Lester Bowie

Bowie, Lester, amerikanischer Jazzmusiker (Trompete, Flügelhorn, Gesang, Komposition), * Frederick (Maryland) 11. 10. 1941, † New York 8. 11. 1999.

Lester Bowie begann unter Anleitung seines Vaters im Alter von fünf Jahren mit dem Trompetenspiel. Bereits als Jugendlicher spielte er in Blues- und Rythm ’n‘ Bluesgruppen seiner Heimatstadt Saint Louis, später unter anderem mit Little Milton, Albert King, Solomon Burke, Joe Tex und Rufus Thomas. 1965 übernahm er die Leitung der Band der Sängerin Fontella Bass; mit Bass war er zeitweilig verheiratet. Als Mitbegründer rief er 1965 die Black Artists Group (BAG) ins Leben und war auch an der Gründung des Black Music Orchestras in St. Louis beteiligt. Nach seinem 1965 erfolgten Wechsel nach Chicago arbeitete Bowie zunächst als Studiomusiker. Die Begegnung mit Muhal Richard Abrams und Roscoe Mitchell führte zu seiner Mitgliedschaft in der Association for the Advancement of Creative Musicians (AAMC). Mit Joseph Jarman und Malachi Favors, beide ebenfalls Mitglieder des AAMC, gründete Bowie 1968 The Art Ensemble of Chicago, als dessen Kopf er gilt. Die zunehmende Reputation Bowies ergab eine Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger J. DeJohnette, zu dessen Quartett New Directions er bald gehörte. Seit Ende der 1960er-Jahre nahm Bowie mit zahlreichen Jazzmusikern von Rang auf, darunter A. Shepp, S. Murray, Jimmy Lyons, A. Blythe und C. Taylor auf; 1969 komponierte er das Stück »Gettin‘ to know y‘ all« für das Baden-Badener Free Jazz Ochestra. Kurzzeitig lebte und arbeitete Bowie in Jamaika und hielt sich 1974 im Senegal auf, wo er mit dem Saxophonisten Fela Kuti zusammentraf.
1984 gründete Bowie seine Gruppe Brass Fantasy, zu der außer dem obligaten Schlagzeuger ausschließlich Bläser gehörten. Weniger bekannt wurden seine Gruppe From The Roots To The Source und zwei weitere Ende der 1980er-Jahre von ihm gegründete Ensembles, das New York Organ Ensemble mit der Organistin Anima Claudine Myers und das Hip Hop Philharmonic Orchestra. In letzteren Formationen ermöglichte der Trompeter auch jungen Musikern, eine eigene Stimme zu finden.
Als Trompeter bildet Bowie quasi den Gegenpart zu Trompetern des modernen Jazz, in dem er auf frühe Techniken des Jazztrompetenspiels wie Half-Valve-, Slide- und Growl-Effekte zurückgriff. Ohnehin basierte sein Stil auf vokalen Mustern, kenntlich nicht nur an seiner Klanggebung, sondern auch darin, dass er das Spiel im Ensemble als Rede und Gegenrede auffasste und sich mit mitunter sehr kurzen, wie als Kommentar zu dem von anderen Musikern »Gesagten« wirkenden Einwürfen integrierte. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Bowie unter den Jazztrompetern besonders Louis Armstrong und dessen gesamtes Schaffen verehrte.
Lester Bowies Hang zu theatralischer Komik – so trat er ausschließlich in einem weißen Arztkittel auf –, und permanenter, oft latenter Parodie wie Provokation dürften dafür gesorgt haben, dass seine Stellung im Jazz die eines beachteten Außenseiters blieb. Seine These, dass alle schwarze Musik gleichwertig ist und die afrikanischen Wurzeln in der afroamerikanischen Musik hervorgehoben, andererseits aber auch deren Auswirkungen auf die »weiße« Musik beachtet werden müssten, führte nicht nur zu »afrikanischen« Verkleidungen etwa des Art Ensemble Of Chicago, sondern auch zu einer gewissen Beliebigkeit im Repertoire vor allem der Brass Fantasy. Deren Aufgabe sah Bowie auch darin, schwarze Musiziertraditionen etwa der Marching Bands aufzugreifen und in einen zeitgemäßen Kontext zu überführen. Nicht zuletzt daraus folgte auch Bowies Kritik an der konservativen Haltung des Trompeters W. Marsalis. Mitunter allerdings mündete die geistreiche Ironie seiner Versionen von mehr oder weniger aktuellen Pop-Songs etwa von Whitney Houston, M. Jackson, Marilyn Manson und den Spice Girls bei aller instrumentalen Gewitzheit in bloßem Klamauk und sein eigentliches Anliegen blieb nebulös. Dennoch gehören vor allem seine Aufnahmen mit dem Art Ensemble of Chicago zu den bedeutenden Äußerungen des Jazz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Diskografie

The fifth power (1978)
African children (1978)
The great pretender (1981)
Avant pop (1986)
My way (1990)
The fire this time (1992)
The organizer (1991)
Coming home Jamaica (1996)
The odyssey of funk and popular music (1998)

 

Weblinks

http://www.artensembleofchicago.com (Offizielle Website des Art Ensemble of Chicago)