Mundharmonika

Mundharmonika, englisch: harmonica, mouth organ, harp, blues harp, französisch: harmonica à bouche, italienisch: armonica a bocca, Aerophon (Blasinstrument, Durchschlagzungen-Instrument), besonders in der Volksmusik und im Blues verwendetes diatonisches Harmonikainstrument

Mundharmonika

Einfache diatonische Mundharmonika (Fotolia)

Tonkanzelle einer Mundharmonika (B. Halbscheffel)

Tonkanzelle einer Mundharmonika (B. Halbscheffel)

Die Form der Mundharmonik wird von ihrer Tonerzeugung bestimmt: Die Hauptbauteile sind rechteckig. Bei einer einfachen, einchörigen Mundharmonika ist auf dem so genannten Tonkanzellenkörper auf jeder Seite eine Stimmplatte befestigt. In den Tonkanzellenkörper sind für die Führung der Blasluft Kanäle eingefräst, deren Einlassöffnungen an einer Schmalseite als eine Reihe von kleinen rechteckigen Öffnungen zu sehen sind; bei zweichörigen Mundharmonikas sind es zwei übereinander liegende Reihen dieser Öffnungen. Die Stimmplatten sind mit je nach Tonumfang des Instrumentes mehr oder weniger zahlreichen rechteckigen Schlitzen versehen, in denen die auf die Stimmplatte genieteten Zungen schwingen können, wenn sie von der Blasluft dazu angeregt werden. Die Stimmplatten sind so eingebaut, dass die Zungen der einen bei eingeblasener Luft schwingen – also einen Ton erzeugen –, die der anderen bei eingesogener Luft; man spricht von Blaston und Ziehton. Die Mundharmonika ist also ein wechseltöniges Instrument.

Die Mundharmonika ist zum Spiel so zu halten, dass die tiefen Töne links liegen. Um die Töne exakt treffen zu können, muss der Instrumentalist mit gespitzten Lippen spielen. Die Anordnung der Töne folgt nicht der jeweiligen Tonleiter, in der das Instrument gestimmt ist, sondern in einem Terz- bzw. Tonika-Dominant-Verhältnis. Mundharmonikas dieser Art werden als Richter-Modelle bezeichnet. Die erste Kanzelle dieser Instrumente liefert etwa als Blaston d, als Ziehton c, die zweite Kanzelle als Blaston g, als Ziehton e, die dritte als Blaston h und als Ziehton g, die vierte als Blaston d1 und als Ziehton c1 und die fünfte Kanzelle als Blaston f1 und als Ziehton e1. Mundharmonikas haben zwischen zehn und 14 Kanzellen und einen dem entsprechenden Tonumfang von drei bis viereinhalb Oktaven.

Die zweichörigen Knittlinger-Modelle erzeugen mit einer Kanzelle vier Töne, stets also zu einem Ton auch den eine Oktave höher stehenden Ton. Sind als Blastöne also gleichzeitig d und d1 zu hören, so erklingen als Ziehton c und c1 und so weiter. Auch die so genannte Wiener- oder Tremolo-Mundharmonika ist ein zweichöriges Harmonikainstrument. Die Besonderheit dieser Harmonikas liegt darin, dass hier jeweils zwei Zungen nicht einen Ton und dessen Oktavton erzeugen, sondern beide den gleichen, diese durch leicht unterschiedliche Längen der Zungen aber gegeneinander verstimmt sind; es sind also Schwebungen zu hören, wenn das Instrument gespielt wird.

Da Mundharmonikas diatonische Instrumente sind, gibt es sie in allen Dur- und Molltonarten; professionelle Mundharmonikaspieler haben in der Regel also mehrere Instrumente griffbereit. Um die Tonart schnell wechseln zu können gibt es auch den Kreuzwender, ein Gestell, in dem mehrere Mundharmonikas verschiedener Tonarten befestigt sind, die der Spieler durch Drehen des Gestells schnell erreichen kann. Es gibt allerdings auch chromatische Mundharmonikas. Geübte Mundharmonikaspieler können mit differenzierter Technik auch diatonischen Instrumenten Zwischentöne abtrotzen.

Um verschiedenen Anforderungen gerecht zu werden, gibt es Mundharmonikas in allen möglichen Formen, etwa Bassinstrumente oder Harmonikas, die Akkorde erzeugen. Auf diese Weise ist es möglich, Mundharmonika-Orchester aufzustellen.

Als einer der Vorläufer der Mundharmonik ist die Anfang der 1820er-Jahre von dem deutschen Musikinstrumentenbauer Christian Friedrich Ludwig Buschmann (* 1805, † 1864) gebaute Mund-Äoline anzusehen. Dabei handelt es sich weniger um ein Musikinstrument, als um eine Stimmhilfe für die Stimmung von Orgeln. Buschmanns Instrument, das aus auf einem Träger befestigten Zungen bestand, wurde von dem Instrumentalisten selbst angeblasen. Die Mundharmonika selbst hat Buschmann nicht erfunden, vielmehr liegt ihr Ursprung im Dunkel. Die ersten Mundharmonikas wurden ebenfalls Anfang der 1820er-Jahre verkauft. Das kleine Instrument konnte sich in der Volksmusik etablieren, fand etwa über die amerikanische Folk Music Eingang in den Blues und dann auch in die Rockmusik. Besonders in den 1960er-Jahren gehörte das Instrument zu dem Arsenal der von Rockbands verwendeten Instrumente, John Lennon von den Beatles etwa spielte in manchen Songs Mundharmonika. Ein weiterer prominenter Mundharmonikspieler ist Bob Dylan. Eine zentrale Rolle spielt das Instrument auf der LP »Goodbye Blue Sky« (1988) von Kevin Godley und Lol Creme. Ein herausragender Spieler der Blues Harp war Sonny Terry.

Die Mundharmonika gilt auch als besonders geeignet für Kinder, und so gibt es Spielzeuginstrumente, die bis auf die Zungen komplett aus buntem Plastik gefertigt sind. Doch ist das Instrument keineswegs einfach zu spielen und ausdrucksstarkes Spiel sogar schwierig.

Diskografie

The Beatles: Please Please Me (1963)
The Beatles: Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)
Chicago: VI (1975)
Kevin Godley/Lol Creme: Goodbye Blue Sky (1988)
Sonny Terry/Brownie McGhee: Brownie McGhee and Sonny Terry Sing (1990)
Jellyfish: Bellybutton (1990)