Glocke

Glocke, mittelhochdeutsch, von althochdeutsch: glocca, Idiophon (Aufschlagidiophon, Schlaginstrument), rotationssymmetrisches Gefäß, das zur Tonerzeugung entweder mit einem innen befindlichen frei beweglichen Klöppel geläutet, oder aber von außen angeschlagen wird.

Glocke

Glocke (Fotolia)

Glocken werden meistens aus Metall, also meist Bronze, Eisen, oder auch Stahl gegossen, mitunter aber auch aus Porzellan oder Glas hergestellt. Die Form einer Glocke – früher einem Bienenkorb ähnelnd – ergibt sich aus der Rotation der so genannten Glockenrippe um die Hochachse. Anhand der Glockenrippe lassen sich die Elemente einer gotischen Glocke exakt beschreiben: Die Glocke wird an der auf der Haube sitzenden Krone aufgehängt. Die Krone besteht aus mehreren Henkeln, die die Aufhängevorrichtung aufnehmen; üblicherweise wird eine Glocke an einem kräftigen Balken aufgehängt. Die Haube geht über in den nahezu senkrecht abfallenden Hals, der in die Flanke übergeht, diese wiederum in den Wolm. Der dickste Teil des Wolms bildet den so genannten Schlag, die Stelle, an der die Glocke angeschlagen wird. Von diesem Punkt an nimmt die Stärke der Glockenwand wieder ab und läuft in die Schärfe aus. Die Glocke schwingt am stärksten im Bereich des Schlags, während das Zentrum der Haube überhaupt nicht schwingt.

Der im Inneren der Glocke aufgehängte Klöppel kann sich frei bewegen. Er besteht aus einem Stab, der am Ende eine Verdickung aufweist, oft in Form einer Kugel. Diese trifft beim Läuten auf den Schlag (auch Schlagring oder Kranz) und versetzt die Glocke in Schwingung. Das von der Glocke erzeugte Frequenzgemisch ist kompliziert; grundsätzlich hängt es von Form, Größe und Material der Glocke ab. Die Bienenkorbglocken des Mittelalters ließen besonders die unharmonischen Teiltöne hervortreten, während Glocken mit der oben beschriebenen gotischen Rippe ein harmonisch ausgeglicheneres Klangbild zeigen, in dem die ersten fünf Teiltöne dominieren. Es ist nicht möglich, den Schlagton zu messen. Grundsätzlich ist der Klang einer Glocke aber umso tiefer je größer sie ist.

Glocke, Japan

Kleine japanische Glocke aus Eisen (Fotolia)

Weil die Glocke beim Erkalten schrumpft, kann ihr Klang nicht vorhergesagt werden. Nach dem Guss kann die erkaltete Glocke nur durch Abnahme von Material in sehr engen Grenzen abgestimmt werden. Im Allgemeinen wird dem Klang von Glocken aus Bronze der Vorzug gegeben. Glockenbronze besteht aus etwa 78 bis 80 % aus Kupfer und zu 20 bis 22 % aus Zinn. In der Regel werden auch geringe Mengen von Zink und Blei beigemischt. Der Klang von Glocken aus Eisen oder Stahl wird in Europa als eher unangenehm empfunden. In Japan dagegen wird der Klang von kleinen Eisenglocken mit der Empfindung von Kühle verbunden; sie werden deshalb im Sommer in den Wind gehängt. Ihr Klang ist leise, kurz und hell. Glocken aus Stahl ersetzten in Kriegszeiten häufig die Glocken aus Bronze, aus deren Material Kanonen gegossen wurden. Natürlich sind Glocken aus Eisen oder Stahl bei gleicher Größe auch billiger als Glocken aus Bronze.

Glocken sind seit Urzeiten auf der ganzen Welt verbreitet. Bis zum Beginn der Industrialisierung waren sie die von Menschenhand hergestellten Gegenstände, die die lautesten Geräusche erzeugen konnten und nicht zuletzt aus diesem Grund auch Größe, Macht und Herrschaft symbolisierten. Nachdem in frühester Zeit Glocken aus Holz oder auch aus hohlen Fruchtkörpern bestanden, sind Metallglocken in Asien bereits im 9. Jahrhundert vor Christus gegossen worden. In Afrika werden seit dem 8. Jahrhundert vor Christus Glocken hergestellt; hier werden sie aber nicht gegossen, sondern geschmiedet. Nach Europa kamen Glocken vor allem durch die christlichen Kirchen im Orient. So blieb bis ins 12. Jahrhundert hinein der Glockenguss das Privileg von Klöstern; erst im 13. Jahrhundert die entsprechende Handwerkerzunft. In Klöstern auch wurde der Guss größerer Glocken entwickelt. So ist der Gebrauch von Glocken seit dem 7. Jahrhundert in Europa eng mit dem Christentum verbunden. Nachdem der Benediktiner Theophilus im 10. Jahrhundert dem Glockenguss mit seiner Schrift »Schedula diversorum artium« eine Art Standard gegeben hatten – diese Glocken hatten noch die Form eines Bienenkorbes oder eines Zuckerhutes –, so wurde diese Form zugunsten der heute üblichen gotischen Form mit nach außen gebogener Glockenwand nach fortlaufenden Experimente seit dem 13. Jahrhundert aufgegeben.

Trotz der ihnen mitunter zugeschriebenen mythischen oder auch magischen Eigenschaften sind Glocken im Grunde reine Signalinstrumente. Sie rufen die Gläubigen zum Gottesdienst und zum Gebet, markieren in der römisch-katholischen Kirche den Zeitpunkt der Wandlung, werden aber auch benutzt, um außergewöhnliche Ereignisse anzuzeigen. In der Musik werden Glocken hier und da eingesetzt, meist aber durch Röhren- oder Plattenglocken ersetzt. Es gibt auch einige Kompositionen, in denen der Klang von einzelnen oder mehrere Glocken durch andere Instrumente nachgeahmt werden. Ein Beispiel bietet etwa der Teil »Das große Tor von Kiew« in Modest Mussorgskis Klavierzyklus »Bilder einer Ausstellung«.

Glocken werden meist zu mehreren beispielsweise in Kirchtürmen aufgehängt. Dabei entsteht keineswegs ein Glockenspiel, bei dem die Glocken gestimmt sind und zum Abspielen von Melodien benutzt werden. Dennoch sollte auch ein Geläute aus Glocken bestehen, die in ihrer Tonhöhe und ihrem Klang Bezug zueinander nehmen.

Glocken sind meist dem menschlichen Blick entzogen und beziehen nicht zuletzt aus diesem Umstand ihre Anziehungskraft auf Menschen. So sind Herstellung, etwaige Weihe, das Hochziehen und das Aufhängen einer Glocke immer ein viel beachtetes Ereignis.

Literatur

Mahrenholz, Christhard: Glocken-Kunde; Kassel 1948
Ellerhorst, W./Klaus, G.: Handbuch der Glocken-Kunde; Weingarten 1957
Bruhn, G.: Über die Hörbarkeit von Glocken-Schlagtönen; 1977
Kramer, K.: Beitrag zur Glocken-Kunde; Freiburg 1986
Kramer, K.: Die Glocke und ihr Geläute: Geschichte, Technologie und Klangbild vom Mittelalter bis zur Gegenwart; München 1988