Mike Ratledge

Ratledge, Mike, eigentlich Michael Roland Ratledge, britischer Jazz- und Rockmusiker (Komposition, Keyboards, Querflöte), * Maidstone, Kent (England) 6.5. 1943; Ratledge ist einer der wenigen Rock- und Jazzorganisten, die nicht eine der Orgelmodelle der amerikanischen Hammond verwenden,sondern eine Orgel mit elektronischer Tonerzeugung; Ratledge benutzte eine Holiday-De-Luxe-Orgel der amerikanischen Firma Lowrey.

Mike Ratledges Eltern waren zwar an Musik interessiert, aber eher konservativ-bildungsbürgerlich eingestellt: Ihr Sohn erhielt regulären traditionellen Klavierunterricht, Jazz oder gar Rock gab es in seinem Elternhaus aber nicht zu hören. Beides lernte er erst näher und genauer kennen, als er die Simon Langton Grammar School für Boys in Canterbury besuchte. Zu seinen Klassenkameraden gehörte Brian Hopper, der Klarinette spielte. Mit Brian musizierte Mike, die beiden spielten aber nicht Rock- oder Jazzstücke, sondern Kompositionen der traditionelle Kunstmusik. Hopper war zwar mit Daevid Allen bekannt, der eine Sammlung von aktuellen Jazz-Schallplatten besaß und so hörte er Musik von John Coltrane, Thelonious Monk oder Cecil Taylor im Elternhaus von Robert Wyatt, der seine Schulkameraden Brian Hopper, Hugh Hopper und eben auch Mike Ratledge einlud. Als Allen mit Wyatt und Hugh Hopper ein Jazztrio gründete, war Mike Ratledge häufiger Gast im Proberaum und spielte gelegentlich wohl auch mit.
Eine Karriere als Musiker strebte Ratledge zunächst nicht an. Nach Ende der Zeit an der Simon Langton School schrieb er sich an der Universität in Oxford ein und studierte Musik, Philosophie und Psychologie. Nach Abschluss der Studien in Oxford wollte er in den USA weiter studieren, doch misslang ihm dies, weil er eine Anmeldefrist nicht einhielt.So kehrte er 1966 nach Canterbury zurück und gründete mit Kevin Ayers, Daevid Allen und Robert Wyatt Soft Machine.
Die Band erlebte in wenigen Jahren diverse Wechsel in der Besetzung, so dass Ratledge 1973 das letzte der Mitglieder der ersten Besetzung war. Mittlerweile spielte Karl Jenkins die Holzblasinstrumente und drängte Ratledge nach und nach beiseite. 1976, während der Aufnahmen zu »Softs«, ging der Organist; Soft Machine hatte sich unter der Führung von Jenkins stark verändert, dass er für sich keinen Platz mehr in der Band sah.
Ratledge plante, eine Solo-Karriere einzuschlagen und baute für diesen Zweck ein eigenes Studio auf. Zur Veröffentlichung eines Solo-Albums kam es nie. Statt dessen schrieb er die Musik zu einigen Filmen der Regisseurin Laura Mulvey (»Riddles of the Sphinx«, 1977; »Crystal Gazing«, 1982; »The Bad Sister«,1983), vor allem aber funktionale Musik, etwa für Film- und Fernsehwerbung oder auch für rechtefreie Sammlungen im New-Age-Bereich. 1995, mittlerweile beinahe bekannter als Produzent denn als ehemaliges Mitglied von Soft Machine, kam er auch mit Karl Jenkins einmal wieder zusammen und produzierte mit Jenkins das Album »Songs of Sanctuary« (1995), das erste in einer Reihe von überaus erfolgreichen Alben der Adiemus-Reihe von Jenkins; Ratledge blieb Jenkins Projekt eine Weile verbunden und steuerte hier und da auch etwas Instrumentales bei.
Mike Ratledge stellt unter den Musikern, die zur Canterbury Scene gezählt werden, eine Ausnahme dar. Sein Name fällt ausschließlich im Zusammenhang mit Soft Machine, sieht man einmal von einer Beteiligung bei Centipede und einer Aufführung von Mike Oldfields »Tubular Bells«1973 für die BBC ab. Er prägte das Erscheinungsbild von Soft Machine, wie er schmal und düster an seiner niedrigen Orgel saß, die als Instrument allein schon einen Gegenentwurf zu den seinerzeit allgegenwärtigen Modellen Hammonds darstellte: Ratledge spielte eine Orgel der amerikanischen Firma Lowrey, deren mitunter »sägender«, auch etwas aufdringlicher Klang dem Hörer sofort signalisierte, dass er Musik von Soft Machine hörte. In gewissem Maße ist es auch dieser Klang, der gemeint ist, wenn von Canterbury Sound die Rede ist. Ratledge suchte nach seinem Bruch mit Soft Machine – zu einer Zeit, als das Pubikumsinteresse an der Band schon sehr stark nachgelassen hatte – keine andere Band, schloss sich auch keiner Ad-Hoc-Verbindung für ein, zwei oder drei Termine an, allein schon das ungewöhnlich für die ansonsten sehr umtriebige Canterbury Scene. Seinem Naturell mag die Arbeit an der Musik im Studio, die Arbeit als Produzent weit mehr entsprochen zu haben, als der Auftritt im Licht der Scheinwerfer.


Diskografie

Siehe Diskografie Soft Machine