Reggae

Reggae, übergreifende Bezeichnung für die Musik schwarzer Einwohner Jamaikas, zu der Ska oder Blue Beat, Rocksteady, Roots Reggae und Raggamuffin gehören; Reggae hat nicht zuletzt durch den charismatischen Sänger, Komponisten und Gitarristen Bob Marley (* 1945, † 1981) auch in den westlichen Industrienationen erhebliche Bedeutung erlangen können und einigen Einfluss auf die Rock- und Popmusik der USA, Europas und Afrikas genommen.

Im Reggae sind Elemente des Rhythm and Blues New Orleans’scher Prägung, der Musik Afrikas und auch der Musik der nichtspanischen karibischen Inseln wie Calypso und Mento vereinigt. Die Anfänge des Reggae reichen in die ausgehenden 1950er-Jahre zurück. Die tanzlustige junge Bevölkerungsschicht der Städte, insbesondere der Hauptstadt Kingston, konnte nicht ausreichend mit Import-Schallplatten versorgt werden. So entschlossen sich einige mit ihren Verstärker- und Lautsprecheranlagen herumreisende Discjockeys – so genannte Sound-System-Men –, einheimische Talente von der Straße ins Aufnahmestudio zu holen; als Initiatoren sind vor allem Duke Reid, Lee Scratch Perry und Coxson Dodd zu nennen. Diese frühen, vornehmlich an der Musik wie Fats Domino, Amos Milbur, aber auch an Louis Jordan, Louis Prima und Kesley Smith ausgerichteten Plattenproduktionen zeigen eine starke Hervorhebung unbetonter Taktteile durch Lautstärke-Akzente, die prominente Integration von Blechblasinstrumenten wie Trompete und Posaune und die Skank-Spielweise der elektrischen Gitarre. Die neue Musik wurde als Ska bezeichnet, und ihre Geschichte von etwa 1962 an verbindet sich mit den Namen von Musikern wie Byron Lee, Oven Gray, Laurel Aitken und Prince Buster und The Skatalites.

Ska fand bald auch in Großbritannien Aufnahme durch Einwanderer und Arbeitskräfte aus Jamaika. Doch nicht nur hier lebende Jamaikaner und andere Schwarze griffen Ska auf, sondern auch weiße Jugendliche aus der Arbeiterklasse, die so genannten Skinheads, die allerdings als Enthusiasten nach kurzer Zeit wieder abfielen, als die Musik einerseits ihre militante Haltung, übrigens auch die aufsässigen oder obszönen Texte zu verlieren begann, andererseits sich auch andere Gruppen Jugendlicher, etwa die Mods, sich für diese Musik interessierten. Ska wurde in England auch Blue Beat genannt. Die ersten Labels, unter denen jamaikanische Aufnahmen in England erschienen, waren Melodisc und Bluebeat. Zu den am weitesten verbreiteten Singles gehörte 1964 Millie Small’s »My Boy Lollipop«. Zu dieser Zeit war das 1959 von Chris Blackwell, Sohn eines jamaikanischen Plantagenbesitzers, gegründete Platten-Label Island besonders aktiv. Bei Island erschienen über viele Jahre die Platten wichtiger jamaikanischer Musiker. Eine andere Firma, die in der gleichen stilistischen Richtung arbeitete, war das Trojan Label von Lee Gopthal; Gopthal arbeitete einige Jahre lang eng mit Chris Blackwell zusammen.

Um die Mitte der 1960er-Jahre vollzog sich ein stilistischer Wandel. Reggae wurde immer mehr elektrisch vorgetragen, der verhältnismäßig einfache Ska-Rhythmus nahm verwickelte Mehrschichtigkeit an, die Rolle der Blechbläser verlor an Wichtigkeit, bis sie ganz aus den Bands verschwanden, dafür traten Bass- und Rhythmusgitarre wie auch die Hammond-Orgel in den Vordergrund. Manch eine Regga-Band engagierte einen mit Frauen besetzten Background-Chor. Die unverändert wiederholten Bass- und Rhythmusfiguren, die im so genannten Dub-Verfahren miteinander vielschichtig kombiniert werden, prägten die Musik immer mehr. In den Texten setzte sich ein obligates Merkmal des Reggae dauerhaft fest: der Protest gegen die Beherrschung durch Weiße, das Gefühl der Gefangenschaft und der politischen Entfremdung – das im Bild des trauernden Babylon zum Ausdruck kommt –, damit verbunden die Heraufbeschwörung der afrikanischen Heimat und die Sehnsucht nach ihr. Was in den Texten an religiösen, sich aus verschiedenen Quellen speisenden Vorstellungen vorherrscht, wird gemeinhin Rastafari, seine Anhänger Rastafarians genannt; als König und Befreier der im Exil lebenden Afrikaner wurde und wird der 1975 verstorbene äthiopische Kaiser Haile Selassi (* 1892) verehrt.

Um 1966-68 entstand aus all diesen Veränderungen Reggae, nachdem ein gegenüber dem Ska etwas langsamere Variante der Musik vorübergehend auch den Namen Rock Steady trug. Musiker, die diese Übergangszeit verkörpern, sind etwa Derrick Morgan, The Maytals und Alton Ellis sind Musiker. Der neue, fertige Stil machte sich mit einigen Hits bemerkbar, darunter mit »Al Capone« von Prince Buster, ferner mit »Israelites« von Desmond Denker. Weitere Hits lieferten Max Romeo, Nicky Thomas, Jimmy Cliff, The Pioneers, Dandy Livingston und Judge Dread.

Unter den jamaikanischen Gruppen erwiesen sich The Wailers mit Bob Marley trotz der steigenden Erfolge der Gruppe gegen Ende der 1970er-Jahre als qualitätsbeständig. Durch den Tod Marleys im Jahre 1981 wurde dem Reggae die musikalische und moralische Autorität genommen. Reggae als Stil stagnierte, wenn auch Musiker wie Peter Tosh, Linton Kwesi Johnson, das Duo Sly & Robbie – bestehend aus dem Bassisten Robbie Shakespeare und dem Drummer Sly Dunbar – Jimmy Cliff, Toots (Hibbert) & The Maytals und andere nach wie vor einigen Erfolg auch in den USA und Westeuropa hatten. Trotz der Erfolge Sly & Robbies, die diese auch in stilfremder Musik hatten, als sie etwa für die Sängerin Grace Jones ihre Instrumente spielten, und junger Bands wie Black Uhuru wurde jamaikanischer Reggae als Ganzes in den 1980er-Jahren kaum mehr wahrgenommen. Die Ursachen sind weniger in der jamaikanischen Musik zu suchen – wenn auch vor allem die Dub-Versionen der Reggae-Songs nur noch ein Publikum von eingeschworenen Fans erreichten –, sondern in einer Gegenbewegung, die vorwiegend »weißen« britischen Rockgruppen zu immensen Erfolgen verhalf. Die eingängigen, vom Reggae beeinflussten Songs etwa von The Police (»Roxanne«, 1979; »Walking on the Moon«, 1979; »Man In The Suitcase«, 1980) und Fisher Z, der Ska von Selecter, Bad Manners, Madness und Specials – wegen ihrer Verbindung mit dem Label Two Tone oft als Two-Tone-Ska etikettiert – und der gefällige Rock Steady der Band UB 40 erreichten ein weit größeres Publikum als die stagnierende Musik Jamaikas.

Mittlerweile war Reggae kaum mehr ein eigener Stil, sondern ein Stilmittel, das sich jeder Musiker aneignen konnte, wie Aufnahmen von Blondie mit »The Tide Is High« (1980), Boy George, Men At Work, Flo & Eddie und zahllosen anderen beweisen; selbst Bands wie 10cc und The Electric Light Orchestra versuchten sich an Reggae-Kompositionen, im Falle von 10cc sogar sehr erfolgreich (»Dreadlock Holiday«, 1978). Reggae und Hiphop haben im Sprechgesang, dem Toasting beziehungsweise dem Rap, ein gemeinsames Element, das der jamaikanischen Musik um 1990 zu einer vorsichtigen Wiederbelebung verhalf: »Ragamuffin« ist die Bezeichnung dieser Verbindung, die von schwarzen Musikern in den USA und in Europa geschaffen wurde; in Großbritannien wurde dieses Spielart des Hiphop etwa von Demon Boyz, London Posse und Tippa Irie vertreten, in den USA von Shinehead und Shelley Thunder.

Für Notierungen in den Hitparaden war Reggae immer wider mal gut, wie etwa der Nigerianer Dr. Alban und auch Shabba Ranks aus Jamaika zeigten, besonders aber die schwedische Formation Ace of Base, die in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre mit einem auf Reggae-Elementen basierenden Electro Pop erfolgreich waren. Die einzelnen Spielarten des Reggae sind seitdem zwar aus den Hitparaden verschwunden, nicht aber aus dem Musikleben vieler Städte. So gibt es in beinahe jeder größeren Stadt Ska-Bands und ein eingefleischtes Ska-Publikum, wie überhaupt Ska zumal in Deutschland eine lebendige Musik im Hintergrund ist.

Literatur

Schwaner, Teja : Reggae – Süße Klänge und böse Töne aus einem Scheinparadies, in: Sounds 1975, Nr. 6-9
Rolston Kallyndys/Henderson Dalrymple: Reggae – A People’s Music (London o. J., etwa 1975)
Lamar Gene Strasbaugh: Reggae -Folklore aus Jamaika, in: Musik und Bildung, 9/1979 (mit musikalischen Analysen und weiterer Discographie)
Leonard Barrett, Leonard: The Rastafarians. Sounds Of Cultural Dissonance (Boston 1977)
Broughton,Simon/Ellingham, Mark(Muddyman, David/Trillo. Richard (Hrsg.): World Music – The Rough Guide; London 1994