The Nice

Nice, The, britische Rockband, 1967 aus der Begleitband der Soul-Sängerin P. P. Arnold hervorgegangen.

Bandbiografie

Keith Emerson (Klavier, Orgel), David O´List (Gitarre) und Lee Jackson (* 1943; Gesang, Bass) hatten bereits bei verschiedenen britischen Bands gespielt und sich als Musiker einen Namen machen können. So engagierte die Soul-Sängerin P.P. Arnold Mitte der 1960er-Jahre Emerson, O’List, Jackson und den Schlagzeuger Ian Hague für ihre Tour-Band, die sie The Naz nannte. Die Band erhielt innerhalb der Konzerte Arnolds bald einen eigenen Part, den die Musiker abseits vom Soul ihrer Arbeitgeberin mit einer Mischung von Jazz und Rock nutzten, vor allem aber auf höchst publikumswirksame Weise präsentierten. Nachdem ihr Vertrag bei P.P. Arnold ausgelaufen war, blieben Emerson, Jackson und O´List zusammen, nahmen aber Hague nicht in ihre neu gebildete Gruppe, sondern holten den Jazz-Schlagzeuger Brian Davison (* 1942, † 2008). In dieser Formation spielten sie einige eigene Kompositionen ein, die zunächst jedoch nicht veröffentlicht wurden. Dem auffälligen Quartett wurde aber nach einigen Konzertauftritten Ende 1967 von Andrew Loog Oldham, der 1966 das Label Immediate Records gegründet hatte, ein Plattenvertrag angeboten.

1968 erschien das Debütalbum der Band, die sich The Nice nannte. »The Thoughts of Emerlist Davjack«, so der Titel der LP, enthielt mit »America«, einer Bearbeitung der Komposition von Leonard Bernstein, einen Hit, der lange Zeit das Erkennungszeichen der Band war, nicht zuletzt, weil Emerson einige Male während der Konzerte in einer Art Performance eine amerikanische Flagge in Brand setzte.
Der Erfolg der Adaption bestimmte die musikalische Richtung der Band: Erstmalig stand in Gestalt von Keith Emerson ein Organist im Zentrum einer Band; O’List fühlte sich nicht ganz zu Unrecht an den Rand gedrängt und verließ die Band; The Nice bleib fortan Trio. Emerson baute seinen flamboyanten Musizierstil aus: Für die zweite LP, »Ars Longa Vita Brevis« (1968), arrangierte er weitere Werke der Kunstmusik für seine Band, Kompositionen von J.-S. Bach, P.I. Tschaikowsky und J. Sibelius. Was im Jazz schon einige Jahre zuvor erprobt worden war, war neu im Rock und Emerson der Initiator einer Strömung, die später als Classical Rock wichtig und für einige Jahre bedeutend werden sollte. Vor allem die Single »Brandenburger«, eine Fassung von Teilen des erstens Satzes des Brandenburgschen Konzertes Nr. 3 von J. S. Bach, eingebettet in die Suite »Ars Longa Vita Brevis«, galt über Jahre hin als das Klassikrock-Stück schlechthin.

Die Popularität der Band beim Rockpublikum wuchs rasch. Nach wenigen Monaten war die Band auch in den USA eine feste Größe und trat in den Tempeln der amerikanischen Rockmusik, im Fillmore West und im Fillmore East auf. 1969 veröffentlichte The Nice ihr drittes Album, schlicht mit dem Titel »The Nice« versehen, das auch einige Live-Aufnahmen enthielt. Emerson strebte allerdings nach anderem: 1970 hatte er mit der Band seine »Five Bridges Suite«, ein ambitioniertes Werk, in dem er die Klangwelt eines Symphonieorchesters mit der eines Rock-Orgeltrios zusammenführte, veröffentlicht. »Five Bridges Suite« stellte Höhe- und Schlusspunkt der Möglichkeiten von The Nice dar. Noch im selben Jahr verließ Emerson die Band und gründete Emerson, Lake & Palmer, und auch Davison und Jackson stellten wenig später mit Brian Davison´s Every Which Way und Jackson Heights weniger oder mehr erfolgreich eigene Bands zusammen.

1971 wurde mit »Elegy« noch eine Zusammenstellung älterer Live- und Studioaufnahmen veröffentlicht, und unter dem Titel »Autumn ´67 – Spring ´68« kam ein Sammlung von Aufnahmen aus der Anfangszeit der Band in die Plattenläden. Das Trio selbst kam 2002 noch einmal für einige Konzerte zusammen, zeitweise verstärkt um den Gitarristen Dave Kilminster; der Konzertmitschnitt wurde 2003 unter dem Titel »Vivacitas« veröffentlicht. Anders als diese eher nostalgischen, wenn nicht sentimentalen Gedenkstücke boten die 2009 veröffentlichten, digital überarbeiteten Aufnahmen der Band tatsächlich etwas Neues, darunter den Live-Mitschnitt eines Konzertes des Trios 1969 im Fillmore East. Bei dieser Gelegenheit – wohl einer der letzten Auftritte der Nice in den USA – spielte die Band einen Teil der »Fives Bridges Suite« in Trio-Besetzung – später wurde diese Suite in einer Fassung mit Orchester veröffentlicht. Die Konzertaufnahme offenbart im Übrigen eine Nähe der Band zum Jazz, die Keith Emerson mit seiner späteren Band Emerson, Lake & Palmer nie wieder erreichte.

Zweifelsohne ist The Nice eine der interessantesten Bands der 1960er-Jahre: Schon nach kurzer Zeit ihres Bestehens zum Trio geschrumpft, stellte Keith Emerson die Hammond-Orgel und das Klavier in den Mittelpunkt der Musik. Dies konnte nur aufgrund seiner stupenden Virtuosität und seiner wilden, neurotischen Bühnenauftritte gelingen: Emerson brachte zwei Orgeln auf die Bühne, von denen eine das Objekt seiner Ausbrüche wurde. Er zerrte das schwere Instrument über die Bühne, kippte es um, manipulierte Generator und Hallfedern im Inneren des Instrumentes, hechtete über die Orgel, sprang auf deren Gehäuse und spielte, auf dem Instrument hockend, mal ein kurzes Stück von Bach, mal einige Rock-Powerchords. In dieser Gruppe hatte ein Gitarrist keinen Platz, und auch Jackson und Davison waren häufig genug lediglich für den Hintergrund zuständig. Ein beredtes Zeugnis dieses Missverhältnisses innerhalb der Band stellen die vielen Fassungen des Pasticchios »Rondo« dar, die einerseits die Qualitäten der Band zeigen, andererseits aber auch den eklatanten Mangel an Form und Inspiration. Denn die Eigenkompositionen, die nicht auf Werken der Kunstmusik beruhten, ohnehin gering in der Zahl, waren zu belanglos, als dass The Nice damit jemals über einen kleinen Kreis von Zuhörern hinaus hätte bekannt werden können. Es waren vor allem die ebenso respektlosen und provokativen wie kenntnisreich durchgeführten Bearbeitungen der Werke J.S. Bachs und anderer Komponisten der Kunstmusik, die der Band das Publikum sicherten. Keine der vielen Klassik-Rock-Bands, die es The Nice gleichtun wollten – von Ekseption bis Beggar´s Opera, von Egg bis Triumvirat –, erreichten aber jemals die auf ungezügelter Fantasie und mitreißenden Konzertauftritten beruhende Wirkung der Band um Keith Emerson.

Diskografie

The Thoughts of Emerlist Davjack (1967)
Ars Longa Vita Brevis (1968)
The Nice (1969; in den USA unter dem Titel Everything as Nice as Mother makes it veröffentlicht)
Five Bridges (1970)
Elegy (1971)
Autumn ´67 – Spring ´68 (1971)
The BBC Sessions (2000; Aufnahmen von 1968)
The Swedish Radio Sessions (2001; Aufnahmen von 1967)
Fillmore East 1969 (2009)

Keith Emerson and the Nice

Vivacitas – Live at Glasgow 2002 (2003)

Literatur

M. Hanson: Hang on to a dream. The story of The Nice; London 2002
K. Emerson: Pictures of an Exhibitionist; London 2003