Marillion

Marillion, britische Rockband, 1981 in Aylesbury (Buckinghamshire, England) aus der 1979 gegründeten Band Silmarillion hervorgegangen; die Band gehörte in den 1980er-Jahren zu den Protagonisten des so genannten Neo-progressive Rock.

Bandbiografie

Der Schlagzeuger Mick Pointer (* 1956) hatte sich 1979 mit dem Gitarristen Steve Rothery (* 1959) zusammengetan und eine Band gegründet, die sie nach J.R. Tolkiens Buch »The Silmarillion« kurz Silmarillion nannten. Nach einigen Umbesetzungen gehörten 1981 neben Pointer und Rothery der Keyboards-Spieler Brian Jelliman und der Bassist Diz Minnett zu der Band. Im selben Jahr war auch der Sänger Derek William Dick Mitglied der Band geworden, und nahm unter seinem Spitznamen Fish bald eine dominierende Stellung ein. Mittlerweile war die Band nicht mehr völlig unbekannt, so dass die Musiker den Namen von Silmarillion auf Marillion verkürzten, um juristische Streitigkeiten gar nicht erst zu provozieren.

Diese Besetzung blieb allerdings nicht lange konstant, denn bereits 1982 ersetzte Mark Kelly (* 1961) Jelliman und für Minnett kam Pete Trewavas (* 1959). Mit Fish – der aus seiner Vorliebe für die phantasievollen Kostüme Peter Gabriels bei Genesis keinen Hehl machte, sich wie dieser schminkte und kleidete und seinem Idol auch im Stimmklang nahe kam – am Gesangsmikrophon verschrieb sich Marillion einer Musik, die aus dem Progressive Rock der Vergangenheit etwa von den frühen Genesis, Pink Floyd, Van der Graff Generator und auch Yes schöpfte und sich auf dieser Grundlage ein treues Publikum erarbeitet. 1981 hatten die Musiker schon ein Demo-Band eingespielt, jetzt, nach einem Auftritt in der Friday Rock Show des Rundfunksenders BBC 1 nahm die EMI die Band endlich unter Vertrag.

Bereits 1982 veröffentlichte die EMI eine Single der Band. »Market Square Heroes« stellte zwar die A-Seite dar, doch der ausgedehnte Song »Grendel« auf der B-Site machte es nötig, dass diese erste Single der Band auf einer Schallplatte mit 30 cm Durchmesser erschien. 1983 legte Marillion das Debütalbum vor. »Script for a Jester’s Tear« enthielt zwar den Progressive Rock, mit dem die Band bekannt geworden war, doch hatten die Musiker die lyrische Verspieltheit des Progressive Rocks der 1970er-Jahre hier und da durch eine unheimliche und rätselhafte Atmosphäre ersetzt. »Script for a Jester’s Tear« sollte – so jedenfalls der Plan Fishs – der Auftakt zu einer Trilogie von Alben werden; die übrigen Mitglieder der Band sahen dies nicht so, doch gibt es unter den von Fish geschriebenen Texten tatsächlich einige Bezüge.

Während der auf die Veröffentlichung folgenden Tournee verließ Pointer die Band; er wurde nach einer längeren Suche nach einem neuen Schlagzeuger 1984 durch Ian Mosley (* 1953) ersetzt; Mosley hatte zuvor bei Darryl Way’s Wolf, bei Trace und in Steve Hacketts Band gespielt. Mit Mosley an den Drums wurde das zweite Album, »Fugazi« (1984) eingespielt. Mit dem dritten Album ließ die Band sich Zeit, veröffentlichte zunächst das Live-Album »Real to Reel«, dem dann Mitte 1985 mit »Misplaced Childhood« das bis dahin erfolgreichste Album der Band folgte: Die aus der LP ausgekoppelte Single »Kayleigh« brachte es 1985 bis auf den zweiten Platz der britischen Single-Charts, das Album auf den ersten in seiner Kategorie. 1987 legte Marillion mit »Clutching at Straws« ein Konzeptalbum vor, das den kommerziellen Erfolg von Rockmusikern in Frage stellte und die Schattenseiten des Lebens als Musiker zum Thema hatte: Erfolglosigkeit, Entfremdung, Alkoholismus. Die Hülle der Platte zeigt einige Größen der Pop-Kultur: Neben anderen sind Dylan Thomas, Truman Capote, Lenny Bruce, John Lennon und James Dean abgebildet.

Für Marillion gab es vor allem eine finanzielle Schattenseite: Nach Meinung von Fish kassierte das Management einen zu großen Anteil von den Einnahmen der Band. Darüber geriet der charismatische Sänger auch mit seinen Band-Kollegen in Streit und verließ 1988 die Band, damit einen Zeitabschnitt beendend, der im Nachhinein als die »Fish-Era« in die Geschichte Marillions einging.

Für Fish kam Steve Hogarth (* 1959), der sich selbst lediglich h nannte und vorher bei der Band The Europeans Keyboards gespielt und gesungen und auch bei der Formation How we live den Gesangspart übernommen hatte. Hogarth wurde bei Marillion ins kalte Wasser geworfen: Ein Teil der Songs für das nächste Album war bereits geschrieben, doch hatte Fish seine Texte zurückgezogen. Hogarth schrieb mit dem professionellen Texter John Helmer eilends neue Texte, so dass »Seasons End« wie geplant Ende 1988 veröffentlicht werden konnte.

Dass mit Hogarth tatsächlich eine neue Ära für die Band begonnen hatte, zeigte »Seasons End« schon äußerlich: Anders als die vorangegangenen Cover handelte es sich bei dem Cover des Albums nicht um ein mit Anspielungen vollgestopftes Airbrush-Gemälde, sondern um ein aus Fotos zusammengesetztes Bild. »Seasons End« war auch kein Konzeptalbum, wenn auch die Musik immer noch sich am Progressive Rock orientierte. Hogarth hatte sich schnell seinen Platz in der Band erobert, doch war außer »Sesasons End« keines der bis 2009 vorgelegten Studio-Alben – immerhin ein Dutzend – kommerziell so erfolgreich wie die Alben unter Fishs Beteiligung.

Nach der Veröffentlichung von »Afraid of Sunlight« 1995 trennte sich Marillion von der EMI und ließ sich von Castle Records unter Vertrag nehmen. Die Verkaufszahlen besserten sich allerdings nicht, so dass die Musiker, neue Wege im Vertrieb ihrer CDs zu gehen. So gehörte Marillion zu den ersten Rockbands, die auf die Möglichkeiten des Internets setzten, um eine enge Verbindung zu den eigenen Fans herstellen zu können. Vor allem benutzten die Musiker das Internet, um den Erfolg eines Albums bereits vor den Aufnahmen zu sichern, indem interessierte Hörer ein Album vorbestellen konnten, das noch gar nicht produziert war. Auf diese Weise kamen etwa »Anoraknophobia« (2001) und »Marbles« (2004) und eine Luxus-Fassung von »Somewhere else« (2008) zustande. Gelegentlich, etwa mit einigen Singles, hatte Marillion nach der Jahrtausendwende aber auch wieder Erfolg in den Charts. Einen für eine Progressive-Rock-Band gänzlich ungewöhnlichen Weg ging Marillion mit dem 2009 veröffentlichten Album »Less is more«: Es enthält Fassungen bereits früher veröffentlichter Songs in ausschließlich für akustische Instrumente geschriebenen Arrangements. Vom Progressive Rock der reinen Lehre hatte sich Marillion allerdings zu diesem Zeitpunkt schon vor Jahren verabschiedet.

Als Rothery und Pointer Silmarillion gründeten, war Progressive Rock die Art Rockmusik, der man die geringsten Chancen gab. Punk hatte die Progressive-Rock-Bands der ersten Stunde hinweggefegt, und wer unbedingt artifizielle Musik jenseits von drei schlecht gespielten Akkorden hören wollte, wurde bei den Bands der New Wave allemal fündig. So stellte Marillion einen Anachronismus schwerster Art dar, erst recht, als Fish auch noch Peter Gabriels surreale Kostümierungen nachahmte. Doch hatte die Band wieder Erwarten erheblichen Erfolg, sah ihre Schallplatten in den Hitparaden und verkaufte im Laufe der Jahre über 15 Millionen Tonträger. Tatsächlich verließen sich die Musiker um den Gitarristen Steve Rothery – der einzige, der von der ersten Inkarnation der Band noch bei Marillion ist – auch nicht auf die von Namensgeber Tolkien vorgegebenen Tales von Waldzwergen und Wiesenelfen, sondern widmete sich zeitgemäßen Themen. Die Musik indes fußt auf dem instrumentalen Standard der großen Bands des Genres, dem von Pink Floyd, Genesis und Yes. So sind alle fünf Mitglieder der Band Meister ihres Instrumentes und zumal der Bassist Pete Trewavas ist neben Chris Squire, Geddy Lee (Rush) und John Wetton zu stellen.

Diskografie

Script for a Jester’s Tear (1983)
Fugazi (1984)
Real to Reel (1984)
Misplaced Childhood (1985)
Clutching at Straws (1987)
The Thieving Magpie (1988)
Seasons End (1989)
Holidays in Eden (1991)
Brave (1994)
Afraid of Sunlight (1995)
Made again (1996)
This Strange Engine (1997)
Radiation (1998)
Marillion.com (1999)
Zodiac (1999)
Anoraknophobia (2001)
Marbles (2004)
Marbles Live (2005)
Somewhere Else (2007)
Happiness is the Road Vol. 1 – Essence (2008)
Happiness is the Road Vol. 2 – The Hard Shoulder (2008)
The Early Stages (2008; Aufnahmen aus den Jahren 1982 bis 1987)
Live from Loreley (2009)
Recital of the Script (2009)
Less is More (2009)

Weblink

www.marillion.com (Offizielle Website der britischen Rockband Marillion)