Musikinstrumente

Musikinstrumente, Gerätschaften verschiedener Art, mit denen Töne erzeugt werden können, die in wenigstens einem Tonsystem sinnvoll verwendet werden können.

Es ist natürlich heikel, definieren zu wollen, was ein Musikinstrument ist. Grundsätzlich kann schließlich jeder Gegenstand vom Menschen dazu benutzt werden, einen Ton zu erzeugen. Lässt man den Gesang außer Acht – es gibt Gründe, im physikalischen Sinne die Stimme als Instrument zu betrachten, und es gibt Gründe, sie im psychologischen Sinne nicht als Instrument zu sehen –, so erzeugt der Mensch dennoch Töne: Er schlägt sich auf die Brust oder auf die Oberschenkel, er klatscht in die Hände, er spitzt die Lippen, um zu pfeifen. Stampft er mit den Füßen auf den Boden, benutzt er schon ein Instrument, nämlich den Erdboden. Oft spielt der Zufall eine Rolle, oft das Spiel mit Gegenständen: Zwei Kiesel gegeneinander geschlagen ergeben einen anderen Ton als ein Holz, auf das mit einem anderen Holz oder einem Stein geschlagen wird. Der Jagdbogen gibt beim Abschießen des Pfeils einen Ton von sich, den die gestraffte Sehne auch ohne weiteres erzeugt, wenn man nur an ihr zupft. Die Ähnlichkeit des Jagdbogens mit einer Bogenzither ist nicht zu übersehen. Das erlegte Wild liefert neben dem Fleisch Fell und Knochen. Zum Trocknen wir das Fell in einen Rahmen gespannt und zieht sich in der Sonne zusammen – schlägt man dagegen, gibt es einen Ton von sich. Ein dünner, hohler Knochen ist die Grundlage der Flöte. Die Erfahrung, dass man einem einfachen Rohr einen Ton entlocken kann, hat wohl jeder gemacht, der einen Schlüssel mit hohlem Schaft fand. Und der heutige Heizungsbauer, der aus Spaß mit einem Stück Gasrohr einen Ton produziert, hat seinen Ahn in dem ersten Menschen, der mit dem Horn einer Kuh oder dem leeren Gehäuse einer Meeresschnecke einen Ton erzeugte.

Das sind die Grundlagen: Stein und Holz, Fell und Bogen, Muschel und Rohr. Bis in die jüngste Zeit, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts blieb es im Grunde dabei, wenn es auch ein langer Weg des Experimentierens und der Überlegung war, bis Instrumente wie Trompete und Klarinette, Violine und Kesselpauke, Orgel und Klavier den Schlusspunkt ihrer Entwicklung fanden. Erst im 20. Jahrhundert traten mit den elektronischen Musikinstrumenten Tonerzeuger auf, die nicht auf den Phänotypen der traditionellen Instrumente beruhten. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zeigt sich aber, dass sie in einem erstaunlichen Maße dazu benutzt werden, herkömmliche Instrumente nachzuahmen.

Musikarchäologie und Musikikonographie demonstrieren, dass zu jeder Zeit die für die jeweilige Musikausübung notwendigen Instrumente bereit standen. Entwicklung von Musikinstrumenten wie Entwicklung der verschiedenen Tonsysteme, die es auf der Welt gibt, stehen in einer ständigen Wechselwirkung zueinander. Dabei lassen sich zumindest für den europäischen Raum einige Entwicklungen feststellen, die über Jahrhunderte von Bedeutung waren: Die Ausweitung des Tonraumes einerseits, die Vergrößerung der dynamischen Möglichkeiten andererseits.

Seit dem ausgehenden Mittelalter gab es Bestrebungen, den Tonumfang einzelner Instrumente zu vergrößern. Dies betraf besonders den Bass. Zunächst führte dies zur Bildung von Instrumentenfamilien. Getreu der Erkenntnis, dass es die Vergrößerung eines Instrumentes bei ansonsten gleicher Bauart ermöglicht, tiefe Töne zu erzeugen, wurden gewaltige Instrumente gebaut. Holzblasinstrumente von mehr als drei Metern Länge wurden gebaut und eingesetzt. Man folgte den Gesetzen der Physik, ohne sie zu kennen, aus dem Experiment heraus sammelte man Erfahrungen. Noch im 19. Jahrhundert trieb der Wille, den Tonbereich in der Tiefe zu verstärken und zu stabilisieren, seltsame Blüten, bis hin zu den fast vier Meter großen Kontrabässen des französischen Geigenbauers Jean-Baptiste Vuilleaume. Damit war diese Entwicklung nicht abgeschlossen, wenn diese Instrumente auch einen Irrweg darstellten: Erst im 20. Jahrhundert wurde es mit Hilfe der elektronischen Tonerzeugung und der elektrischen Tonverstärkung möglich, sehr tiefe Töne in größter Lautstärke zu erzeugen und darin sogar die Orgel, der es schon im 17. Jahrhundert möglich war, sehr tiefe Töne hervorzubringen, zu übertreffen.

Die mit dem Bau von tief tönenden Instrumenten gewonnen Erfahrungen wurden aber auch auf die höher klingenden Instrumente angewandt. Im späten 17. Jahrhundert wurde es vielen Instrumenten durch Weiterentwicklung ihres Baus möglich, einen Tonumfang zu erreichen, der es möglich machte, sie solistisch einzusetzen. Ein Tonumfang von zwei Oktaven scheint hier die »magische« Grenze zu sein – überspringt ein Instrument diesen Umfang, so ist es zum Solo-Instrument prädestiniert – wenn dies auch den Instrumenten im Einzelfall nicht immer gelang. Dies hatte natürlich Rückwirkung auf die Komposition von Musik: Niemand wäre auf die Idee gekommen, dem Trumscheit ein Solo-Konzert zu schreiben, während es solistische Musik für den Kontrabass sehr wohl gibt. Und an der Entwicklung der ländlichen Schalmei zur Klarinette kann man leicht ablesen, wie aus einem Instrument für die Tanzmusik ein Solo-Instrument wurde und mit Wolfgang Amadeus Mozart fand sich auch beinahe sofort ein Komponist, der das Potential des Instrumentes erkannte.

Ein zweiter Aspekt ist die Lautstärke. Die Vergrößerung der Lautstärke betrifft nicht nur das einzelne Instrument – ein Hammerklavier des 18. Jahrhunderts ist in den dynamischen Möglichkeiten weit mehr eingegrenzt als ein moderner Flügel und auch die mit ihm höchst erreichbare Lautstärke ist wesentlich geringer als die, die einem Flügel von Steinway & Sons oder Fazioli möglich ist. Doch auch die Lautstärke der Ensembles wuchs im 18. und 19. Jahrhundert immens, bis zu den viele Musiker umfassenden Orchestern, die etwa Hector Berlioz oder Gustav Mahler für die Aufführung ihrer Werke benötigten. Es ist vielleicht kein Zufall, dass erst mit der Möglichkeit der elektrischen Verstärkung der Lautstärke eines Instrumentes diese Entwicklung mehr oder weniger abrupt beendet wurde.

Seiner eigenen Grundlautstärke mag auch das Saxophon zum Opfer gefallen sein: Dem Wesen nach ein Holzblasinstrument, baut es eine Lautstärke auf, die mit der der Blechblasinstrumente gleich zieht. Der eigene Klangcharakter des Instrumentes zeigt sich auch erst bei etwas größerer Lautstärke, und so ließ es sich – obwohl sein Klang an sich eine Bereicherung für das spätromantische Orchester hätte sein können – kaum in den Orchesterklang einpassen.

Es ist keine Frage, dass die Entwicklung der traditionellen Musikinstrumente als abgeschlossen betrachtet werden kann und ihnen allenfalls mittels neuer Spielweisen auch neue Klangfarben abgetrotzt werden können. Die elektrischen Instrumente wie elektrisches Klavier, elektronische Orgel und elektrische Gitarren setzten dem eine eigene Klangwelt entgegen, wenn in ihnen auch ihre »akustischen« Vorfahren allemal erkennbar blieben. Der Synthesizer, etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts denkbar und in Einzelexemplaren realisiert, versprach mit seinen prinzipiell unerschöpflichen Klangmöglichkeiten das Universalinstrument zu werden. Diese Hoffnung erfüllte das seit Ende er 1960er-Jahre industriell hergestellte Instrument indes nicht: Unter den Forderungen der Rock- und Popmusik wurde der Synthesizer zu einer Art »Soundorgel«, die bis dahin ungekannte Klänge liefern sollte, die sich bei näherem Hinsehen aber stets als mehr oder weniger gelungene Imitate der Klänge der traditionellen Instrumente entpuppten. In diesem Sinne ist auch die Entwicklung der Sample-Technik zuvörderst nur eine der Technik.

Der dem Menschen durch Hören zugängliche Tonraum ist durch die Instrumente erschlossen, der Lautstärke sind bis hin zur Schmerzempfindung keine Grenzen gesetzt – und dies betrifft keineswegs nur Konzerte von Heavy-Metal-Bands, kann doch auch eine ganz durchschnittliche Orchesterbesetzung der Spätromantik derartige Lautstärke erreichen. Bleibt nur der Klang. Den neuen, bisher unbekannten Klangfarben gilt die Suche der Musiker und Komponisten, und darin unterscheiden sich die Musiker verschiedener Arten von Musik noch am wenigsten. Seit dem späten 19. Jahrhundert gilt dem Klang – eingestanden oder nicht – das eigentlich Interesse der Musiker. Seinetwegen werden neue Spielweisen erfunden, seinetwegen kombiniert man mit Violine, Querflöte und Trompete die chinesische Erh-Hu oder die Mbira Afrikas. Und in der Suche nach neuen Klangfarben liegt vielleicht auch die Chance der elektronischen Musikinstrumente und ihrer Software-Pendants.

Damit gehen die Klangwelten der »alten« Musikinstrumente nicht unter: Der Klang einer elektrischen Bassgitarre, in der Slap-Technik im Funk gespielt, erinnert in frappierender Weise an den des archaischen Musikbogens.