Cassiber

Cassiber, deutsch-britische Band, 1982 in Frankfurt gegründet; der Name nimmt Bezug auf das Wort Kassiber, Bezeichnung für einen beispielsweise aus einem Gefängnis geschmuggelten Zettel mit einer Botschaft eines Gefangenen.

Der Pianist Heiner Goebbels und der Saxophonist Alfred Harth hatten 1976 das Sogenannte Linksradikale Blasorchester gegründet, traten aber auch als Duo auf. Cris Cutler, seinerzeit Schlagzeuger von Henry Cow, hatte diese Formation bereits 1977 gehört und kannte Goebbels, doch folgte aus dieser Bekanntschaft zunächst nichts. 1978 wurde Cutler von Mitgliedern der italienischen Band Stormy Six, die zur RIO-Gruppe gehörte, auf das Duo Goebbels/Hart aufmerksam gemacht, dies mit der Überlegung, das Duo in die RIO-Gruppe aufzunehmen. Auch dies führte nicht gleich zu einer wie auch immer gearteten Zusammenarbeit von Cutler und Goebbels/Harth, doch erinnerte sich Cutler wenige Jahre später an das Duo, als er eine Zusammenstellung für Recommended Records konzipierte. Goebbels sandte Cutler daraufhin den Song »Berlin Kudamm«, ein Hörstück, das aus teils improvisierter Musik unter Einschluss von Musique concrète bestand. Cutler störte sich daran, dass statt eines authentischen Schlagzeugs eine Drum Machine benutzt worden war und erbot sich, im Falle weiter Aufnahmen für das Duo Schlagzeug zu spielen.
Mittlerweile war der Gitarrist Christoph Anders ebenfalls zu dem Duo gestoßen, und als Goebbels und Harth tatsächlich eine LP aufnehmen wollten, kamen die vier Musiker in der Schweiz zusammen. Der Plan für gemeinsame Musik bestand darin, aus Improvisationen Musikstücke zu entwickeln, dabei sollten die Improvisationen aber nicht im Sinne freier Improvisation wie im Free Jazz,sondern schon mit Orientierung auf bereits vorhandene Musik. Es zeigte sich zunächst, dass dieser Plan sich nur schwer realisieren ließ. Trotzdem gelang es dem Quartett schließlich, genügend Musik fertigzustellen, um eine Doppel-LP produzieren zu können. »Man or Monkey?« wurde 1982 veröffentlicht.
Zu dieser Zeit hatte Cassiber bereits einige Konzertauftritte absolviert, so beim Frankfurter Jazzfestival. Dabei war es von vornherein nicht unbedingt die Absicht der vier Musiker, die Band zu institutionalisieren. Die Publikumsresonanz auf »Man or Monkey?« war aber zumal in Deutschland so große, dass ich an den Auftritt in Frankfurt diverse weitere anschlossen. Im Laufe der etwa zehn Jahr ihres Bestehens trat Cassiber bei jedem größeren Jazz-Festival im Europa auf, dann auch in Asien und Nord- und Südamerika.
»Man or Monkey?« folgte 1984 »The Beauty and the Beast«, 1986 »Perfect World«. Gelegentlich arbeitete Cassiber mit anderen Bands zusammen, etwa mit Duck & Cover – zu der Harth, Cutler, Goebbels, Dagmar Krause, Tom Cora und Fred Frith gehörten – und Cassix, ein Zusammenschluss mit Musikern von Stormy Six. »Perfect World« war das erste Album nachdem Alfred Harth die Gruppe verlassen hatte. Das Trio aus Goebbels, Cutler und Anders trat weiterhin auf und nahm gelegentlich auch auf, doch wurden die in den Jahren 1986 bis 1989 fertiggestellten Aufnahmen zunächst nicht veröffentlicht; dies geschah erst 2012. Cassiber präsentierte noch ein Album, »A Face We All Know« von 1990 war das letzte. 1992 lösten Goebbels, Anders und Cutler ihre Band auf, die danach nur noch einmal, 1998, für ein Konzert mit dem Komponisten Yoshihide Otomo in Tokyo zusammenkam.
Das Konzept der vier Musiker von Cassiber erscheint auf den ersten Blick weit radikaler und anarchistischer, als es im Konzert dann tatsächlich real wurde. Was genau passieren konnte, gibt ein kurzer Text auf der LP »The Beauty and the Beast« an, in dem zwar gesagt wird, dass die gesamte mit dem Album präsentierte Musik von Cassiber stammte – aber mit Ausnahmen: »Und ich werde nicht mehr sehen« von Hanns Eisler, »At Last I Am Free« von Nile Rodgers (Chic), dazu etwas Text aus einer Kantate von Johann Sebastian Bach. Die Musiker ließen Assoziationen zu beliebiger anderer Musik einerseits freien Lauf, andererseits wurden sie aber auch von jedem der Musiker provoziert, wobei Goebbels und Anders auch Töne und Geräusche von vorgefertigten Tonband-Kassetten, von einer wilden Ansammlung verschiedener Musikinstrumente und Geräuscherzeuger und später von Samplern einbezogen. Alfred Harth begann in diesen Jahren, mit Bandgeräten und dann bald auch Samplern zu experimentieren und war damit innerhalb des Feldes von Jazz und Rock durchaus ein Vorreiter. Zur Canterbury Scene gehört die Band eigentlich nur durch die Verbindung zu RIO und damit zu Chris Cutler. Mit der Klangwelt des »typischen« Canterbury Sounds hat die Musik von Cassiber wenig gemein.


Diskografie

Man or Monkey? (1982)
The Beauty and the Beast (1984)
Perfect Worlds (1986)
A Face We All Know (1990)
Live in Tokyo (1992; mit Yoshihide Otomo)
The Way It Was (2012; Aufnahmen von 1986-89)
Sämtliche Alben wurden auch als Gesamtausgabe vorgelegt: The Cassiber Box (2013; Aufnahmen von 1982-1992)


Weblinks

http://www.ccutler.com/ccutler/bands/group06.shtml#cassiber (Website von Chris Cutler mit Text zu Cassiber)
http://www.heinergoebbels.com/en/archive/works/complete/view/345/info (Website von Heiner Goebbels mit Liste der Auftritte von Cassiber sowie einigen Abbildungen von Konzertplakaten)
http://www.jazzcity.de/index.php/reviews-2014-neu/1415-cassiber-1982-1992 (Website mit ausführlicher Würdigung der Band anlässlich der Veröffentlichung von »The Cassiber Box«; Autor: Michael Rüsenberg)