Klavier

Klavier, französisch Tastenreihe, Saiteninstrument (Chordophon), dessen Saiten durch Hämmer, die mittels Tasten gegen die Saiten geschlagen werden, in Schwingung versetzen. Der Name beruht auf dem lateinischen Wort clavis, Schlüssel; später bedeutete das Wort auch Taste. In dem englischen Wort für Tasteninstrument, keyboard, findet sich noch der Bezug auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes clavis. Im englischen wird für das Klavier im engeren Sinn in der Regel das Wort piano verwendet.

Klavier

Klavier (Fotolia)

Die Bezeichnung Klavier galt Jahrhunderte lang für jedes Tasteninstrument, also auch für die Orgel, besonders aber für das Klavichord. Mit Aufkommen des heute als Klavier bekannten Instrumentes, bei dem die Saiten durch Hämmer angeschlagen werden, bürgerte sich zunächst die Bezeichnung Hammer-Klavier ein, wenn auch als weitere Bezeichnungen Fortepiano oder Pianoforte üblich waren, erlaubten diese Instrumente doch im Gegensatz etwa zum Cembalo ein in der Lautstärke dynamische Spiel. In jüngerer Zeit bildet der Begriff Klavier den Oberbegriff für diese Tasteninstrumente, die entsprechend ihrer Bauart als Flügel oder Pianino bezeichnet werden. Beim Flügel, dessen Form von oben betrachtet eben an den Flügel eines Vogels erinnert, verlaufen die Saiten waagerecht, also parallel zur Oberfläche der Tasten; beim Pianino dagegen verlaufen die Saiten senkrecht zu der Tastenoberfläche. Eine Einheitlichkeit in der Bezeichnung ist allerdings nicht zu beobachten, das Pianino wird meist ohne weitere Umstände Klavier genannt. Im Englischen ist gelegentlich für das Pianino der Begriff Upright-Piano zu finden, während ein Flügel auch Grand Piano genannt wird.

Klavier-Stutzfluegel

Stutzflügel (Fotolia)

Beim Flügel befindet sich der Saitenbezug wie auch die gesamte Spielmechanik in einem Kasten; dieser kann beim so genannten Stutzflügel eine Gesamtlänge von etwa 140 cm haben, Salonflügel sind 190 bis 220 cm lang, Konzertflügel zwischen etwa 250 cm und über 300 cm. Den längsten serienmäßig hergestellten Flügel baut die italienische Firma Fazioli, ihr Modell F 308 hat eine Länge von insgesamt 308 cm. Je länger ein Flügel ist, desto größer ist auch dessen maximal erreichbare Lautstärke. Außerdem hat die Länge der Basssaiten einen unmittelbaren Einfluss auf den Gesamtklang des Instrumentes. Der Kasten selbst ist im Wesentlichen nur eine Zarge, also nach unten offen, nach oben durch einen an der Längsseite angeschlagenen Deckel verschlossen. Der Deckel kann geschlossen bleiben, um wenige Zentimeter geöffnet oder aber in einem Winkel von etwa 45 Grad relativ weit geöffnet werden. Für die Abstützung des Deckels sind meistens zwei Stützen vorgesehen, eine kürzere und eine längere. Bei Tonaufnahmen wird der Deckel oft auch ganz entfernt.

Klavier, Saitenbezug

Rahmen aus Gusseisen, Saitenbezug (Fotolia)

In dem Kasten befindet sich die Rast, eine Holzkonstruktion, die den Resonanzboden und den aus Eisen gegossenen Rahmen aufnimmt. Auf den Resonanzboden ist der meist mehrteilige Steg aufgeleimt. Die Saiten sind an kleinen Haken im Eisenrahmen eingehängt, laufen über den Steg zum Stimmstock, wo sie an im Stimmstock eingeschraubten Stimmwirbeln befestigt werden; die Stimmwirbel sind vierkantig ausgebildet, so dass sie mit einem besonderen Stimmschlüssel bewegt werden können. Der Stimmstock befindet sich leicht nach hinten versetzt über der Tastatur. Er besteht aus mehreren gesperrt verleimten Lagen aus Hartholz und ist nach dem Rahmen das größte und schwerste einzelne Bauteil eines Flügels.

Die Saiten bestehen aus Stahldraht unterschiedlicher Stärke, wobei die Saiten für die tiefen Töne mit Kupferdraht engspiralig umsponnen sind. Die tiefsten Töne werden von lediglich einer Saite erzeugt, in der tiefen Mittellage sind es zwei Saiten, die gleichzeitig angeschlagen werden, in den Mittellagen bis zum Diskant sind es drei. Einige Klavierbauer bringen unter den höchsten Saiten im Diskant einen weiteren Resonanzboden an, auch gab es Aliquot-Saiten, beides, um die Lautstärke dieses Bereichs zu erhöhen; die Wirkung ist umstritten. Um den gesamten Flügelkasten optimal auszunutzen, überkreuzen sich die Saiten über dem Resonanzboden. Dadurch können die Saiten länger sein; zudem schwingt der Resonanzboden in seiner Mitte stärker. Im Laufe der Entwicklung des Klaviers wurde der Saitenzug ständig erhöht; bei modernen Instrumenten kann er bis zu 20 Tonnen betragen. Der Tonumfang wuchs im Laufe der Entwicklung des Instrumentes und reicht nunmehr von 2A bis c5; einzelne Hersteller haben gelegentlich auch noch umfangreichere Tastaturen in ihre Instrumente gebaut.

Klaviermechanik

Klaviermechanik (Fotolia)

Die Spielmechanik besteht im Wesentlichen aus den Tasten, der Hammer- und Repetitionsmechanik, den Hämmern und der Dämpfung. Die Tasten, die von einem oder zwei im Tastenbett stehenden Stiften seitlich geführt werden, bestehen aus Holz, wobei für die schwarzen oft Ebenholz verwendet wird. Die weißen Tasten sind entweder mit Elfenbein oder aber einem dem Elfenbein ähnlichen Kunststoff belegt; bei Elfenbeintasten sind die Fronten der Tasten häufig mit weißem Zelluloid versehen. Da strenge Naturschutzbestimmungen die ausschließliche Verwendung von Elfenbein verhindern, gab es in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Versuche, diesen natürlichen Stoff durch Kunststoffe zu ersetzen. Tatsächlich ist dies nicht zur vollständigen Zufriedenheit von Pianisten gelungen, nach wie vor werden die Tasten hochwertiger Flügel mit Elfenbeinbelag versehen.

Durch eine sinnreiche und aus vielen Einzelteilen bestehende Mechanik – als Material kommt fast ausschließlich Holz zum Einsatz – wird der Hammer gegen die Saiten bewegt, wobei Geschwindigkeit und Stärke der Hammerbewegung der Tastenbewegung analog folgen. Kurz vor Auftreffen des Hammers wird die Dämpfung – dabei handelt es sich um Keile aus Filz, die von oben auf und zwischen die Saiten drücken – abgehoben, die Saite wird angeschlagen und die Dämpfung fällt auf die Saite zurück. Der Hammer fällt ebenfalls zurück, aber nicht in die ursprüngliche Stellung, sondern auf einen etwa auf halbem Wege befindlichen so genannten Fänger. Dieser ist Teil der Repetitionsmechanik, die dafür Sorge trägt, dass bei erneuter Tastenbewegung der Hammer nicht den gesamten Weg an die Saite erneut zurücklegen muss. Die Repetitionsmechanik ermöglicht es überhaupt erst, schnelle Einzeltonwiederholungen spielen zu können; der Pianist muss dazu nicht die Taste vollständig freigeben.

Eng mit der Spielmechanik verbunden sind zwei oder drei Pedale. Das Pedal ganz rechts dient dazu, die komplette Dämpfung von den Saiten abzuheben; es ist auch als »Hallpedal« bekannt. Das zweite Pedal bewirkt eine Verschiebung der gesamten Tastenmechanik nach links, so dass die Hämmer jeweils nur zwei der drei Saiten treffen; dies bewirkt eine Verringerung der Lautstärke. Bei Instrumenten, die nicht über diese Einrichtung verfügen, wird bei Druck auf das Pedal die Dämpfung bei Tastendruck nicht vollständig abgehoben, sondern bleibt so dicht an den Saiten, dass der Ton gedämpft wird. Das dritte Pedal, das Sostenuto-Pedal, ermöglicht es, die Dämpfung nur von der oder den Saiten abzuheben, die gerade angespielt wurden. So können auch einzelne Töne nachklingen, obwohl die jeweilige Taste nicht mehr gedrückt ist. Bedeutsam ist diese Einrichtung für die Interpretation einiger Werke der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts.

Klavier, Hammerkopf

Hammerkopf (Fotolia)

Die Hämmer sind je nach Saite, die sie anschlagen sollen, von unterschiedlicher Größe und weisen auch eine unterschiedliche Form auf. Gemeinsam ist allen, dass der Hammerstiel aus Holz einen Kopf aus Holz trägt, der mit einem festen Filz überzogen ist. Auf diesen ist eine weitere Schicht aus weißem Filz aufgebracht, bei tiefen Tönen dicker, bei hohen Tönen dünner. Der Filz verhärtet sich im Laufe der Zeit und muss daher im Rahmen von Intonation, Stimmung und Wartung des Instrumentes mit Nadeln wieder aufgelockert werden.

Beim Pianino ist die beschriebene Bauweise entsprechend des Umstands, dass Resonanzboden und Saitenbezug senkrecht zur Tastaturebene verlaufen, angepasst. Insgesamt ist aber der Resonanzboden kleiner, die Saiten sind kürzer und es gibt Bauweisen mit einer einfacheren, weniger wirksamen Dämpfung, die sich billiger herstellen lassen lässt. In dieser Bauweise ist zum Beispiel das typische Berliner Klavier, das als »Klimperkasten« in Misskredit gebracht wurde, gehalten. Dennoch kann ein nicht zu kleines Klavier im Klang einem Stutzflügel nahe kommen. Bei Musikaufnahmen wird im Übrigen mitunter bewusst ein Klavier eingesetzt, um einen Klang zu erreichen, den ein Flügel nicht bieten kann; unter anderem die Beatles nutzten diesen Unterschied aus.

Urahn des Klaviers ist nicht das Cembalo, sondern das mit Klöppeln angeschlagene Hackbrett. Ein Tasteninstrument, bei dem die Saiten angeschlagen wurden, ist seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bekannt (Heinrich Arnault von Zwolle, 1466). Ende des 17. Jahrhunderts hatte der italienische Klavierbauer Bartolomeo Cristofori (* 1665, † 1732) eine Hammermechanik ersonnen und entsprechende Instrumente gebaut. Diese Instrumente wurden schnell bekannt und weckten das Interesse von Orgel- und Cembalobauern in ganz Europa. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts konstruierte der Cembalo- und Klavierbauer Johann Andreas Stein eine Hammermechanik, die von der Klavierbauer-Familie Streicher in Wien weiter verfeinert wurde und als »Wiener Mechanik« in die Geschichte des Klavierbaus einging. Trotz ihrer unbestreitbaren Vorteile wurde sie seit Ende des 18. Jahrhunderts von der robusteren »englischen Mechanik« vollständig verdrängt, erst recht, als Sébastien Érard 1821 die von ihm entwickelte Repetitionsmechanik vorstellte. Die im Laufe des 19. Jahrhunderts geforderte Erhöhung der möglichen Lautstärke führte dazu, dass die bis dahin aus Holz gefertigten Rahmen nunmehr aus Eisen gegossen wurden; der erste Gussrahmen wurde 1825 angefertigt. Seit 1826 erhalten die bis dahin meist mit Leder bezogenen Hammerköpfe einen Bezug aus Filz. Die letzte größere Neuerung betraf den Saitenbezug, der seit 1860 in zwei sich überkreuzende Bereiche aufgeteilt wird. Bis etwa 1860 hatte sich die Bauweise eines Flügels so weit standardisiert, dass nur noch unbedeutende Details verändert wurden.

Das Klavier ist das wichtigste Instrument der Musik. Es nimmt in jeder unter europäischem Einfluss stehende Musik, also in traditioneller Kunstmusik, im Jazz wie in der gesamten Pop Music eine vorrangige Stellung ein. Kein anderes Instrument besitzt die Ausdrucksfähigkeit und Klangvielfalt des Klaviers, das darin selbst die Violine und die elektrische Gitarre übertrifft. So ist ein Großteil der notierten Musik für das Klavier geschrieben worden, wie auch andere Musik ohne weiteres für Klavier eingerichtet werden kann. Die Wechselwirkung zwischen europäischem Tonsystem, Musiktheorie und Instrumentenbau ist bei keinem zweiten Instrument so deutlich wie beim Klavier.

Es gab vor allem im 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Firmen, die Klaviere bauten. Als Krönung des Klavierbaus gilt es, wenn eine Firma einen eigenen Konzertflügel konzipiert und baut. Zu den Firmen, die zum Teil auf eine langjährige Tradition zurückblicken können und die bis heute führend im Klavierbau sind gehören Steinway & Sons, Bechstein, Blüthner, Grotrian-Steinweg, Fazioli und Broadwood, um nur wenige zu nennen.

Die stürmische Entwicklung der Musikelektronik hat auch nicht vor dem Klavier halt gemacht. Während frühe Versuche, den Klavierklang mit Hilfe der Elektrizität nachzuahmen, bis ins dritte Viertel des 20. Jahrhunderts zwar eine Vielzahl von elektrischen Klavieren hervorgebracht haben und durchweg scheiterten – wenn sie durchaus für musikalische Zwecke brauchbare Instrumente ergaben –, so bieten auf Sample-Technik beruhende Instrumente tatsächlich eine Alternative zu den teuren und schweren akustischen Klavieren und Flügeln. Jüngste Entwicklungen auf diesem Gebiet basieren auf Virtual Modeling, wobei der Klavierklang anhand seiner physikalischen Parameter berechnet wird.

In der Rockmusik nahm das Instrument von Anfang an eine besondere, aber keine Sonderstellung ein; zu der ersten Generation von Rockmusikern gehörten stilbildende Pianisten wie Little Richard und Jerry Lee Lewis. Die Musik der Beatles ist ohne Klavier nicht denkbar, Pianisten wie Kate Bush, Tori Amos, Sara Bareilles und Keith Emerson räumten ihm einen zentralen Platz in ihrer Musik ein, wenn es nicht gleich, wie etwa bei Regina Spektor, Soap & Skin oder The Ben Folds Five das zentrale Instrument ist.

Literatur

Hirt, F.J.: Meisterwerke des Klavierbaus; Dietikon 1981
Gill, Dominic (Hg.): Das Große Buch vom Klavier; Freiburg/Basel/Wien 1983
Batel, Günther: Handbuch der Tasteninstrumente und ihrer Musik; Wilhelmshaven 1986