Nucleus (Band)

Nucleus, britische Jazz-Gruppe, 1969 von dem Trompeter Ian Carr (* 1933, † 2009) in London gegründet.

Ian Carr hatte als Jugendlicher autodidaktisch das Spiel der Trompete gelernt, war Anfang der 1960er-Jahre in Newcastle Mitglied der EmCee Five, der Jazz-Combo seines Bruders Mike, und gründete 1963 mit dem Saxophonisten Don Rendell das Rendell-Carr Quintet, eine klassische Quintettbesetzung. Ermüdet von der immergleichen Folge von Thema-Improvisation-Thema suchte Carr nach neuen Wegen formaler Gestaltung. Er sah diese nicht im Free Jazz, sondern weit eher in einer Annäherung von Jazz und Rock.
Carr verließ das Rendell-Carr Quintet und gründete Ende 1969 das Sextett Nucleus, zu dem außer ihm die Holzbläser – Oboe, Querflöte, Saxophone – Karl Jenkins und Brian Smith, der Gitarrist Bernie Holland, der Bassist Jeff Clyne und der Schlagzeuger John Marshall gehörten; Holland blieb nur wenige Wochen, für ihn kam der Gitarrist Chris Spedding in die Band. Nucleus war von Anfang an erfolgreich: Die Band erhielt einen Vertrag bei Vertigo Records, veröffentlichte 1970 das Album »Elastic Rock« und wurde daraufhin von John Peel in dessen Radio-Show Top Gear eingeladen. Auf diesen Auftritt hin wählte die BBC Nucleus aus, beim Jazz Festival in Montreux 1970 Großbritannien zu vertreten. An diesen Auftritt schloss sich ein Konzerttermin beim Newport Festival an.
Dem verheißungsvollen Auftakt folgte die Routine. Auch von Rückschlägen blieb die Band nicht verschont: Schon 1971 verließen Spedding und Clyne verließen die Band und wurden durch den Keyboard-Spieler Dave MacRae und den Bassisten Roy Babbington ersetzt; Ende des Jahres ging John Marshall – er übernahm das Schlagzeug bei der Band von Jack Bruce –, und Mitte 1972 nahm auch Jenkins seinen Abschied. Für die Aufnahmen von »Belladonna« fand Carr zwar Musiker wie Clive Thacker und Tony Levin für die Drums, außerdem den Perkussionisten Trevor Tomkins, den Pianisten Gordon Beck und den Gitarristen Allan Holdsworth, veröffentlicht wurde die LP aber nicht unter dem Namen der Band, sondern als Solo-Album Carrs. Auf »Belladonna« folgte in kurzem Abstand »Labyrinth«, dann »Roots«, dann wieder als Nucleus-Veröffentlichungen.
Mittlerweile sah Carr seine Band nicht mehr als fixe Institution, sondern eher als eine ständig präsente Möglichkeit. Musiker kamen und gingen, lang ist die Liste, auf der sich viele Namen von Musikern finden, die im britischen Jazz und Jazzrock der 1970er- und 1980er-Jahre eine Rolle spielten: Geoff Castle (Keyboards), Roger Sellars (Schlagzeug), Phil Todd (Saxophone), Paul Carmichael (Bass), Kenny Wheeler (Trompete), Harry Beckett (Trompete), Tony Coe (Holzbasinstrumente), John Taylor (Hammond-Orgel), Norma Winston (Gesang), Dill Katz (Bass), Mo Foster (Bass) Ray Russell (Gitarre) und weitere mehr. Dem in Großbritannien fehlenden Publikumsinteresse setzte Carr mit Nucleus mit langen Konzertreisen, die die Formation bis nach Indien und Südafrika führte, etwas entgegen, und regelmäßig veröffentlichte er in den 1970er-Jahren Alben, weniger dann in den 1980er-Jahren.
1988 veröffentlichte Carr wieder unter seinem eigenen Namen das Album »Old Heartland«, dennoch so etwas wie der Schwanengesang der Band. Für die bereits 1986 von Carr geschriebene Komposition »Northumbrian Sketches« war die band um ein Streichorchester verstärkt, insgesamt aber ein für Nucleus untypisches Werk, in dem die Band eine untergeordnete Rolle. Danach nutzte Carr den Namen Nuecleus nicht mehr, sondern beließ es bei Ian Carr Group.
Nucleus trat 2005 noch einmal auf, 2007 unter dem Namen Nucleus Revisited, allemal ehemalige Mitglieder der Formation, und Ian Carr nahm wegen seiner angegriffenen Gesundheit nicht an dem Auftritt teil. Ende 2009 kam Nucleus Revisited noch einmal für ein Konzert im Ronnie Scott’s Jazz Club zusammen.
Nucleus war Zeit ihres Bestehens sicherlich eine der bedeutendsten Jazzrock-Gruppen Europas, wenn auch eher im Verborgenen. Denn der Publiksumzuspruch entsprach zu keiner Zeit dieser Bedeutung. Für den Canterbury Rock ist die Gruppe von einiger Relevanz, spielten hier doch Musiker wie Karl Jenkins, Dave MacRae, Roy Babbington, John Marshall und Allan Holdsworth. Die Musiker von Nucleus, Carr eingeschlossen, waren auch an Keith Tippetts Orchester Centipede beteiligt. Carr selbst war stets an der Verbindung von Jazz und Rock interessiert, wie etwa auch sein langjähriges Engagement beim United Jazz and Rock Ensemble beweist.
Ian Carr ist auch als Autor von Büchern über Jazz und Jazzmusiker hervorgetreten, seine Bücher über den amerikanischen Trompeter Miles Davis und den amerikanischen Pianisten und Saxophonisten Keith Jarrett gelten als Standardwerke. Als Musik-Lexikograph war Carr einer der Autoren des »Rough Guide to Jazz«.


Werke

Musik Outside; 2003, 22008
Miles Davis: A Critical Biography; 1982, überarbeitet 31998
Keith Jarrett: The Man and his Music; 1992


Diskografie

Elastic Rock (1970)
We’ll Talk About It Later (1970)
Solar Plexus (1971)
Labyrinth (1973)
Roots (1973)
Under the Sun (1974)
Alleycat (1975)
Snakehips Etcetera (1975)
In Flagranti Delicto (1977)
Out of the Long Dark (1979)
Awakening (1980)
Live at the Theaterhaus (1985)
The Pretty Redhead (2003;Aufnahmen von 1971 und 1982)
Live in Bremen (2003; Aufnahmen von 1971)
Hemispheres (2006; Aufnahmen von 1970 und 1971)
UK Tour ‘76 (2006; Live-Aufnahmen von 1976)
Live in Europe 1970-71 (2009; Aufnahmen von 1970 und 1971)


Ian Carr Solo

Belladonna (1972)
Old Heartland (1989)


Weblink

http://iancarrsnucleus.webs.com (Offizielle Website des britischen Trompeters und Bandleaders Ian Carr)