Psychedelic Rock

Psychedelic Rock, auch Acid Rock oder Head Rock, Sammelbegriff für die Musik der zahlreichen und zumeist kurzlebigen Gruppen an der US-Westküste in der zweiten Häflte der 1960er-Jahre.

Den Ausdruck – übersetzt etwa »das Bewusstsein erweiternde« oder besser »die Seele erweiternde Rockmusik« – griff frühzeitig auch die Schallplattenindustrie auf und etikettierte zahlreiche harmlose Gruppen auch ohne Rauschmittel-Erfahrung mit dem anziehenden Begriff. Charakteristisch, dass der Bassist von The Baroques auf der Hülle des Erstlingsalbums von 1967 bekennt: »We never realized that our music was psychedelic until we were billed as such«. Im Jahre 1972 brachte Elektra Records ein Doppelalbum »The Beginning of Psychedelic Rock« heraus, auf dem sich Stücke von The Seeds, 13th Floor Elevator, The Leaves, The Cyan‘ Shames, The Amboy Dukes, The Blues Magoos, The Chocolate Watch Band u. a. finden. Dass Rockmusiker wie ihr Publikum um 1965-70 in mehr oder weniger beträchtlichen Mengen Inhalierungsstoffe wie Haschisch und Marihuana, auch sonstige Rauschmittel wie LSD 25, Meskalin, Peyote, Psilocybin und STP konsumiert haben und dies auch in den folgenden Jahrzehnten taten und vermutlich weiterhin tun werden, ist gewiss. Dennoch führt der Begriff Psychedelic Rock nicht weit, da er schillernd ist und etwa bedeuten kann, 1. dass eine Musik unter Einfluss von Rauschgift entstanden ist, 2. dass sie zum Hören im Rauschzustand bestimmt oder geeignet ist und 3. dass sie solchem Rauschzustand vergleichbare Sinneserlebnisse, Visionen und Halluzinationen bereitet. Keine dieser möglichen Bedeutungen lässt sich objektiv als die einzig richtige erhärten. Vor allem vermitteln Stücke, die als psychedelisch gelten, nur selten den Eindruck, dass sie einer angeregten Inspiration entsprungen seien. Am ehesten deuten überlange Kollektivimprovisationen auf der Bühne und – soweit man dies feststellen kann – bei der Studioaufnahme darauf hin, dass die Musiker Klang- und Farbenvisionen in musikalische Vorgänge einzufangen versuchten, die Überlängen dürften auf das veränderte Zeitgefühl des unter Rausch stehenden zurückgehen (vgl. »Third Testament« der Godz von 1968 oder Live-Aufzeichnungen von The Grateful Dead). Vielfach wurden Hammond-Orgel, Wah-Wah-Pedal, Rückkopplung, Phasing und Verzerrer bei er musikalischen Nachzeichnung eines trip-ähnlichen Zustandes benutzt, wie das der Soundtrack »The Trip« (1967) von The Electric Flag verdeutlicht. Film- und Diapositiv-Projektionen in Konzerten, wie sie während des Spiels von Jefferson Airplane bei ihrem Auftritt auf dem Monterey Pop Festival von 1967 gezeigt wurden, sollten in einen traumhaften Zustand versetzen und die Bereitschaft zu Assoziationen erhöhen. Es ist keineswegs erwiesen, dass durch Rauschgifte das Bewusstsein wirklich »erweitert« wird, sofern man unter solcher Erweiterung eine Steigerung von Einfallsqualität sowie die Beschleunigung des Reaktionsvermögens versteht. Ihr Beitrag zur Bereicherung und Differenzierung der Rockmusik wird in der Regel – auch von namhaften Lexika – stark übertrieben. Umgekehrt haben in Überdosis eingenommene Rauschmittel (in den 1970er-Jahren besonders Kokain und Heroin) – aber auch und vielleicht in noch stärkerem Maße der Missbrauch von Alkohol – einige große Begabungen der Rockmusik zerstört (Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, nicht zuletzt Brian Epstein u. a.). Seit 1966 besteht in den USA LSD- und Marihuana-Verbot, nachdem bis 1965 in einigen Bundesstaaten Experimente staatlich genehmigt und gefördert worden waren.

»Pschedelic Rock» kann schließlich bedeuten, dass im Text Rauschmittel oder Rauschzustände zum Thema erhoben werden; der Ausdruck wäre dann korrekter. Diesbezügliche Songs gibt es in großer Zahl, besonders solche, die in einer verschlüsselten Sprache auf persönliche Drogenerfahrungen Bezug nehmen, z.B. »Coming Down« von The Fugs (1966), »White Rabbit« und »Run Around» von Jefferson Airplane,  »Lucy in the Sky with Diamonds« (zu lesen angeblich LSD), und von The Beatles. Wiederholt traten David Peel & The Lower East Side in New York für die Legalisierung von Haschisch und Marihuana ein (»Have a Marijuana«, 1969, und »The Pope Smokes Dope«, 1970). Ein ausnahmsweise humoristisches Beispiel für psychedelische Songtexte gibt »Don’t bogart that Joint« von The Fraternity of Man ab.

Im Rückblick gehört zum psychedelischen Rock aber mehr als die bloße Erfahrung mit Drogen. Gleichzeitig tauchte mit ihm die Figur des Hippies auf, Flower Power ist untrennbar mit psychedelischem Rock verbunden und der gesamte Rockbereich löste sich aus den eingefahrenen Bahnen; dies wirkte sich auch auf die Peripherie der Musik aus, kenntlich etwa an der Kleidung oder der Gestaltung von Plattencovern. Die damals, Ende der 1960er-Jahre, in der Musik erprobten Effektgeräte sind aus der Rockmusik nicht mehr wegzudenken und insgesamt scheint es, als seien die Stilmittel des psychedelischen Rocks heute – dann auch als »Retro Rock« bezeichnet – klarer auszumachen als etwa zu Beginn der 1970er-Jahre. Psychedelische Rockmusik hat sich bei einigen Gruppen bis in die 1980er- und beginnenden 1990er-Jahre erhalten; selbst manche Gruppen der New Wave wurden hier und da als Vertreter eines psychedelischen Rocks angesehen, etwa The Cure, The Tourists, Pere Ubu oder Wire. Wenn diese Zuweisung auch willkürlich wirkt und sich nicht unbedingt an der Musik dingfest machen lässt, so gibt es bei all den genannten Bands Anzeichen der psychedelischen Rockmusik: Ein Konzert von The Cure etwar präsentierte Mitte der 1980er-Jahre dem Rockhörer alle optischen Ingredienzien des psychedelischen Rock.

Gegen Ende der  1990er-Jahre erlebte weniger die Musik als eben die optischen Merkmale des pychedelischen Rock eine Renaissance, denn die Farbigkeit der damaligen Plattencover wurde hier und da wieder aufgenommen, so z. B. bei Prince (»Around the World in a Day», 1985) – Prince spielte jahrelang auch eine Gitatrre, deren Korpus mit einem Paisley-Muster bemalt war.

Diskografie

Timothy Leary: L. S. D. (o. J.)
derselbe: Turn On,Tune In, Drop Out (1968)
Dr. Timothy Leary’s Turn On, Tune In, Drop Out (o.J.; Soundtrack)
Timothy Leary: You Can Be Anyone This Time Around (o.J.)
The Animated Egg: Psychedelic Sound (o.J.)
Off: Off (1968)
Off: Off II Hallucinations (1969)
Psychedelic/Underground (1969; Titel auf dem Cover: Underground & Psychedelic)
Brainticket: Psychonaut (1972)
Brainticket: Cottonwoodhill (o.J.)
Amon Düül: Amon Düül (1969)
Psych-Out (1968)
Nuggetts. Original Artyfacts from the First Psychedelic Era 1965 – 1968 (1972)

Literatur

Leary, Timothy/Metzner, Ralph/Alpert, Richard: The Psychedelic Experience; New York 1964
Josef Schurz, Josef: Vom Bilsenkraut zum LSD; 1969
Leary, Timothy: Politik der Ekstase; Amsterdam 1976
Leary, Timothy: High Priest; New York 1968
Wolfe, Tom: The Electric Kool-Aid Acid Test; 1971
Robert Somma, Robert (Hg.): No One Waved Good-Bye. A Casuality Report on Rock and Roll; London 1973
Sandner, Wolfgang: Der Einfluss von Drogen auf die Rockmusik. Zum Verständnis eines musikalischen und sozialen Phänomens; in: Melos/NZ 1. Jahrgang, Mainz 1975
Stafford, Peter: Psychedelics Encyclopedia; Berkeley 1977
Joynson, Vernon: The Flashback. The Ultimate Psychedelic Music Guide; Telford 1988