweise das Dulcian-Register.
Labialpfeifen müssen intoniert werden, um einen ausgeglichenen Klang des Registers über den gesamten Tonbereich des Manuals zu erreichen. Dazu werden Manipulationen an Fußloch, Kernspalte und Labien vorgenommen. Auch Art und Beschaffenheit der Bärte hat Einfluss auf den Klang einer Labialpfeife.