Steven Wilson

Wilson, Steven John, britischer Rockmusiker (Gitarre, Gesang, Komposition, Text, Produktion), * Kingston Upon Thames (London, England) 3.11. 1967; Wilson ist Gründer der britischen Progressive-Rock-Band Porcupine Tree.

Biografie

Steven Wilson kam als Kind mit Musik in Berührung und hörte die Platten seiner Eltern, darunter Pink Floyds »The Dark Side of the Moon« (1973) und Donna Summers »Love to Love you Baby« (1975). Angetan von seiner Leidenschaft für Musik, ließen seine Eltern ihn Gitarre lernen, doch gab er den Unterricht bald wieder auf. Im Alter von elf Jahren entdeckte er das Instrument erneut und begann mit der Gitarre und einem Mikrophon Geräusche zu erzeugen, die er mit zwei Kassettenrecordern aufnahm und mittels eines improvisierten Multitrack-Verfahrens miteinander kombinierte. Sein Vater baute für ihn ein Tonbandgerät zu einem Mehrspurgerät um und legte damit den Grundstein für spätere Experimente seines Sohnes in der Produktion von Musik. Als Halbwüchsiger war er zwar Mitglied in einigen Bands, so etwa in dem Duo Altamont oder der Formation Karma, doch war er schon zu dieser Zeit mehr an der Produktion der Musik als an der Rolle des Musikers interessiert. Auf den Kassetten-Alben dieser Formationen finden sich teilweise schon Vorformen späterer Songs von Porcupine Tree. Stilistisch war Wilson vor allem an experimenteller Rockmusik, an Psychedelic Rock und Progressive Rock interessiert.

1986 nannte Wilson eines seiner Projekte No Man is an Island (Except The Isle of Man), aus dem später, als Wilson sich mit dem Sänger Tim Bowness zusammengetan hatte, das Duo No-Man wurde. Etwa zur gleichen Zeit erfand er mit seinem Schulfreund Malcolm Stocks die fiktive Band Porcupine Tree. Mit einer Aufnahme von No-Man gelang es ihm 1990, den Dauerwettbewerb »Single der Woche« der Musikzeitschrift Melody Maker für sich zu entscheiden; aufgrund dieses Erfolges bot ihm das Label One Little Indian Records einen Plattenvertrag an. Die resultierende Single »Days in the trees« war kommerziell zwar nicht sonderlich erfolgreiche, doch ermöglichten ihm die Erlöse den Ausbau seines Heimstudios. Immerhin konnte er mit No-Man auch auf Tournee gehen und engagierte dazu drei Mitglieder der aufgelösten Rockband Japan: Den Bassisten Mick Karn, den Schlagzeuger Steve Jansen und den Keyboard-Spieler Richard Barbieri. Parallel dazu wurde aus Procupine Tree eine veritable Rockband, zu der neben Barbieri der Bassist Colin Edwin und der Schlagzeuger Chris Maitland gehörten; Maitland wurde 2002 durch Gavin Harrison ersetzt. Mit No-Man wie mit Porcupine Tree veröffentlichte Wilson seit Anfang der 1990er-Jahre diverse CDs.

Wenn auch Porcupine Tree äußerst erfolgreich wurde und lange Zeit im Zentrum der Aktivitäten Wilsons stand, so widmete er sich daneben zahlreichen anderen Formationen, mal als Gitarrist, mal als Song-Schreiber, fast immer als Produzent. Dazu gehören die Formationen Bass Communion, Incredible Expanding Mindfuck (I.E.M.) und Blackfield – letztere mit dem israelischen Sänger Aviv Geffen (* 1973). Wilson arbeitete mit Anja Garbarek (* 1970), Tochter des Jazz-Saxofonisten Jan Garbarek, mit der schwedischen Heavy-Metal-Band Opeth, mit Robert Fripp, mit dem belgischen Experimental-Musiker Dirk Serries zusammen, aber auch mit Dream Theater, Fish und OSI. Fripp übertrug Wilson die Aufgabe, die klassischen Alben von King Crimson für eine Neu-Veröffentlichung zu überarbeiten. Dies tat er so erfolgreich, dass ihm auch Ian Anderson von Jethro Tull und Keith Emerson von Emerson, Lake & Palmer die tontechnische Überarbeitung und Aufbereitung von »Thick As A Brick« einerseits, »Emerson, Lake & Palmer« und »Tarkus« anderseits anvertrauten. Beiden Aufgaben entledigte sich Wilson mit Bravour. Über seine Solo-Projekte – mit »Grace For Drowning« erschien 2011 sein zweites Solo-Album, 2013 mit »The Raven That Refused To Sing And Other Stories« ein drittes –, der Zusammenarbeit mit Mikael Åkerfeld von Opeth in dem Duo Storm Corrosion – das Ergebnis, die CD »Storm Corrosion« ging in der Flut der Veröffentlichungen von Wilson beinahe unter – und seinem Engagement als Produzent geriet seine Band Porcupine Tree mehr und mehr in den Hintergrund. Für eine Tournee zu seinem Album »Grace For Drowning« engagierte Wilson den Saxofonisten Theo Travis, den Keyboardspieler Adam Holzmann, den Bassisten Nick Beggs, den Schlagzeuger Marco Minnemann und den Gitarristen Niko Tsonev – allesamt Meister ihres Fachs. Wilson konnte diese außergewöhnlich virtuos agierende Besetzung für die Einspielung von »The Raven That Refused To Sing« mit Ausnahme von Tsonev – für ihn kam Guthrie Govan – zusammenhalten. Mehr noch: Die Produktion der CD übernahm kein Geringerer als Alan Parsons, die Streicherarrangements besorgte Dave Stewart, vormals Keyboard-Spieler bei Egg, Hatfield & The North und National Health und an der Arbeit zur zum Album gehörenden 5.1-Audio-DVD wirkte Ray Shulman, einst Bassist bei Gentle Giant mit. Nebensächlich, aber in das Bild des Perfektionisten Wilson passend: Auch das Mellotron, das in einigen Songs des Albums zu hören ist, hat eine bewegte Vergangenheit im Progressive Rock hinter sich, gehörte es doch einst zum Instrumentenarsenal von King Crimson. Die publizistische Resonanz auf »The Raven That Refused To Sing« war vor allem in Europa enorm. Wilsons Portraitfoto war auf den Covers diverser Musikzeitschriften in Großbritannien und Deutschland zu sehen, auch auf denen von Magazinen, die sich all die Jahre bemüht hatten, Progressive Rock zu ignorieren.

Wilson ist denn auch die zentrale Figur des jüngeren Progressive Rock. Er ist ein passabler Sänger, ein guter Gitarrist, ein guter Komponist und ein herausragender Produzent; in der Produktion sieht Wilson auch seine bedeutendste Aufgabe bei all seinen Aktivitäten. Sein Werkzeug dazu ist denkbar einfach, besteht neben gängiger Audio-Software und einem Computer im Wesentlichen aus einem Neumann-Mikrophon und einem Line 6 Pod Effektgerät. In jüngerer Zeit fertigte Wilson neben den obligaten Stereo-Fassungen auch einige 5.1-Abmischungen an; für die entsprechende Fassung des Porcupine-Tree-Albums »Fear of a blank Panet« (2007) erhielt er eine Grammy-Nominierung.

Wollte man die Musik Wilsons charakterisieren, so müsste man die Nähe zum Psychedelic Rock der 1960er-Jahre und zum britischen Progressive Rock der 1970er-Jahre – besonders zu Bands wie King Crimson, Yes und vor allem Pink Floyd – in den Vordergrund stellen. Mitunter entsteht aber auch der Eindruck, als ob besonders Richard Barbieri die Ideen Wilsons nahezu kongruent in Klang fassen und ihnen überhaupt eine musikalische Stimme geben kann. Nach Veröffentlichung seiner zweiten Solo-LP 2011 schwand dieser Einfluss, Wilsons Kompositionen war die Auseinandersetzung mit Robert Fripps Musik anzuhören. Hatte er schon nach der Demission Maitlands mit der Wahl von Gavin Harrison als neuem Drummer der Band angedeutet, das ihm instrumentales Können keineswegs gleichgültig war, so besetzten in der neuen Band – die indes Porcupine Tree keineswegs ersetzen sollte –, Virtuosen das Feld. Mit allen Vor- und Nachteilen: Sie verschafften Wilson kompositorische Freiheit, waren sie doch in der Lage, jede Idee auch in Instrumentalstimmen zu fassen. Sie stehen aber auch für eine gewisse Beliebigkeit in der Musik Wilsons, denn ihr Vermögen, jedwede Musik perfekt nachahmen zu können – etwa die von Yes, Caravan, King und natürlich King Crimson – legte offen, dass Wilsons Kreativität sich vorrangig auf die Produktion, die raffinierte Konstruktion von Klang und Form bezog. Die meisten Texte Wilsons sind von einer eher resignativen, fast depressiven Stimmung gekennzeichnet, doch scheinen häufig Ironie und mitunter auch Sarkasmus auf.

Gewollt oder nicht: Die Umstände seiner Karriere drängten Wilson in die des Sachwalters des Progressive Rocks, auf denen sich alle Blicke richten, die seiner Sidemen, die der alten Herren des Progressive Rocks, die der Fans dieser Musik. Nicht zuletzt durch die clevere Veröffentlichungspolitk seines Labels Kscope wurde seine Musik zu einem regelrechten eigenen Stilbereich im jüngeren Progressive Rock, der dann auch zahlreiche Nachahmer fand.

Diskografie

Insurgentes (2009)
Grace for Drowning (2011)
Get All You Deserve (2012)
The Raven That Refused to Sing And Other Stories (2013)
Cover Version (2014)

Remixes

NSRGNTS RMXS (2009)

Weblink

http://stevenwilsonhq.com/ (Offizielle Website des britischen Rockmusikers Steven Wilson)