Gentle Giant

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Gentle Giant, britische Progressive-Rock-Band, 1970 aus der Band Simon Dupree and the Big Sound hervorgegangen.

Bandbiografie

Die Brüder Phil Shulman (* 1937), Derek Shulman (* 1947) und Ray Shulman (* 1949) wuchsen in einer Familie auf, die nicht lediglich an Musik interessiert war, sondern in der Musik zur Erziehung der Kinder gehörte und somit geradezu Pflicht war: Der Vater der Brüder arbeitete als Trompeter in einer Jazzgruppe und hielt seine Söhne an, möglichst viele Instrumente zu lernen – leicht möglich in einem Haus, in dem es eine Vielzahl Instrumente gab und Musiker ein- und ausgingen. Auf diese Weise lernten die drei Brüder nicht nur spielerisch jeder mehrere Instrumente, sondern erhielten auch das Rüstzeug, sich auf jedem Instrument zurecht zu finden und sich jedweder Musik vorurteilslos zu nähern.
Anfang der 1960er-Jahre interessierten sich Derek und Ray Shulman intensiv für Rhythm and Blues und gründeten eine Band; wenig später ließ sich auch Phil Shulman überreden, Mitglied der Band zu werden. Zunächst nannte sich die Gruppe The Howling Wolfes, dann The Road Runners, 1966 schließlich Simon Dupree and the Big Sound: Derek als Leadsänger figurierte als Simon Dupree, sein Bruder Phil übernahm Saxofon und Trompete, während Ray hauptsächlich Gitarre, aber auch Trompete spielte. Beide Brüder sangen auch Background. Unter den diversen Musikern, die ebenfalls in der Band der Shulmans spielten, war für kurze Zeit auch ein junger Pianist, der sich Elton John nannte.
Simon Dupree and the Big Sound verschrieben sich zu dieser Zeit einer Mischung von Soul und Pop, erfolgreich genug, um bei der britischen EMI einen Plattenvertrag zu bekommen. Als die von der Band veröffentlichten Singles ausnahmslos auf wenig Interesse beim Publikum stießen, versuchte das Management der EMI, die Band zu bewegen, sich dem seinerzeit aktuellen Psychedelic Rock zu widmen. Tatsächlich schien das mehr Erfolg zu versprechen: Die Single »Kite« brachte es 1967 bis auf Platz zehn der britischen Charts. Obwohl die Band dann auch eine LP aufnehmen durfte, »Without Reservation«, waren die Shulman-Gebrüder nicht zufrieden mit der Entwicklung, die ihre Musik genommen hatte: Sie sahen sich nicht als glaubwürdige Vertreter eines »Blue-eyed Soul«. Einen Ausweg suchten sie in einer Single, die sie Ende 1968 unter dem Pseudonym The Moles veröffentlichten: »We Are the Moles (Parts 1 & 2)« erzeugte nebenbei das Gerücht, dass es sich bei der Band eigentlich um die Beatles handele.
Die Brüder Shulman sahen allerdings, dass sich auf diese Weise die Probleme der Band nicht lösen ließen. So lösten sie die Band kurzerhand auf und suchten neue Musiker, die sie 1970 in dem Gitarristen Gary Green (* 1950) und dem Keyboard-Spieler Kerry Minnear (* 1948) fanden – beide beherrschten wie die Shulmans diverse andere Instrumente, Minnear konnte sogar ein Studium am Royal College of Music vorweisen. Als Schlagzeuger holten die Brüder Martin Smith, der schon bei Simon Dupree and the Big Sound getrommelt hatte. Die neue Band erhielt den Namen Gentle Giant.
Innerhalb der neuen Band wurden die Rollen neu verteilt: Mit Derek Shulman, Phil Shulman und Kerry Minnear verfügte die Formation über drei ausgezeichnete Sänger; Derek übernahm hauptsächlich Saxofon und Blockflöte, Ray Bassgitarre und Violine, Phil blieb bei Saxofon und Trompete. Die größte Veränderung betraf aber die Musik selbst: Die Band legte sich auf keinen bestimmten Rock- oder Pop-Stil fest, sondern nutzte jedwede Musik: Rock, Jazz, Pop, Blues. Es waren Anklänge an Musik der Renaissance und des Barock zu hören, es gab ausgedehnte A-Cappella-Abschnitte, dann wieder Saxofon-Improvisationen, abgelöst von kontrapunktischer Blockflötenmusik, der kompromissloser Hardrock folgen konnte.
Noch 1970 legte Gentle Giant die erste LP vor. »Gentle Giant«, so der Titel der LP, zeigte zwar die Intentionen der Band, doch ausformuliert wurden diese erst 1971 mit dem zweiten Album, »Acquiring the Taste«, ein Kaleidoskop musikalischer Vielfalt und instrumentaler Technik. Nach Veröffentlichung der zweiten LP verließ Smith die Band und wurde durch den Schlagzeuger Malcolm Mortimore ersetzt. Doch blieb er nur für die Aufnahmen zu der dritten LP Mitglied der Band; kurz nach Veröffentlichung von »Three Friends« (1972), dem ersten Concept Album Gentle Giants, verletzte er sich bei einem Unfall so schwer, dass er seine Karriere zunächst nicht fortsetzen konnte. Für ihn kam als Interimslösung der Schlagzeuger John Weathers (* 1947), der vorher bei der Graham Bond Organisation gespielt hatte. Als Mortimores Genesung sich hinzog, wurde er durch Weathers ersetzt. Weathers spielte nicht nur Schlagzeug, sondern auch Gitarre und war ein passabler Sänger. Gemeinsam mit ihm ging Gentle Giant 1972 auf eine kurze Tournee, dann für die Aufnahme des dritten Albums in Studio.
»Octopus« kam noch im selben Jahr auf den Markt. Wieder war es ein Konzeptalbum, dem zunächst die Idee zugrunde lag, jedem der Bandmitglieder einen typischen Song zuzuordnen. Der Plan wurde nicht durchgehalten, doch enthält das Album einige der auffälligsten Kompositionen der Band, darunter etwa »Knots«, ein kompliziertes Arrangement von A-Cappella-Gesang, dem Abschnitte mit Reminiszenzen an Neue Musik gegenübergestellt werden. Wie weit diese Musik aber von gängiger Rockmusik entfernt war, und wie wenig ein typisches Rockpublikum mit der Musik Gentle Giants etwas anfangen konnte, erfuhr die Band, als sie einige Konzerte im Vorprogramm der Heavy-Metal-Band Black Sabbath bestritt – aufgebrachte Fans bewarfen die Musiker mit einem Feuerwerkskörper. Entnervt verließ Phil Shulman nach diesem Vorfall und einer Auseinandersetzung mit seinen Brüdern darüber die Band, tatsächlich aber waren es familiäre Gründe, die es ihm unmöglich erscheinen ließen, als Musiker weiterhin auf Tour gehen zu können.
Der Bruch mit dem Bruder stürzte die Band in eine kleine Krise, denn die beiden verbliebenen Shulmans sahen zunächst keine Möglichkeit, ihre musikalischen Vorhaben ohne Bruder Phil fortsetzen zu können. Green und Weathers stimmten die Brüder aber um. So setzte die Band die Arbeit fort, nahm 1973 »In a Glass House« auf – erneut ein Konzeptalbum, das das Sprichwort »Wer im Glaushaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen« mit musikalischen Mitteln in eine psychologische Betrachtung zu fassen suchte –, ließ 1974 »The Power and the Glory« folgen, wieder ein Konzeptalbum. Die Band stand auf dem Höhepunkt ihre Könnens und ihrer Popularität – die indes weit geringer war als die anderer Bands des ↑Progressive Rock wie etwa die von Yes, Genesis und Emerson, Lake & Palmer. Auch das ein Grund, dass »In a Glass House« nie in den USA veröffentlicht wurde und dort nur als Import erhältlich war. Die Band schloss daraus, dass ihre Musik für ein breites Publikum zu kompliziert geworden war und versuchte, mit einfacheren musikalischen Mitteln ihr Publikum einerseits zurück zu gewinnen und andererseits zu vergrößern. »Free Hand«, 1975 veröffentlicht, schaffte es dann tatsächlich, in die Top 50 der USA zu gelangen. »Interview«, 1976 vorgelegt, war wie »Free Hand« erneut ein Concept Album, ein ironischer Versuch, das Verhalten von Musikjournalisten und interviewten Rockmusikern zu karikieren – die zwischen die Songs eingestreuten fingierten Interview-Fetzen enthalten nur sinnloses Gerede.
Tatsächlich forderte das sich Mitte der 1970er-Jahre radikal ändernde Musikgeschäft seinen Tribut. Die Band schien ratlos, wie dem zu entsprechen sei und verlegte sich auf die Produktion von Alben, die eher dem vorherrschenden Publikumsgeschmack entsprechen sollten. »The Missing Piece« (1977) markierte den Beginn dieser Phase, die mit »Giant for a Day« 1978 fortgesetzt und mit »Civilian« 1979 beendet wurde. Alle diese Alben enthalten kurze Rocksongs, handwerklich perfekt ausgeführt, aber ohne die Raffinesse früherer Kompositionen der Band. Die Ratlosigkeit der Musiker über die Zukunft Gentle Giants hielt an, und so lösten sie nach einer letzten Tournee 1980 die Band auf.
In den folgenden Jahren machten die Shulman-Brüder Derek und Ray Karriere im britischen Musikgeschäft – als Label-Manager beziehungsweise Produzent -, Weathers trommelte für die Band Man, Green spielte in den USA in diversen Bands, Minnear ebendort in Gospelgruppen; Phil Shulman hatte sich vollständig von der Musik zurückgezogen, bis sein Sohn Damon sich der Musik zuwandte – Vater und Sohn waren dann gemeinsam im Studio.
2004 ergab sich eine Teil-Reunion: Minnear, Weathers, Ray und Phil Shulman kamen für die Aufnahme von einigen Stücken noch einmal zusammen; die Aufnahmen sind Teil der Best-Of-Sammlung »Scraping the Barrel«. 2008 taten sich Green, Mortimore und einige andere Musiker zu Rentle Giant zusammen; der Gruppe schloss sich 2009 auch Minnear an, die sich nunmehr Three Friends nennt. Die Band wuchs durch das Engagement des Sängers von 10cc, Mick Wilson, auf sieben Mitglieder an.
Gentle Giant wird zwar zu den bedeutenden Bands des Progressive Rocks britischer Prägung gezählt, doch unterscheidet sich die Musik Gentle Giants erheblich etwa von der von Yes oder Genesis. So gibt es keine ausgedehnten Klangprozesse – wie etwa »Close to the Edge« von Yes –, keine Suiten – wie etwa »Tarkus« von Emerson, Lake & Palmer – bei Gentle Giant, dafür stellt jede der Kompositionen auf den Veröffentlichungen bis etwa 1976 einen eigenen Mikrokosmos dar. Dabei bildet die gesamte Musik einen Fundus, aus dem die Band schöpft – niemals wurden Originalwerke zitiert oder gar bearbeitet. Die meisten Kompositionen der Band stammten von Ray Shulman und Kerry Minnear, der schon aufgrund seines Kompositionsstudiums die Musik, die ihm jeweils als Vorbild dienen sollte, genau kannte – seien es Madrigale der Renaissance, barocker Kontrapunkt oder Kompositionen Neuer Musik etwa von Igor Strawinsky. Die Texte, auf den ersten LPs von Phil Shulman, später ausschließlich von Derek Shulman, entsprechen der Musik, oft rätselhaft in der Thematik, dann wieder – wie in »Interview« – die eigene Situation als Rockmusiker aufgreifend, also höchst real.
Während die Studioalben durchweg eher eine kontemplative Atmosphäre erzeugen, ging Gentle Giant der Ruf einer exzeptionellen Live-Gruppe voraus. So hat die Band im Laufe der Jahre ihres Bestehens eine Anhängerschaft um sich geschart, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg aktiv blieb und zu der auch zahlreiche Musiker jüngerer Progressive-Rock-Bands gehören. So sind Anklänge an die Musik der Briten etwa bei der amerikanischen Band Spock’s Beard, oder der schwedischen Band The Flower Kings auszumachen.



Diskografie

Gentle Giant (1970)
Acquiring the Taste (1971)
Three Friends (1972)
Octopus (1972)
In a Glass House (1973)
The Power and the Glory (1974)
Free Hand (1975)
Interview (1976)
The Missing Piece (1977)
Playing the Fool (1977)
Giant for a Day (1978)
Civilian (1980)
Gentle Giant in Concert (1994; Aufnahmen von 1978)
Out of the Woods: The BBC Sessions (1996)
The Last Steps (1996; Aufnahmen von 1980)
Out of the Fire: The BBC Concerts (1998)
Scraping the Barrel (2004)



Literatur

Kneif, Tibor: Gentle Giant, Interview, in: Wolfgang Sandner: Rockmusik; Mainz 1977
Olshausen, Ulrich: Gentle Giant, Interview, in: Wolfgang Sandner: Rockmusik; Mainz 1977
Feurich, Hans-Jürgen: Gentle Giant Interview, in: Wolfgang Sandner: Rockmusik; Mainz 1977



Weblinks

http://www.blazemonger.com/GG/Gentle_Giant_Home_Page (Offizielle Website der britischen Rockband Gentle Giant)
http://www.gentlegiantmusic.com/ (Website von Alucard Music, einem von Kerry Minnear organisierten Vertrieb von CDs von Gentle Giant)