Colosseum

Colosseum, britische Jazzrock-Band, 1968 gegründet, 1971 aufgelöst, 1994 unter diesem Namen wiedergegründet.

Der Schlagzeuger Jon Hiseman (* 1944), der Saxophonist Dick Heckstall-Smith (* 1934, † 2004) und der Bassist Tony Reeves (* 1943) hatten in der Band John Mayalls, John Mayall’s Bluesbreakers, schon zusammen Blues gespielt. Hiseman und Heckstall-Smith waren Mitglieder der Graham Bond Organization gewesen, als sie sich 1968 entschlossen, eine eigene Band zu gründen. Mit Dave Greenslade fanden sie schnell einen versierten Organisten; die elektrischer Gitarre übernahm zunächst für kurze Zeit Jim Roche, dann James Litherland (* 1949), der auch ein passabler Sänger war. Schon das erste Konzert der Band, die sich dem Zeitgeist jener Jahre entsprechend mit Colosseum, der monumentalen Circus-Arena in Rom, einen leicht antiken Namen gegeben hatte, überzeugte den seinerzeit äußerst umtriebigen Rundfunk DJ John Peel, die Band im Rahmen seiner Top-Gear-Sendereihe auftreten zu lassen und das Konzert mitzuschneiden. Auf diese Art schnell bekannt, konnte Colosseum schon 1969 ihr Debüt-Album aufnehmen und veröffentlichen. »Those Who Are About to Die Salute You« – nach dem historisch nicht gesicherten Ausruf der Gladiatoren in römischen Arenen »Morituri te salutant« (»Die dem Tod geweihten grüßen dich)« vor dem Kampf – wurzelte in Blues und Jazz und gilt als eines der ersten europäischen Jazzrock-Alben. Noch im gleichen Jahr wechselte die Band von Dunhill Records zu Vertigo Records und veröffentlichte das erste Album, das bei dem dem Progressive Rock zugedachten Unterlabel von Philips veröffentlicht wurde. Die LP mit dem durchaus bemerkenswerten, von Marcus Keef gestalteten Cover – es zeigt eine geisterhafte, weiß gekleidete junge Frau in einer sonnigen Heidelandschaft, zwischen zwei hohen Kerzenleuchtern stehend – enthielt neben einigen Blues-Stücken die die gesamte zweite Seite der Platte einnehmende dreiteilige »Valentyne Suite«. Der erste Teil war ein vage an »Rondo« von The Nice angelehntes Stück Musik, in dem Dave Greenslade in einem langen Solo auf der Hammond-Orgel eine Verbindung zum Progressive Rock jener Tage schuf.

1970 ersetzte der Gitarrist Dave Clempson, Clem genannt, Litherland, Louis Cennamon kam für kurze Zeit als Ersatz für Tony Reeves, dann schließlich Mark Clarke. Da Clempson seine Rolle nicht in der des Gitarre spielenden Sängers sah, holte Hiseman Chris Farlowe. Farlowe rückte die Musik der Band in Richtung Blues, der Progressive Rock verschwand mit »Daugther of Time« nicht völlig, aber raffinierter Jazz- und Bluesrock trat an seine Seite, etwa der Blues »Downhill and Shadows«.

Trotz durchaus großer Popularität gaben die Musiker um Jon Hiseman nach der Veröffentlichung des obligaten Live-Doppelalbums 1971 auf. Hiseman gründete mit Clarke Tempest, Greenslade mit Reeves die Progressive-Rock-Band Greenslade, Clempson schloss sich Humble Pie an, Farlowe Atomic Rooster; Heckstall-Smith suchte sein Glück in einer Solo-Karriere und war, stets hoch geschätzt von Kollegen, bald hier, bald da zu hören.

1975 gründete Hiseman Colosseum II, eine Band, die mehr als Colosseum auf Jazz und Bluesrock setzte, nicht zuletzt der Gitarrist Gary Moore und der Keyboard-Spieler Don Arey waren Garanten für diese Ausrichtung. Colosseum II bestand bis 1978.

Geradezu zu einer zweiten Karriere von Colosseum kam es, als die Band 1994 zwei umjubelte Reunion-Konzerte gab und 1995 eine Tournee absolvierte. Die zweite Karriere Collosseums verlief in ruhigeren Bahnen, die Musiker konnten sich auf eine Basis von Fans verlassen, die teils die Band schon um 1970 auf Festivals gesehen hatten, Jon Hiseman und seine Frau Barbara Thompson, die schon 1970 an »Daughter of Time« mitgewirkt hatte, auch mit der in Deutschland gegründeten Mini-Big-Band United Jazz and Rock Ensemble. So veröffentlichte Colosseum Live- und Studio-Alben, trat in Europa und Asien auf und gab schließlich 2011 ihr letztes Konzert. Heckstall-Smith war 2004 gestorben, für ihn war Barbara Thompson in die Band gekommen, bis die Erkrankung an Parkinson ihre Karriere beendete. Hiseman gab daraufhin 2011 die Auflösung der Band bekannt.

Colosseum war sicherlich auch in der ersten Phase keine Band des Progressive Rocks. Vielmehr war Progressive Rock – der als Begriff noch gar nicht vorhanden war – seinerzeit Teil der gesamten Rockmusik. Das Album »Valentyne Suite« mit seinem gleichnamigen Zyklus macht deshalb Colosseum nicht zu einer Progressive-Rock-Band. Zumal die Suite seinerzeit wenig Wirkung zeigte: Zwar hatte The Nice 1968 ihre Suite »Ars Longa Vita Brevis« veröffentlicht, die stilprägenden Zyklen des Progressive Rocks – »Tarkus« (1971) von Emerson, Lake & Palmer, »Thick as a Brick« (1972) von Jethro Tull, »Close to the Edge« (1972) von Yes – standen aber noch aus, so dass »Valentyne Suite« rückwärtgewandt den Blick auf die Musik von The Nice richtet, auf »Rondo« und eben »Ars Longa Vita Brevis«. Colosseum verfolgte diesen Pfad auch nicht weiter, wohl aber den von ausgeklügelter Metrik und Rhythmik in ihren Kompositionen.

Die Band war besonders in der Bundesrepublik Deutschland beliebt und trat um 1970 sehr häufig hier auf. Dies war nicht ausschließlich auf ihre Musik zurückzuführen, sondern auch auf die unprätentiöse Selbstdarstellung der Musiker. Zumal Jon Hiseman – der als Schlagzeuger neben die großen britischen Schlagzeuger Ginger Baker, Bill Bruford und Carl Palmer zu stellen ist – war und ist bei deutschen Rockhörern außerordentlich hoch angesehen.

Diskografie

Those Who Are About to Die Salute You (1969)
Valentyne Suite (1969)
The Grass Is Greener (1970; nur USA)
Daughter of Time (1970)
Colosseum Live (1971)
LiveS – The Reunion Concerts 1994 (1995)
Bread & Circuses (1997)
Tomorrow’s Blues (2003)
Live05 (2007)

Literatur

Hanson, Martyn: Playing The Band – The Musical Life of Jon Hiseman; London 2010