Violine

Violine, italienische Verkleinerungsform von viola, italienisch: violino, französisch: violon, englisch: violin, deutsch auch Geige, Chordophon (Saiteninstrument, Streichinstrument), Diskantinstrument der Viole-da-braccio-Familie, zu der außerdem die Bratsche und das Violoncello gezählt werden. Die Violine ist neben dem Klavier das nach Umfang der für das Instrument geschriebenen Literatur wichtigste Instrument der abendländischen Musik.

Geige

Violine mit Bogen [Fotolia]

Die Violine hat eine Reihe von Vorfahren, doch wurde ihre Konstruktion schon im 17. Jahrhundert festgelegt und hat sich seitdem im Prinzip nicht verändert. Sie besteht aus einem Korpus, der als Resonanzraum dient, und einem an diesen fest angesetzten Hals. Der Korpus hat die Form eines Ovals mit etwa mittigen, konkaven seitlichen Einbuchtungen. Während die gewölbte Decke aus zwei Stücken Fichtenholz eines Stammes geformt wird, bestehen die mehrteilige Zarge und der gewölbte Boden aus Ahorn. Der Boden kann aus einem Stück bestehen, wird oft aber aus zwei spiegelbildlich aneinander gelegten Teilen vom selben Stück Holz verleimt. Boden und Decke stehen ein wenig über die Zarge hinaus, ein Unterscheidungsmerkmal der Violininstrumente zu denen der Gamben-Familie. Boden und Decke sind im übrigen nicht über die gesamte Fläche gleich stark, vielmehr variiert das Maß beim Boden zwischen zwei und sechs Millimetern, bei der Decke zwischen zwei bis drei Millimeter; im Bereich des Steges ist etwa die Decke dicker als am Rand. Die Länge des Korpus beträgt zwischen 35 und 36 Zentimetern.

Violine, Steg

Steg einer Violine; im Hintergrund die Feinstimmer [Fotolia]

In die Decke des Korpus sind etwa auf der Höhe des Steges spiegelbildlich zwei Schalllöcher in der Form eines f geschnitten. Im Inneren des Korpus befinden sich zwei weitere Bauteile, der Bassbalken und der Stimmstock. Während der Stimmstock – ein kurzes Rundholz von einigen Millimetern Durchmesser – in der Nähe des Steges lose zwischen Decke und Boden geklemmt wird, ist der schmale Bassbalken länger und in Längsrichtung auf das Holz der Decke geleimt. Auf den Boden wird auch der so genannte Geigenzettel, ein Nachweis des Erbauers der Geige, so eingeklebt, dass er durch eines der f-Löcher gelesen werden kann. Boden und Decke sind mit der aus mehreren Teilen zusammengesetzten, etwa 24 bis 32 Millimeter hohen Zarge verleimt, wobei einige Klötzchen – Eckklötzchen, Oberklotz und Unterklotz, alle aus Linden- oder Weidenholz – die Teile zusammenhalten und gleichzeitig als Verstärkung der besonders beanspruchten Teile des Korpus dienen. An den nur etwa einen Millimeter starken Teilen der Zarge sind oben und unten so genannte Reifchen geleimt, schmale Holzstreifen, die die Auflage für Boden und Decke bilden. Eine Besonderheit sind die parallel zur Außenform laufenden Einlagen, auch Ader oder Flödel genannt. Sie sind als Intarsien in das Holz von Decke und Boden gearbeitet; bei Geigen aus Cremona handelt es sich um zwei Streifen aus Ebenholz und einen aus Ahorn.

Schnecke-Violine

Schnecke einer Violine [Fotolia]

Der Oberklotz wie auch die Decke haben eine kleine Aussparung, in die der Halsstock greift, während der Boden über den Oberklotz hinaus auf den Halsstock reicht; der Hals wird in den Oberklotz eingeleimt. Die Neigung des Halses nach hinten wurde seit dem 17. Jahrhundert vergrößert, bei älteren Violinen verliefen Halsoberfläche und Deckenfläche nahezu parallel. Der Hals wird aus Ahorn geschnitten und trägt ein bundloses Griffbrett aus Ebenholz, das weit auf die Decke des Korpus reicht, diese aber nicht berührt. Der Hals geht über in den Kopf der Violine, der aus Wirbelkasten und Schnecke besteht. Der Wirbelkasten trägt vier seitenständige Wirbel aus Ebenholz oder Rosenholz. Manche Violinbauer gaben dem Kopf statt einer Schnecke einen Menschen- oder Tierkopf.

Die vier Saiten der Violine werden in einen Saitenhalter eingehängt, laufen über den auf der Decke stehenden Steg und werden von den Wirbeln gehalten, mit deren Hilfe sie auch gestimmt werden. Am Einhängeloch im Saitenhalter können zwischen Seitenende Saitenhalter auch so genannte Feinstimmer eingehängt sein; mittels einer im einzelnen Feinstimmer laufenden Rändelschraube kann die Saite exakt gestimmt werden. Der Steg wird aus Ahorn geschnitten; er ist am Fuß dicker und verjüngt sich konisch zur Saitenauflage. Die Rundung des Steges unterlag im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen, ihr Radius wurde stetig vergrößert. Musiker im Country- und Folk-Bereich allerdings bevorzugen manchmal flachere Stege, um Doppel- und Mehrfachgriffe leichter ausführen zu können.

Die Saiten der Violine bestanden früher aus dünnen Streifen von Schafsdarm, der verdrillt wurde. Später wurden Stahlsaiten benutzt, die mit Metallen wie Silber oder Aluminium umsponnen wurden. In jüngerer Zeit werden in der Regel Saiten benutzt, deren Kern aus Kunststoff besteht.

Gespannt werden die Saiten mit vier gegenständig im Wirbelkasten steckenden Wirbeln aus Hartholz, oft wird Ebenholz verwendet. Damit die Wirbel geschmeidig in den Bohrungen laufen, werden die Schäfte mit so genannter Wirbelseife überzogen. Der Zug der vier Saiten ist relativ groß und beträgt insgesamt um die 20 Kilopond, je nach verwendeten Saiten auch bis zu 25 Kilopond. Die eigentlich schwingende Länge der Saiten beträgt zwischen 325 und 330 Millimetern. Die Saiten sind in Quinten auf g-d1-a1-e2 gestimmt und nur in besonderen Fällen umgestimmt (Scordatur).

Violine, Spielhaltung

Spielhaltung von Violine und Bratsche [Fotolia]

Für das Spiel der Violine haben sich seit etwa 1600 diverse Spieltechniken – stets im Zusammenwirken mit dem Bogen – entwickelt, oft parallel zu Veränderungen der Bauweise. Wurde im 17. Jahrhundert der gesamte zur Verfügung stehende Tonumfang noch gar nicht genutzt – der Tieftonbereich des Instrumentes war aufgrund der verwendeten Darmsaiten eher schwach, der Hochtonbereich wurde aufgrund mangelnder Spieltechnik vernachlässigt –, so wurde sukzessive die Spieltechnik überdacht, bis sich das heute übliche Lagenspiel durchsetzte. Dabei wird das Griffbrett in gedachte Abschnitte geteilt und die Griffhand dementsprechend versetzt, um dann auch die mit dem Griffbrett überhaupt erreichbaren hohen Töne spielen zu können; darüber liegen dann die Flageolett-Töne, die bis zum d5 reichen. Die seinerzeit revolutionären Spieltechniken eines Nicolo Paganinis sind natürlich längst Standard-Spieltechniken für die Violin-Virtuosen unserer Zeit geworden.

Selbst die Spielhaltung hat sich in dieser Zeit geändert: Deutet die Bezeichnung da braccio noch darauf hin, dass die Violine ein in der Armbeuge zu haltendes Instrument war, wird sie obligat am Hals gehalten, wobei eine besondere Kinnauflage aus Holz oder auch Kunststoff es erleichtert, das Instrument zwischen Kinn und Schlüsselbein zu halten. Diese Kinnstütze wurde im 19. Jahrhundert von dem Komponisten und Violinisten Ludwig Spohr (* 1784, † 1854) eingeführt. Manch einem Instrumentalisten war auch das zu unbequem: Der Violinvirutose Isaac Stern (* 1920, † 2001) zeigte in dem Film »From Mao to Mozart: Isaac Stern in China« (1979; Regie: Murray Lerner) seine Lösung des Problems – er steckte sich in sein Hemd ein Stück Schaumstoff, auf dem dann die Violine ruhte, und empfahl dieses Vorgehen auch den chinesischen Violinschülern. Umgekehrt gibt es in der Volksmusik verschiedener Regionen in Europa und Nordamerika immer noch Musiker, die die Violine im Arm halten und sie am Brustkorb abstützen.

Violine, Lackierung

Lackierung einer Violine [Fotolia]

Abgesehen vom Klavier und der elektrischen Gitarre gibt es wohl kein Instrument, das ähnlich großes Interesse bei Musikern wie Hörern erregt wie die Violine. Sie hat nicht nur selbst eine äußerst interessante Geschichte, sondern es ranken sich auch diverse Mythen gerade um die von Antonio Stradivari gebauten Instrumente. Früher als Pianisten entwickelten Violinisten ein Virtuosentum, ausgehend von Paganini ist es bis heute gültig. Endlos ist dann auch die Kette der Violinvirtuosen, die ganze Epochen prägten, von Joseph Joachim (* 1831, † 1907) und Pablo Sarasate (* 1844, † 1908) über Jascha Heifetz (* 1901, † 1987) und Yehudi Menuhin (* 1916, † 1999), David Oistrach (* 1916, † 1974), Gidon Kremer (* 1947) und Christian Tetzlaff (* 1966) bis zu Anne-Sophie Mutter und Julia Fischer – um nur wenige zu nennen.

Die Violine stand natürlich spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stets im Fokus des Interesses von Komponisten. Entsprechend umfangreich ist die Literatur für das Instrument – ganz abgesehen von, dass die Violine das Rückgrat des Orchesters bildet. Im Jazz steht die Violine schon wegen ihrer gemessen an der anderer in dieser Musik üblichen Instrumente geringen Lautstärke im Schatten, doch gab es schon sehr früh namhafte Solisten, zu denen etwa Stéphane Grappelli, Joe Venuti und Eddie South gehörten; später wurden etwa Helmut Zacharias, Jean-Luc Ponty, Didier Lockwood, Jerry Goodman, Michał Urbaniak und Zbigniew Seifert einem größeren Publikum bekannt. In der Rockmusik gibt es nur wenige Musiker, die obligat in einer Rockband spielen. Jerry Goodman spielte zu Beginn seiner Karriere in der amerikanischen Rockband The Flock, später gehörten bzw. gehören Violinisten zu Bands wie The Electric Light Orchestra, Curved Air und Gazpacho. Da die Violine als Fiddle in der englischen, irischen und nordamerikanischen Folk Music einen festen Platz hat, ist sie natürlich auch auf zahlreichen Veröffentlichungen von Formationen wie The Dubliners, Clannad, The Corrs und Dixie Chicks zu hören. Die Verwendung in Rockbands führte dann auch zur Entwicklung elektrischer Violinen, die zwar keinen Resonanzkörper benötigen, doch wurde wenigstens in Teilen dessen Form für diese Instrumente übernommen. Elektrische Violinen werden mitunter mit einer auf d- gestimmten tiefen Saite ausgestattet.

Werke

Antonio Vivaldi: 12 Triosonaten da camera für zwei Violinen und Basso continuo (1705)
Antonio Vivaldi: Konzerte »Le quattro stagioni« op.8 (1725)
Johann Sebastian Bach: 6 Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001–1006 (1720)
Pietro Locatelli: 12 Sonaten für Violine solo op.6 (1737); L´arte di violino, (1733)
Joseph Haydn: Streichquartette
Wolfgang Amadeus Mozart: Duo für Violine und Viola KV 423
Duo für Violine und Viola KV424 (1783)
Konzert A-Dur KV 219 (1775)
Sonate für Violine und Klavier A-Dur (KV 526) 1787
Ludwig van Beethoven: Zehn Sonaten für Violine u. Klavier; Kreutzersonate A-Dur op.47 (1803) Romanze für Violine und Orchester Nr. 2 F-Dur op. 50 (1802)
Niccolò Paganini: 24 Capricci per violino solo op. 1 (1818)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Konzert e-Moll op. 64 (1845)
Max Bruch: Konzert D-Dur op. 77 (1878)
Peter Iljitsch Tschaikowsky: Konzert D-Dur op. 35 (1878)
Max Reger: 4 Sonaten für Violine Solo op.42 (1899)
Jean Sibelius: Konzert d-Moll op.47 (1905)
Béla Bartók: Violinkonzert Nr. 1 (1908) Violinkonzert Nr. 2 (1938)
Paul Hindemith: Zwei Sonaten op.31 (1924
Igor Strawinsky: Konzert in D (1931)
Alban Berg: Dem Andenken eines Engels (1935)
Benjamin Britten: Konzert (1939)
Béla Bartók: Violinsonate (1944)
Hanns Werner Henze: Sonate für Violine Solo (1977)
Alfred Schnittke: Vier Konzerte (1957, 1966, 1978, 1984)
Witold Lutosławski: Chain Nr. 2 für Violine und Orchester (1985)
György Ligeti: Violinkonzert (1990/1992)

Diskografie

Django Reinhardt: Imagine (o.J.; Zusammenstellung, u.a. mit Stéphane Grappelli und Joe South)
Gary Burton & Stéphane Grappelli: Paris Encounter (1972)
Mahavishnu Orchestra: Inner Mounting Flame (1972; mit Jerry Goodman)
Apocalypse (1974; mit Jean-Luc Ponty)
Dixie Chicks: Home (2002)
The Corrs: Talk On Corners (1997)
Natalie Merchant: The House Carpenter’s Daughter (2003)
Gazpacho: Firebird (2005)

Literatur

Moser, Andreas: Geschichte des Violinspiels; Berlin 1923, ergänzt von: Nösselt, Hans-Joachim; Tutzing 1966/1967
Apel, Willi: Die italienische Violine im 17. Jahrhundert; Wiesbaden 1983
Salmen, Walter (Hrsg.): Jakob Stainer und seine Zeit; Innsbruck 1984
Stowell, Robin: Violin Technique and Performance Practice in the Late Eighteenth and Early Nineteenth Century; Cambridge 1985

Weblinks

www.geigen-berlin.de (Website des Berliner Geigenbauers Andreas Zimmermann)
www.geigenbauonline.de (Website mit ausführlichen Informationen zum Geigenbau, darunter auch eine Fotoserie zum Bau eines Violoncellos)