Depeche Mode

Depeche Mode, britische Elektronik-Rockband, 1980 in Basildon (Essex, England) gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Dave Gahan, eigentlich David Gahan, * Epping (Essex, England) 9.5.1962 (Gesang), Martin Lee Gore, * Dagenham (London) 23.7.1961 (Komposition, Text, Keyboards, Gitarre), Andrew John Fletcher, * Nottingham (England) 8.7.1961 (Keyboards, Bass) und Vince Clarke, eigentlich Vincent John Martin, * South Woodford (London) 3.7.1960 (Text, Komposition, Keyboards, Gesang).

Depeche Mode
Depeche Mode, Leipzig 2009 (Foto: M. Halbscheffel)

Clarke und Fletcher hatten bereits 1977 in der Band No Romance in China zusammen gespielt, einer konventionellen Rockband. Als Gore, zuvor Mitglied des Duos Norman and the Worms, zu dieser Band stieß, nannten die Musiker ihre Formation zunächst French Look, wenig später Composition of Sound. Clarke schrieb die Songs und fungierte auch als Sänger, doch fühlte er sich in seiner Mehrfachrolle als Sänger und Instrumentalist bald überlastet und das Trio nahm Gahan als Sänger hinzu. Wenig später nannte sich die Band – angeblich nach einer französischen Modezeitschrift – in Depeche Mode um.
Bereits 1981 veröffentlichte die Band bei Mute Records ihr erstes Album, »Speak and Spell«. Nach drei vorausgegangenen Singles, »Dreaming of Me«, »New Life« und »Just can’t get enough« hatte die Musik Depeche Modes ihre Publikumswirksamkeit bewiesen und das Album brachte es auf Platz zehn der britischen Charts. Wenn die Musik auch stark von Clarke geprägt und die Band von ihm im Grunde vollkommen abhängig war, so verließ der charismatische Musiker noch im selben Jahr Depeche Mode, tat sich mit der Sängerin Alison Moyet zu Yazoo zusammen, gründete später eine Formation namens The Assembly und fand in Andy Bell schließlich seinen Idealpartner für Erasure.
Clarke hatte Gahan, Gore und Fletcher zwar angeboten, weiter Songs für die Band zu schreiben, bot ihnen sogar den späteren Yazoo-Hit »Only you« an, doch lehnten die drei von Depeche Mode ab. Gore, schon als Autor in Erscheinung getreten (»Big Muff«, »Tora! Tora! Tora!«), wurde die neue zentrale Figur der Band. Auf der Suche nach einem Keyboard-Spieler platzierten die Musiker eine Anzeige in der Zeitschrift »Melody Maker« und engagierten schließlich Alan Charles Wilder (* Hammersmith, London, 1.6.1959), der auf eine solide traditionelle musikalische Ausbildung verweisen konnte.
Erstaunlicherweise gelang es Depeche Mode auch ohne Clarke, sich mit der Anfang 1982 veröffentlichten Single »See You« in den Hitparaden zu behaupten. Die vier Musiker begaben sich auf ihre erste weltweite Tournee, es schlossen sich die Aufnahmen zu der im Herbst 1982 veröffentlichten LP »A broken frame«, danach eine weitere Tournee.
War Wilder noch für »A broken frame« bedeutet worden, für die Aufnahmen nicht gebraucht zu werden, so nahm er bei der Produktion von »Construction time again« eine Schlüsselstellung ein. Unter der Regie des Produzenten Gareth Jones konzentrierte Wilder sich im düsteren West-Berliner Hansa-Studio auf die Sampler Synclavier und Emulator, der Klang der Gruppe veränderte sich. Gore griff in seinen Texten soziale und politische Themen auf, später auch sexuelle. Damit wandelte sich das Image der Gruppe, bis dahin vor allem als Band für Teenager geltend, erheblich. In Eurpa und Australien weiterhin erfolgreich, gelang es Depeche Mode Mitte der 1980er-Jahre auch, in den Charts der USA Fuß zu fassen: »Some great reward«, 1984 veröffentlicht, war das erste Album der Gruppe, das in der US-Hitparade notiert wurde. Allerdings ergab sich ein einheitliches Bild: In den USA wurde die Band – wohl nicht zuletzt aufgrund der düsteren Schwarz-Weiß-Fotos von Anton Corbijn – mit der Gothic-Scene in Verbindung gebracht, in Europa, zumal in Deutschland haftete das Image der Teenager-Band an Depeche Mode – allerdings alterten die Fans mit ihrer Band.
In schneller Folge veröffentlichte Depeche Mode in dieser Zeit ihre herausragenden Platten, »Black Celebration« 1986, »Music fort the Masses« 1987, »101« 1988 und »Violator« 1990. Die Band hatte sich auf hohem Niveau etabliert. Spätestens mit dem Live-Album »101« hatte die Band auch das Massenpublikum in den USA erreicht, D.A. Pennebaker drehte den Film zur Tour, die Single »Personal Jesus« von »Violator«, in Großbritannien mittels einer aufwändigen Telefon-Kampagne bekannt gemacht, war die erste Single der Band, die in den USA die Top 40 der Hitparade erreichte, die Single »Enjoy the Silence« schaffte es 1990 bis auf Platz acht.
»Songs of Faith and Devotion«, 1993 veröffentlicht, zeigte wiederum ein neues Bild: Die Band, bis dahin fast ausschließlich mit elektronischen Klangerzeugern im Studio und auf der Bühne, wandte sich dem herkömmlichen Instrumentarium der Rockmusik zu, zumal der elektrischen Gitarre. Wilder betätigte sich als Schlagzeuger, Dudelsäcke und Violinen wurden hergeholt, ein Chor engagiert.
Der Erfolg des Albums war geradezu gigantisch: Platz Eins in Großbritannien und den USA. 14 Monate lang ging Depeche Mode auf Tournee, erneut wurde ein Live-Album produziert. Dann wurde Gahans Heroin-Abhängigkeit bekannt, Fletcher mochte nicht alle Termine der Tour wahrnehmen, das Gefüge der Band wurde erschüttert, bis Wilder 1995 frustriert und bitter bekannt gab, nicht länger Mitglied Depeche Modes sein zu wollen, es fehle der Respekt der drei Gründungsmitglieder.
Vor allem aufgrund der Unpässlichkeit Gahans kam es erst ab Mitte 1996 zu kontinuierlichen Plattenaufnahmen; Gore hatte in der Zwischenzeit mit dem Gedanken gespielt, die Gruppe aufzulösen. »Ultra« wurde 1997 veröffentlicht und war fast ebenso erfolgreich wie die vorangegangenen Alben: Platz Eins in Großbritannien, Platz Fünf in den USA.
Depeche Mode war längst zu einer festen Größe in der Pop Music geworden. Alle paar Jahre veröffentlichte die Band eine CD, und ging dann auf umjubelte Tourneen. Vorsichtig wurde mal hier, mal der der Gruppenklang eine wenig verändert, sobald aber Dave Gahan zu singen anfing, traten die Neuerungen in den Hintergrund. Gahan hatte sich gesundheitlich wieder gefangen, nahm sogar Solo-Platten auf. Weiterhin verfolgte die Band aber große Pläne: Nach Veröffentlichung der CD »Sounds of the Universe« 2009 wollten die Musiker ihre erste Stadion-Tournee unternehmen und europaweit in 28 Städten auftreten. Im Mai 2009 wurden allerdings einige Termine der Tour abgesagt, nachdem Gahan sich mit Magenproblemen in ärztliche Behandlung begeben musste. Im Laufe der ärztlichen Untersuchung wurde ein Blasentumor festgestellt, so dass die Tour erst am 8. Juni 2009 in Leipzig begann.
Mitte der 1980er-Jahre galt Depeche Mode als eine typische Teenager-Band – Teenager machten Musik für Teenager. Zumal in Deutschland galten die vier Musiker als adrette Saubermänner, denen man als Band nicht viel zutraute. Von diesem Image konnte sich die Band zunächst nur schwer lösen und ohne die Fotos und Video-Aufnahmen von Anton Corbijn wäre es Gahan, Gore, Fletcher und Wilder möglicherweise nie gelungen. Doch »erfand« sich die Gruppe auch immer wieder neu, ohne allzu großes Aufhebens davon zu machen: Die seinerzeit eher starren und plakativen Synthesizer-Klänge wichen mitunter kargen, wenig sinnlichen Klanggemälden, in denen diverse Instrumente ihre Rollen hatten. Schien Depeche Mode zunächst nicht die konstruierte Eleganz etwa von Ultravox oder Japans zu erreichen, so waren diese Bands längst Geschichte, als Songs von Depeche Mode zu Klassikern der Rockmusik wurden, »People are People«, »Master and Servant« oder »A Question of Time«. Über die Jahre versammelte die Band eine eingeschworene Fan-Gemeinde um sich, die ihre Musik auf diversen Großveranstaltungen und kleineren Partys geradezu zelebrierte. Von den zahllosen Bands der britischen New Wave der 1980er-Jahre ist Depeche Mode die einzige, die noch 25 Jahre später eine Stadion-Tournee durchführen konnte.



Diskografie

Speak & Spell (1981)
A broken frame (1982)
Construction time Aagain (1983)
Some great Reward (1984)
Black Celebration (1986)
Music for the Masses (1987)
Violator (1990)
Songs of Faith and Devotion (1993)
Songs of Faith and Devotion – Live (1993)
Ultra (1997)
Exciter (2001)
Playing the Angel (2005)
Sounds of the Universe (2009)

Solo Martin Gore

Counterfeit EP (1989)
Counterfeit 2 (2003)

Solo Dave Gahan

Paper Monsters (2003)
Hourglass (2007)
Hourglass: Remixes (2008; nur USA)



Literatur

Miller, Jonathan: Stripped – The true Story of Depeche Mode; London 2004
Malins, Steve; Brunkow, Ralph; Seifart, Uschi; Borchardt, Kirsten: Depeche Mode. Black Celebration – Die Biografie; St. Andrä-Wörden 2007

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Die frierenden Eltern

Depeche Mode in der Deutschlandhalle

Rockmusik machen kann nicht schwer sein – auf diesen Gedanken kann man jedenfalls kommen, wenn man Bands wie Depeche Mode oder auch Sense, die Vorgruppe, hört und sieht. Depeche Mode gehört zu den so genannten Synthie-Pop-Bands, das heißt, dass sie fast ausschließlich elektronische Instrumente verwenden. Ihre Musik ist also eher eine Frage des Geldbeutels als der künstlerischen Intuition: je mehr Geld man ausgeben kann, desto mehr Möglichkeiten bieten die Instrumente, die man für sein Geld bekommt.
Vor drei Mitgliedern der vierköpfigen Band stehen dann auch Synthesizer, die modernsten und technisch aufwendigsten vor Martin Gore, Synthesizer, die nicht mehr nach dem Moog’schen Prinzip aufgebaut sind, also ihre Klänge nicht mehr nach einem subtraktiven Verfahren durch Ausfilterung von Obertönen, sondern additiv durch Zusammensetzen von Sinusschwingungen verschiedener Frequenz und Lautstärke produzieren – Fourier stand Pate. Aber diese ausgetüftelten Instrumente werden an diesem Abend nicht sehr beansprucht, denn die weitaus meiste Musik kommt vom Tonband oder von Sequencern, etwa die der Drums – ihr Klang erweckt den Eindruck, als seien auch sie auf elektronischem Wege erzeugt worden – die Basslinien und diverse andere Klänge. Dies alles und ein harmonischer Satzgesang der vier bis auf den Sänger David Gahan gezwungenermaßen steif hinter ihren Instrumenten stehenden Musiker ergeben dann recht simple Songs mit Riffs und Harmoniefolgen, die längst bekannt sind, wenn auch nicht gerade in dieser aufwendigen Verpackung.
Aber diese Musik besitzt weniger eine ästhetische Bedeutung als eine soziale Funktion. Denn man trifft sich hier beim Depeche-Mode-Konzert, halbe Schulklassen haben sich verabredet, man begutachtet die neue Frisur der Soundso, den neuen Typ von Derundder, einige üben sich im Zigarettenrauchen, andere gurgeln auch schon mal mit Bier. Die Musik braucht gar nicht neu, gar nicht auffällig zu sein, es genügt, wenn das Publikum immer wieder neu ist und die Abfolgen von Tonika, Dominante samt Moll-Parallelen noch nicht kennt – sich dafür aber auch nicht interessiert. Man jubelt den nur wenige Jahre älteren Musikern zu, die, stünden sie hier unten im Publikum, wohl nicht auffallen würden. So ist das Konzert für die Teenager ein Anlass, einmal einen Abend lang unter sich zu sein. Während Depeche Mode eilfertig ihre erste Zugabe spielen, verlasse ich die Deutschlandhalle, draußen stehen die frierenden Eltern, warten, dass ihre Kinder ihr Treffen beenden.

Diese Konzertkritik erschien zuerst am 10. Dezember 1984 in der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel.