Orgel

Orgel, von griechisch organon für »Werkzeug, Musikinstrument«, lateinisch: organum, englisch: organ, französisch orgue, italienisch: organo, Aerophon (Blasinstrument, Tasteninstrument), in engerem Sinn die pneumatische Pfeifenorgel

Kleine Orgel mit einem Manual und Pedal

Kleine Orgel mit einem Manual und Pedal (Fotolia)

Das grundlegende Prinzip der Orgel besteht darin, die Tonerzeugung von Blasinstrumenten – Pfeifen verschiedener Art – nicht mit der Atemluft in Gang zu setzen, sondern mit Luft aus einem Vorratsbehälter, der ständig mit Luft versorgt wird. Weiterhin steht für jeden Ton wenigstens eine Pfeife zur Verfügung; jede Pfeife erzeugt nur einen Ton. Die Pfeifen werden durch Ventile von der im Vorratsbehälter befindliche Luft getrennt; die Trennung wird durch Druck der jeweiligen Taste auf einer Klaviatur – Manual genannt – aufgehoben, so dass die Luft in die Pfeife strömt und einen Ton erzeugt.

Dieses Prinzip ist augenfällig in einem Portativ verwirklicht: Den Wind – wie im Orgelbau die zum erforderliche Luft genannt wird – erzeugt der Spieler des Instrumentes selbst mittels eines kleinen Blasebalges an der Rückseite des Instrumentes. Der Wind gelangt in einen Kasten, Windlade genannt, auf dem direkt die Pfeifen stehen. Mithilfe einer kleinen Tastatur an der Vorderseite des Portativs wird ein Ventil am Fuß der Pfeife geöffnet, so dass die Pfeife einen Ton erzeugt. Größere Orgeln funktionieren ebenfalls nach diesem Prinzip.

So können die Baugruppen einer Orgel klar voneinander unterschieden werden. Ein Blasebalg, meist auch mehrere, die Schöpfbälge genannt und von einem Kalkanten, also durch Menschenkraft, betätigt werden, dienen der Füllung eines Magazinbalges mit Luft. Der Magazinbalg dient dazu, einen kontinuierlichen Wind zur Verfügung zu stellen. Mit der Verfügbarkeit von durch Elektromotoren betriebenen Gebläsen entfielen die Schöpfbälge. Der Magazinbalg wiederum versorgte über ein Ventil die Windlade, in der ständig der gleiche Druck herrschen sollte. Die Konstruktion der gesamten Windanlage dient bei allen technisch möglichen Lösungen vor allem dazu, den Druck in der Windlade konstant zu halten. Der Druck in der Windanlage ist im Übrigen nicht besonders hoch, er beträgt zwischen 40 und 90 mm Meter Wassersäule.

Große Orgel, Pedaltürme, Brustwerk, Hauptwerk

Große Orgel mit Pedaltürmen recjhts und links außen, Brustwerk in der Mitte unten und Hauptwerk in der Mitte oben (Fotolia)

Die Windlade ist ein weiteres zentrales Bauteil der Orgel. Dabei handelt es sich um wenigstens einen flachen Kasten aus Holz, auf dem der Pfeifenstock sitzt – ein Brett mit Löchern, in denen die Pfeifen stecken. Eine Windlade kann eine Länge zwischen 2,5 und 3,5 Meter, eine Breite von 0,9 bis 1,2 Meter und eine Höhe von etwa 20 Zentimetern haben. Je nach Gesamtzahl der Pfeifen – sie werden nach Bauart und Klangfarbe geordnet und Register genannt –, können zu einer Orgel auch mehrere Windladen gehören. Bei der Anordnung der Pfeifen auf der Windlade wird nach einem einfachen Prinzip vorgegangen: Jedes Register hat eine eigene Pfeifenreihe, die Pfeifen sind nach Tonhöhe geordnet.

In die Windlade eingebaut ist ein kompliziertes Ventilsystem, das einerseits die Luftzufuhr für ein komplettes Register regelt, andererseits auch die Luftzufuhr für die einzelne Pfeife nach Tastendruck am Manual ermöglicht. Die Register werden ebenfalls vom Organisten am Spieltisch gewählt. Der Ausdruck »ein Register ziehen« beruht auf diesem Vorgang, denn tatsächlich zieht der Organist mit dem Zug am Registerknopf an einer Holzstange, der so genannten Schleife, die innerhalb der Windlade die Luftzufuhr zu einem Register öffnet. Die Übertragung des Tastendrucks vom Manual an das Pfeifenventil wird von dünnen Holzleisten, den so genannten Abstrakten übernommen.

Diese gesamte Mechanik von Register- und Tastaturabstrakten wird Traktur genannt. Als Ende des 19. Jahrhunderts elektrische Gebläse Luft in überreichem Maß lieferten, bauten manche Orgelbaufirmen auch so genannte pneumatische Trakturen, bei denen ein ausgeklügeltes System von Luftleitungen die Aufgabe der Abstrakten übernahm. Später wurde die so genannte elektrische Traktur konstruiert, bei der Kontakte an Manualtasten und Registerschaltern über Kabel mit Relais an den Ventilen verbunden waren; die Relais wiederum öffneten oder schlossen die entsprechenden Ventile.

Neben der Schleiflade – so genannt wegen der für die Registerschaltung zuständigen Schleifen – gibt es auch andere Windladenkonstruktionen, so die Springlade, die Registerkanzellen-Windlade mit den Varianten Kegellade, Taschenlade und Membranlade.

Eine wesentliche Erfindung im Orgelbau war das bereits im 13. Jahrhundert erstmals konstruierte Wellenbrett, bei dem die Übertragung zwischen Tasten und Pfeifenventilen von Wellen aus Holz übernommen wird. Diese Erfindung machte es möglich, dass einerseits die Orgeln mit durch die Finger zu betätigende Tastaturen gespielt werden konnten, andererseits die Pfeifen nicht mehr in Reih und Glied angeordnet werden mussten, sondern nach ästhetischen Gesichtspunkten geordnet und aufgestellt werden konnten – hierdurch erst war die Gestaltung von Orgelprospekten möglich.

Orgel-Brustwerk

Rückpositiv (Fotolia)

Einfache Orgeln verfügen über nur ein Manual und wenige Register. Schon der Einbau eines Pedals bedeutet im Grunde den Bau von zwei Orgeln. Weitere Werke neben dem Hauptwerk und dem Pedalwerk sind etwa das Rückwerk – auch Rückpositiv genannt und oft im Rücken des Organisten angeordnet –, das Brustwerk, das Oberwerk und das Fernwerk – jeder dieser Begriffe bezeichnet eine »Orgel in der Orgel« mit jeweils ganz besonderen Aufgaben und besonderer Klangwirkung. Das Schwellwerk ist ebenfalls eine Orgel in der Orgel, die in ein eigenes, sie umschließendes Gehäuse eingebaut ist. Das Gehäuse ist auf einer Seite mit einer Art verstellbaren Türen ausgestattet, die vom Spieltisch aus geöffnet und geschlossen werden können, wodurch sowohl Klang als auch Lautstärke dieses Teils der Orgel verändert werden. Jedes Werk der Orgel hat ein eigenes Manual am Spieltisch, so dass sehr große Orgeln vier und mehr Manuale und ein Pedal haben. Moderne Trakturen ermöglichen die Kombination von ganzen Werken – tutti etwa bedeutet, dass alle Pfeifen des Instrumentes vom Manual des Hauptwerkes aus gespielt werden können –, feste und freie Kombinationen. In jüngster Zeit werden Orgeln auch mit Computern ausgerüstet, die der jederzeit wieder abrufbaren Speicherung von Registerkombinationen erlauben.

Orgelpfeifen-innen

Pfeifenreihen im Inneren einer Orgel; jede Reihe steht für ein Register (Fotolia)

Die Pfeifen einer Orgel werden nach zwei großen Gruppen eingeteilt: Lippen- oder Labialpfeifen und Zungenpfeifen; beide Begriffe beziehen sich auf die Art der Tonerzeugung. Die Pfeifen werden entsprechend ihres Registers und der Tonhöhe, die erzeugt werden soll, ausgeformt. Die Tonhöhe ergibt sich aus der Länge der Pfeife, wobei eine abgedeckte Pfeife – für die so genannten Gedackt-Register – eine Oktave tiefer klingt, als eine ungedeckte Pfeife gleicher Länge. Der Tonbereich eines Registers wird nach seiner tiefsten, also längsten Pfeife angegeben: Bei einem 16-Fuß-(16’)-Register ist die längste Pfeife bei dem Ton C – das ist das C auf jedem Manual – 16 Fuß, also etwa 4,8 Meter lang. Eine Pfeife der Länge 32’ – eher selten zu finden – 9,6 Meter lang, während die längste Pfeife eines 8’-Register eine Länge von 2,4 Meter aufweist. Die tiefste Pfeife eines 32’-Registers liegt also zwei Oktaven unter dem tiefsten Ton eines 8’-Registers. Schaltet der Organist also ein 16’, ein 8’, ein 4’ und ein 2’-Register ein und drückt eine Taste, so erklingen vier Töne gleichzeitig, die aber jeweils eine Oktave auseinander liegen, bei der Taste C also 1C, C, c und c1. Da es auch Register mit Fußzahlen wie 5 1/3, 2, 2/3, 1 3/5 usw. gibt, könne auch Tongemische registriert werden. Das Wissen um die akustischen Konsequenzen, um den Obertongehalt verschiedener Register und die Wahl in sich schlüssiger Kombinationen von Registern ist eine Kunst, die große Erfahrung des Organisten erfordern.

Orgel-Registerzuege

Registerzüge (Fotolia)

Kleine Orgeln verfügen nur über wenige Register, also wenige Klangfarben, große über sehr viele Register und entsprechend viele Klangfarben. Die Mischung der Register – welche Labialpfeifen, welche Zungenpfeifen, welche Mixturen usw. eingebaut werden – wird Disposition genannt und unterliegt vielen Bedingungen. Zunächst spielt der Raum eine Rolle, dann der Zweck der Orgel – eine Orgel in einem öffentlichen Konzerthaus muss andere Möglichkeiten bieten als eine Orgel in einer kleinen Kirche –, die Vorlieben und Wünsche des Organisten und schließlich die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Aus all diesen Vorgaben muss der Orgelbauer die Disposition der geplanten Orgel finden, also die Registerzusammenstellung, aus der sich auch die Größe der Orgel ergibt.

Die Orgel hat eine lange Geschichte, die in der Antike mit der Wasserorgel beginnt. Bei dieser Orgel wurde die Luft per Hand in Luftbehälter aus Metall gepumpt, die sich in einem Wasserbehälter befanden. Der Druck der Wassermenge hielt den Luftdruck an den Pfeifen konstant. Die Idee von Pfeifenreihen stammte vom Syrinx, der Panflöte, die des unter konstantem Druck stehenden Luftvorrats von der Sackpfeife. Es ist unbekannt, wie die Wasserorgel klang, doch gibt es einige Bildzeugnisse des Instrumentes, das einerseits bei öffentlichen Veranstaltungen gespielt wurde, andererseits wohl auch zum Haushalt begüterter Römerfamilien gehörte. Orgeln mit Bälgen – vermutlich gaben die Blasebälge der Schmiede das Vorbild – waren etwa seit dem 2. Jahrhundert nach Christus bekannt. Die Orgel wurde in der Spätantike zum Instrument des kaiserlichen Hofes in Byzanz. Während der Bau von Orgeln in Westeuropa aufgrund der Wirren der Völkerwanderung in Vergessenheit geriet, wurden diese Kenntnisse in Byzanz bewahrt. Im Jahre 757 kam eines dieser Instrumente als Geschenk Kaisers Konstantin V. an den fränkischen Hof von Pippin dem Jüngeren; auch Karl der Große soll 812 ein byzantinisches Instrument als Geschenk erhalten haben. Im frühen Mittelalter wurde die Orgel zum Kircheninstrument und die Zahl der Instrumente stieg rasch. Vor allem in den großen Kirchen wurden die Instrumente aufgestellt. Die Konstruktion der Orgeln wurde zwischen 13. und 15. Jahrhundert sukzessive verfeinert und für den Orgelbau bahnbrechende Erfindungen wie die des Wellenbrettes gemacht. Man bemühte sich, den Zusammenhang von Mensur und Klangfarbe einer Pfeife zu erkennen, baute erste Pedalwerke und Orgeln verschiedener Größe, beim Portativ angefangen. Die ältesten erhaltenen Orgeln stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert und geben Aufschluss über die Klangvorstellungen jener Zeit. Die noch heute gültige Trennung einer Orgel in Werke geht maßgeblich auf die so genannte Norddeutsche Orgelschule mit Orgelbaumeistern wie Scherer, Schnitger und Fritzsche zurück. Auch in Frankreich, Spanien, Italien und England bildeten sich eigene Schulen des Orgelbaus heraus.

Als im 1. Jahrhundert das Orchester sich als Klangkörper standardisierte, war es das Bestreben von Orgelbauern, dessen Klang in ihren Instrumenten nachzuahmen. Es wurden einige Spielhilfen eingebaut, die dem Organisten ein dynamisches Spiel erlaubten, etwa die Crescendo-Walze und diverse Koppelmöglichkeiten. Herausragende Vertreter des Orgelbaus dieser Zeit waren etwa die deutschen Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker und Friedrich Ladegast sowie der Franzose Aristide Cavaillé-Coll. Gegen Ende des Jahrhunderts veränderte sich der Orgelbau erneut, dieses Mal unter dem Eindruck der Elektrizität, die mit Einführung des durch Elektromotoren in überreichlichem Maß vorhandenen Windes den Bau von pneumatischen Trakturen ermöglichte, die einige Vorteile, aber auch generelle Nachteile wie beispielsweise die mangelhafte Reaktionsgeschwindigkeit brachte.

Nach der Jahrhundertwende setzte eine Rückbesinnung ein. Die Elsässer Albert Schweitzer und Émile Rupp setzten sich für die Klangästhetik der Orgeln des 18. Jahrhunderts ein. Die »Elsässische Orgelbewegung« mündete nach dem Ersten Weltkrieg durch Anstoß des deutschen Musikwissenschaftlers Wilibald Gurlitt in die »Orgel-Erneuerungsbewegung«, später kurz »Orgelbewegung« genannt. Gurlitt verwies auf die norddeutschen und sächsischen Orgeln des Barock und fand im Orgelbau Gehör: Neue Orgeln wurden so disponiert, dass sie entweder klar für eine bestimmte Musik ereignet waren und für andere weniger, oder aber einen Typus von »Universalorgel« darstellten, dessen Dispositon die Interpretation beinahe jeder Orgelmusik ermöglichte. Die Chancen der Computer-Technik wurden im Laufe der 1990er-Jahre erkannt. Und so werden in jüngerer Zeit Orgeln gebaut, die quasi einen »Pool« von Registerklängen bereithalten, aus dem sich Orgeln beinahe jeder Charakteristik zusammenstellen lassen.
Die Computertechnik wurde auch in einem ganz anderen Sinne bedeutsam: Die Klänge diverser historischer Orgeln wurden mittlerweile in aufwändigen Verfahren in Samples digitalisiert, so dass sie von jedem Heim-Computer abgespielt werden können.