Mellotron

Mellotron, elektro-mechanisches Tasteninstrument (Elektrophon), das im Gegensatz zu anderen Tasteninstrumenten nicht auf dem Prinzip angeschlagener oder angerissener Saiten, geblasener Pfeifen und Zungen oder elektrisch betriebener Generatoren beruht, sondern mit Tonbandwiedergabe arbeitet. Der Name ist ein Extrakt aus den Worten Melody Electronics.

Das Mellotron ist also kein Synthesizer, noch nicht einmal dessen Vorläufer, sondern allenfalls ideell ein Vorläufer des Samplers. Jede Taste des Instrumentes ist mit einem auf Tonband gespeicherten Ton verbunden, der seinerseits in mehrere Klangfarben aufgeteilt ist (Streicher, Blechbläser, Holzbläser). Bei diesen Klängen handelt es sich um Aufnahmen authentischer Instrumente. Durch Drücken der Tasten werden die betreffenden, in spezielle Kassetten eingesetzten Tonbänder einzeln abgerufen. Hierbei erklingen die Töne maximal acht Sekunden lang; nach dieser Dauer muss der Spieler die gedrückte Taste loslassen und erneut niederdrücken. Der Tastendruck bewirkt, dass ein Elektromotor das Band an Tonköpfen vorbei aus der Kassette zieht; dabei gibt die Länge des Bandes die Dauer des Tones vor. Nach Loslassen der Taste zieht eine Rückholfeder das Band in die Kassette zurück.

Der mechanische Vorgang hat Auswirkungen auf den Ton: Anlauf, mehr oder weniger gleicher Bandzug und mechanische Ungenauigkeiten sind für den charakteristischen, stets etwas wimmernden Klang des Instrumentes verantwortlich.

Dem Spieler stehen bei einem Mellotron zwei Manuale zu je 35 Tasten zur Verfügung; auf jedem Band sind drei Spuren aufgenommen, die wiederum sechs verschiedene Klänge enhalten können. Die Klänge können Einzelstimmen sein oder aber komplette Ensembles, so dass sich mit Hilfe eines Mellotrons ein quasi authentisches Orchester zusammenstellen ließe. Das Instrument wurde im Jahre 1962/63 von den Brüdern Norman, Frank und Leslie Bradley in Birmingham gebaut. Vorläufer dieses Instrumentes war das in den Jahren 1948 und 1949 von dem Amerikaner Harry Chamberlin entwickelte Model 100 Rhythmate, das allerdings nur Tonbänder mit den Klängen von Schlaginstrumenten enthielt. Aus diesem Instrumenten entwickelte Chamberlin weitere, so etwa Model 300, Model 350, Model 400, die mit zwei Tastaturen ausgerüstet waren und das Abspielen von verschiedenen Klängen – Querflöte, Violine usw. – erlaubten. Als Chamberlin Anfang der 1950er-Jahre klar wurde, dass er mit der Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb seiner Instrumente überfordert war, engagierte er Bill Fransen, der sich um den Verkauf der Chamberlins – wie die Instrumente inzwischen genannt wurden – kümmern sollte. Fransen brachte zwei Model 600 des Chamberlin nach Großbritannien in der Hoffnung, einen Hersteller für den europäischen Markt zu finden. Mit den Gebrüdern Bradley fand er die geeigneten Partner. Die Bradleys erkannten die Möglichkeiten des Konzeptes und entwickelten das Chamberlin weiter.

Gelegentlich taucht das Chamberlin in der Rockmusik auf. So wurde es von Elvis Costello auf dem Album »Spike« (1989) in dem Song »Miss Macbeth« ebenso verwendet wie von The Jayhawks auf ihrem 1997 veröffentlichten Album »Sound of Lies«.

US-amerikanische Finanziers, darunter der Bandleader Eric Robinson (von dessen Orchester die grundlegenden Bänder für das Mellotron eingespielt wurden), unterstützten die Bradley-Brüder. 1964 wurde das erste Instrument dieser Bauart unter dem Namen Mellotron Mark I vorgestellt, aufgrund verschiedener technischer Mängel bald umgebaut und als Mellotron Mark II verkauft. Dies ist auch das in der Rockmusik gebräuchliche zweimanualige Instrument. Ein einmanualiges Instrument wurde 1970 als Mellotron 400 auf den Markt gebracht. Mit dem Siegeszug der Synthesizer – in diesem Falle besonders der String Synthesizer – wurde das Mellotron rasch aus der Rockmusik verdrängt; es war zu schwerfällig, in den Klangmöglichkeiten zu sehr auf die eingebauten Tonbänder eingeschränkt und letzlich auch mechanisch zu kompliziert und anfällig. Zwar gab es in den 1970er-Jahren mehrmals Wiederbelebungsversuche – so wurde ein Nachfolgetyp des technischen Prinzips als Novatron verkauft, und in die Entwicklung eines weiteren, mit wechselbaren Tonbandkassetten, in denen sich Endlos-Bandschleifen befanden, arbeitenden Nachfolgers, Birotron genannt, investierte der Keyboard-Spieler von Yes, Rick Wakeman, viel Geld und Zeit –, doch holte die Entwicklung der Sampler zu Beginn der 1980er-Jahre das Instrument abermals und diesmal endgültig ein.

Das Mellotron fand vor allem bei Gruppen Sympathie, die sich stilistisch im Progressive Rock bewegten, ermöglichte es ihnen doch, massive orchestrale Klänge nachzuahmen. So ist das Instrument auf Platten von The Moody Blues, Genesis, Gentle Giant, Yes und King Crimson zu hören, mit »Nights in White Satin« setzten The Moody Blues dem Mellotron ein Denkmal. Auf der Innenseite des Covers von Rick Wakemans Album »The Six Wives of Henry VIII« (1972) ist ein Mellotron 400-D für Vokalstimme, Vibraphon und Klangeffekte sowie ein weiteres 400-D für Blechbläser, Flöte und Streicher abgebildet.

Die Geschichte des Mellotrons ist damit aber nicht zu Ende: Einerseits sind die alten Instrumente natürlich sehr gesucht. Andererseits ermöglichte es gerade die Sampling-Technik, die von einem Mellotron erzeugten Klänge zu samplen und in Form von Software-Instrumenten wieder verfügbar zu machen (M-tron); mittlerweile gibt es auch eine auf Samples beruhende Hardware-Fassung des Mellotrons.

Weblink

http://egrefin.free.fr/eng/mellotron/melhist.php (Website zur Entwicklungsgeschichte des Mellotrons, englisch)