John Greaves

Greaves, John, britischer Jazz- und Rockmusiker (elektrische Bassgitarre, Klavier, Gesang, Komposition), * Prestatyn (Wales) 23.1. 1950

John Greaves bekam als 12jähriger von seinem Vater, der ein Tanzorchester leitete, eine elektrische Bassgitarre geschenkt; kaum mehr als ein halbes Jahr später spielte der Junge in der Kapelle seines Vaters den Bass. Vier Jahre lang blieb er der Band seines Vaters treu und erwarb sich in diesen Jahren eine solide Routine in der Handhabung seines Instrumentes, nicht zuletzt auch im Umgang mit den diversen Ausprägungen von Tanzmusik, Rock und Pop.
Nach der allgemeinbildenden Schule wechselte Greaves 1968 an das Pembroke College nach Cambridge, um Englisch zu studieren. In Cambridge traf er auf Fred Frith und Tim Hodgkinson, zwei Kommilitonen, die im Jahr zuvor die Gruppe Henry Cow gegründet hatten. Frith und Hodgkinson, auf der Suche nach einem Bassisten für ihre noch labile Band, überredeten Greaves, Mitglied von Henry Cow zu werden. Greaves willigte schließlich ein und gehörte der Band von 1969 bis 1976 an.
1971, nachdem Greaves sein Studium mit einem Master-Oft-Arts-Grad beendet hatte, hatte er sich entschlossen, professionell als Musiker zu arbeiten. Als das Trio Slapp Happy mit Henry Cow fusionierte, freundete er sich mit Peter Blegvad an. Blegvad verließ Henry Cow bald, doch blieb der Kontakt zu Greaves bestehen. 1976 nahmen die beiden Musiker in New York gemeinsam mit der Sängerin Lisa Herman das Album »Kew. Rhone« auf – Blegvad hatte die Texte geschrieben, Greaves die Musik. Wenn das Album auch meist vor allem Blegvad und Greaves zugeschrieben wird, so hatte Lisa Herman einen erheblichen Anteil am Gelingen dieser LP, die wie nur wenige andere die Balance zwischen Jazz und Rock hält, dabei mustergültig produziert wurde.
Nach der Veröffentlichung von »Kew. Rhone«, wieder in England, arbeitete Greaves als Musiker und Schauspieler bei Theaterproduktionen mit, schloss sich aber 1978 National Health an, war nach der Auflösung der Band 1980 auch an deren einmaliger Produktion »D.S. Al Coda« (1982) beteiligt und gehörte in den 1980er-Jahre zu Soft Heap, einer aus Elton Dean, Pip Pyle und Mark Hewins bestehenden Band.
Erstaunlicherweise begann er erst Anfang der 1980er-Jahre, allein unter eigenem Namen zu veröffentlichen, so 1982 das Album »Accident«. »Accident« hatte er in Paris aufgenommen und die französische Hauptstadt hatte es ihm so angetan, dass er 1984 permanent nach Frankreich wechselte, mit dem Gitarristen und Posaunisten François, dem Violoncellisten Denis van Hecke, der Schlagzeugerin Mireille Bauer von Gong und Peter Blegvads Bruder, dem Sänger Kristoffer Blegvad, eine Band gründete; mit dieser Band nahm er 1984 auch sein Album »Parrot Fashions« auf. In den 1980er-Jahren auch lernte er Simon Jeffes vom Penguin Cafe Orchestra wie gleichfalls das Orchester des Komponisten Michael Nyman, die Michael Nyman Band, kennen und ging mit beiden Formationen auf Konzertreise.
1987 gründete Greaves mit Peter Blegvad die Gruppe The Lodge, zu der neben ihm und Blegvad dessen Bruder Kristoffer, der Gitarrist Jakko Jakszyk und der Schlagzeuger Anton Fier gehörten; die Band veröffentlichte im selben Jahr das Album »Smell of a Friend«. Längeren Bestand hatte auch diese Formation nicht, auch wenn sie durchaus als eine der vielen »Super Groups« der Canterbury Scene gelten kann. Dem Umkreis dieser Strömung des britischen Jazzrocks blieb Greaves auch mit einer Gruppe treu, als er die CD »La Petite Bouteille de Linge« (1991) mit Ovide, Pyle und der französischen Pianistin Sophia Domincich einspielte. Dies war der Beginn einer Phase in Greaves Musik, in der er zunehmend akustischen, leisen Instrumenten den Vorrang einräumte und schließlich selbst auf das Schlagzeug verzichtete. Das 1995 veröffentlichte Album »Songs« war dann auch fast in Gänze so etwas wie ein »Unplugged«-Album enger seiner früheren Kompositionen. Andererseits spielte er mit Ovide und dem Schlagzeuger Manu Denizet Ende der 1990er-Jahre auch wieder in einem konventionell instrumentierten Trio, also mit elektrischer Gitarre und elektrischer Bassgitarre.
Diese »Doppelstrategie« schien seit den 1980er-Jahren eine logische Entwicklung in der Musik Greaves‘ zu repräsentieren: Einerseits das übliche Rock-Instrumentarium einzusetzen, andererseits seine Kompositionen mit mitunter etwas ungewöhnliche Besetzungen – zu dem Trio Jazzsongs,mit dem er »The Trouble Wiht Happiness« (2003) aufnahm, standen ihm Sophia Domancich und der Cellist Vicent Courtois zur Seite – zu erproben. In diesem Sinne arbeitete er nach der Jahrtausendwende etwa auch mit der Sängerin Else Caron, einmal mehr Robert Wyatt, dem Holzbläser Louis Sclavis, der Sängerin Jeanne Added, dem Trompeter Scott Taylor, der Organistin Karen Mantler und der Geiger Dominique Pifarély in jeweils wechselnden Konstellationen zusammen. Der Kreis der Musiker, mit denen er zusammenkam, blieb dennoch recht klein, immer wieder bat er Weggefährten aus vergangenen Tagen ins Studio und griff auch auf die älteren seiner Kompositionen zurück – 2007 beispielsweise führte er mit Blegvad und Lisa Herman »Kew. Rhone« wieder einmal öffentlich auf, wenig später war er dann an der gemeinsam mit der Bassistin Hélène Labarrière gegründeten Formation »Dedicated To You« – später in »Dondestan« umbenannt beteiligt, die zu Ehren Robert Wyatts dessen Songs präsentierte. Ab 2003 arbeitete Greaves mit dem französischen Label Harmonia Mundi zusammen, bei dem unter anderem auch Vertonungen einiger Gedichte des französischen Dichtere Paul Verlaine erschienen.
John Greaves verkörpert in gewisser Hinsicht die Canterbury Scene wie nur wenige andere: Er ist gleichermaßen kompetent als Jazz- wie als Rockmusiker, aber auch aufgeschlossen gegenüber jeglicher Art von experimenteller, mehr der traditionellen Kunstmusik zugewandten Musik, die den Hörer aber nicht mit harscher Radikalität konfrontiert, sondern stets eine gewisse ironische Distanz durchschimmern lässt. Erstaunlich ist, dass er seine »alten« Kompositionen nicht nach einiger Zeit beiseite legt und sich ausschließlich Neuem zuwendet, sondern das Neue im Alten zu entdecken versucht, Mitspieler animiert, es ihm gleich zu tun und den Vorlagen mit veränderten Instrumentationen neue Seiten abzugewinnen hofft. John Greaves blieb abseits all dem selbst eng mit den Ursprüngen des Canterbury Rock wie seinem eigenen Beginn in der Canterbury Scene verbunden: Er spielt den Bass in Peter Blegvads Trio, zu dem auch der Schlagzeuger Chris Cutler gehört.


Diskografie

Kew. Rhone. (1977; mit Peter Blegvad und Lisa Herman)
Accident (1982)
Parrot Fashions (1984)
La Petite Bouteille de Linge (1991)
greaves, cunningham (1991; mit David Cunningham)
Unearthed (1995; mit Peter Blegvad)
Songs (1995)
The Caretaker (2001)
On the Street Where You Live (2001)
The Trouble With Happiness (2003)
Chansons (2004, mit Elise Caron)
Tambien 1–7 (2005)
Greaves Verlaine (2008)
Greaves Verlaine 2 (2012)

Weitere LPs/CDs mit Henry Cow, National Health, The Lodge, Peter Blegvad, Pip Pyle, Sophia Domincich


Weblink

http://www.stalk.net/piano/discjg.htm (Website mit Diskografie zu John Greaves)