Nirvana (UK)

Nirvana, britische Rockband, 1965 von dem Gitarristen und Sänger Patrick Campbell-Lyons (* 1943) und dem griechischen Komponisten, Sänger und Keyboard-Spieler Alex Spyropoulos in London gegründet. Die Band ist nicht mit der US-amerikanischen Grunge-Band gleichen Namens zu verwechseln.
Patrick Campbell-Lyons und Alex Spyropoulos hatten zunächst gar nicht die Absicht, eine Band zu gründen, sondern schrieben Songs, die sie von professionellen Musikern einspielen ließen; sie selbst übernahmen den Gesang und steuerten hier und da ein wenig Instrumentalspiel bei. Auf diese Weise kam das erste, 1967 veröffentlichte Album des Duos, »The Story of Simon Simopath«, zustande. Bereits vor Veröffentlichung des von Chris Blackwell für sein Label Island produzierten Albums, war verabredet worden, die Rockoper, die »The Story of Simon Simopath« in der Tat war, öffentlich aufzuführen. Campbell-Lyons und Spyropoulos fühlten sich daher gedrängt, eine veritable Rockband zu gründen. Geeignete Musiker fanden sie in dem Gitarristen Ray Singer und dem Bassisten Brian Henderson; ergänzt wurde die Band durch die Cellistin Sylvia A. Schuster und den Hornisten und Bratschisten Michael Cole; das Schlagzeug übernahmen gleich mehrere Studiomusiker, Peter Kester, David Preston und Patrick Shanhan Campbell-Lyons und Spyropoulos nannten ihre Band Nirvana, damit auch einem zeitgenössischen Trend zu fernöstlicher Weltanschauung gerecht werdend. Tatsächlich war Nirvana keine Band im herkömmlichen Sinn, denn Campbell-Lyons und Spyropoulos hatten keineswegs die Absicht, die vier hinzu engagierten Musiker am kreativen Prozess teilnehmen zu lassen – Nirvana war weit mehr eine Live-Band als eine verschworene Musikergemeinschaft. Als Angebote für Konzerte rar wurden, löste das Duo die Band wieder auf und kehrte zu der früheren Produktionsweise zurück: Campbell-Lyons und Spyropoulos schrieben Text und Musik, Profis besorgten die Aufnahmen.
»The Story of Simon Simopath« hatte zwar einiges Aufsehen erregt, nicht zuletzt wegen seiner farbigen Instrumentierung und seiner unbekümmerten Mischung von Pop, etwas Rock, altertümlichem Jazz und auch Anklängen aus der Kunstmusik, das zweite Album des Duos – dessen gewundener Titel »The Existence of Chance Is Everthing and Nothing While the Greatest Achievement Is the Living of Life, and so Say All of Us« (1968) vom Publikum rüde auf »All of Us« gekürzt wurde – fand dann schon weniger Interesse bei Rockhörern und das dritte, »To Markos III« (1970), ursprünglich mit dem Titel »Black Flower« versehen, wurde von Blackwell rundweg abgelehnt; es erschien dann unter dem Label von Pye Records. Der Misserfolg führte dann auch zum Zerwürfnis zwischen Campbell-Lyons und Spyropoulos, das Duo trennte sich und beide Musiker nahmen unspektakuläre Solo-Karrieren auf; Campbell-Lyons nutzte dafür den Namen Nirvana.
1985 fand das Duo wieder zusammen, ging zunächst auf Tour und veröffentlichte im Laufe der Jahre auch wieder einige Alben, teils im Rückgriff auf die frühen Werke, teils auch neue Musik. 1992 stritten sie sich mit der amerikanischen Band Nirvana wegen des Namens, veröffentlichten aber auch eine Cover Version des Cobain-Titels »Lithium«.
Ihren Ruhm verdanken Campbell-Lyons und Spyropoulos dem ersten unter dem Namen Nirvana veröffentlichten Album, »The Story of Simon Simopath«. Der Sache nach handelt es sich um eines der ersten Konzeptalben, der in zehn Songs erzählten Geschichte um eine Rockoper in zwei Akten, und tatsächlich trägt die etwas naive, hier und da auch infantile Geschichte beinahe alle Kennzeichen späterer Rockopern, »Tommy« von The Who eingeschlossen: Der junge Simon Simopath träumt davon, Flügel zu haben, er ist in der Schule unbeliebt, arbeitet ab 1999 (!) als Angestellter am Computer, erleidet einen Nervenzusammenbruch, gewinnt die Freundschaft eines Zentauren und die Liebe von Magdalena, die er heiratet und mit ihr eine rauschendes Fest feiert. Die Musik bietet ein Beispiel des britischen Psychedelic-Rocks, nicht zuletzt wegen der Effekte: Nirvana war eine der ersten Formationen, die Phasing als Stilmittel nutzten.
Dabei ist es fraglich, ob es sich bei Nirvana wirklich um eine Rockband handelt. Schreibende Duos gab es schon lange in der Pop- und Rockmusik, zu denken ist an Leiber/Stoller oder Goffin/King. Möglicherweise war es Campbell-Lyons und Spyropoulos auch gleichgültig, zumal seinerzeit die Grenze zwischen der aktuellen Rockmusik und den aktuellen Musicals – etwa »Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat« (1968) von Andrew Lloyd-Webber und Tim Rice – sehr diffus geworden war; mit am Anfang dieser Entwicklung, die einige Jahre lang bestimmend war, stand eben Nirvanas Simon Simopath. Die Rockoper wurde allerdings nie szenisch ausgestaltet und aufgeführt.
Mit ihrer Musik hatten Campbell-Lyons und Spyropoulos auf jeden Fall ihre Finger am Puls der Zeit. Um bestimmte Effekte und Stimmungen zu erreichen, legten sie sich hinsichtlich der Arrangements ihrer Songs keinerlei Beschränkungen auf, verließen den noch relativ engen Rahmen des Rockinstrumentariums und nahmen aus dem Fundus der Musikinstrumente, was immer ihnen geeignet schien. Mitunter ergab das ironische Momente, Rückgriffe auf die englische Music Hall, mitunter aber auch Sentiment und dann und wann auch Kitsch. Der Einfluss dieser Musik auf andere Bands, nicht zuletzt auf die Beatles und die britische Rockmusik jener Tage überhaupt, ist ohne jeden Zweifel vorhanden, Nirvana stand an der Schnittstelle von Beat und britischer Popmusik und formulierte einige Voraussetzungen für den späteren Progressive Rock, darin etwa The Moody Blues ähnlich. Bei der Gestaltung ihrer Musik halfen Campbell-Lyons und Spyropoulos eine Reihe von Musikern und Produzenten, die seitdem aus der britischen Rockmusik nicht wegzudenken sind, neben Chris Blackwell etwa der Produzent Tony Visconti, der Bassist Herbie Flowers, der Gitarrist Billy Bremner, die Band Spooky Tooth, der Holzbläser und Gitarrist Mike Vickers, der Toningeneur Brian Humphries und der Produzent Chris Thomas.


Diskografie

The Story of Simon Simopath (1967)
The Existence Of Chance Is Everything and Nothing Whilst the Greatest Achievement Is the Living of Life and So Say All Of Us (1968)
To Markos III (1970; 1987 unter dem ursprünglich geplanten Titel Black Flower wiederveröffentlicht)
Local Anaesthetic (1972; Campbell-Lyons solo)
Songs Of Love And Praise (1973; Campbell-Lyons solo)
Orange And Blue (1996)
Chemistry (1997, Zusammenstellung, drei CDs)


Weblink

http://www.nirvana-uk.com (Offizelle Website der britischen Band Nirvana)