Hammond-Orgel

Hammond-Orgel, Elektrophon (elektromechanische Orgel), etwa seit 1933 von Laurens Hammond (* 1895, † 1973) entwickelt und 1935 vorgestellt; die Tonerzeugung des Instrumentes beruht auf einem elektrodynamischen Generator. Später stellte die Firma Hammonds, The Hammond Organ Company, auch Orgeln mit elektronischen Tongeneratoren her, die allerdings – mit Ausnahmen der XK-Modelle und der New B3 – in Rock und Jazz keine Rolle spielen. In die Konstruktion war auch der Ingenieur John Hanert involviert, der den Tongenerator der Orgel nach dem Vorbild von Thaddeus Cahill Anfang des 20. Jahrhunderts gebauten Telharmonium konstruierte. Ähnliche Versuche zum Bau elektrodynamischer Generatoren gab es auch in Europa: Der Klavierbauer Rudolf Stelzhammer hatte ab etwa 1930 unter Nutzung eines Patents von Wilhelm Lenk gemeinsam mit dem Ingenieur Max Pichl eine Orgel, Magneton genannt, konstruiert, deren Tongenerator auf sich drehenden Zahnscheiben aus Stahl basierte.

Der Tongenerator der klassischen Hammond-Orgel ist ein so genannter Tonrad-Generator. Für jeden Ton steht ein Tonrad (Tonewheel); insgesamt verfügt der Tongenerator über 96 einzelne Tonräder, die 91 Einzeltöne erzeugen. Fünf Tonräder dienen lediglich zur Auswuchtung des Antriebs. Der Rand der aus Stahl bestehenden Tonräder ist entsprechend der gewünschten zu erzeugenden Frequenz gezahnt. Die Tonräder sitzen auf Achsen, die über ein Getriebe von einem Synchronmotor – ebenfalls eine Erfindung Hammonds – angetrieben werden. Da die Synchronmotoren ihre Drehzahl mittels der Netzfrequenz stabilisieren, können Hammond-Orgeln aus den USA nicht ohne weiteres in europäischen Ländern betrieben werden, weil die Spannungsnetzfrequenz in den USA 60 Hz, in Europa dagegen 50 Hz beträgt. Eine Orgel aus den USA würde in Europa also geringfügig tiefere Töne erzeugen und wäre damit musikalisch unbrauchbar.

Die Tonräder drehen sich vor Elektromagneten, in denen sie entsprechend der jeweiligen Zähnezahl eine periodisch schwankende Wechselspannung induzieren, die als Tonfrequenz verschiedene Filter, Verstärker und Effekte durchläuft und auf diese Weise hörbar gemacht werden kann. Da die Zähne der Tonräder abgerundet sind, entspricht die erzeugte Schwingung annähernd einer Sinusschwingung. Mittels so genannter Drawbars, Zugriegel, kann die Lautstärke jeder der neun Fußlagen (16’, 8’, 5 1/3’, 4’, 2 2/3’, 2’, 1 3/5’, 1 1/3’, 1’) stufenlos geregelt werden; als Spielhilfe verfügen die einzelnen Drawbars aber über eine achtstufige Einteilung. Zwar sind einige Orgel-Modelle der Firma mit Registern ausgerüstet, die eine festgelegte Klangfarbe unmittelbar abrufbar machen, doch wird die Klangeinstellung der Hammond-Orgel üblicherweise mit den Zugriegeln vorgenommen; die Einteilung dient daher auch der Reproduktion einmal gefundener Klangeinstellungen. Da mittels der Drawbars entsprechend der Fußlagenzahl bis zu neun Sinustöne gemischt werden können, handelt es sich um eine additive Klangsynthese. Die Hammond-Orgel verdient daher weit mehr als die später, auf subtraktiver Klangsynthese beruhenden Synthesizer (Moog, ARP), die Kennzeichnung Synthesizer.

Die Hammond-Orgel erhielt im Laufe der Jahre einige Spielhilfen und Effekte. Als Spielhilfe dienen je Manual 12 Preset-Tasten – jeweils links am Manual angefügte Tasten in negativer Farbgebung -, mittels derer man zuvor gespeichert Einstellungen abrufen kann. Eingebaute Effekte sind dreistufiges Vibrato, dreistufiger Chorus und eine Percussion genannte Möglichkeit, das Einschwingen von Tönen zu beeinflussen – dem eigentlich Ton wird ein in der Lautstärke vergrößerter Sinuston überlagert, wodurch der Klang eine mehr oder weniger ausgeprägte perkussive Note erhält. Das Percussion-Register kann verschiedene, auch kombinierbare Charakteristiken aufweisen: fast (ein sehr kurzer Lautstärkezuwachs direkt nach dem Anschlag), soft (ein weicher einsetzender und geringfügig länger andauernder Lautstärkezuwachs) und 3rd (wirkt nur auf den dritten Oberton eines Klanggemischs).

Hammond-Orgeln verfügen entweder über zwei Manuale zu je 61 Tasten (Konsolen-Modell) oder über zwei versetzte Tastaturen zu je 44 Tasten (Spinett-Modelle). Die Stirnseiten der Tasten sind rechtwinklig zur eigentlichen Tastenfläche ausgebildet und verfügen auch nicht – wie etwa Klavier-Instrumente – über eine überstehende Kante. Diese so genannte Waterfall-Tastaturen ermöglichen bestimmte in Jazz und Rock häufig gebraucht Spielweisen, insbesondere Glissandi (Palm Glissando, smear).

Manche Modelle der Hammond-Orgeln sind obligat mit einem Pedal ausgerüstet, das entweder als Vollpedal (25 oder 30 Tasten) oder als Stummelpedal (12 oder 13 Tasten) ausgebildet sein kann, doch wird besonders im Rock das Pedal meist weggelassen, da die jeweiligen Organisten entweder ausschließlich im Stehen spielen oder als Pianisten das Spiel auf dem Pedal nicht in ausreichender Weise beherrschen. Abgesehen davon gehört zu den meisten Rockbands ein Bassist, so dass die tiefen Töne der Orgel nicht benötigt werden. Dem Pedal sind lediglich zwei Zugriegel zugeordnet, ein 16’ und ein 8’.

Zwar gibt es Hammond-Orgeln mit eingebauten Lautsprechern, doch werden diese von den meisten Organisten abgetrennt und nicht benutzt. Stattdessen gehört zu einer Hammond-Orgel nahezu obligat ein nach seinem Erfinder benannter Leslie-Lautsprecher. Dabei handelt es sich um Zweiwege-Lautsprecherboxen, in denen sich vor Hochtöner und Tieftöner Hörner befinden, die mittels Elektromotoren in Drehung versetzt werden können und den Orgelklang durch diverse Interferenzen und Tremolo-Effekte lebendiger erscheinen lassen. In Leslies ist meist auch ein Röhrenverstärker von etwa 40 Watt Leistung eingebaut, der vor allem in der Rockmusik durch dauernde, mehr oder weniger starke Übersteuerung den Klang der Orgel in typischer Weise formt.

Ein besonderer, nicht ab Werk beabsichtigter Effekt ist der so genannte Key-Click, der vor allem bei älteren Modellen auftritt: Beim Anschlag gibt jede Taste ein mehr oder weniger laut »schmatzendes« Geräusch von sich, das besonders bei Rock- und Jazz-Organisten beliebt ist und als unerlässlich angesehen wird. Die Ursache des Key-Clicks ist in dem an den Tastenkontakten bei Anschlag auftretenden Spannungssprung, aber auch in Korrosion, Abnutzung und Verschmutzung der Tastenkontakte zu suchen.

Die Serien der Hammondorgeln sind mit einer Kombination von Buchstaben und Zahlen gekennzeichnet. Die erste Serie war die A-Serie der die Serien B – E folgten; außerdem gibt es noch M- und L-Serien. Andere Serien sind für Rock und Jazz ohne Bedeutung.

Der A100 folgte die B-Serie mit dem Konsolen-Modell B3, die die größte Bedeutung in Jazz und Rock hat. Auch die C3 wird häufig von Rockmusikern , darunter von Keith Emerson, Jon Lord und Rick Wakeman – eingesetzt. Emerson nutzte auch die L100, auf der Bühne sogar vornehmlich.

Hammond stellte die Orgeln mit elektromechanischem Generator bis 1975 her, anschließend nur noch Orgeln mit elektronischem Generator, die von Jazz- wie Rockmusikern allerdings wegen ihres sterilen Klanges abgelehnt wurden.

1991 wurde die Hammond Organ Company an die Suzuki Musical Instruments Corporation verkauft, die zunächst ebenfalls elektronische Orgeln unter dem Namen Hammond herstellte. In jüngerer Zeit produzierte Hammond-Suzuki-Orgeln mit elektronischem Generator, die ihre Klänge mittels Virtual Modeling erzeugen und den alten Orgeln in Klang und Äußerem nachempfunden sind. Dabei handelt es sich um die XK-Modelle und die New B3, die auch wieder im Jazz- und Rockbereich Anklang finden.

Laurens Hammond sah den Markt für seine Orgel vor allem im kirchlichen Bereich: Die Orgel kostete eine Bruchteil dessen, was eine Pfeifenorgel kostete und klang nicht so jämmerlich wie ein Harmonium. Doch schon kurz nach Verfügbarkeit des Instrumentes im Jahre 1935 wurden seine Möglichkeiten für den Jazz gesehen: Der Jazzpianist Milt Herth, eigentlich Milton Herth (* 1902, † 1989), setzte die Orgel in seinem Jazz-Trio ein. Seitdem gab es immer wieder stilbildende Organisten im Jazz, die auch erheblichen Einfluss auf Rockmusiker hatten: Jimmy Smith, Brother Jack McDuff, Georgie Fame seien stellvertretend für viele genannt. In der Rockmusik war das Instrument zunächst ausschließlich als Begleitinstrument zu hören, spätestens mit dem Song »A Whiter Shade of Pale« von der Rockband Procol Harum aus dem Jahre 1966 rückte die Hammond-Orgel in den Vordergrund und fand in Keith Emerson den ersten Rockmusiker, der die Orgel als ausschließliches Solo-Instrument benutzte. War die Orgel in den 1970er-Jahren gleichberechtigt neben der elektrischen Gitarre als Solo-Instrument üblich, so ließ das Interesse an dem Instrument bei Musikern wie Publikum gegen Ende der 1970er-Jahre stark nach. Erst in den 1990er-Jahren konnte sich die Hammond-Orgel ihren Platz in Blues- und Rockbands zurückerobern und wird seitdem von einer Vielzahl von Keyboard-Spielern wieder eingesetzt. Wenn auch nicht immer eine originale Hammond-Orgel: Seit den 1990er-Jahren haben eine Vielzahl von Herstellern – etwa Roland, Korg, Oberheim, Clavia – zweimanualige, der B3 nachempfundene Orgeln gebaut, die durchweg den Klang der alten Hammond-Orgeln zu imitieren in der Lage waren und sind; auch gibt es eine Software (Native Instruments B4) mit überzeugendem B3-Klang. Diese Orgeln werden als Hammond Clone oder auch als Clonewheel Organ bezeichnet. Der Vorteil dieser Orgeln liegt in ihrem geringen Gewicht. Hammond-Orgeln können je nach Ausstattung über vier Zentner wiegen.

Aus der großen Zahl der Rockmusiker, die eines der Hammond-Orgelmodelle einsetzten , seien genannt: Matthew Fisher, Keith Emerson, Patrick Moraz, Rick Wakeman, Benmont Tench, Brian Auger, Dave Stewart, Jon Lord, Tony Banks, Richard Wright, Tori Amos, Graham Bond, Vincent Crane, John Evan, Georgie Fame, Jools Holland, Garth Hudson, Booker T. Jones, Tony Kaye, Czesław Niemen, Bill Payne, Billy Preston, Prince, Gregg Rolie, Derek Sherinian, James Taylor und Steve Winwood.

Literatur

Townsend, Brad mit DeFrancesco, Joey: Joey DeFrancesco’s Concepts for Improvisation; Milwaukee 1998
Vail, Mark: The Hammond Organ – Beauty in the B; San Franciso 1997, 2002
Limina, Dave: Hammond Organ Complete – Tunes Tones and Techniques for Drawbar Organ; Boston 2002
Lodder, Steve: Classic Hammond Organ – Know the Players, play the Music; New York 2008
Donhauser, Peter: Österreichische Pioniere der »Elektrischen Musik«, in: Gethmann, Daniel (Hrsg.): Klangmaschinen zwischen Experiment und Medientechnik; Bielefeld 2010