Chris Cutler

Cutler, Chris, britischer Schlagzeuger, Song-Texter, Musikschriftsteller und Label-Eigner, * Washington, D.C. (USA) 4.1. 1947

Chris Cutlers Vater war Brite, der als Auslandskorrespondent in den USA arbeitete, seine Mutter war Österreicherin. So wurde Cutler zwar in Washington geboren, wuchs aber ab 1948 in England auf, wohin seine Eltern zurückgekehrt waren. Während seiner Schulzeit setzte er sich mit Musikinstrumenten wie Banjo, Gitarre, Trompete und Querflöte auseinander, sein Interesse wurde aber erst durch das Schlagzeug geweckt, nicht zuletzt,weil er als Schlagzeuger in einer Band spielen wollte. Cutler lernte das Instrument autodidaktisch, gründete 1963 seine erste Band, die Songs von seinerzeit aktuellen Bands wie The Shadows und The Ventures nachspielte. Später saß er auch in Rhythm’n’Blues- und Soul-Bands hinter den Trommeln und Becken. Mit der Psychedelic-Rock-Band Louise war er etwa drei Jahre lang verbunden, und suchte nach deren Auflösung – er war längst professioneller Musiker – mittels Anzeigen in der Musikzeitschrift Melody Maker nach einer neuen Band. Immerhin führte dies zu einer kurzen Zusammenarbeit mit dem Keyboard-Spieler Dave Stewart, mit dem Cutler The Ottawa Music Company gründete.
Die Anzeigen Cutlers hatte aber auch Fred Frith von der in Cambridge gegründeten Band Henry Cow gelesen; die Band war auf der Suche nach einem neuen Schlagzeuger. Cutler wurde Mitglied der Band und war ihr bis zu deren Auflösung 1978 verbunden. In diesen Jahren hatte er viele Musiker kennengelernt und mit der Band auch die RIO-Bewegung angestoßen.
Cutler gründete nach Auflösung von Henry Cow das Independent-Label Recommended Records, denn die Erfahrungen mit dem Musikgeschäft, insbesondere mit Virgin Records, hatten ihn – und die übrigen Mitglieder von Henry Cow – zu der Überzeugung gebracht, dass nach ihrem Verständnis kreierte und produzierte Musik unabhängig vermarktete und vertrieben werden konnte und musste. Folgerichtig war an Recommanded Records auch ein Vertrieb angeschlossen. 1982 gründete Cutler mit November Books auch einen Verlag, 1991 mit Points East ein weiteres Label.
Die Auflösung von Henry Cow war akkurat geplant worden und Cutler hatte mit Frith und Dagmar Krause bereits einige Monate vorher die Formation Art Bears gebildet; für die Songs dieser Band schrieb Cutler auch die Texte. 1982 gründete er mit den deutschen Musikern Heiner Goebbels, Alfred Harth und Christoph Anders die Band Cassiber, die in den zehn Jahren ihres Bestehens fünf Alben vorlegte und weltweit auf Konzertriesen ging. News from Babel, von ihm 1983 ins Leben gerufen, brachte ihn weder mit Frith und Dagmar Krause zusammen; zu der Band gehörte außerdem die amerikanische Harfenistin Zeena Parkins. News from Babel bestand zwar nur drei Jahre und trat auch nicht öffentlich auf, präsentierte aber insgesamt zwei Alben, bei deren Aufnahmen sie beispielsweise von Robert Wyatt und der Sängerin und Film-Autorin Sally Potter unterstützt wurde. Einige Jahre lang, von etwa 1982 bis 1989 war Cutler auch in den Bands des amerikanischen Sängers David Thomas engagiert, war Mitglied der von Thomas gegründeten Band The Pedestrians, der auch die Fagottistin Lindsay Cooper, Weggefährtin aus den Tagen von Henry Cow, angehörte, dann von 1987 bis 1989 Schlagzeuger bei Pere Ubu.
1991 arbeitete Cutler mit dem deutschen Komponisten und Musiker Lutz Glandien zusammen und nahm mit ihm den Song-Zyklus »Domestic Stories«; das Duo wurde dabei einmal mehr von früheren Mitgliedern von Henry Cow unterstützt, dieses Mal waren es Dagmar Krause und Fred Frith. Cutler kam mit Glandien 1994 noch einmal 1994 zusammen, Resultat war das Album »Scenes from no Marriage«, sowie unter dem Titel P53 in einer für das 25. Frankfurter Jazz Festival zusammengestellten Musiker-Gruppierung.
In den 1990er-Jahren gründete Cutler weitere Bands, so 1993 The (ec) Nudes, 1997 The Science Group – die Band wurde 2003 kurzzeitig wiederbelebt –, setzte sich 1998 für HeXtet, die Band des Pianisten und Organisten John Wolf Brennan, an das Schlagzeug. In all diesen Formationen kam er einerseits mit Veteranen des britischen Jazz – beispielsweise mit der Sängerin Julie Tippetts (Julie Driscoll), dem Saxofonisten Evan Parker und dem Posaunisten Paul Rutherford – zusammen, andererseits immer wieder mit jungen Musikern aus der ganzen Welt. Natürlich gehören Dagmar Krause, Fred Frith, Tim Hodgkinson, John Greaves und Peter Blegvad – allesamt einst bei Henry Cow aktiv – immer wieder mal zu seinen Partner, andere waren und sind außer den Genannten etwa Jon Rose, René Lussier, Jean Derome, Tom Cora, Aksa Maboul, die Bands The Work, Duck and Cover, Les 4 Guitaristes de l’Apocalypso-Bar, Kalahari Surfers, Hail, Biota, Brainville 3 und The Residents.
Cutler ist sicherlich der umtriebigste Protagonist der Canterbury Scene, nicht nur als Musiker, nicht nur als Verfasser von Songtexten, als Musik-Geschäftsmann – wenn er, politisch links eingestellt, diesen Begriff wohl auch kaum favorisieren würde –, und nicht zuletzt als Theoretiker und als Chronist mindestens der Band Henry Cow. Seine Äußerungen zur Musik und zum Musikgeschäft wie auch zur Stellung des Musikers werden stets aufmerksam beachtet. Als Musikphilosoph ist er ein wachsamer Kritiker, der beispielsweise früh die Problematik des Samplens erkannte, deren Wesen beschrieb und ihre Bedeutung für die heutige Musik einordnete. Er selbst ist dabei kein der Technik abholder Bilderstürmer, sondern war immer am Experiment interessiert. So versah er sein Instrument früh mit integrierter Tonabnahme und experimentierte nicht nur mit diversen Gerätschaften zur Erzeugung perkussiver Klänge, sondern eben auch mit diversen elektronischen Geräten. Technik wird ihm aber nicht zum Selbstzweck: Jahrelang spielte er ein recht kleines Drum Set mit relativ kleinen Trommeln, deren Zargen mit bunter Landschaftsmalerei versehen waren. Als ihm dieses Set bei einem Auftritt mit den Pedestrians in Berlin immer wieder mal zusammenstürzte, bat ihn Lindsay Cooper genervt, doch endlich ein neues Drum Set zu kaufen. Cutler wollte dem nicht nachkommen, dieses hier sei doch noch gut. In Gestik und mitunter auch in der Ausformung seines Spiels erinnert er während des Spiels immer wieder mal an den »typischen« Rockschlagzeuger der 1960er-Jahre, bis er irgendein Blechteil hervorholt, auf die Snare legt und auf es einschlägt.


Werk

The Henry Cow Book; 1981; mit Tim Hodgkinson
File Under Popular; London 1984


Diskografie

A Descent Into the Maelstrom (2001)
Twice Around the World (2005)
There and Back Again (2006)


Mit Aksak Maboul

Un Peu de l’Âme des Bandits (1980)


Mit The Work

Live in Japan (1982)


Mit Lindsay Cooper, Bill Gilonis, Tim Hodgkinson, Robert Wyatt

The Last Nightingale (1984)


Mit News from Babel

Work Resumed on theTower (1984)
Letters Home (1986)


Mit David Thomas and the Pedestrians

Winter Comes Home (1983)
Variations on a Theme (1983)
More Places Forever (1985)


Mit Duck and Cover

Re Records Quarterly Vol. 1 No. 2 (1985)


Mit Les 4 Gitaristes de l’Apocalypso-Bar

Tournée Mondiale/Été ‚9 (1987)
Fin de Siècle (1989)


Mit Hail

Kirk (1992)


Mit Lutz Glandien

Domestic Stories (1993)
Scenes from no Marriage (1994)


Mit The (ec) Nudes

Vanishing Point (1994)


Mit P53

P53 (1996)


Mit Biota

Object Holder (1995)

Mit Zeena Parkins

Shark! (1996)


Mit René Lussier und Jean Drome

Three Suite Piece (1996)


Mit John Wolf Brennan

Through the Ear of a Raindrop (1998)


Mit Thomas Dimuzio

Quake (1999)


Mit the Science Group

A Mere Coincidence (1999)
Spoors (2003)


Mit Roberto Musci, Jon Rose und Claudio Gabbiani

Steel Water Light (2001)


Mit Vril

Effigies in Corg (2003)
The Fatal Duckpond (2009)


Mit Thomas Dimuzio und Fred Frith

Godlen State (2010)


Weitere mit Henry Cow, Art Bears, Cassiber, Peter Blegvad, Brainville 3


Weblink

http://www.ccutler.com (Offizielle Website des britischen Schlagzeugers Chris Cutler)