Radiohead

Stichworte Thom Yorke | Rick Wakeman | Progressive Rock | Mellotron | Synthesizer | Ondes Martenot



Radiohead, britische Rockband, 1991 in Oxford gegründet; die Band ging aus der 1986 gegründeten Schülerband On A Friday hervor, in der sich ihrerseits Musiker aus verschiedenen Bands zusammengefunden hatten.

Bandbiografie

Zu On A Friday gehörten bereits die Musiker, die später unter dem Namen Radiohead bekannt werden sollten: Thom Yorke (* 1968; Gesang, Komposition, Text, Gitarre), Jonathan Richard Guy »Jonny« Greenwood (* 1971; Gitarre, Tasteninstrumente), Edward John »Ed« O’Brian (* 1968; Gitarre), Colin Charles »Coz« Greenwood (* 1969; Bassgitarre) – Bruder von Jonny Greenwood, und Philip James Selway (* 1967; Schlagzeug). Nach der Schulzeit gingen die Musiker zunächst getrennte Wege und kamen nur gelegentlich zu gemeinsamen Auftritten zusammen, entschlossen sich aber 1991, als Band zusammen zu bleiben und eine professionelle Karriere einzuschlagen. Bereits wenige Monate später, noch im gleichen Jahr, gelang es ihnen bei dem EMI-Unterlabel Parlophone einen Vertrag zu erhalten; der Vertrag beinhaltete die Produktion von sechs CDs. Allerdings sollte es nach dem Willen des Managements von Parlophone nicht bei dem Namen On A Friday bleiben. Die Musiker nannten ihre Band schließlich nach einem Song der Talking Heads, »Radio Head«, 1986 auf deren CD »True« veröffentlicht Radiohead.
Schon mit der ersten Single hatte Radiohead die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen können: »Creep«, aus dem Debütalbum »Pablo Honey« ausgekoppelt, war nicht nur in Großbritannien erfolgreich, sondern gleich weltweit – wenn auch nicht durchgängig: Die vom Klang der Gitarren bestimmte Musik wurde als eine britische Spielart des amerikanischen Grunge angesehen. Dran änderte auch die Veröffentlichung der zweiten LP, »The Bends« (1995).
Erst das dritte Album, »Ok Computer« veränderte den Blick auf Radiohead. Die atmosphärisch dichten und ausgeklügelt instrumentiert Songs brachten der Band gar den Ruf ein, Wiedergänger des Progressive Rock zu sein. Der Song »Karma Police« wurde den Musikern denn auch als eine Hommage an die Mitte der 1960er-Jahre produzierte Musik der Beatles zu sein. Die Musiker reagierte verunsichert: Das Album war zwar immens erfolgreich und Radiohead ging monatelang weltweit auf Tournee, doch schienen sie sich über den weiteren künstlerischen Weg nicht einig werden zu können, selbst die Auflösung der Band schien möglich. Mit »Kid A« (2000) und »Amnesiac« (2001) vollzog die Band eine Kehrtwendung, und wenn auch diese eher »experimentelle« Musik eine Abkehr von der Musik der vorangegangenen Alben darstellte und in mancherlei Hinsicht eher »unfertig« wirkte, waren auch diese beiden Alben erfolgreich wie die Vorgänger. 2003 erging es der Band mit »Hail to the Thief« nicht anders, weltweite waren ihre Konzerte ausgebucht.
»Hail to the Thief« war das letzte Album für die EMI. Dei Musiker standen der Phonoindustrie längst kritisch gegenüber und hatte es mit einem neuen Vertrag – gleichgültig mit wem – nicht eilig. Stattdessen machten sie sich Ende 2006 an die Produktion eines weiteren Albums. Yorke hatte mittlerweile unter eigenem Namen vorgelegt, wollte die Existenz von »Erasue« aber nicht als Abgesang auf das Dasein von Radiohead verstanden wissen.
So veröffentlichte die Band am 10. Oktober 2007 »In rainbows« – allerdings nicht bei einer Plattenfirma. Vielmehr konnten Interessierte das Album von einer Website auf ihren Computer laden und selbst bestimmen, was Ihnen diese Musik wert war. Angeblich wurde »In rainbows« innerhalb des ersten Monats nach Erscheinen mehr als eine Million mal von der Website abgerufne; nach Aussage der Band wurden im Schnitt vier Pfund für die Musik bezahlt – allerdings machte Radiohead keine Angaben zum tatsächlichen Umsatz. Dennoch erregte das Vorgehen der Band einiges mediales Aufsehen, schien sie doch eine Alternative zu den herkömmlichen Vertriebswegen von Musik gefunden und ihre Unabhängigkeit bewiesen zu haben. Zeitgleich zur Download-Version war »In rainbows« in einer opulenten Box-Version veröffentlicht, die ein herkömmliches Booklet, die eigentliche CD, eine Ausgabe in Vinyl und eine Bonus-CD enthielt. Allerdings war diese Box ebenfalls nur über die Internet-Site der Band zu erhalten und kostete nicht weniger als 40 Pfund. Ende 2007 kam »In rainbows« dann doch noch ganz normal, als normale CD in den Handel; gleichzeitig wurde die Download-Version aus dem Netz genommen. 2009 erhielt Radiohead einen Grammy für das Album.
Die Musiker hielten an der Idee des Eigenvertriebs über das Internet fest. Mit der Produktion eines weiteren Albums hatten sie es zwar nicht eilig, 2009 aber veröffentlichten sie – wiederum zum Download – die Single »Harry Patch (In Memory of)« im Gedenken an den letzten britischen Veteranen des Ersten Weltkriegs, der wenige Monate zuvor im Alter von 111 Jahren verstorben war. Der Download kostete ein englisches Pfund.
Der Erfolg Radioheads, der die Band neben Formationen wie R.E.M. und U2 stellt, ist ungewöhnlich, aber leicht zu begründen. Ungewöhnlich ist er, weil die Band um den charismatischen Sänger Thom Yorke sich um marketing-technisch als unumstößlich geltende, aber ungeschriebene Regeln – etwa einen einmal erfolgreichen Gruppenklang nicht ohne triftigen Grund zu verändern – nicht scherte. »Ok Computer«, das dritte Album der Band, wich grundsätzlich von den ersten beiden Veröffentlichungen ab; auch später experimentierten die Musiker immer wieder mit neuen Klangfarben. Mitunter wurde der Sound der Gruppe damit radikal verändert.
Andererseits wurde gerade dieser singuläre Sound der Band von Sänger Yorke maßgeblich bestimmt und zusammengehalten: Seine hohe, mitunter wie beiläufig klingende, dann aber wieder inbrünstig pathetische Stimme, die auf späteren Alben immer wieder mit elektronischen Mitteln bis zur Unkenntlichkeit verfremdet wurde, ist das primäre musikalische Mittel, die Botschaft der Band zu transportieren. Das Thema der Band ist die Entfremdung des Menschen in einer durchtechnisierten und damit von den Prämissen der Technik bestimmten Welt. In »fitter happier« (»Kid A«) war es dann in letzter Konsequenz nicht mehr eine menschliche, sondern eine synthetische Stimme, die sämtliche Vorgaben für einen perfekten, aber höchst konformistischen Lebensstil herunterleiert. Das Paradoxon, das eine klaren politischen Vorstellungen folgende Band gerade in dieser technisierten Welt in einer Kunstform, die wie kaum eine zweite Technik benötigt, um überhaupt in Erscheinung treten zu können, kommerziell höchst erfolgreich ist und wegen Songs wie »Creep« und »Karma Police« geradezu geliebt wird, scheint für die Musiker allerdings nur schwer auflösbar. So gesehen, ist die Diskussion, ob Radiohead Vertreter des Progressive Rock sind und die Alben der Band spätestens seit »Ok Computer« Konzeptalben sind, müßig: Die Band selbst stellt das Konzept dar, auf das die CD-Veröffentlichungen immer wieder einen Blick freigeben. Yorke lehnt das Etikett »Progressive Rock« – das übrigens Rick Wakeman der Musik der Band gab – vehement ab.
Radiohead gilt als bedeutendste britische Band der 1990er-Jahre, ganz sicher ist sie diejenige Band, die sich am stärksten von intellektuellen Überlegungen leiten lässt. Alle Bandmitglieder haben studiert, vier der fünf Musiker einen akademischen Abschluss. Dies hat Einfluss auf die Musik: Seit »Ok Computer« und im Verein mit dem über lange Zeit mit der Band verbundenen Produzenten Nigel Godrich (* 1971) zeigen die Aufnahmen der Band eine ausgetüftelte Konstruktion; selbst Auswahl und Festlegung der Reihenfolge der Songs einer CD werden von Produzent und Musikern wohlüberlegt vorgenommen und nahmen etwa für »Ok Computer« zwei Wochen in Anspruch. Ein Kriterium war dabei die Reihenfolge der in den Kompositionen verwendeten Tonarten. Innerhalb eines Songs werden stets mehrere vokale und instrumentale Schichten übereinander gelegt, die sich in ihrer Klangästhetik häufig nicht ergänzen, sondern widersprechen. Neben dem üblichen Rockinstrumentarium setzen die Musiker, vor allem Gitarrist Jonny Greenwood, elektronische Instrumente ein, von Ondes Martenot und Mellotron bis hin zu Synthesizern und Samplern. Dabei geht es nicht darum, eine überkommene Klangwelt perfekt zu imitieren, sondern vielmehr darum, das Artifizielle durchscheinen zu lassen: Es ist für den Hörer klar, dass der Chor etwa in »Exit Music (For a Film)» (»Ok Computer«) auf menschlichen Stimmen beruht, gleichzeitig ist aber deutlich, dass diese für das Mellotron präpariert wurden und der Song mit dem altehrwürdigen Instrument konstruiert wurde. Die Unzulänglichkeit der Technik wurde also bewusst in Kauf genommen und dadurch herausgestellt, wenn nicht bloßgestellt.
Mit der Veröffentlichung der CD »In rainbows« zeigte die Band einen Weg auf, wie etablierte Musiker sich mit Hilfe des Internets von den Plattenfirmen unabhängig machen können. Den Schritt, sich auch von der Verkaufseinheit CD zu lösen, vollzog die Gruppe indes nicht – die Verlagerung des CD-Vertriebs auf das Internet ist eine Entscheidung mit kommerziellen wie juristischen Ursachen, nicht aber eine, die musikalische Konsequenzen für die Band hat.



Auszeichnungen

Grammy 1998
Grammy 2009



Diskografie

Pablo honey (1993)
My iron lung (1994; Extended Play)
The bends (1995)
Ok computer (1997)
Kid A (2000)
Amnesiac (2001)
I might be wrong: Live recordings (2001; Extended play)
Hail to the thief (2003)
In rainbows (2007)



Literatur

Tate, Joseph: The Music and Art of Radiohead (2005)
Tatim Letts, Marijanne: How to Disappear Completely: Radiohead and the Resistant Concept Album (2005)



Weblink

http://www.Radiohead.com (Offizielle Homepage der Band)