New Musical Express

New Musical Express, Abkürzung NME, britische Musikzeitschrift, 1952 aus den Musikzeitschriften Musical Express und Accordion Weekly hervorgegangen; die von IPC-Media wöchentlich herausgegebene Zeitschrift widmet sich vornehmlich Rock- und Popmusik. Leser des Blattes nennen es stets nur NME.

Der Werbefachmann Maurice Kinn hatte die Musikzeitschriften Musical Express und Accordion Weekly gekauft und in dem neuen Titel New Musical Express aufgehen lassen. Die Zeitschrift wurde zunächst im so genannten Tabloid-Format veröffentlicht und im Zeitungs-Rotationsdruck auf billigem Papier gedruckt, glich darin also den britischen Boulevard-Zeitungen. Der NME übernahm 1952 die Idee des amerikanischen Branchenblatts Billboard, eine Single-Hit-Liste zu veröffentlichen. Anders als Billboard, das die meistverkauften zehn Singles listete, versammelte NME die 12 beliebtesten Single-Schallplatten – wer dazu gehörte, fand das Blatt mit eigenen Umfragen in den Schallplattenläden des Landes heraus. Der New Musical Express wurde schnell zu einer Größe im Musikgeschäft, erst recht, als Anfang der 1960er-Jahre die britische Rock- und Popmusik mit dem Erfolg der Beatles Weltgeltung erhielt. Immer wohl informiert, richtete das Blatt auch einen Poll aus, der das NME Poll Winners Concert nach sich zog, bei dem alle Größen der britischen Popmusik jener Zeit auftraten; ab 1964 wurden diese Konzerte gefilmt und später vom Fernsehen ausgestrahlt. Überzeugt von der Bedeutung der Musikzeitschrift, kaufte IPC, ein Ableger des zu Warner gehörenden Time-Konzerns, 1963 das Blatt. Trotz der erheblichen Konkurrenz durch den älteren Melody Maker (1926 gegründet) konnte der NEM, der jede Strömung der auch in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre überaus erfolgreichen britischen Rockmusik mehr oder weniger kritisch begleitete, seine Auflage auf über 200 000 Exemplare wöchentlich steigern. Der Erfolg hatte die Leitung der Zeitschrift allerdings blind für neuere Entwicklungen wie den Psychedelic Rock und den sich vehement entwickelnden Progressive Rock gemacht, so dass Anfang der 1970er-Jahre die Auflage stark sank – der NME war mit seiner Leserschaft gealtert. Die Redaktion wurde neu besetzt und der neue Chefredakteur Alan Smith übernahm Einflüsse vom amerikanischen Rolling Stone, insbesondere deren höchst subjektive Art des Schreibens – nicht nur über Musik. In dieser Zeit verpflichteten Smith und sein Adlatus Nick Logan junge Journalisten wie Charles Shaar Murray und Nick Kent, die mit ihrem spöttischen, mitunter polemischen Stil das Blatt wieder interessant für die Leser machten. Zugleich wurden Aufmachung und Layout, wie auch die Illustrierung der Zeitschrift modernisiert, so dass bereits 1973 die Auflage auf annähernd 300 000 Hefte stieg. Im selben Jahr gab Logan mit Bob Woffinden unter dem Titel »The New Musical Express Book of Rock« ein Rock-Lexikon heraus, das auf mehr als 400 Seiten biografische Daten von Musikern und Bands präsentierte und eines der ersten seiner Art war.

Als 1976 die Punk-Band The Sex Pistols die Bühne der britischen Rockmusik betraten, war der NME zwar die erste Zeitschrift, die die Band auf die Titelseite hob, verpasste aber gegenüber dem Melody Maker und dem Magazin Sounds dennoch beinahe erneut den Anschluss an die Entwicklung. Wieder wurden neue Autoren angeheuert, Julie Burchill und Tony Parsons verhalfen dem Blatt zu neuer Wirkung. Die auch den Musikjournalismus in anderen Ländern, zumal in der Bundesrepublik Deutschland beeinflusste. In den 1980er-Jahren half der NME, die Musik der so genannte New Wave zu popularisieren, veröffentlichte 1981 und 1986 zwei Tonbandkassetten (C81, C 86) und macht seine Leserschaft auf diese Weise mit Bands wie Aztec Camera, Scritti Politti, Pere Ubu und Buzzcocks bekannt. Die Leser allerdings ließen sich nicht ohne weiteres von dem wiederum verengten Blick auf die gesamte Rock- und Popmusik, die der NME in mitunter apodiktischer Form vertrat, überzeugen. Die Redaktion versuchte die Zahl der für den NME möglichen Themen zu vergrößern, war seit diesen Jahren aber vor allem auf der Suche nach der allumfassende Strömung in der Rockmusik, die die Autoren mal in dieser, mal in jener Musik sahen. Zudem gab es starke Konkurrenz von neuen Magazinen wie »Smash Hits« und »The Face«, von dem ehemaligen Chefredakteur des NME, Nick Logan, 1978 beziehungsweise 1980 gegründet. Gegen Ende der 1980er-Jahre, Anfang der 1990er-Jahre wandte sich der NME abermals mit einer neuen Redaktion ein wenig von der als ereignislos empfundenen britischen Musik ab und widmete sich etwa dem aus den USA kommenden Grunge. Bald kam es zu redaktionsinternen Querelen, einige Redakteure verließen den NME unter Protest. Beinahe wie gerufen machten zu dieser Zeit zwei britische Bands von sich reden, denen sich der NME mit Macht widmete: Blur und Oasis. Die Musik dieser beiden Band wurde als ur-britisch dargestellt, der Begriff Britpop erfunden und bald machten chauvinistische Töne wie »Buy British« die Runde. Indes: Britpop geriet schnell aus dem Focus des Interesses und der New Musical Express war abermals auf der Suche nach neuen Themen, wandte sich der so genannten DJ Culture zu, stieß damit bei der an Rock und Pop interessierten Leserschaft aber auf Widerspruch und kämpfte abermals um sein Überleben.

Der britische Zeitschriftenmarkt hatte sich um 2000 längst völlig verändert. Magazine wie »Q« und »Mojo« hatten erheblich Marktanteil erobern können, für wöchentlich erscheinende Musikzeitschriften schien kein Platz mehr zu sein. Der Melody Maker stellte sein Erscheinen ein, der Titel ging an den NME. Der Verlag versuchte dem Niedergang mit einer Umgestaltung des Blattes zu begegnen, die frühere Schwarz-Weiß-Tristesse wich einem farbigen Umschlag, das gesamte Layout wurde renoviert. Die Hinwendung zu diversen jüngeren Strömungen der Popmusik wie etwa R&B, Hiphop und elektronischer Tanzmusik indes verfing bei der Leserschaft nicht, immerhin aber schien sie an jüngerer Rockmusik interessiert, etwa an der von The White Stripes und The Strokes. Wieder wurden neu Autoren angeworben, 2006 der NME Ireland aus der Taufe gehoben; bereits 1996 war der NME mit einem separaten Angebot Online gegangen. Den Rückgang der Auflage konnte dies alles nicht aufhalten: 2010 verkaufte der NME nur wenig mehr als 30 000 Exemplare.

In gewisser Weise stellt der New Musical Express – zeitweise ebenso einflussreich wie der amerikanische Rolling Stone – einen Anachronismus dar: Einerseits sind Fernsehen und spätestens seit Ende der 1990er-Jahre das Internet stets schneller als eine wöchentlich erscheinende Publikation. Zum anderen haben sich seit den 1980er-Jahren die Voraussetzungen zur Produktion von Zeitschriften radikal geändert: schwarz-weißer Rotationsdruck war spätestens seit den 1970er-Jahren wenigstens veraltet. Von größerer Bedeutung aber war, dass die mitunter radikalen und oft genug schwach begründeten Schwenks der Redaktion, was als aktuelle Rock- und Popmusik zu gelten hat, für viele Leser nicht mehr nachvollziehbar waren – sie wanderten zu spezialisierten Magazinen ab, wo sie ihre Interessen berücksichtigt fanden. Die oft polemische Kritik, die die Autoren des NME mitunter um der schicken Formulierung willen übten, und die auch vor Häme nicht halt machte, boten ihnen einen weiteren Grund, das Blatt am Kiosk liegen zu lassen.

Literatur

Logan, Nick/Woffinden, Bob: The New Musical Express Book of Rock; London 1973, 2. auflage 1977

Weblink

www.NME.com (Offizielle Website des britischen Musikzeitschrift New Musical Express)
www.skidmore.edu/~gthompso/britrock/NME (Website mit Informationen zum NEM der Jahre 1953 bis 1969)
www.rocklist.net/nmeindex.html (Website mit Informationen zum NME ab des Jahres 1974)