Robert Wyatt

Wyatt, Robert, als Robert Wyatt-Ellidge geboren, englischer Musiker (Schlagzeug, Gesang, Komposition, Text, Gitarre, Tasteninstrumente, Trompete), * Bristol 28.1. 1945; Vater Robert Wyatts war der Psychologe George Ellidge, Mutter die Journalistin Honor Wyatt.

Robert Wyatt wurde zwar in Bristol geboren, lebte dort aber nur wenige Jahre und wuchs aber in Canterbury auf; George Ellidge war erkrankt und die Familie nahm aus diesem Grund ihren Wohnsitz in dem nahe bei Canterbury gelegenen Ort Lydden auf. Robert Wyatt besuchte in Canterbury die Simon Langton Grammar School for Boys. Einige seiner Mitschüler wurden später als Musiker für die Canterbury Scene bedeutsam.
Wyatts Eltern vermieteten einige der 14 Räume ihres Wohnhauses (Wellington House) in Lydden an Untermieter, so Anfang der 1960er-Jahre auch an den australischen Gitarristen Daevid Allen. Robert Wyatt freundete sich mit Allen an, der ihn einerseits mit der Lebensauffassung und den Schriften der Vertreter der Beat-Generation wie auch dem seinerzeit aktuellen amerikanischen Jazz bekannt machte, ihn andererseits in dem Wunsch bestärkte, Schlagzeug spielen zu lernen. Ein Freund Allens, der amerikanische Jazzschlagzeuger George Neidorf, erbot sich, gegen Logis im Haus der Eltern Robert Wyatt, ihm Schlagzeugunterricht zu geben. Mit Neidorf auch ging Wyatt unmittelbar nach Abschluss der Schule nach Mallorca, wo er in der Nähe des Dichters Robert Graves – entfernter Verwandter Wyatts – wohnte und in Zusammenarbeiten seine instrumentalen Fähigkeiten erweiterte. In diese Zeit auch fiel Wyatts erste, aus einer Jugendliebe hervorgegangene Ehe, 1960 geschlossen; mit seiner Ehefrau Pam Howard hat er den 1966 geborenen Sohn Samuel.
Nach etwa einem Jahr, 1963, kehrte Wyatt zurück nach Canterbury und tat sich mit Allen und Hugh Hopper zum Daevid Allen Trio zusammen. Die drei Musiker traten dann und wann auf, auch in London, bis Allen sich entschloss, für einige Zeit in Paris zu leben. Dies zog zwar zwangsläufig das Ende des Daevid Allen Trios, doch gründeten Wyatt und Hopper mit ihren früheren Schulkameraden Kevin Ayers, Richad Sinclair und dem älteren Bruder Hugh Hoppers, Brian, umgehend die Band The Wilde Flowers. Mit Jazz oder gar der späteren Musik der Canterbury-Bands hatte die Musik der Wilde Flowers nichts zu tun, vielmehr folgten die Musiker überkommener Rockmusik, etwa von Chuck Berry, spielten Cover Versions aktueller Pop-Stücke und flochten dann und wann eine Komposition von Hugh Hopper oder Ayers ein. Als Ayers die Band verließ, übernahm Wyatt auch in größerem Umfang den Gesang, während Richad Coughlan als Schlagzeuger neues Mitglied der Gruppe wurde.
Die Band The Wilde Flowes gilt zwar als die Keimzelle der Canterbury Scene, doch lehnte gerade Robert Wyatt diese Etikettierung ab, ohne ihr gleich heftig zu widersprechen. Er selbst war weniger an der seinerzeit aktuellen Musik der Gitarrenbands interessiert und sagte deshalb zu, als er von Ayers und dem wieder nach England zurückgekehrten Allen gefragt wurde, ob er in ihrer in Gründung befindlichen Band Soft Machine die Drums übernehmen wollte. Wyatt spielte bei Soft Machine nicht nur Schlagzeug, sondern behielt auch seine Rolle als Sänger, neben Ayers. Zu dieser Zeit galt Soft Machine noch als Psychedelic-Rock-Band, selbst wenn in dieser Musik durchaus Elemente eines spezifisch britischen Jazzrocks zu erkennen waren.
Wenn auch Soft Machine erfolgreicher war als The Wilde Flowers – der es Zeit ihres Bestehens nicht gelang, einen Plattenvertrag zu bekommen -, und die Band im Vorprogramm einiger in den USA veranstalteten Konzerte von Jimi Hendrix auftraten, so waren die Musiker sich untereinander uneins, welche musikalischen Ziele sie eigentlich verfolgen wollten. Wyatt zog für sich die Konsequenz, dass er seien eigenen Interessen mit einem Solo-Album verfolgte. »The End of an Ear«, 1970 veröffentlicht, enthielt dann auch schon im Titel eine verschlüsselten Hinweis, dass er seine Tage bei Soft Machine als gezählt betrachtete, für ihn das Ende einer Ära – 1971 verließ er die Band.
Für Wyatt weitete sich dadurch der Horizont: Er war dabei, als der Pianist Keith Tippett Centipede zusammenstellte, er trat mit den Jazz-Violinisten Jean-Luc Ponty, Nipso Brandner, Michał Urbaniak und Don »Sugarcane« Harris beim Violin Summt im Rahmen der Jazztage in Berlin auf, und gründete dann Matching Mole – auch hier der Name ein ironischer Hinweis. Matching Mole veröffentlichte zwei Alben, und Wyatt bereitete das dritte vor, als ein folgenschwerer Unfall Wyatts Laubahn jäh unterbrach und in der Folge Matching Mole aufgelöst wurde: Während einer Party, die die Künstlerin Lady June am 1. Juni 1973 für Gilly Smith, die Freundin von Daevid Allen, gab: Wyatt fiel aus einem Fenster im zweiten Stock des Hauses, in dem die Party stattfand, und brach sich die Wirbelsäule, so dass er fortan querschnittgelähmt auf den Rollstuhl angewiesen war, mithin also nicht mehr ein konventionelles Drum Set spielen konnte.
Zwei Konzerte zugunsten Wyatts, Veranstaltungen, die von Pink Floyd angestoßen worden waren, erbrachten einen Erlös von etwa 10 000 Englischen Pfund. Kaum mehr als ein Jahr nachdem Unfall präsentierte Wyatt sein zweites Solo-Album. An den Aufnahmen zu »Rock Bottom«, so der Titel der sechs Titel umfassenden LP, hatten neben diverse Musiker der Canterbury Scene teilgenommen: Richard Sinclair, Fred Frith, Hugh Hopper und Gary Windo, außerdem der Dichter Ivor Cutler, der Schlagzeuger Laurie Allan, der Trompeter Mongezi Feza, und Mike Oldfield sowie die Künstlerin Alfreda Benge, die Wyatt 1974 heiratete: produziert hatte das Album Nick Mason, Schlagzeuger von Pink Floyd. Robert Wyatt, schon vor seinem Unfal nicht gerade unauffällig, verschaffte sich mit »Rock Bottom« eine seitdem unangefochtene Stellung in der britischen Rock- und Popmusik. Schon wenige Wochen später legte er eine Single mit einer Cover-Version des von Neil Diamond geschriebenen und von der amerikanischen Band The Monkees zum Hit gemachten Songs »I’m a Believer« vor; auch Wyatts Fassung brachte es in die Charts und nahm Platz 29 der britischen Hitparade ein.
Wyatts Karriere als Musiker verläuft seitdem auf zwei Wegen: Zum einen präsentiert er von Zeit zu Zeit, mitunter im Abstand von mehreren Jahren, seine eigene Musik, zum anderen arbeitet er im Laufe der Jahrzehnte mit einer immensen Zahl anderer Musiker zusammen, meist als Sänger. Zu diesen gehörte Nick Mason, der Wyatt für sein Solo-Album »Fictitious Sports« (1981) engagierte; andere waren etwa Carla Bley, Anja Garbarek, Björk, Jeanette Lindström, John Cage, David Gilmour, Kevin Ayers, David Byrne, John Greaves, Brian Eno, Michael Mantler, Phil Manzanera, Ryuichi Sakamoto, Christina Donà, und die Bands Henry Cow, Hatfield ad the North, Scritti Politti. News from Babel und andere mehr.
Robert Wyatt ist ohne Zweifel neben Hugh Hopper, Richard Sinclair und Dave Stewart eine der zentralen Figuren des Canterbury Rocks, wenn er selbst auch diesem Begriff eher ablehnend gegenüberstand und sich seine Arbeiten kaum mit der der anderen drei Genannten vergleichen lassen. Bei The Wilde Flowers, Soft Machine und Matching Mole mag seine Zielsetzung, wie seine Musik gestaltet sein sollte, noch zumindest in Grenzen an konventioneller Musik orientiert gewesen sein – den Zug Soft Machines zu einem kühlen Jazz sah er wohl eher kritisch –, die Einschränkungen im Spiel seines Instrumentes, dem Schlagzeug, aber mögen ihn darin bestärkt haben, andere, neue und in der Rock- und Popmusik bis dahin unbekannte Wege zu suchen und zu gehen. Die erzwungene neue Sicht auf die Dinge mag ihn auch hinsichtlich seiner politischen Haltung geleitet haben, als er – politisch ohnehin links stehend – in den 1980er-Jahren sich zunehmend politische Themen zuwandte und schließlich Mitglied der Communist Party of Great Britain wurde. Seine politische Haltung zeigte sich in seiner Musik und nicht zuletzt auch in Alfreda Benges Zeichnung für Wyatts Zusammenstellung »Nothing can stop us« (1982): auf dem Kühler einer Rolls-Royce-Limousine steht ein Industriearbeiter als Kühlerfigur, den rechten Arm erhoben, in der geballten Faust einen Schraubenschlüssel. Wohl nicht zuletzt wegen seiner unbestechlichen und kritischen Haltung auch dem Musikgeschäft gegenüber ist Robert Wyatt bei Musikern wie bei Hörern hoch angesehen, und dies bis in jüngste Zeit.


Werke (mit Illustrationen von Jean-Michel Marchetti)

MW ; Géradmer 1997
MW2; Géradmer 1998
MW3; Géradmer 2000
MW4; Géradmer 2003

Mit Alfreda Benge

MBW; Géradmer (2008)


Diskografie

The End of an Ear (19709
RockBottom (1974)
Ruth Is Stranger Than Richard (1975)
The Animals Film (1982)
Old Rottenhat (1985)
Dondestan (1991)
Shleep (1997)
Dondestan (Revisited) (1998)
Cuckooland (2003)
Theatre Royal Drury Lane 8 September 1974 (2005)
Comicopera (2007)
Orchestra National de Jazz Daniel Yvinec/Around Robert Wyatt (2009)
Radio Experiment Rome, February 1981 (2009)
For the Ghosts Within (2010; mit Gilad Atzmon und Ros Stephen)


Zusammenstellungen

Nothing Can Stop Us (1982)
Mid-Eighties (1993)
Flotsam Jetsam (1994)
Going Back a Bit: A Little History of Robert Wyatt (1994)
Eps (1999)
Solar Flares Burn for You (2003)
His Greatest Misses (2004)
’68 (2013)


Außerdem Singles und EPs


Weblinks

http://www.strongcomet.com/wyatt (Website mit diversen Informationen zu Robert Wyatt)
http://bbc.co.uk/kent/entertainment/canterbury_scene/ (Website der BBC zur Musik der Canterbury Scene mit Interviews einiger der Protagonisten der Canterbury-Bands, darunter Robert Wyatt.)
http://www.disco-robertwyatt.com (Website mit ausführlicher Diskographie der Musik Robert Wyatts)