Dagmar Krause

Krause, Dagmar, * Hamburg 4.6. 1950, deutsche Rock- und Jazzsängerin und Interpretin von Brecht/Weill-Liedern

Dagmar Krause trat bereits in jugendlichem Alter in Hamburger Clubs als Sängerin auf und schloss sich um 1968 dem von dem Briten John O’Brien-Docker gegründeten Folk-Chor The City Preachers an; Mitglieder dieses Chores waren neben anderen auch die Sängerin Inga Rumpf, der Organist Jean-Jacques Kravetz, beide später bei Frumpy und Atlantis, und der Schlagzeuger Udo Lindenberg. Der Chor hatte Zeit seines Bestehens mit Besetzungsschwierigkeiten zu kämpfen, immer wieder gingen Musiker, um eigene Karrieren oder Karrieren in anderen Bands zu verfolgen. Mit Inga Rumpf produzierte Dagmar Krause 1970 unter dem Titel »I.D. Company« ein beim »Black Label« der TV-Programmzeitschrift Hör zu veröffentlichtes Album. Der Titel suggeriert die Existenz eines kreativen Duos,doch handelt es sich um ein durchaus disparates Projekt: Jeder Sängerin war eine Seite der LP zugeordnet, die Rumpf und Krause auf sehr verschiedene Weise füllten. Es blieb bei diesem einen Album des Duos, das keines war.
1971, nach anderen Quellen 1972, lernte Dagmar Krause den britischen Musiker, Komponisten und Sound-Designer Anthony Moore kennen und wenig später Peter Blegvad, der einerseits komponierte, andererseits aber vor allem Texte schrieb. Die unter den drei Musikern entstandene Idee, eher gängige Popmusik mit anspruchsvollen Texten verbinden zu wollen, führte zur Gründung des Trios Slapp Happy. Ohne professionelle Hilfe ließ sich dieses Vorhaben aber nicht in die Tat umsetzen, zu unerfahren waren Krause, Moore und Blegvad in der Produktion von Schallplatten, fanden aber in dem deutschen Journalisten Uwe Nettelbeck (* 1940, † 2007) Unterstützung. Nettelbeck arbeitete auch als Musikproduzent und brachte das Trio mit der Band Faust zusammen. Die Musiker dieser Band wirkten für das bei Polydor veröffentlichte Album »Sort Of« (1972) als Begleitband. »Casablanca Moon« (1973), ein zweites, schnell produziertes Album, mochte Polydor nicht veröffentlichen.
Krause, Blegvad und Moore entschlossen sich daher, in London einen neuen Versuch zu wagen, ihre Karriere als Musiker in Gang zu bringen. Nettelbeck hatte für Faust einen Vertrag bei Caroline Records erhalten können und schlug Richard Branson Slapp Happy als weitere Band für sein Label Virgin Records vor; Branson war seinerzeit noch auf der Suche nach Musikern und Bands, die überhaupt mit seinem Label einen Vertrag eingehen wollten.So nahm Slapp Happy die Songs von »Casablanca Moon« noch einmal auf. Das fertige Album wurde dann unter dem Namen »Slapp Happy« bei Virgin Records veröffentlicht.
Bedeutender für das in Hamburg gebildete Trio und insbesondere für Dagmar Krause war, dass die Aufnahmen für Virgin unter Mitarbeit einiger Musiker, die zum Umkreis der Canterbury Scene gehörten, zustande gekommen waren. Dies führte schließlich zu einer gemeinsamen Tour mit der Band Henry Cow. Nach der Tour schlossen sich die Bands für Schallplattenaufnahmen zusammen, so dass die LPs »Desperate Straights«(1974) und »In Praise of Learning«(1975) unter dem Bandnamen Henry Cow/Slapp Happy auf den Markt gebracht wurden. Die Auseinandersetzungen unter den Musikern über die künstlerischen wie politischen Ziele – Henry Cow war eine dediziert links ausgerichtete Band –, führten dazu, dass Moore und Blegvad gingen und der Name Slapp Happy verschwand.
Dagmar Krause blieb bei Henry Cow, doch auch der Bestand dieser Band war gefährdet: Selbst unablässiges Touren besserte die finanzielle Situation der Band nicht, und als Virgin 1977 den Vertrag kündigte, war es aussichtslos, unter dem Namen Henry Cow einen Vertrag bei einem anderen Label zu bekommen. Hinzu kam, dass Dagmar Krause wegen gesundheitlicher Probleme zeitweilig die Band verließ und nach Deutschland zurückkehrte. Henry Cow veröffentlichte 1979 noch die LP »Western Culture«, während Dagmar Krause, Fred Frith und Chris Cutler die Formation Art Bears bildeten, bei der die anderen Musiker von Henry Cow als Gastmusiker fungierten. Art Bears veröffentlichten insgesamt drei LPs, 1981 dann gingen die Musiker auseinander.
Für Dagmar Krause begann eine Art zweite Karriere als logische Folge der ersten Karriere. Mit Cutler brachte sie unter dem Namen News From Babel zwei Alben auf den Markt, dann aber sang sie in diversen Ad-Hoc-Formationen und bei einmaligen Projekten. Aufgrund ihres Stimmklangs und nicht zuletzt wegen ihres deutschen Akzentes wurde sie immer wieder engagiert, wenn es galt, Musik zu interpretieren, die ihre Vorbilder unter anderem in der Musik Kurt Weills und in den Texten Bertolt Brechts fand. Nachgerade treu blieb sie der Canterbury Scene und sang für Produktionen von Tim Hodgkinson und Lindsay Cooper. Aber auch Michael Nyman engagierte sie, Kevin Coyne sah für sein Werk »Babble«, eine Rock-Oper für zwei Personen, in ihr die ideale Partnerin, Heiner Goebbels und Alfred Harth, beide via der Formation Cassiber ohnehin dem Canterbury Rock verbunden, arbeiteten mit ihr zusammen. Mitte der 1980er-Jahre näherte sie sich in vorsichtigen Schritten erneut den Songs von Brecht zur Musik von Weill einerseits, von Hanns Eisler andererseits. Beide Alben wurden 1986 veröffentlicht, blieben aber dann doch Einzelstücke. Aus einer Zusammenarbeit mit Moore und Blegvad – gemeinsam hatten die drei Musiker 1991 eine Oper für den britischen TV-Kultursender Channel 4 geschrieben – ergab sich eine Reunion von Slapp Happy, dann auch eine CD – »Ça va« erschien 1997, eine anlässlich einer Tournee durch Japan aufgenommen Live-CD im Jahre 2000. Dagmar Krause behielt aber ihre solistische Tätigkeit bei und ihr Name fiel bald hier, bald da. Seit 2010 widmete sie sich mit Chris Cutler, der Posaunistin Annie Whitehead und der Organistin und Posaunistin Karen Mantler in dem Ensemble Comicoperando der Interpretation der Musik Robert Wyatts.
Dagmar Krause fügte der britischen Jazz- und Rockmusik seit den 1970er-Jahren einen Klang hinzu, den es bis dahin in dieser Musik nicht gab, und sie fand darin auch weder eine Nachahmerin noch einen Nachahmer. Ihr spröder Gesang, dokumentiert auf etwa 50 LPs und CDs, war einerseits natürlich ihrem deutschen Akzent geschuldet, andererseits aber auch ihrem Ehrgeiz, noch den widerspenstigsten Text zum Klingen zu bringen. Als Mitglied von Henry Cow gehörte Dagmar Krause zum Canterbury Rock, ohne dass sie selbst dieser Etikettierung bedurft hätte. Die Musik, die unter ihrer Mitwirkung entstand, konnte aber wohl nur in diesem Umfeld von Rock, Jazz und Neuer Musik, abseits der Hitparaden eine Heimat finden.


Diskografie

Supply And Demand (1986; in Deutschland unter dem Titel »Angebot und Nachfrage« veröffentlicht)
Tank Batttles (1986; in Deutschland unter dem Titel »Panzerschlacht« veröffentlicht)
Voiceprint Radio Sessions (1993)

Mit Inga Rumpf

I.D. Company (1970)

Mit Kevin Coyne

Babble (1979)

Mit Heiner Goebbels und Alfred Harth

Bertolt Brecht: Zeit wird knapp (1981)

Mit Anthony Moore und Peter Blegvad

Camera (1991)

Mit Dirk Raulf Orchestra

Friedrich Hollaender Or The Laughter of Loneliness (1996)

Mit Marie Goyette

A Scientific Dream and a French Kiss (1998)

Weitere LPs mit City Preachers, Slapp Happy, Henry Cow, Art Bears und News From Babel