Elektrisches Klavier

Elektrisches Klavier, auch E-Piano, vereinheitlichender Begriff für Tasteninstrumente mit elektromechanischer oder elektronischer Tonerzeugung. Selbstspielende Klaviere mit herkömmlicher Tonerzeugung, die von elektrisch angetriebenen Vorrichtungen gespielt werden wie beispielsweise Welte-Mignon-Klaviere, zählen nicht zu den elektrischen Klavieren. Auch jüngere Klaviere, deren Tonerzeugung auf Samples authentischer Klaviere beruht, werden nicht als elektrische Klaviere, sondern als Digitalpianos bezeichnet.

Die wesentliche Überlegung für die Konstruktion elektrischer Klavier ist, mit Hilfe der elektrischen Abnahme und Verstärkung mechanisch erzeugter Töne einerseits das Gewicht von Resonanzboden und Rahmen herkömmlicher Klavieren umgehen zu können, aber auch kleinere Instrumente herstellen zu können. Dennoch wurde das Ziel verfolgt, ein elektrisches Klavier zu bauen, dessen Klang mit dem eines herkömmlichen Klaviers zumindest konkurrieren konnte. Unter Federführung des deutschen Physikers und Chemikers Walther Nernst (* 1864, † 1941) entwickelten die Firmen Bechstein und Siemens seit etwa 1930 gemeinsam den so genannten Neo-Bechstein-Flügel, der bereits die wesentlichen Merkmale zukünftiger elektrischer Klaviere aufwies: Er besaß weder Resonanzboden noch Resonanzkasten, je Ton war nur eine Saite vorgesehen, die gegenüber der Saiten herkömmlicher Klaviere insgesamt kürzeren Saiten wurden von so genannten Mikrohämmern angeschlagen und der erzeugte Ton von elektromagnetischen Tonabnehmern abgenommen und einem Verstärker zugeführt. Insgesamt wurden bis zu 20 Neo-Bechstein-Flügel gebaut, die durchaus zufrieden stellend funktionierten. Dennoch wurde die Weiterentwicklung aufgegeben, da das eigentliche Ziel, nämlich ein elektrisches Instrument zu bauen, das ein herkömmliches Klavier adäquat ersetzen sollte, nicht erreicht werden konnte – zu verschieden war der Klang.
Die Idee des elektrischen Klaviers geriet für Jahrzehnt in Vergessenheit und wurde erst im Laufe der 1950er-Jahre wieder aufgegriffen, als andere Instrument, vor allem die in Jazz und Rock’n’Roll gebräuchlichen relativ lauten Blasinstrumente und besonders die elektrischen Gitarren die Verstärkung des Klavierklangs notwendig machten. Da dies mit herkömmlichen Methoden – mittels mit Mikrofonen – nur unter erheblichem Aufwand zu bewerkstelligen war, gab es in den 1950er-und 1960er-Jahren gleich mehrere Firmen, die elektrische Klaviere vorstellten, so die amerikanischen Firmen Fender und Wurlitzer.
Wurlitzer war mit dem Bau von Kino- und Theaterorgeln erfolgreich gewesen und baute auch Musikautomaten (Juke Box). 1932 hatte die Firma ein Patent des amerikanischen Ingenieurs Ben. F. Meissner gekauft, das die Konstruktion eines Klavierinstrumentes ohne Saiten beschrieb. 1956 brachte Wurlitzer das Instrument auf den Markt.
Bereits in den 1930er-Jahren hatte der Amerikaner Harold Burroughs Rhodes mit einem elektrischen Tasteninstrumente experimentiert, bei dem zur Tonerzeugung keine Saiten zum Einsatz kamen, sondern gabelförmige Zungen, die von kleinen Hämmern angeschlagen wurden. Aus diesen Instrumenten entstand das Army Corps Piano, das in der Rehabilitation verwundeter US-Soldanten verwendet wurde. 1950 kaufte der Gitarrebauer Leo Fender die Rechte an dem Instrument, verlor aber nach anfänglichem Enthusiasmus über die Möglichkeiten von Rhodes Piano die Lust an der Arbeit daran. 1965 verkaufte Fender seine gesamte Firma an den Medienkonzert CBS. Bei CBS griff man die Idee eines elektrischen Klaviers wieder auf und stellte wenig später das Fender Rhodes Electric Piano.
Bei der deutschen Firma Hohner ging man einen anderen Weg. Bei Hohner hatte der Instrumentenbauer Ernst Zacharias bereits in den 1950er-Jahren ein Tasteninstrument entwickelt, bei dem zur Tonerzeugung kurze Metallzungen zum Einsatz kamen und das 1958 schließlich unter dem Namen Cembalet präsentiert und verkauft wurde. Zacharias verfeinerte seine Entwicklung und Hohner stellt schließlich zwei verschiedene Instrument mit ganz ähnlicher Technik, aber differierendem Klang vor: Das Pianet mit Zungen und das Clavinet mit Saiten. Das Clavinet konnte sich wegen seines perkussiven Klangs besonders im Soul, Funk und Jazz eine gewisse Vormachtstellung unter den elektrischen Tasteninstrumenten erobern.
Als Ende der 1960er-Jahre der modulare Synthesizer der Firma Moog Music auf den Markt kam, schienen die Tage des elektrischen Klaviers gezählt zu sein, denn Synthesizer können die Klänge dieser Instrumente perfekt nachahmen. Tatsächlich dauert es noch einige Jahre: Die ersten Synthesizer waren nur monophon spielbar und stellten daher keinen adäquaten Ersatz für die Fender-Pianos und Clavinets dar. Spätestens aber, als die japanische Firma Yamaha ihren DX7-Synthesizer auf den Markt brachte, der aufgrund seiner Tonerzeugung metallische Klänge besonders gut produzieren kann, verloren die elektromechanischen Klaviere ihre Stellung. Bald wurde die Produktion eingestellt.
Yamaha aber war es auch, die die Idee des Neo-Bechstein-Flügels mit ihren CP-Instrumenten wieder belebt und elektrische Klaviere vorgestellt hatte, die den Klang traditionell gebauter Klavierinstrumente nahezu perfekt produzieren konnten, beruhte ihre Tonerzeugung doch wie beim Neo-Bechstein auf kurzen Klaviersaiten, die von leichten Hämmern angeschlagen wurden. Unter den Produktnamen CP 70 und CP 80 – die Zahl steht für den Tonumfang dieser Klaviere – beherrschten diese relativ leicht handhabbaren Instrumente einige Jahre lang den Markt, wenn es galt, einen möglichst authentischen Klavierklang zu erhalten.
Die Entwicklung und Perfektionierung der digitalen Sample-Technik bereitete auch diesen Instrumenten das kommerzielle Ende. Die Klänge der elektromechanischen Klaviere indes leben gerade in den Digital-Pianos fort – bei nahezu allen Digital-Pianos finden sich Presets, die den Klang von Clavinet und Fender-Rhodes-Piano bereitstellen.