Elektronische Orgel

Elektronische Orgel, auch Elektronen-Orgel oder E-Orgel, Elektrophon (Tasteninstrument), Orgel mit auf Röhren- oder Halbleitertechnik basierender Tonerzeugung; die Hammond-Orgel gehört nicht zu den elektronischen Orgeln, da ihre Tonerzeugung auf einem elektro-mechanischen Tongenerator beruht.

Die Idee der elektronischen Orgel beruht auf dem Wunsch, eine kostengünstige Alternative zur Pfeifenorgel zu haben. So gab es zwar schon in den 1930er-Jahren Versuche, mit Hilfe von Röhren Tongeneratoren für diesen Zweck aufzubauen, doch war dies mit einigermaßen befriedigendem Ergebnis erst in den 1950er-Jahren möglich. Der deutsche Physiker Rainer Helmut Böhm hatte in der Taschenbuchreihe »Radiopraktiker-Bücherei« 1961 ein Büchlein mit dem Titel »Elektronische Orgeln und ihr Selbstbau« veröffentlicht. Aufbauend auf dieser Schrift stellte er auch Bausätze für Orgeln mit ein bis vier Manualen nebst Pedal zusammen, die vom Käufer selbst gebaut werden mussten. Kern dieser Orgeln war ein Tongenerator, dessen 12 Oszillatoren die Töne einer sehr hohen Oktave bereitstellten, die mittels Frequenzteiler auf die Fußlage der einzelnen Register geteilt wurden. Eine Klangformungseinheit, basierend auf diversen verschiedenen, nicht variablen Filtern, mit deren Hilfe die Register-Klangfarben von Pfeifenorgeln nachgebildet wurden, folgte. Da der Tongenerator ausschließlich Sägezahn-Töne produzierte, die geradzahlige wie ungeradzahlige Obertöne enthielten, war dies in Grenzen möglich, wenn auch der Klang einer realen Pfeifenorgel nicht exakt imitiert werden konnte. Dennoch hatten die Orgeln Böhms zumal in Deutschland recht großen Erfolg, der Ende der 1960er-Jahre mit der Firma Wersi auch einen Konkurrenten auf den Plan rief. Auch der niederländische Hersteller von Unterhaltungselektronik verkaufte in den 1960er-Jahren mit der Philicorda eine kleine Orgel mit elektronischer Tonerzeugung.

Parallel zu dieser Entwicklung gab es eine zweite: Die italienische Firma Farfisa stellte neben typischen Heimorgeln – ausgerüstet mit Verstärker und Lautsprecher – auch einmanualige Orgeln für Bands der Unterhaltungsmusik her. Dieses Instrument wie auch die von der britischen Firma Vox 1962 vorgestellte »Continental« konnten indes den Orgeln der amerikanischen Firma Hammond den Markt nicht streitig machen, doch sorgte ihr weitaus niedrigerer Preis für eine gewisse Verbreitung innerhalb der Rockmusik. Als die japanischen Musikinstrumenten-Hersteller Anfang der 1970er-Jahre ihre Instrumente auf dem nordamerikanischen und europäischen Markt präsentierten, machten die Orgeln von Yamaha, Roland, Technics und anderen den europäischen Herstellern bald erhebliche Konkurrenz.

Der schon geteilte Markt fächerte sich in den 1970er-Jahren weiter auf, als die ersten mehrstimmig spielbaren Synthesizer verfügbar waren. Die Combo-Orgeln von Vox, Farfisa und anderen verschwanden, selbst die Hammond-Orgel führte bald ein Nischendasein, erst recht, als die Firma die Produktion der elektromechanischen Typen um 1975 aufgab und diese durch Instrumente mit elektronischer Tonerzeugung ersetzte. Dafür wurde die Heimorgel aufgewertet: Neben die von der Pfeifenorgel her bekannten Register traten weitere Klangfarben, ausgeklügelte Spielhilfen, Draw Bars und diverse eingebaut Effekte machte aus dem einst nussbaum-furnierten Klangmöbel eine Art Musik-Zentrale. In der Rock- und Popmusik waren diese teils gewaltigen Instrumente nicht präsent, schon gar nicht im Jazz. Als spätestens Mitte der 1980er-Jahre der Klang der alten Hammond-Orgel sich allmählich wieder eine Position neben den zahlreichen Synthesizern erobern konnte, brachten Firmen wie Viscount und Korg, später auch Oberheim, so genannte Hammond-Clones auf den Markt, elektronische Orgeln, die den Klang vor allem der alten Hammond B3 und C3 mehr oder weniger perfekt nachahmen konnten.

Diese Entwicklung wurde Ende der 1990er-Jahre recht abrupt von der Digitaltechnik abgelöst. Zum einen wurden etwa von Roland, Korg und selbst Hammond Instrumente präsentiert, deren auf digitaler Technik basierende Technik den Klang nicht nur der alten Hammonds, sondern auch der Farfisa- und Vox-Orgeln täuschend authentisch reproduzierten, während anderseits die alten Instrument einfach gesamplet wurden und jedem interessierten Musiker als Library zur Verfügung stehen. Zur ersten Gruppe gehören etwa die Hammond XK-Modelle und die New B3, die VK-Typen von Roland, die neuen CX3- und BX3-Orgeln von Korg und weitere mehr.

Die Sample-Technik spaltete aber auch den Markt für Heimorgeln wieder auf: Einerseits gibt es nunmehr die Möglichkeit, Sample-Bibliotheken realer Pfeifenorgeln zu erwerben und entweder mittels Computer und Sequencer-Programm zu nutzen, oder aber einen Spieltisch zu erwerben, der dem Spieltisch einer traditionellen Pfeifenorgel täuschend ähnlich ist, tatsächlich aber zur Nutzung der Sample-Bibliotheken eingerichtet ist. Die Auswahl an Orgel-Bibliotheken ist immens und von Staunen erzeugender Qualität. Für die Nutzung der Bibliothek ist eine besondere Software nötig, die die Samples verwaltet und für das Spiel organisiert; Programme dieser Art sind etwa Hauptwerk und Aeolus. In jüngster Zeit erwächst den Sample-Bibliotheken in Computer-Programmen eine starke Konkurrenz, die die Tonerzeugung durch Pfeifen anhand von mathematischen Modellen der Pfeifen errechnet; die Manipulationsmöglichkeiten sind naturgemäß immens.

Neben all diesen Entwicklungen konnte sich dennoch die Heimorgel alter Prägung behaupten. Längst ist sie nicht mehr nur ein mäßiges Surrogat für die Pfeifenorgel, sondern ein Instrument, das mehrere Orgel-Typen in sich vereinigt und nicht zuletzt deshalb von Alleinunterhaltern bevorzugt eingesetzt wird.

Literatur

Böhm, Rainer: Elektronische Orgeln und ihr Selbstbau; München 1962
Ebinger, Gerd: Elektronische Orgeln heute. Technik und Musik im Zusammenspiel; München 1984