Procol Harum

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Procol Harum, britische Rockband, 1967 aus der 1963 gegründeten Rockband The Paramounts hervorgegangen; der Name wurde der Band angeblich nach dem Namen einer Katze gegeben, Haustier einer Freundin des Managers der Band. Aufgrund des telefonisch übermittelten Vorschlags wurde aus dem eigentlichen Namen Procul Harum versehentlich Procol Harum. Falsches Latein ist beides: Procul bedeutet so viel wie »in die Ferne, weithin«. Wird Harum als Demonstrativpronomen gewertet, so könnte der Namen »fern von diesem« heißen, doch müsste das Pronomen dann Dativ Plural sein und nicht – wie hier – Genetiv Plural. Die Ungenauigkeit in der Namensgebung führte später dazu, dass der Bandnamen häufig mit Procul Harum angegeben wird.

Bandbiografie

Der Pianist und Sänger Gary Brooker (* 1943) und der Gitarrist Robin Trower hatten sich Anfang der 1960er-Jahre in der Band The Paramounts einer Mischung von Rock, Rhythm’n’Blues und Soul gewidmet und mit der Single »Poison Ivy«, einer Komposition von Leiber/Stoller, einen Top-Fourty-Hit gehabt. Mit der Veränderung der Rockmusik im Laufe der 1960er-Jahre sah Brooker die Möglichkeit, als Sänger und Songschreiber zu Erfolg zu kommen und stellte eine neue Band zusammen, die er auf Anregung Procol Harum nannte. Zu der Band gehörten der Texter Keith Reid (* 1946), der Organist Matthew Fisher (* 1947), der Gitarrist Ray Royer und der Bassist David Knight. Auf Anregung Brookers – er hatte im Rahmen eines Fernseh-Werbefilms die Air aus J.S. Bachs Suite in D-Dur in der Fassung von Jacques Loussier (Play Bach) gehört – schrieb Fisher eine Paraphrase der Bach-Komposition als Einleitung für den Song Brookers, eine schwermütige Ballade, die durch den surrealen Text Reids noch zusätzlich verrätselt wurde.
Unter der Leitung des Produzenten Denny Cordell (* 1943, † 1995) und der Beteiligung des Studiomusikers Bill Eyden (dr) nahm die Band den Song auf. Schon kurz nach Veröffentlichung im Juli 1967 war »A whiter Shade of pale« ein Erfolg nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den USA. Brooker sah sich gezwungen, möglichst schnell eine wirkliche Band aufzustellen und gewann Robin Trower und den Schlagzeuger B.J. Wilson (* 1948, † 1990) von den Paramounts für die neue Band. In schneller Folge veröffentlichte die Band 1967 »Procol Harum«, 1968 »Shine on brightly«, 1969 »A Salty Dog« und 1970 »Home«. Beinahe durchweg enthielten diese Platten Klassiker der Band, darunter etwa »Homburg«, »Quite rightly so« und »A salty Dog«, allemal vom Klang der Orgel Fishers und Brookers Soul-Stimme geprägt.
Dann begann sich das Personalkarussell zu drehen, Fisher ging, wurde durch den Organisten Chris Copping ersetzt, 1971 ging auch Trower. Damit war das Element des Blues, verkörpert durch Trower, endgültig aus der Musik der Band verschwunden. Brooker drängte die Band in Richtung des Progressive Rock jener Tage, veröffentlichte 1972 das Konzert-Album »Procol Harum live with the Edmonton Symphony Orchestra« und hatte damit und der daraus ausgekoppelten Single »Conquistador«, einem Song vom ersten Album, noch einmal erheblichen Erfolg. Nur noch einmal allerdings kam Procol Harum in die britischen Charts, 1975 mit »Pandoras Box«. Mit dem Progressive Rock jener Tage, etwa von Yes und Genesis, konnte die Band nicht ernsthaft konkurrieren, und dem aufkommenden Punk taugte die Band noch nicht einmal als Gegenstand der Häme.1977 löste Brooker Procol Harum, stets in erster Linie Vehikel seiner Musik, auf.
1991 kam es zu einer Reunion der ersten Inkarnation der Band: Brooker, Reid, Fisher, Trower veröffentlichten – Wilson war inzwischen verstorben – die CD »The Prodigal Stranger«. Das Publikumsinteresse blieb allerdings hinter den Erwartungen zurück, zumal sich die Magie der früheren Songs nicht mehr einstellte. Brooker und Fisher stellten dennoch eine Tour-Band zusammen und gaben in Europa wie den USA Konzerte; Trower mochte da nicht mitmachen. Danach fiel die Band in einen jahrelangen Schlaf, wurde 1997 noch einmal wieder belebt und gab ein Konzert – das Resultat der Arbeit einer äußerst rührigen Fan-Gemeinde. 2000 kam es zu einem ähnlichen Konzert – Procul Harum trat mit der New London Sinfonia in Guildford auf. In den folgenden Jahren tourte die Band immer wieder einmal durch Europa, Japan und die USA und veröffentlichte 2003 noch einmal ein Album: »The Well’s on Fire«. Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts bestand Procol Harum nur noch aus Brooker, Fisher hatte die Band verlassen und begann einen jahrelangen Rechtsstreit mit Brooker um die Urheberschaft von »A whiter shade of Pale«, der erst 2009 zu seinen Gunsten entschieden wurde.
2007 wurde das 40jährige Jubiläum des Songs gefeiert. Die Band gab ein Konzert, während dessen sie einige Songs von Brooker und Reid erstmals aufführte, die in der ersten Phase der Band-Existenz in den 1960er-Jahren entstanden, seinerzeit aber nicht veröffentlicht worden waren.
Mit Blick auf die Besetzung – Klavier, Hammond-Orgel, Gitarre, Bass, Schlagzeug – war Procol Harum geradezu eine Gospel-Gruppe, und tatsächlich wurzelte die Musik der Band in der Schwarzen Musik. Mit »A whiter Shade of Pale« brach die Band dem Progressive Rock Bahn: Reids Text wurde als »psychedelisch« angesehen, die Orgel etablierte sich als Solo-Instrument und Zitate aus der traditionellen Kunstmusik wurden bald als Kompositions-Baustein für Rocksongs obligat. Dabei hatte Procol Harum nur ein einziges Mal tatsächlich ein Zitat verwendet, »Repent Walpurgis« vom ersten Album enthält quasi als Bridge das Präludium Nr. 1 C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier von J.S. Bach. »A whiter Shade of Pale« dagegen basierte – entgegen der Meinung vieler Rockjournalisten und –lexikografen keineswegs auf einer Komposition Bachs, schon gar nicht auf einer Kantate, Motiven einer Kantate oder einer Fuge des Leipziger Meisters. Vielmehr hatte Fisher kenntnisreich die Air der D-Dur Suite J.S. Bachs als Modell genommen und eine Paraphrase geschrieben, zu der auch der absteigende Bass Knights hervorragend passte, war diese Art von Basslinien doch als Lamento-Bass in der Barockmusik kompositionstechnisches Handwerk.
Der Song verfehlte seine Wirkung nicht: Bands wie The Nice oder Atomic Rooster sind ohne die Popularisierung des Orgelklangs durch Procol Harum undenkbar. Die Band allerdings selbst partizipierte nur am Rande von der Popularität des Progressive Rock, dem sie neben anderen den Weg geebnet hatte.



Diskografie

Procol Harum (1967)
Shine on brightly (1968)
A Salty Dog (1970)
Broken Barricades (1971)
Procol Harum live with the Edmonton Symphony Orchestra (1972)
Gradn Hotel (1973)
Exotic Birds and Fruit (1974)
Procol’s Ninth (1975)
Something Magic (1977)
Prodigal Stranger (1991)
The Long Goodbye (1996)
Ain’t nothin’ to get Excited about (1997)
One more time – Live in Utrecht 1992 (1999)
The Well’s on Fire (2003)
Secrets of Hive (2007)
One Eye to the Future – Live in Italy 2007 (2008)
Procol Harum – In Concert with the Danish National Concert Orchestra and Choir (2009)



Literatur

Halbscheffel, Bernward: Rock barock, Seite 57 ff.; Berlin 2001



Weblinks

http://www.procolharum.com/ (Website zu der britischen Rockband Procol Harum)