Drehorgel

Drehorgel, auch Leierkasten, italienisch: organino, französisch: orgue de barbarie, Aerophon (mechanische Orgel), in einem Kasten untergebrachte Orgel, die beinahe ausschließlich von Straßenmusikern verwendet wurde, inzwischen aber als Nostalgie-Instrument für die Erzeugung einer fiktiven »Berliner Atmosphäre« herangezogen wird.

Die Drehorgel besteht aus einem Pfeifenwerk, zu dem aus Gründen der Platzersparnis vor allem gedackte Holz- und Metallpfeifen gehören; manche Drehorgeln haben auch einige Zungenpfeifen, dann oft mit durchschlagenden Zungen versehen. Aus dem Kasten von unterschiedlicher Größe ragt das Handkurbelrad heraus. Dieses ist meistens gekröpft, um eine gleichmäßige Bewegung zu provozieren, denn von der gleichmäßigen Drehbewegung hängt das Tempo des dargebotenen Musikstückes ab. Ursprünglich wurden die simpel ausgestatteten Drehleierkästen ohne weitere Umstände an einem Riemen vom Drehorgelspieler auf dem Rücken getragen und zum Spiel abgestellt. Später wurden die Kästen in der Art eines kleinen Orchestrions geschmückt, mit Schnitzereien und Bemalungen versehen und manchmal auch mit beweglichen Puppen ausgestattet. Da die Drehorgeln im späten 19. Jahrhundert eine Größe erreicht hatten, die das Tragen auf dem Rücken beschwerlich machte, wird die Drehorgel seitdem auf einem mit Rädern versehenen Gestell fortbewegt.

Drehorgel

Drehorgel; links der Lochstreifen, rechts gedackte Holzpfeifen

Mit Hilfe der Kurbel setzt der Drehorgelspieler nicht nur die Bälge für den Betrieb der Pfeifen in Gang, sondern gleichzeitig auch eine auswechselbare Stiftwalze, deren Stifte die Ventile zu den Registern und Pfeifen öffnet und schließt. Eine Stiftwalze kann bis zu 12 verschiedene Lieder enthalten. Bei späteren Modellen kamen auch postkartenbreite Lochstreifen in Gebrauch, durch deren Löcher Stifte fallen, und damit Register und Pfeifen in Tätigkeit versetzen. Das Repertoire der Drehorgeln bestand – und besteht – vor allem aus Volksliedern und Schlagern, die um 1900 entstanden, vereinzelt wurden auch spätere Schlager bis hin zu Rocksongs (»Rock Around The Clock«) für Drehorgel eingerichtet. Der Klang der Orgel ist recht laut und kaum zu überhören. In jüngerer Zeit wurde die mechanische Tonerzeugung und Steuerung mitunter durch Elektronik ersetzt, so dass eine Drehorgel im Grunde zum Abspielgerät geworden ist; die Handkurbel hat dann keine Funktion mehr.

Die Drehorgel, die abwertend auch »Lumpenorgel« genannt wurde, hat in der Vogelorgel – einem kleinen mechanischen Musikinstrument – ihren Vorläufer. Zwar gibt es die Drehorgel etwa seit 1700, doch wurde sie erst im 19. Jahrhundert industriell gefertigt und war dann in großer Zahl auf Jahrmärkten und anderen Volksfesten zu sehen und zu hören. In der zweiten Hälfte wurde sie zum Instrument der Moritatensänger und behielt dieses Image bis heute. Eng verbunden mit dem Instrument ist aber auch, dass es dem Betteln diente. Tatsächlich bot die Drehorgeln Kriegsinvaliden oft die einzige Möglichkeit, Geld zuverdienen. Untrennbar mit der Drehorgel ist die Stadt Berlin verbunden und wird etwa in Filmen immer wieder als lokaltypisches Kolorit herangezogen. Tatsächlich waren in Berlin bis weit in die 1980er-Jahre Drehorgelspieler in den Wohngebieten Berlins aktiv.

Literatur

Römer, Willy: Leierkästen in Berlin 1912-1932; Berlin 1983 (Photoband)