Bryan Ferry

Ferry, Bryan, britischer Rockmusiker (Gesang, Keyboards, Komposition, Text), * Washington (Tyne and Wear, County Durham, England) 26.9.1945.

Biografie

Ferry hatte als Kind ein wenig Klavieruntericht erhalten und sang ab 1963  in der Schülerband The Banshees. Nachdem er an der Newcastle-Upon-Tyne-University ein Kunststudium aufgenommen hatte, gründete er mit Komilitonen die Rhythm´n´ Blues-Band The Gas Board, in der zeitweise auch die Bassisten John Porter und Graham Simpson spielten; beide sollten später bei Roxy Music eine Rolle spielen.
Roxy Music wurde 1971 von Ferry – mittlerweile an einer Mädchenschule als Kunstlehrer angestellt – Graham Simpson (Bass), Bryan Eno (Keyboards) und Andy Mackay (* 1946; Oboe, Saxophon) gegründet. Zunächst  wechselten die Bandmitglieder häufig – einige Monate lang gehörte auch David O´List, der frühere Gitarrist von The Nice dazu – bis sich im Laufe des Jahres 1972 die Band festigte. An der Einspielung des ersten Album nahme neben Ferry, Simpson, Eno und Mackay der Schlagzeuger Paul Thompson (*1951) und der Gitarrist Phil Manzanera, eigentlich Philip Targett Adams, (* 1951) teil.
Die Platte »Roxy Music« kam einer Revolution gleich: Bereits der Eröffnungssong »Re-make/Re-model« zeigte, dass Roxy Music einerseits in der Tradition des Rhythm´n ´Blues stand, diesen aber ironisierte. Andererseits grenzte die Band sich hart von dem seinerzeit übermächtigen Progressive Rock. Auffällig aber Ferry: Er sang seine Songs ohne jedes direkte Vorbild,  in nervösem Staccato, mit überzogenem Vibrato. Die in den folgenden Jahren in rascher Folge veröffentlichten Schallplatten Roxy Musics nahmen die Ende des Jahrzehnts einsetzende New Wave der britischen Rockmusik vorweg; Ferrys vokale Stilmittel wurden Jahre später von vielen Sängern – etwa von Mark Hollis von der Gruppe Talk Talk und David Sylvian von Japan – übernommen
Seine erste Solo-LP, »These foolish things« (1973), produzierte Ferry parallel zu seiner Arbeit bei Roxy Music. Die Sammlung von Coverversions überzeugte das Publikum so, dass Ferry seine Solo-Karriere forcierte und Roxy Music, vollkommen abhängig von Ferry, bald nicht mal mehr ein Schattendasein führte. Der Sänger begann zu experimentieren, sang Titel, die vor der Zeit des Rock´n´Roll entstanden waren und erwies sich als frappierend überzeugender Interpret von Standards wie »Smoke gets in your eyes« und »Funny how time slips away«. Nach »Let’s stick together« (1976), einer Sammlung von Songs, die er bei Gas Board und Roxy Music gesungen hatte, veröffentlichte er 1977 mit »In your mind« ausschließlich eigenes Material, darunter auch kleinere Hits, »This is tomorrow« und »Tokyo Joe«.
1979 belebte Ferry Roxy Music neu. »Manifesto« (1979) zeigte die Band in anderem, zeitgemäßen Licht, ohne dass die früheren Qualitäten gänzlich aufgegeben worden waren. Auch die folgenden Produktionen fanden ihre Zuhörer, doch fielen die Songs zusehends weit weniger rauh aus als die der ersten Jahre. Die Band entwickelte unter Ferrys Anleitung einen typischen »Roxy-Music-Sound« aus flirrenden Gitarrenklängen und wattiertem, elegisch aushallendem Synthesizer-Gesäusel, zu dem das Schlagzeug leise den Beat markierte. Bald waren auf den Solo-LPs des Sängers die gleichen Klänge zu hören, und wieder geriet Roxy Music in den Hintergrund, den das Dreigestirn Ferry, Manzanera und Mackay gelegentlich für Tourneen verließ und dem Publikum Roxy Music vorspielten.
Ferry dagegen schien sich frei zu fühlen. Er sang Rhythm´n ´Blues (»Let´s stick together«) wie Big-Band-Balladen und schließlich auch Bob Dylans Songs – »Dylanesque« (2007) brachte ihm alledings nur wenige neue Freunde. Seine Auftritte absolvierte er längst in einem ihm adäquat erscheinenden Rahmen, zuweilen in Smoking gekleidet, umgeben von versierten Musikern und vor allem Musikerinnen, wie etwa die DVD »Live in Paris« (2001) geradezu exemplarisch vorführt. Der britischen Bekleidungsfirma Marks & Spencer schien er der ideale Kleiderständer und sie engagierte ihn für ihre Werbung.
Bryan Ferry ist einer der bedeutendsten Rocksänger der 1970er-Jahre, allenfalls Sting – der Ferry übrigens mit The Gas Board im Konzert erlebte – kommt ihm gleich. In seinem ureigenen Gesangsstil verbinden sich profunde Kenntnisse früheren Rock-Gesangs wie die gleichzeitige ironische Distanz dazu. Er kann nicht nur beliebige Vorlagen zu seinen eigenen Songs machen, sondern auch mit wenigen Silben Stimmungen erzeugen, die hitzige Atmosphäre kleiner Rock-Clubs wie die Melancholie der Einsamkeit. Seine eigenen Songs sind so sehr auf ihn und seine Interpretation zugeschnitten, dass es kaum jemand wagt, sie nachzusingen. Wenn Ferrys Solo-Alben auch stets reüssierten, so sind seine bedeutenderen Aufnahmen dennoch bei Roxy Music zu sehen, vor allem vertreten auf den zwischen 1971 und 1976 veröffentlichten Platten.



Diskografie

These foolish things (1973)
Another time, another place (1974)
Let’s stick together (1976)
In your mind (1977)
The bride stripped bare (1978)
Boys and girls (1985)
Bête Noire (1987)
Taxi (1993)
Mamouna (1994)
As time goes by (1999)
Frantic (2002)
Dylanesque (2007)



Weblink

http://www.bryanferry.com (Offizielle Website des britischen Rockmusikers Bryan Ferry)

»…and I hope, we passed the audition«

Boys and Girls (1985)
Tracks: Sensation|Slave to Love|Don’t stop the Dance|A Waste Land|Windswept|The Chosen One|Valentine|Stone Woman|Boys and Girls

Auf den ersten Blick könnte das eine LP aus der zweiten, 1979 mit »Manifesto« begonnenen Phase von Roxy Music sein. Aber dem Cover fehlt die Ironie und die Rätselhaftigkeit der Cover der Band und auch die Musik wirkt bei aller Eleganz und allem Wohlklang – Ferry hatte die LP gemeinsam mit Rhett Davies produziert – matt, fast wie eine Pose. Der Sänger hatte nicht weniger als 29 Musiker in sechs verschiedene Studios geholt, darunter Nile Rodgers, David Gilmour, Omar Hakim, Mark Knopfler, Marcus Miller, David Sanborn und Tony Levin. So verschieden diese Musiker auch sind – nach der Behandlung durch Ferry und Davies blieb davon nichts mehr übrig.
Interessant ist diese LP dennoch: Sie ist einerseits ein Zeitdokument, zeigt sie doch den Stand der Instrumentaltechnik Mitte der 1980er-Jahre. Synthesizer bestimmen das Klangbild, und die verwehenden Klänge, die bald typisch für Ferrys Musik wurden, fanden zahlreiche Liebhaber unter den Keyboardspielern der Welt. Andererseits ist diese LP auch ein Wendepunkt in der Karriere Bryan Ferrys: Für diese Art von Musik, die er bei Roxy Music etwa mit »Avalon« (1982) erprobt hatte, brauchte er keine Band, schon gar nicht vom Kaliber Roxy Musics. Fortan legte er mehr Wert auf seine eigene Karriere und benutzte die Band nur noch für nostalgische Zwecke.