Brian Wilson

Wilson, Brian Douglas, amerikanischer Rockmusiker (Komposition, Produktion, Gesang, E-Bass, Gitarre, Klavier), * Inglewood, Kalifornien 20.6. 1942; Brian Wilson ist der älteste von drei Brüdern.

Brian Wilson wuchs mit seinen jüngeren Brüdern Dennis und Carl in einem der Musik zugewandten Elternhaus auf: Der Vater der Geschwister, Murray Gage Wilson, dilettierte als Musiker und Song-Schreiber. Einerseits ermutigte er daher seine Söhne, sich mit der Musik auseinanderzusetzen – zumal er in Brian eine musikalische Begabung erkannt zu haben glaubte –, andererseits bevorzugte er rigide Erziehungsmethoden, unter denen die drei Jungen, insbesondere Brian, auch litten. Wenn auch Murray Wilson von der Bedeutung von Musik für seine Kinder überzeugt war, so erhielten sie dennoch keinen oder nur sporadischen Instrumentalunterricht. Brian Wilson etwa wurde einmalig sechs Woche lang im Spiel von einem kleinen Akkordeon unterwiesen. Dennoch und auch trotz eines Gehörschadens – er hört auf dem rechten Ohr nur wenig – blieb er an Musik stark interessiert, brachte sich selbst etwas Klavierspiel bei und sang mit Freunden und vor allem seinen Brüdern. In dieser Zeit schon befasste er sich mit dem Satz von Gesangsstimmen und orientierte sich dazu an Schallplatten der Vokalgruppe The Four Freshman. Als er im Alter von 16 Jahre eine Tonbandgerät geschenkt bekam, war das der Anlass für den Halbwüchsigen, sich intensiv mit der Aufnahme von Gesang und Musik auseinanderzusetzen. So entstanden zu dieser Zeit schon Songs, die Jahre später von der Band der Wilsons, The Beach Boys, professionell aufgenommen und veröffentlicht wurden.
Die Band The Beach Boys entstand nach und nach aus dem Singen mit seinen Brüdern und ihrem Cousin Mike Love. bis schließlich Al Jardine, Klassenkamerad von Brian Wilson, sich ihnen anschloss.Um den Bruder Carl Wilson in der Formation halten zu können, stimmte Brian Wilson zu, sie Carl and the Passions zu nennen. Anfang der 1960er-Jahre trat die Gruppe in dieser Zusammenstellung aber unter dem Namen The Pendletones erstmals öffentlich auf. Fest entschlossen, als Band Erfolg zu haben, kauften die Wilson-Brüder entgegen elterlicher Bestimmung einen Verstärker und ein Mikrophon, die Mutter von Al Jardine schoss weiteres Geld für die Miete eines Kontrabasses hinzu. Vater Wilson war zunächst äußerst erzürnt über die Eigenmächtigkeit seiner Söhne, beruhigte sich aber, nachdem er deren Musik gehört hatte und übernahm sogar das Management der Band. Unter dem Namen The Pendletones wurde noch Brian Wilsons Song »Surfin« aufgenommen, das veröffentlichende Label Candix Records aber änderte den Namen wegen der Thematik des Songs in The Beach Boys um. In den folgenden Jahren setzte Wilson gänzlich auf Songs über Teenager-Liebe, Surfen und Autos, tat sich mit dem Song-Schreiber Gary Usher zusammen und ließ sich auch nicht entmutigen, als Candix in finanzielle Schwierigkeiten geriet, Vater Murray den Vertrag mit dem Label kündigte und die Band einige Zeit keine Möglichkeit hatte, ihre Songs auch zu veröffentlichen. Schließlich erhielten die Beach Boys bei Capitol Records einen Vertrag. Mit der Veröffentlichung der Single »Surfin‘ Safari/409« (1962) wurden die Gruppe zu einer nationalen Größe und fand auch international Beachtung. Die nächste Single, »Surfin‘ U.S.A« (1963), positionierte sich in den Top-Ten der Charts der Zeitschrift Billboard, zog das gleichnamige Album dann mit sich und machte die Beach Boys zu einer der bekanntesten und erfolgreichsten Bands der USA.
Brian Wilson hatte von Anfang an darauf bestanden, in die Produktion der Musik der Beach Boys maßgeblich eingebunden zu werden. Schon nach den ersten Aufnahmen zog er diese Aufgabe an sich, schrieb also nicht nur die Songs, sondern besorgte auch deren Arrangements und legte den Vorgang der Produktion fest. Er beobachtete den Schallplattenmarkt sehr genau und erkannte in der Musik der Beatles einerseits natürlich eine Konkurrenz, andererseits faszinierten ihn die Schallplatten der Briten schon wegen deren spätestens seit »Rubber Soul« (1965) ausgefeilter Produktion. Wilson, der sich die ersten Jahre als Sänger, Bassist und Pianist in der Band auch als Musiker betätigt hatte, wandte sich zunehmend der Produktion der Schallplatten der Beach Boys zu und versuchte auf diesem Weg, das Image der Band als Surf-Rock-Gruppe zu verändern – nicht unbedingt zum Gefallen der übrigen Mitglieder der Band. Gleichzeitig sammelte Wilson Erfahrungen als Produzent der Musik anderer Musiker und Bands, gestaltete damit auch de Aufnahmen etwa von The Castells, The Timers, The Honeys und The Survivors. Teils orientierte sich Wilson auch an den »Wall of sounds«-Aufnahmen von Phil Spector. In dem Spannungsfeld von Musik der Beatles einerseits, Phil Spector andererseits versuchte Wilson einen Weg für die Beach Boys zu finden. Ende 1965 begann er mit den Aufnahmen zu einem weiteren Album der Gruppe, das 1966 unter dem Titel »Pet Sounds« veröffentlicht wurde.
Das Album war zwar durchaus immens erfolgreich, erreichte beispielsweise den Spitzenplatz der Top-Ten von Billboard, blieb aber hinter dem Erfolg der vorangegangenen Alben zurück. Zunehmend wirkte sich aufgrund von Überlastung zunehmende Drogenkonsum Wilsons auf seine Arbeit aus: Der Song »Good Vibrations« wurde wegen der ausufernden Produktionszeit nicht rechtzeitig für Pet Sounds fertig, wurde ein halbes Jahr später als Single veröffentlicht und als Teil des Albums »Smiley Smile« (1967) auf eine LP der Beach Boys genommen.
»Smiley Smile« markierte den Bruch der Band mit Brian Wilson: »Pet Sounds« hatte noch er produziert – wenn auch unter Einsatz einer Unzahl von weiteren Musikern –, für »Smiley Smile« zeichnete die gesamte Band verantwortlich. Dazwischen lagen die Aufnahmen für »Smile«, eigentlich ein Album, das als Nachfolger von »Pet Sounds« gedacht, das aber schlichtweg eine Ansammlung von Buchstücken blieb; erst 2011 wurden die Aufnahmen unter dem Titel »The Smile Sessions« veröffentlicht.
Brian Wilson, physisch und psychisch erkrankt, zog sich aus der Band zurück, arbeitete noch an der einen oder anderen Aufnahme mit und begab sich schließlich in psychiatrische Behandlung. Die übrigen Musiker der Band sahen sich schon aus finanziellen Gründen gezwungen, diverse ältere Aufnahmen aufzupolieren und daraus ein Album zusammenzustellen, immerhin war die Single »Do It Again«, ein Song von Brian Wilson und Mike Love, ein Hit, zeigte den Musikern aber auch, dass ihnen mit Brian Wilson der kreative Motor abhanden gekommen war. Er blieb zwar lose mit der Band verbunden, schrieb etwa für »Surf’s Up« (1971) einige Songs und sang auch bei den Aufnahmen, engagierte sich sporadisch auch bei Produktionen anderer Musiker, insgesamt aber konnte er nicht kontinuierlich arbeiten.
Nachdem sich sein Drogen-, Tabak- und Alkoholkonsum verstärkt hatte – in dem er in Alice Cooper und Iggy Pop zeitweilig Kumpane fand –, und auch die Zusammenarbeit mit dem Produktions-Routinie James William Guercio führte nicht zum gewünschten Erfolg – engagierte Wilson auf Druck seiner Frau Marilyn den Therapeuten Eugen Landy. Der nicht ganz unumstrittene Therapeut stellte zwar eine etwas fragwürdige Diagnose, vermochte es aber immerhin, Wilson soweit wieder herzustellen, dass er Konzerte mit den Beach Boys absolvieren konnte. Landy, der Wilson in eine Abhängigkeit von ihm manövriert hatte, geriet schließlich wegen seiner Bezahlung in Streit mit der Familie und wurde im Dezember 1976 aus dem Behandlungsvertrag entlassen. Am 1977 veröffentlichten Album der Beach Boys, »Love You«, arbeitet er intensiv mit, im Grunde war es ein Soloalbum von Brian Wilson, die übrigen Beach Boys bildeten den Chor. Die Fans der Gruppe wurden strapaziert, da Wilson vor allem Synthesizer als Instrumente verwendet hatte; das Album gehört zu den weniger erfolgreichen der Bands, erreichte gleichwohl mühelos die Top-100. Stabilität kam nicht in Brian Wilsons Leben, bis Carl Wilson 1982 Landy wieder zurückholte und seinen nach wie vor drogenabhängigen und mittlerweile stark übergewichtigen Bruder unter seine und Landys Kuratel stellte. Allmählich erholte sich der Musiker, arbeitete 1984 und 1985 ein wenig an der Gruppe Album »The Beach Boys« mit, nahm dann aber Abstand von den Beach Boys und veröffentlichte mit »Brian Wilson« 1988 sein erstes Solo-Album. Im Jahr darauf beendete Landy seine Therapie, schied dieses Mal aber, zumindest zunächst, nicht im Unfrieden. Zwar wollte Wilson ein weiteres Soloalbum produzieren, das Resultat mit dem Titel »Sweet Insanity« wurde von seiner Plattenfirma aber zurückgewiesen; in die Produktion des Albums hatte sich Landy stark eingemischt. Während Brian Wilson seinen Platz im Musikgeschäft suchte, nahm sich der Wilson-Clan unter Führung von Carl Wilson seines Therapeuten Eugene Landy an: Per Gerichtsbeschluss verlor Landy die Erlaubnis, in Kalifornien als Psychotherapeut zu arbeiten und erhielt die Auflage, sich von Brian Wilson fernzuhalten.
Langsam fand Brian Wilson wieder Anschluss, zeichnete 1995 für das Album »I Just Wasn’t Made for These Times« verantwortlich und legte das Soloalbum »Orange Crate Art« vor. Sein Ansehen als Produzent einiger der bedeutenden Schallplatten der Rockmusik war über die Jahre stetig gewachsen, mit den anderen Bach Boys hatte er Frieden geschlossen und nahm dann und wann an Aufnahme-Sessions und Auftritten teil. Bis 1998 hatte sich soweit stabilisieren können, dass er sich zutraute, das gesamte »Pet Sounds«-Album bei den Konzerten einer Welttournee vorführen zu können. Schlusspunkt dieser Entwicklung war Arbeit an der Veröffentlichung der Aufnahmen des 1966 abgebrochenen »Smile«-Projekts. Der Sänger Darian Sahanaja und Van Dyke Parks, zeitweilig schon früher Weggefährte Wilsons, halfen ihm, die Aufnahmen veröffentlichungsfähig zu machen.
2004 war es soweit, Wilson und Sahanaja konnten »Brian Wilson Presents Smile«präsentieren, Tournee und eine DVD von dem Eröffnungskonzert folgten. Die Arbeit lohnte sich auch für Brian Wilson: Für das Instrumental »Mrs. O’Leary’s Cow« erhielt er 2005 seinen ersten Grammy. Fortan schien Wilson auch wieder alles zu gelingen. Nachdem er für das Schallplatten-Label des Disney-Konzerns 2009 eine CD mit Musik von George Gershwin produziert hatte, legte er 2011 eine weitere mit von ihm arrangierter Disney-Film-Songs vor. Selbst mit Mike Love, mit dem er sich auch vor Gericht wegen der Autorschaft einiger Songs für die Beach Boys gestritten hatte, vertrug er sich. Zwischendurch wurde 2011 unter dem Titel »The Smile Sessions« eine Zusammenstellung der Aufnahmen zu »Smile« veröffentlicht.
Als das 50jährige Jubiläum der Band anstand, war Wilson davon erst angetan, dann wollte er nur mit dabei sein, wenn es genug Geld dafür gab, dann wieder sagte er zu, den Song »Do It Again« noch einmal mit der alten Band – aufzunehmen, und schließlich wurde eine neues Beach-Boys-Album, »That’s Why God Made the Radio« aufgenommen und 2012 veröffentlicht; an elf der 12 Songs war Wilson als Autor beteiligt, Love an nur zwei. Wilsons Brüder Dennis und Carl lebten nicht mehr, Love hatte in der Band das Sagen und wollte nicht mehr mit Wilson auftreten. Dieser wiederum plante 2013 ein weiteres Solo-Album – mit Jardine und Jeff Beck.
Bei aller Tragik des Lebenslaufes von Brian Wilson. Er ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten Rockmusiker überhaupt. Allein die Zahl der von ihm in der ersten Phase der Existenz der Gruppe The Beach Boys hätte ihm einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Rockmusik gesichert. Aus Rock’n’Roll, Doo-Wop und Girl-Group-Musik schuf er eine neue Form von Rockmusik, die mit »Surf Rock«unzureichend und eigentlich falsch beschrieben ist – originärer Surf Rock war in vielerlei Hinsicht einfacher und jedenfalls stereotyp. Als er der Erfolge der Beatles gewahr wurde, nahm er sehr schnell Abschied vom Gruppen-Gedanken des Surf Rocks, sah – wie George Martin – das mit einer Mehrspur-Tonbandmaschine ausgestattete Studio als den eigentlichen Ort der jüngeren Rockmusik und erkannte, dass für diese allein der Produzent genügte. Fortan, für die Aufnahmen von »Pet Sounds« und »Smile« degradierte er die Band-Kollegen zu bloßen Lieferanten bestimmter Klänge, holte sich andere von diversen Musikern und setzte diese Klänge zu Collagen zusammen, indem er Spur auf Spur schichtete und damit die seitdem gültige Aufnahmetechnik für Rock- und Popmusik schuf. Aus dieser Produktionsweise ergab sich beinahe zwingend die Ausweitung der Form in der Rockmusik, »Good Vibrations« gibt ein gutes Beispiel: Der Song, gebaut aus Verses, Bridge und Chorus wurde von ihm in seine Einzelteile zerlegt und diese zu neuen, im Prinzip endlosen Formen zusammengebaut. Was bei den Beatles mit »Strawberry Fields Forever« und »A Day in the Life« eher aus der Not geboren ergeben hatte, konstruierte Wilson aus der mehr oder weniger planvollen Überlegung und mit voller Absicht. Möglicherweise lag darin aber auch schon die Möglichkeit des Scheiterns, denn wenn die Form durch Verkettung praktisch endlos ausgedehnt werden konnte – wie sollte sie beendet werden? Wilson legte mit seiner Produktionstechnik dennoch einen der Grundsteine für den späteren Progressive Rock, der das Formproblem löste, in dem er Form aus beispielsweise Literatur und Film entlieh. Wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist, ist auch der »Song« zu Ende. Wilson half bei seinen Aufnahmeexperimenten ein Mann, der einerseits durch diese Zusammenarbeit überhaupt einem größeren Publikum bekannt wurde, andererseits doch einigermaßen im Hintergrund bliebe: Van Dyke Parks. Dieser hatte zwar ein reguläres Musikstudium absolviert, Wilson erwartete aber zunächst vor allem Hilfe bei den Texten für »Smile«. In wieweit er Einfluss auf Wilson nahm, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, zumal er 1967 ging, als Wilsons Drogenabhängigkeit schnell zunahm.
Sein Drogenmissbrauch dürfte tatsächlich der Hauptgrund für das Scheitern von »Smile« gewesen sein. Danach, mit der Abkehr von den Beach Boys, die unter Love zu einer konventionellen Rockband wurden, später der Auslieferung an Eugene Landy, konnte Wilson nicht mehr an seine frühere Arbeit anknüpfen, allen Beteuerungen von Kollegen und allen Behauptungen der einschlägigen Presse zum Trotz.


Diskografie

Brian Wilson (1988)
I Just Wasn’t Made for These Times (1995)
Imagination (1998)
Live at the Roxy Theatre (2000)
Pet Sounds Live (2002)
Gettin‘ in Over My Head (2004)
Brian Wilson Presents Smile (2004)
What I Really Want for Christmas (2005)
That Lucky Old Sun (2008)
BrianWilson Reimagines George Gershwin (2010)
In the Key of Disney (2011)

Mit The Beach Boys

The Smile Sessions (2011; Aufnahmen von 1966/67)


Literatur

Granata, Charles L.: I Just Wasn’t Made for These Times – Brian Wilson and the Making of Pet Sounds; London 2003
Arlin, PeterAmes: Catch a Wave – The Rise, Fall, and Reemption of the Beach Boy’s Brian Wilson; 2006)
Lambert, Philip: Inside the Music of Brian Wilson – The Songs, Sounds, and Influences of the Beach Boy’s founding Genius; 2007
Dillon, Mark: Fifty Sides of the Beach Boys: The Songs That Tell Their Story; 2012


Weblink

http://www.brianwilson.com (Offizielle Website des amerikanischen Musikers und Produzenten Brian Wilson)