Chicago

Chicago, amerikanische Rockband, 1967 in Chicago (Illinois) aus der Band The Big Thing als Chicago Transit Authority hervorgegangen; Anfang 1969 wurde der Bandname auf Chicago verkürzt, um einer juristischen Auseinandersetzung mit der Chicagoer Verkehrsgesellschaft gleichen Namens aus dem Wege zu gehen.

Bandbiografie

Mitte der 1960er-Jahre hatten sich mehrere Musikstudenten der Chicagoer DePaul University zusammengefunden, um abseits ihrer klassischen Instrumentalausbildung in einer Cover-Band Konzerterfahrung zu gewinnen. Die Band vergrößerte sich ständig, bis die Musiker als The Big Thing das Hobby zum Beruf machten. Zum Kern der Gruppe gehörten der Pianist und Organist Robert Lamm, der Trompeter Lee Loughnane, der Saxophonist Walter Parazaider, der Posaunist James Pankow und der Schlagzeuger Danny Seraphine. Zu diesen akademisch vorgebildeten Musikern stießen die instrumentalen Autodidakten Terry Kath (Gitarre, Gesang) und Peter Cetera (Bassgitarre, Gesang). Die Besetzung ermöglichte es der Band, Elemente von Rhythm ’n‘ Blues, Rock und Jazz zu mischen, gelegentlich aber auch Beigaben klassischer Kunstmusik einzufügen. Nahezu alle Mitglieder schrieben auch Songs, allen voran Lamm, Kath und Cetera; die Bläsersätze arrangierte in der Regel Pankow.

1968 ging die komplette Band, deren Managment inzwischen der Produzent James William Guercio übernommen hatte, nach Los Angeles, wo sie über Monate in dem Musikclub Whisky a gogo täglich auftrat. In Los Angeles auch wurde der kompakte Gruppensound entwickelt, dessen Eckpfeiler die Bläsersätze – und Soli waren, die vor allem von Terry Kath mit excellentem Gitarrespiel unterstützt wurden. Ein weiterer Vorteil der Band lag darin, dass Kath, Lamm und Cetera gleichermaßen als Leadsänger fungieren konnten.

Die erste LP erschien im Frühjahr 1969 noch unter dem Namen Chicago Transit Authority. Von Anbeginn fand die seinerzeit neue und frische Mischung von Rock und Jazz Anklang beim Publikum. Gegenüber der fast gleichzeitig erschienen LP »Child is father to the man« der ebenfalls obligat mit einer Bläsersektion besetzten Band Blood, Sweat and Tears erschien der Gesamtklang Chicagos mehr dem Rock und Soul verhaftet, und auch die Songs zeigten nicht den »britisch« anmutenden Eklektizismus der Konkurrenz.

Wie die erste Veröffentlichung bestanden auch die folgenden Alben »Chicago« (1970) und »Chigago III« (1971) aus Sets zu je zwei LPs. Vor allem »Chicago«, später als »Chicago II« bezeichnet, brachte der Band weltweiten Erfolg. Songs wie »Make me smile«, »Colour my world« und besonders »25 or 6 to 4« stiegen in die Spitzen der Hitparaden und popularisierten ein Genre, das fortan mit nicht unanfechtbarer Berechtigung mal Jazzrock, mal Rockjazz genannt wurde.

Den Abschluss dieser ersten Phase der Karriere der beinahe unablässig Konzerte gebenden Gruppe bildete die Veröffentlichung einer Kassette mit vier LPs. Die üppig mit einem großformatigen Booklet und einem quadratmetergroßen Poster ausgestattete Box enthielt Aufnahmen aus einigen Konzerten, die die Band in der Carnegie Hall in New York gegeben hatte. Bis auf einen Song handelte es sich um häufig solistisch ausgedehnte Versionen der auf den drei zuvor veröffentlichten LPs enthaltenen Songs.

Der einzige neue Song trug den Titel »Song for Richard and his friends«, eine sarkastische Anspielung auf den damaligen Präsidenten der USA, Richard Nixon. Die Gruppe hatte auf allen LPs dieser Phase aus ihrer politischen Einstellung – in erster Linie bezog sie Stellung gegen den Krieg in Vietnam – keinen Hehl gemacht. Auf der ersten LP etwa waren die Sprechchöre einer Studentendemonstration gegen den Krieg zu hören (»The whole world’s watching«), auf der zweiten war es in erster Linie der programmatisch betitelte Song »It better ends soon«, die dritte LP schließlich kam im Gewande eines Tarnstoffes und enthielt ein von Lamm vorgetragenes Gedicht gegen den Krieg.

»Chicago V« zeigte dann eine allmähliche Abkehr von direkten politischen Stellungnahmen. Mehr und mehr gerieten ausgetüftelte, raffiniert arrangierte Popsongs mit gängigen Themen in den Fokus des Interesses der Musiker, es erschienen nur noch einzelne Platten – Chicago hatte sich im Mainstream der Rockmusik einen sicheren Platz erobert. Immer wieder gelang es zwar, in die Top Ten der Hitparaden aufzusteigen, aber Songs wie »25 or 6 to 4« schienen nicht mehr im Bereich des Möglichen zu stehen.
Die Band hatte nun eine derartig hohe Reputation erlangt, dass vor allem die drei Bläser immer wieder von anderen Bands und Musikern um Unterstützung gebeten wurden. Loughnane, Parazaider und Pankow tauchten so z. B. bei der einzigen Platte der Formation Gerard auf. Umgekehrt waren bekannte Musiker auch auf Produktionen Chicagos zu hören, so etwa The Beach Boys oder The Pointer Sisters, die schon auf Lamms einziger Solo-LP gesungen hatten.

Der Unfalltod des Gitarristen Terry Kath 1978 unterbrach die Erfolgsgeschichte der Band. Die Umstände des Todes sind nicht restlos geklärt: Kath, ein Waffennarr, hatte sich versehentlich selbst erschossen – ob beim Reinigen einer noch geladenen Waffe oder durch puren Leichtsinn, als er sich eine Pistole an den Kopf hielt und – in der Annahme, dass sie nicht geladen sei – abdrückte und sich damit tötete, ist ungeklärt.

Der Schock über den Tod von Kath – als Gitarrist ebenso wenig zu ersetzen wie als Sänger und Songschreiber –, ließ die anderen Bandmitglieder zunächst an die Auflösung der Guppe denken. Mit einigem Abstand vom tragischen Geschehen entschloss man sich dann aber doch, die Band mit einem neuen Gitarristen fortleben zu lassen. Nach quälend langer Suche engagierte man den Gitarristen Donnie Dacus, der zum Umfeld von Crosby, Stills und Nash gehört hatte.

Die erste mit Dacus veröffentlichte LP ist zugleich auch neben »Stone of Sysiphos« (2008) die einzige LP der Band, die einen eigenen Titel trägt. »Hot Streets« führte aber auch drastisch vor, dass der neue Mann möglicherweise eine Alternative zu Kath bot, aber weder über dessen Qualitäten als Sänger noch als Gitarrist verfügte. Dacus verließ bereits 1979 wieder die Band und wurde durch die Gitarristen Bill Champlin und Chris Pinnick ersetzt; Champlin übernahm auch diverse Keyboard-Parts.

Bis zum Tode von Kath war Chicago für eine Rockband personell außerordentlich beständig. Lediglich 1973 hatte man den brasilianischen Perkussionisten Laudir de Oliveira in die Band genommen, der sie allerdings 1980 wieder verließ.

1978 auch kam es zum Bruch mit dem langjährigen Erfolgsgaranten, dem Produzenten James William Guercio. 1981 glaubte die Band in David Foster einen kompetenten Nachfolger gefunden zu haben. Foster traute den instrumentalen Fähigkeiten der Gruppe nicht und zog zu den Aufnahmen zu »Chigago 16« einige Musiker von Toto hinzu. Der Effekt des starren blicks auf die Hitparade zeigte sich darin, dass die ausgekoppelte Single »Hard to say I’m sorry« Platz 1 der amerikanischen Charts eroberte und »Chicago 17« das meistverkaufte Album der Band wurde. Der Preis war hoch: der Gruppensound war an den der großen Stadion-Bands angeglichen worden, die Bläser spielten eine untergeordnete Rolle als Klangfarbenlieferanten und das politische Engagement war völlig verschwunden.

1985 verließ Peter Cetera die Band. 1976 hatte er mit seiner Ballade »If you leave me now« für einen Hit und den einzigen Grammy der Band gesorgt. Der Sound des Songs – perfekter Gesang, Streicher, Blasinstrumente als weiche Kolorierung des Klanges – hatte im Grunde genommen schon die Richtung gezeigt, in die die Band gehen musste, um erfolgreich zu bleiben. Cetera fühlte sich in der Band im Laufe der folgenden Jahre zunehmend unterbewertet und schlug daher 1985 eine erfolgreiche Solo-Karriere ein.

Für Cetera kam der Sänger und Bassist Jason Scheff, später folgte auch der Gitarrist Dawayn Bailey; wie Scheff war er zuvor Mitglied der Silver Bullet Band von Bob Seger. Der in der Folgezeit nicht abreißende Wechsel von Musikern und Produzenten bleib nicht ohne Folgen: die Popularität Chicagos sank langsam aber stetig, ab und an gelangen noch mindere Erfolge in den Hitparaden. Doch der einst mitreißende und kraftvolle Klang der Band war einer dicklichen Behäbigkeit gewichen und die Songs trugen kaum Wiedererkennungswerte. Das Anfang der 1990er-Jahre aufgenommen Album Nr. 22, das inoffiziell den Titel »Stone of Sisyphus« trug, wurde von Warner-Reprise, der damaligen Plattenfirma der Band, zurückgewiesen. Aufnahmen zu diesem Album kursierten gleichwohl bald als Bootlegs und wurden in Teilen später veröffentlich, bis 2008 das komplette Album ausgeliefert wurde.

1990 hatte auch Schlagzeuger Danny Seraphine die Band verlassen und war durch Tris Imboden ersetzt worden. 1994 umgab sich die Band mit weiteren Musiker zu einer Big Band und veröffentlichte mit dieser »Night & Day Big Band« 1995 ein Album mit alten Swing-Nummern. Selbst von Fans Chicagos wird diese Platte nicht zu den regulären Veröffentlichungen der Band gezählt.

Chicago gehört spätestens von diesem Zeitpunkt an dem Kreis etablierter, gelegentlich immer noch erfolgreicher Bands an, deren grandiose Zeiten aber in den 1960er- und 1970er-Jahren lagen. So tat sich die Band 2004 etwa mit der einst ebenso erfolgreichen Gruppe Earth, Wind and Fire zu einer weltweiten Tournee zusammen. 2006 traten sie zusammen mit Huey Lewis and The News gemeinsam eine US-Tournee an. Seit Ende der 1990er-Jahre werden die alten Platten in authentischer Aufmachung veröffentlicht, häufig um weitere Songs und Single-Versionen erweitert. Gleichzeitig reißt die Kette der Veröffentlichungen von Best-of-Sammlungen, Box-Zusammenstellungen und Christmas-CDs nicht ab.

Chicago wurde in ihrer Anfangszeit wie auch Blood, Sweat and Tears als Vertreter des Jazzrock, wenn nicht gar als dessen Erfinder bezeichnet. Tatsächlich liegen die Wurzeln der Band weniger im Jazz – wenn es auch vor allem in den ersten Jahren immer wieder durchaus authentische Jazz-Soli in ihrer Musik gab – als im schwarzen Rhythm ’n‘ Blues und Soul von der Prägung eines James Brown. Der Einsatz der Bläser-Sektion hat weit mehr mit diesen zu tun als mit der Rolle der Bläser in veritablen Jazzgruppen. Gleichzeitig war die Auffassung von Jazz, wie ihn Chicago präsentierte, der Vergangenheit verhaftet und hatte mit dem aktuellen Jazz jener Zeit, auch mit dem Jazzrock eines Miles Davis‘, nichts zu tun. Gelegentlich blitzte allerdings die Kompetenz der Musiker auch in diesem Bereich auf – etwa auf dem Doppelalbum »Chicago VII«. Den Verlust des ebenso hervorragenden wie unterschätzten Sängers und Gitarristen Terry Kath – der selbst von Jimi Hendrix als ebenbürtig angesehen wurde – hat die Band im Grunde nicht ausgleichen können. Der Erfolg, den Ceteras Balladen erbrachte, hatte die Macht des Faktischen an sich, führte aber auch dazu, dass die Fans der ersten Stunde der Band nicht mehr folgten und lediglich die ersten sieben LPs gelten lassen – manche sogar nur die ersten drei.

Auszeichnung

Grammy 1976

Diskografie

Chicago Transit Authority (1969)
Chicago (1970; auch unter dem Titel Chicago II)
Chicago III (1971)
At Carnegie Hall (1971; auch unter dem Titel Chicago IV)
Live in Japan (1972; nur in Japan veröffentlicht)
Chicago V (1972)
Chicago VI (1973)
Chicago VII (1974)
Chicago VIII (1975)
Chicago IX – Greatests Hits (1975)
Chicago X (1976)
Chicago XI (1977)
Hot streets (1978)
Chicago 13 (1979)
Chicago XIV (1980)
Chicago Greatest Hits 2 (1980)
Chicago 16 (1982)
Chicago 17 (1984)
Chicago 18 (1986)
Chicago 19 (1988)
Chicago Greatest Hits 1982-1989 (1989)
Twenty 1 (1991)
Group Portrait (1991; Box mit vier CD)
Night And Day: Big-Band (1995)
The heart of Chicago 1967-1997 (1997)
The heart of Chicago 1967-1998 (1998)
Chicago XXV – The Christmas Album (1998)
Chicago 26 – Live in Concert (1999)
The Chicago Story: Complete Greatest Hits (2002)
Chicago XXX (2006)
Chicago XXXI: Stone of Sisyphus (2008)

Daneben exisitieren zahllose Bootlegs sowie einige Live-Aufnahmen aus den frühen 1970er-Jahren, deren Legitimation zweifelhaft ist. Manche Zusammenstellungen und Live-LPs wurden nicht weltweit veröffentlicht.

Weblinks

http://www.chicagotheband.com (Offizielle Website der amerikanischen Rockband Chicago)