Porcupine Tree

Porcupine Tree, britische Progressive-Rock-Band, 1987 in Hemel Hampstead (Herfortshire, England) gegründet.

Bandbiografie

Der Gitarrist Steven Wilson war bereits in mehreren Formationen als Sänger und Gitarrist aktiv gewesen (Altamont, Karma), bevor er 1986 unter dem Namen No Man is an Island (Except the Isle of Man) ein Projekt mit experimenteller Musik begann. Aus dem Solo-Projekt wurde später, dann mit dem Sänger Tim Bowness, das Duo No-Man. Parallel zu No Man is an Island (Except the Isle of Man) arbeitete Wilson mit seinem Schulfreund Malcolm Stocks an experimenteller Musik. Aus dem Freizeit-Vergnügen entstanden einige Tonband-Kassetten, die die beiden Musiker unter dem Namen der fiktiven Band Porcupine Tree bei dem Kassettenvertrieb des Labels Delerium Records veröffentlichten. Für die Band erfanden Wilson und Stocks weitere Musiker und eine komplette Bandbiografie. Die Fiktion gipfelte in der Produktion einer Kassette – »Tarquin’s Seaweed Farm« -, für die Wilson 80 Minuten eigene Musik zusammenstellte. Die Kassette war der Anlass für das Musik-Magazin »Freakbeats«, das gerade an der Gründung eines eigenen Labels arbeitete, Wilson nach weiterer Musik zu fragen; die Aufnahmen sollten auf einem Sampler erscheinen. Die Veröffentlichung der geplanten CD zog sich allerdings hin, und Wilson entschloss sich 1990, selbst eine EP herauszugeben – da »The Love, Death & Mussolini« als Promotion-CD für das von Wilson geplante Album gedacht war, hatte sie mit zehn Exemplaren eine sehr kleine Auflage. Das Album »The Nostalgia Factor« legte Wilson noch im gleichen Jahr vor.

Inzwischen hatte »Freakbeat Magazine« die Arbeiten an dem Sampler im gleichen Jahr abgeschlossen und nahm Wilson aufgrund von dessen schnell wachsender Reputation unter Vertrag – noch firmierte Wilson unter dem fiktiven Bandnamen. Der Plan, ältere Kassettenaufnahmen des Gitarristen auf einem Doppelalbum zu veröffentlichen, wurde schnell fallen gelassen. Stattdessen nahm Wilson das erste Album für Delerium auf, das 1991 unter dem Titel »In the Sunday of Life…« auf den Markt kam.

In den folgenden Monaten veröffentlichte Delerium verschiedene Ausformungen des Albums – es gab neben der regulären Fassung eine Deluxe-Fassung, die später auch als CD-Version erschien. 1992 legte Wilson die Single »Voyage 34« vor, wieder im Alleingang produziert. Mit No-Man war er inzwischen so erfolgreich, dass er sich ausschließlich der Musik widmen konnte und für Porcupine Tree ein weiteres Album aufnahm. Für die Aufnahmen zog er die Hilfe des Keyboard-Spielers Richard Barbieri – früher bei Japan – und des Bassisten Colin Edwin heran – beide wurden später Mitglieder der realen Band Porcupine Tree.

Mittlerweile hatte die nach wie vor fiktive Band so viel Aufmerksamkeit in der einschlägigen Presse und beim Publikum geweckt, dass Wilson sich 1993 gezwungen sah, nun tatsächlich eine Band zusammenzustellen. So gründete er mit Barbieri, Edwin und dem Schlagzeuger Chris Maitland eine Band; Wilson kannte Maitland von einer Tour mit No-Man.

Das erste Album, das Porcupine Tree wenigstens teilweise als wirkliche Band vorlegte – einen Teil der Musik hatte Wilson noch allein aufgenommen – , war »The Sky moves sideways«. Die CD wurde erst 1995 veröffentlicht, in der Zwsichenzeit hatte Procupine Tree lediglich die EP »Moonlop« aufgenommen. »The Sky moves sideways« festigte den ohnehin latent vorhandenen Ruf der Gruppe, Wiedergänger Pink Floyds zu sein, und war die erste CD der Band, die auch in den USA auf den Markt kam. An die Veröffentlichung der CD schloss sich eine Tour der band an, während der und einiger Aufnahme-Sessions die Musiker einen eigenen Gruppenklang entwickelten. So war »Signify« (1996) das erste tatsächlich ausschließlich im Rahmen der Band zustande gekommene Album. Inzwischen war Porcupine Tree auch über Großbritannien hinaus bekannt, veröffentlichte 1997 unter dem Titel »Coma divine – Recorded Live in Rome« die Aufnahme eines Konzertes in Rom. Die CD war die letzte, die bei Delerium veröffentlicht wurde, doch hatte es Wilson nicht eilig, eine neue Firma für die Musik Porcupine Trees zu finden.
Stattdessen machte sich die Band an die Aufnahmen zu einem neuen Album, das den Titel »Stupid Dreams« tragen sollte. Die CD wurde 1991 bei Snapper Music veröffentlicht und überraschte Fans wie Presse. Wilson hatte zu konzisen Song-Strukturen gefunden und damit den Ruf eines Adepten Pink Floyds abgestreift. Diese CD wie auch das 2000 folgende Album »Lightbulb Sun« vergrößerten fast schlagartig das Publikum der Band. 2001 stellte Wilson die erste Kompilation zusammen: »Recordings« enthielt vor allem B-Seiten von Singles aus den Alben »Stupid Dreams« und »Lightbulb Sun« angereichert mit einem einzigen neuen Song. Anders als die »Best of«-Sammlungen anderer Bands, die in großen Stückzahlen auf den Markt geworfen werden, wurden von »Recordings« lediglich 20 000 Stück hergestellt – die CD war schnell ausverkauft und erzielt seitdem auf dem Sammlermarkt Höchstpreise.
2002 verließ Chris Maitland, viel beschäftigt gleichermaßen als Drummer in Musical-Produktionen wie als Schauspieler, die Band. Für ihn kam der Schlagzeuger Gavin Harrison, der schon seit einigen Jahren zum Umfeld der Band gehört hatte. Mit ihm nahm Porcupine Tree die CD »In Absentia« auf, die Ende 2002 in die Plattenläden kam. Die Band war zu Lava Records, einem Unterlabel von Atlantic Records, gewechselt und hatte wiederum die Richtung etwas geändert, der Pop-Gestus der beiden vorangegangenen Alben war zugunsten eines düsteren Heavy-Metal-Klanges etwas verdrängt worden.

Die Band war nun mitunter monatelang auf Tournee. Die von Wilson im Studio ausgetüftelten Arrangements ließen sich ohne weitere Instrumentalisten nicht mehr ausführen, und so gehörte zur Live-Besetzung der Gitarrist John Wesley (* 1962), der einige Erfahrung im Progressive Rock bei Marillion und bei Fish gesammelt hatte. Gastmusiker waren mit dem Gitarristen Adrian Belew von King Crimson und dem Sänger und Gitarristen Mikael Åkerfeldt auch an der Produktion der 2005 veröffentlichten CD »Deadwing« beteiligt. Die Band kultivierte nun auch mit den Covers ihrer CDs ein rätselhaftes, oft melancholisch erscheinendes Image, wie es sich schon längst in der Mehrheit der Songs manifestiert hatte.
2006 wechselte die Band abermals die Firma, von nun an sollten die CDs bei Roadrunner Records erscheinen. Auf die Musik der Band hatte der Wechsel keinen Einfluss, auch »Fear of a blank Planet«, 2007 veröffentlicht, wartete mit einem elaborierten Progressive Rock auf, durchsetzt von Heavy-Metal-Klängen. Zu dem Album hatten Robert Fripp von King Crimson und Alex Lifeson von Rush beigetragen. Die Aufnahmen zu »Fear of a blank Planet« ergaben noch die EP »Nil Recurring«, die Anfang 2008 erschien. Mit »The Incident« legte Wilson 2009 ein weiteres Opus Magnum vor, ein fast einstündiges Schallplattenwerk, das die Band auch komplett auf der der Veröffentlichung folgenden Tour auf die Bühne brachte – illustriert von den rätselhaften, wie aus grauer Vorzeit herübergerettet wirkenden Bildern und Filmen Lasse Hoiles.

Porcupine Tree ist sicherlich die bedeutendste Progressive-Rock-Band der jüngeren Zeit. Steven Wilson, der mit Abstand die meisten Kompositionen der Band verantwortet, hat zwar diverse Stilelemente des Progressive Rock der 1970er-Jahre übernommen, daraus aber mit Hilfe der Mitglieder seiner Band einen neuen Progressive Rock geformt, der nicht auf der überragenden Virtuosität der Musiker beruht, sondern die Themen Wilsons – oft literarisch determiniert und beinahe durchweg auf melancholische Weise auf die Gegebenheiten der modernen Welt und deren Auswirkungen auf den Einzelnen hinweisend – in adäquate Klangwelten einpasst. Wesentlich prägen die präzis agierende Rhythmusgruppe – Edwin und Maitland früher, Edwin und Harrison später – einerseits, Barbieri mit seinen singulären Synthesizerklängen den Klang der Band. Wilson, der sich vor allem als Produzent sieht und seit »Absentia« jedes Album der Band auch als 5.1-Surround-Fassung herausgab, hat mit seiner Musik den Progressive Rock aus der Sackgasse des immer schneller, immer mehr herausgeführt.

Diskografie

On the Sunday of Life… (1991)
The Sky Moves Sideways (1995)
Signify (1996)
Coma Divine – Recorded Live in Rome (1997)
Stupid Dream (1999)
Lightbulb Sun (2000)
Voyage 34: The Complete Trip (2000)
Recordings (2001)
In Absentia (2002)
Stars Die: The Delerium Years 1991-1997 (2002)
Warszawa (2004)
Deadwing (2005)
Fear of a Blank Planet (2007)
The Incident (2009)

Weblink

http://www.porcupinetree.com/ (Offizielle Website der britischen Rockband Porcupine Tree)

 

»…and I hope, we passed the audition«

Fear of a blank Planet (2007)

Tracks: Fear of a blank Planet | My Ashes | Anesthetize | Sentimental | Way out of here | Sleep together

Als Steven Wilson sich 1987 mit seinem Freund Malcolm Stocks entschloss, eine fiktive Rockband namens Porcupine Tree zu gründen, in ihrem Namen CDs zu produzieren und mit einer erfundenen Bandgeschichte auch an Wettbewerben teilzunehmen, konnte er nicht ahnen, das aus diesem Witz eines Tages tatsächlich eine der interessantesten britischen Bands hervorgehen würde, die schließlich einem etwas in Verruf geratenen Genre, dem Progressive Rock, mit CDs wie »Signify« (1996), »Stupid Dream« (1999), »Lightbulb Sun« (2000) und jetzt »Fear of a Blank Planet« (2007) wieder auf die Beine half. Unterstützt wird Wilson dabei seit Jahren von hervorragenden Musikern – unter ihnen der Spezialist für unerhörte elektronische Klänge, Richard Barbieri, früher bei Japan -, wenn auch die meisten Songs von ihm selbst stammen. Wilson selbst ist ein guter Komponist, ein guter Gitarrist , ein passabler Sänger, vor allem aber ein hervorragender Produzent, und in dieser Rolle sieht er sich auch selbst am liebsten. Mit Porcupine Tree schafft er sich selbst sein Spielmaterial und so nimmt es kaum Wunder, dass sich in seiner Musik diverse Einflüsse aus anderer Musik, nicht nur aus dem alten Progressive Rock, finden lassen: Jazz, Minimal Music, Pop, Heavy Metal, Klassik – all dies lässt sich in den kürzeren und längeren Kompositionen ausmachen.
Schon im Titel von »Fear of a Blank Planet« deutet sich die Atmosphäre an, die beinahe alle Kompositionen Wilsons durchzieht: Eine spöttisch resignative, oft ironische und mitunter auch sarkastische Sicht auf die Dinge. Eingebettet sind diese Endzeit-Texte in Songs, die sich häufig aus winzigen Motiven zu ausgedehnten Klangprozessen entwickeln. »Anesthetize« etwa, mit fast 18 Minuten das längste der auf »Fear of a Blank Planet« zu findenden Stücke, bietet ein Beispiel. Erstaunlich ist an dieser wie den meisten anderen Kompositionen Wilsons, dass es ihm stets gelingt, die Mitglieder seiner Band gleichberechtigt einzubinden. Es ist also keine One-Man-Show mit Begleitmusikern, sondern aus den Wilson-Werken werden Porcupine-Tree-Werke. Selbst Gastmusiker wie Alex Lifeson von Rush oder Robert Fripp können sich nahtlos in die von der Band gebauten Klanglandschaften einpassen.
Kompositionen, die so lang sind wie »Anesthetize«, bieten natürlich einigen Raum für diese äußerst virtuosen Musiker und manche Überraschung für die Hörer. So brechen aus den mäandernden Synthesizer-Sounds mitunter brachiale Double-Bass-Gewitter und High-Gain-Gitarrenblitze hervor, die wenig später wieder von elegischen Elektronikklängen abgelöst werden. Dies alles funktioniert natürlich nicht ohne gewisse Anleihen bei der klassischen Musik, es gibt hier und da so etwas wie Leitmotive und Reprisen. Und es fehlen auch Streicher nicht: In »My Ashes« haben sie die übliche Aufgabe, einen sanften Hintergrund zu liefern. Bei »Sleep together« dagegen ist das anders. Hier ist das Streicherarrangement gespickt mit an Beatles-Songs wie »Strawberry Fields forever« oder »I am the Walrus« erinnernden Streicherglissandi, die phasenweise die Überhand gewinnen. »Sleep together« ist ohnehin ein gutes Beispiel für die Produktionstechnik Wilsons: Aus heterogenem Material schmiedet er eine unverwechselbare Musik: Beatles-Streicher, Heavy-Drums, ein Ostinato aus dem Arppegiator des Synthesizers, das den gesamten Song über unverändert vor sich hin murmelt, versonnene Keyboard-Motive, ein psychedelisches Gitarrenriff.
Die Ansprüche, die diese Musik an den Hörer stellt, sind nicht gering; ganz sicher kann man sie nicht nebenbei hören. Der Ruf des Prog Rock, wie Progressive Rock etwas despektierlich genannt wird, mag sich dadurch nur unwesentlich bessern, wer aber von Rockmusik mehr erwartet als das übliche Drei-Minuten-Geschrammel auf elektrischen Gitarren, ist bei Porcupine Tree bestens aufgehoben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf ZEIT-Online