Elektrische Gitarre

Elektrische Gitarre, auch Elektro-Gitarre oder kurz E-Gitarre, elektromechanisches Saiteninstrument (Elektro-Chordophon, Zupfinstrument), das aus der Gitarre entwickelt wurde, also in Bauart, Besaitung und Stimmung an die herkömmliche Gitarre angelehnt ist; je nach Bauform des Korpus wird zwischen so genannten Solidbody Guitars und Hollowbody-Guitars unterschieden. Elektrische Gitarren sind grundsätzlich mit wenigstens einem elektromagnetischen Tonabnehmer ausgestattet; mit Tonabnehmern versehene herkömmliche (akustische) Gitarren hingegen gelten nicht als elektrische Gitarren in engerem Sinn.

Eine halbakustische Gitarre nach dem Vorbild der Gibson ES 335 (Fotolia)

Grundsätzlich sind zwei Bauformen üblich: die so genannte Solidbody-Guitar und die Hollowbody-Guitar. Der Korpus der Hollowbody-Guitar ist wie der ihrer akustischen Vorfahren hohl und relativ dick, je nach Zargenhöhe bis zu zehn Zentimeter. Da die Decke meist gewölbt ist, werden diese Gitarren auch Archtop-Guitars genannt. Beträgt die Zargenhöhe nur wenige Zentimeter, so handelt es sich um eine Semiacoustic-Guitar, in Deutschland auch halbakustische Gitarre genannt. Wegen der geringen Zargenhöhe von manchmal nur drei bis vier Zentimetern werden diese Gitarren auch Thinline-Guitars genannt. Der wesentliche Unterschied zu den Hollowbody-Guitars mit größerer Zargenhöhe ist der Umstand, dass sich im Inneren einer Semiacoustic-Guitar ein massiver Holzblock befindet, um einiges breiter als der Hals, reicht er vom Boden zur Decke und vom Hals bis zum unteren Gurtknopf. Sinn dieses Blocks ist es, die bei Hollowbody-Gitarren gefürchtete Neigung zu akustischer Rückkopplung zu unterdrücken. Hollowbody-Gitarren und Semiacoustics werden zumeist aus Fichte, Ahorn und Mahagony gefertigt, doch kommen auch andere Hölzer zum Einsatz; auch gesperrte Hölzer werden häufig verarbeitet. Der Korpus selbst weist meist die herkömmliche Gitarrenform auf, doch ist es üblich, einen oder zwei Cutaways einzuarbeiten. Der Korpus einer Solid-Body-Guitar besteht aus einem einfachen, oft aus mehreren Teilen zusammengeleimten Brett, aus Linde, Erle, Esche, Mahagony oder anderen, auch exotischen Hölzern. Weiche Nadelhölzer finden weniger Verwendung, doch wurden Gitarren dieser Art immer auch beispielsweise aus Pinie (engl. pine) gebaut. Die Form des Korpus kann sich relativ weit von der traditionellen Form einer Gitarre entfernen, und da die Korpusform einen vernachlässigbaren Einfluss auf das Klangverhalten einer Solidbody-Gitarre hat, lassen nicht wenige Gitarrenbauer hier ihrer Fantasie freien Lauf.

E-Gitarre-Gibson-Les-Paul

Les Paul, eine E-Gitarre der Firma Gibson (Fotolia)

Für die Verbindung von Hals und Korpus gibt es mehrere Möglichkeiten: Bei Solidbody-Gitarren ist der Hals meist in eine Ausfräsung des Korpus gesetzt und wird mit drei bis fünf Schrauben befestigt. Andere Hersteller bevorzugen die Einleimung des Halses in eine in den Korpus eingearbeitet Tasche. Eine dritte Möglichkeit stellt der so genannte durchgehende Hals dar; dabei ist der Hals so lang, dass er auch die Länge des Korpus umfasst. Die Form des Korpus wird durch zwei seitlich an diesen Teil des Halses angeleimte Holzstücke erreicht. Der Vorteil des durchgehenden Halses liegt im längeren Sustain, einer längeren Nachschwingzeit. Durchgehende Hälse haben bei E-Gitarren aber längst nicht die Verbreitung, die sie bei Bassgitarren haben. Zwar ist das Griffbrett von E-Gitarren stets mit Bünden aus Messing oder Neusilber versehen – 21, 22 oder in seltenen Fällen auch bis 24 –, doch gab es auch Versuche mit bundlosen Griffbrettern; diese interessanten Instrumente konnten sich allerdings nicht durchsetzen. Auch Hälse aus anderen Materialien als Holz, beispielsweise Aluminium oder Kunststoffen, wurden bei Gitarristen nicht recht populär.

Der Hals selbst besteht in der Regel aus mehreren Teilen: Am oberen Ende des Halses befindet sich die Kopfplatte mit in der Regel – bei sechssaitigen Gitarren – sechs Stimmmechaniken. Die Stimmmechaniken können auf einer Seite der Kopfplatte angebracht sein – sie ragen dann bei Spielhaltung des Instrumentes nach oben –, oder aber in verschiedener Verteilung auf beiden Seiten der Kopfplatte; verbreitet ist es, gegenständig je drei Wirbel auf der Kopfplatte zu befestigen. Die meisten Hälse bestehen wenigstens aus zwei Teilen, dem eigentlichen Hals und dem auf ihn aufgeleimten Griffbrett. Um die für eine einwandfreie Bespielbarkeit erforderliche Krümmung des Halses zu erreichen, ist in den Hals eine geschwungene Nut eingefräst, die einen Stahlstab aufnimmt. Der Stahlstab – Trussrod genannt – ist auf einer Seite – entweder an der Korpusseite oder aber an der Kopfplatte befestigt. Auf der anderen Seite kann mittels einer Stellschraube die konkave Krümmung des Halses vergrößert oder verkleinert werden. Die Nut kann auf der Griffbrettseite oder aber auf der Halsrückseite eingearbeitet sein, in letzterem Fall wird die Nut nach Einbau des Trussrods mit einem Streifen Holz verschlossen; diese Hälse werden auch als einteilig bezeichnet.

Der Korpus trägt in der Regel wenigstens einen Steg und ein Tonabnehmersystem. Der Steg kann sehr einfach gestaltet sein – er besteht dann aus einem abgekanteten Blech mit Bohrungen für die Saiten sowie drei mittels kleiner Schrauben verstellbaren Saitenreitern, über die die Saiten bis zu den Stimmmechaniken in der Kopfplatte laufen –, es gibt aber auch komplizierte Konstruktionen, bei denen jede Saite einen eigenen, in mehreren Dimensionen verstellbaren Saitenreiter besitzt. Mittels der Saitenreiter wird die Saitenlage – also der Abstand zwischen Saiten und Bund, für den allerdings auch die Einstellung des Halsstabes bedeutsam ist – sowie die Oktavreinheit eingestellt, also die absolute Länge der Saite in Bezug zu den Bundabständen. Viele Gitarren sind mit einem Vibratohebel ausgestattet.

Elektrische Gitarren werden mit einem, zwei oder drei Tonabnehmern versehen, gelegentlich auch mit vier Tonabnehmern. Die Tonabnehmer, auch Pick-ups genannt, sind in der Regel über je einen Lautstärkeregler und einen Klangregler mit einem Schalter verbunden; bei dem Klangregler – sofern überhaupt vorhanden – handelt es sich um eine einfach Klangblende, die lediglich die hohen Frequenzen dämpft. Der Schalter erlaubt es, einzelne Tonabnehmer oder Gruppen von Tonabnehmern – bei Gitarren mit drei Tonabnehmern – auf den Ausgang zu schalten. Dabei sind verschiedene Kombinationen möglich, nicht jedoch jede denkbare. Als Tonabnehmer kommen Single-Coil- und Humbucker-Pickups zum Einsatz, oft auch in Kombination. So wird beispielsweise eine Telecaster-Gitarre der Firma Fender mit zwei Single-Coils ausgerüstet. Viele Gitarristen tauschen bei dem Instrument aber den Hals-Pickup durch einen Humbucker aus; so etwa Dave Gilmour (Pink Floyd) oder Andy Summers (The Police).

E-Gitarre-Plektrum

Die elektrische Gitarre wird meist mit einem Plektrum gespielt. (Fotolia)

Wie die herkömmliche Gitarre ist die elektrische Gitarre ein mit sechs Saiten ausgestattetes Tenorinstrument. Die Mensur – also die Länge der schwingenden Saite – beträgt zwischen Sattel und Steg zwischen 620 mm und 650 mm. Es gibt zwar auch Gitarren mit sieben Saiten – also einer zusätzlichen tiefen H-Saite –, doch hat sich vornehmlich in jüngeren Spielarten des Heavy Metals seit Anfang der 1990er-Jahre auch ein Baritoninstrument durchsetzen können, das diese Erweiterung überflüssig macht.
Die elektrische Gitarre regt seit ihrer Verfügbarkeit Instrumentenbauer zu Modifikationen und auch kompletten Umgestaltungen an. Häufig beziehen sich diese Änderungen auf die elektrische Ausrüstung, werden also Tonabnehmer ausgetauscht und Tonabnehmerschaltungen verändert. Weiter gehen etwa Versuche, die Stimmwirbel von der Kopfplatte auf den Korpus zu verlegen, oder aber für Korpus und Hals statt Holz verschiedene Kunststoffe wie kohlefaserverstärkte Kunststoffe oder Carbon zu verwenden.

Für sich genommen haben elektrische Gitarren keinen Klang im eigentlichen Sinne; schlägt man die Saiten an, so ist mangels eines Resonanzkörpers nur ein kurzes metallisches Zirpen zu hören. Ein komplettes Instrument ergibt eine elektrische Gitarre erst im Zusammenhang mit einem Verstärker und einem Lautsprecher. Diese Zusammenstellung kann noch durch diverse Effektgeräte erweitert werden. Ausführung des Verstärkers wie auch Art der Lautsprecher haben weit größeren Einfluss auf den Klang einer elektrischen Gitarre als bestimmte Hölzer oder gar Kabel.

Ein gewisser Nimbus umgibt die Stimmung von Gitarren. Üblicherweise werden elektrische Gitarren ebenso gestimmt wie herkömmliche Gitarren, als E-A-d—g-h-e1. Doch sind diverse offene Stimmungen (Open Tuning) üblich, und es gibt kaum einen Gitarristen, der nicht ab und an mit offenen Stimmungen experimentiert. Verbreitet ist es ein so genanntes Dropped-D-Tuning zu verwenden – dabei wird das Instrument auf einen offenen D-Akkord gestimmt – oder aber die Gitarre auf C-Akkord zu stimmen. Will man die E-Gitarre als Slide Guitar spielen, ist ein Open Tuning unerlässlich. Experimenten ist hier ein weites Feld geöffnet. Bei offenen Stimmungen ist es unter Umständen nötig, auch Saiten mit anderer Stärke (Gauge) zu verwenden.

Fender-Stratocaster

Fender-Stratocaster, eine der am meisten gespielten elektrischen Gitarren. Die helle Abdeckung auf der Rückseite des Instrumentes ist Teil der Vibratovorrichtung. (Fotolia)

Die erste elektrische Gitarre, die als Vorfahr der heutigen E-Gitarre gelten kann, wurde 1931 nach diversen Experimenten von den Gitarristen George Beauchamp und Paul Barth und dem Maschinenbauer Adolph Rickenbacher in Los Angeles gebaut. Das als »Frying Pan« bekannte Instrument bestand aus einem zylindrischen, flachen Korpus aus Aluminium und einem radial daran befestigten Gitarrenhals. Das Instrument fand indes nicht die Anerkennung von Musikern. Erst als 1935 die Gitarrenfirma Gibson ihre ES (Electric Spanish) 150 vorstellte, begann der Siegeszug der elektrischen Gitarre. Maßgeblich verantwortlich dafür waren Musiker, allen voran der Jazzgitarrist Charlie Christian (* 1916, † 1942). Die Solidbody-Guitar wurde 1951 von Leo Fender (* 1909, † 1991) in Form der Broadcaster-Gitarre vorgestellt. Fender benannte wenig später das Instrument in Telecaster um; unter diesem Namen ist die Gitarre bis heute erhältlich und wurde zu einem Standard-Instrument der Country- und Rockmusik, selbst einige Jazzgitarristen spielen eine Telecaster. Auf der Grundlage der industriell in modularer Bauweise herstellbaren Gitarre entwickelte Fender auch die Stratocaster-Gitarre sowie den Precision- und den Jazz-Bass. Auf diesen ersten Gitarren der Firmen Rickenbacker – wie Rickenbachers Firma später genannt wurde –, Gibson und Fender basieren nahezu alle nachfolgenden Instrumente.

Literatur

Bacon, Tony (HG.): Rock Hardware; Poole 1981
Bacon, Tony/Hunter, Dave: Totally Guitar – The Definitive Guide; London 2008
Denyer, Ralph: The Guitar Handbook; London 1982
Duchossoir, A.R.: The Fender Stratocaster – The Success Story of a Legendary Guitar born and made in California; Milwaukee 1988
Bacon, Tony: The Ultimate Guitar Book; New York 1991
Osborne, Nigel u.a.: 2000 Guitars – The ultimate Collection; London 2009; dt.: 2000 Gitarren – Die ultimative Sammlung; Kerkdriel 2014
Zollner, Manfred: Physik der Elektrogitarre; Regensburg 2014, 2 Bände