swing

swing, englisch für »schwingen«, metrisch-rhythmisches Phänomen, das besonders im Jazz, vereinzelt aber auch in Country Music und Rock auftritt; Existenz wie Entstehen des Phänomens sind nicht endgültig geklärt und daher unter Musikern wie Musikhörern umstritten; um das Phänomen vom Jazzstil Swing zu unterschieden, wird die Bezeichnung im Deutschen vorwiegend klein geschrieben.

Swing als dem Jazz immanentes Phänomen hat zwei Seiten: Eine der Urheberschaft – der Musiker kann und soll ein Musikstück »zum Swingen« bringen, getreu Duke Ellingtons Jazz-Komposition »It Don’t Mean a Thing (If It Ain’t Got That Swing)« –, zum anderen muss der Hörer den swing wahrnehmen und als solchen erkennen und benennen können. Wenn ein Musiker ein Stück Musik »zum Swingen« bringen kann, sollte es ihm auch möglich sein, das Entstehen von swing beschreiben zu können. Dies ist nicht der Fall, es gibt keine eindeutige Antwort eines Musikers auf die Frage, wie er swing erzeugt. Ähnlich ist es auf der Rezipientenseite, denn es gibt durchaus Hörer, die swing nicht wahrzunehmen scheinen.
Es hat im Laufe der Jahrzehnte nach 1945 einige wissenschaftliche Untersuchungen gegeben, die das Phänomen zu beschreiben und sein Entstehen zu erklären suchen, so unter anderem von dem Schweizer Musikwissenschaftler Jan Slawe, dem österreichischen Musikwissenschaftler Alfons M. Dauer, dem Schweizer Jazzmusiker und -theoretiker Joe Viera, dem deutsche Jazzmusiker Carlo Bohländer und dem deutschen Jazzmusiker und Musikwissenschaftler Ekkehard Jost. All diese Untersuchugen laufen darauf hinaus, dass es sich bei swing um ein Spiel mit der Zeit handelt, das seine Ursache in dem Zusammenprall von europäischer Auffassung von Metrum und Rhythmus mit der afrikanischen Auffassung hat.
Nach Riemann wird in der europäischen Musik – erst recht in der traditionellen Kunstmusik – der Takt nach den Vorgaben des Metrums im Rhythmus unterteilt: Ein Vier-Viertel Takt umfasst demnach also vier Viertel, acht Achtel, sechzehn Sechzehntel usw. Das Metrum des Taktes, in diesem Fall der Wechsel von schwer-leicht bleibt dabei in jeder Unterteilung erhalten. Solange der Rhythmus an dieser Vorgabe gebunden ist, kann kein swing entstehen. In der Musik Afrikas dagegen entstehen Takte und damit Metren erst, wenn der Rhythmus Eindeutigkeit erlangt, das Metrum ergibt sich also aus Addition von rhythmischen Ereignissen. Sämtliche dieser rhythmischen Ereignisse lassen sich auf Zweiwertigkeit und Dreiwertigkeit zurückführen. Was in der europäischen Kunstmusik also beispielsweise ein Fünf-Viertel-Takt ist mit eindeutigen Verteilung von schwer-leicht, ist in einer in Afrika beheimateten Musik eine Folge von 2+3 oder 3+2. Ein Vier-Viertel-Takt ist somit eine Folge von 2+2. Wenn diese beiden Auffassungen von Zeit, Metrum und Rhythmus gleichzeitig auftreten, entsteht aufgrund der Unvereinbarkeit swing.
Swing ist somit kein feststehender Rhythmus, der sich möglicherweise auch noch notieren ließe, sondern Sdas Ergebnis der Überlagerung von durch 2 teilbaren Zeiteinheiten mit durch 3 teilbaren Zeiteinheiten. Im Sinne der europäischen Notationsweise könnte ein Vier-Viertel-Takt also komplett mit Triolen angefüllt werden, es ergäbe sich damit die so genannte »ternäre« Spielweise. Alternativ wäre es natürlich möglich, aus einem Vier-Viertel-Takt grundsätzlich einen 12/8-Takt zu machen. Es liegt auf der Hand, dass Notenwerte, die sich aus der Teilung von 2 durch 3 ergeben innerhalb desselben Zeitraums nicht exakt gespielt werden können. Aus dieser Unmöglichkeit ergibt sich das Phänomen des swings; der Musiker kann es natürlich durch seine Phrasierung noch hervorheben.
Auch ein einzelner Musiker mit einem einstimmigen Musikinstrument kann ein Stück Musik zum Swinge bringen, indem er sich ein zweiwertiges Metrum vorstellt, dazu aber dreiwertig spielt. Swing tritt umso deutlicher hervor, je mehr sich die metrisch-rhythmischen Auffassungen von zwei verschiedenen Musikern unterscheiden, beispielsweise ein Schlagzeuger im Vier-Viertel-Takt exakt zweiwertig spielt, der Bassist aber dreiwertig.
Swing kann im Prinzip in jeder Art von Musik auftreten und tatsächlich ist es eine auch in der traditionellen europäischen Kunstmusik bekannte Erscheinung, die allerdings abgelehnt und gemieden wird. Gelegentlich erscheint swing sogar bei Schallplattenaufnahmen von barocker Musik.

Literatur

Slawe, Jan: Einführung in die Jazzmusik; Basel 1948
Dauer, Alfons M.: Der Jazz, Kassel 1958
Berendt, Joachim Ernst: Das neue Jazzbuch; Frankfurt/Main 1959, 61965
Dauer, Alfons M.: Jazz, die magische Musik – Ein Leitfaden durch den Jazz; Bremen 1961
Schuller, Gunther: Early Jazz – Its Roots and Musical Development; New York/Oxford 1968
Viera, Joe: Grundlagen der Jazzrhythmik; Wien 1970
Heister, Hans-Werner: Jazz; Reihe Musik aktuell – Analysen, Beispiele, Kommentar; Kassel, Basel, London 1983
Jost, Ekkehard: Stichwort swing, in: Kampmann, Wolf (Hrsg.): Reclams Jazzlexikon; Stuttgart 2003