Richard Sinclair

Sinclair, Richard S., englischer Rockmusiker (Gesang, Bass, Gitarre, Komposition), * Canterbury 6.6. 1948; Richard Sinclair ist Cousin von David Sinclair.

Richard Sinclair lernte als Jugendlicher Gitarre und schloss sich als 16järhiger Schüler der gerade gegründeten Band The Wilde Flowers an, in der er nach einiger Zeit als »ständig anwesender Fan« Rhythmusgitarre spielen durfte. Zunächst ohne Ambitionen, aus seinem Interesse an der Musik einen Beruf zu machen, nahm er nach der Schulzeit ein Studium in Industriedesign auf. Als wenige Jahre später aus den Trümmern von The Wilde Flowers die Band Caravan entstand war Richard Sinclair als Sänger nach den Jahren musikalischer Abstinenz dann doch wieder mit dabei und ersetzte bald den Bassisten der Band, Dave Lawrence. Kurze Zeit später war Caravan zu einem Quartett geschrumpft, dessen Gesamtklang Richard Sinclair mit seinem Gesang maßgeblich prägte.
In dieser Zeit entstanden die »klassischen« Alben der Band, »Caravan« (1969), »If I could do it all over again, I‘ do it over You« (1970) und »In the Land of Grey and Pink« (1971). Obwohl Richard Sinclair als Komponist eher wenig zu diesen LPs beitrug, war seine Stellung in der Band dennoch so prominent, dass sein Vorschlag, den Pianisten als Ersatz für David Sinclair – er verließ 1971 Caravan – von den anderen Bandmitgliedern angenommen. Das Resultat dieser Zusammenarbeit mit dem mehr an Jazz als an Rock interessierten Miller, das Album »Waterloo Lily« (1972) fand aber nicht die Zustimmung des Publikums, und schlimmer noch, nicht mal die der Musiker selbst. Sinclair und Miller verließen Caravan und gründeten mit dem Schlagzeuger Pip Pyle und den Miller-Gebrüdern Steve und Phil Hatfield and The North Im Grunde also eine Reinkarnation von Delivery. Steve Miller fühlte sich aber auch in dieser Band aus musikalischen Gründen nicht recht wohl und wurde nach einigem Hin und Her durch Dave Stewart von Egg ersetzt. Richard Sinclair übernahm auch bei Hatfield and the North den Bass und sang, und drückte damit auch dieser Band seinen Stempel auf. Hatfield and the North veröffentlichte seinerzeit zwei Alben und ging 1975 auseinander.
Sinclair, ohnehin in einer auch familiär schwierigen Situation, folgte einem Angebot Daevid Allens, nach Mallorca in das Künstlerstädtchen Deia zu kommen und sich zu erholen. Sinclair nahm das Angebot an und begann an Songs für ein Solo-Album zu arbeiten; es gab das Angebot von Virgin Records, dieses zu veröffentlichen. Dazu kam es zunächst nicht. Sinclair ging zurück nach Canterbury und gründete noch 1975 mit dem Bassisten Rick Biddulph und seinem Cousin David die Formation Sinclair and the South. Diese Gruppe erwies sich indes als kaum lebensfähig, schließlich bleiben nur noch Richard Sinclair und der Gitarrist Mark Hewins übrig. 1976 benannte Sinclair seine Band in R.S.V.P. um; der Gitarrist Richard Folds, der Keyboard-Spieler Perry White und der Schlagzeuger Vince Clarke stockten das aus Sinclair und Hewins bestehende Duo zu einem Quintett auf. Der Erfolg, den Sinclair mit Caravan wenige Jahre zuvor erlebt hatte, stellte sich indes nicht wieder ein und so wurden seine Aktivitäten als Musiker zu einer Feierabendbeschäftigung – seinen Lebensunterhalt verdiente er als Tischler.
1977 nahm Sinclair ein Engagement an, Mitglied von Camel zu werden und nahm mit der Band die Alben »Rain Dances« (1977) und »Breathless« (1978) auf. Auch an »A Live Record« (1978) war noch ein wenig beteiligt, sprang dann bei Caravan für die Aufnahmen zu »Cool Water« ein; das Album wurde erst 1994 veröffentlicht. Auch seine Zeit bei Camel neigte sich dem Ende entgegen, während seiner Aushilfe bei Caravan hatte sich die Band verändert. Sinclair kehrte wieder nach Canterbury zurück und spielte bis 1981 wieder im Duo mit Hewins oder in der Badn T-Mit,wo er auf Pip Pyle traf. 1981 schließlich nahm er an diversen Einzelprojekten teil, etwa an den Aufnahmen zu Caravans »Back To Front« oder zu dem Album »D.S. Al Coda« von National Health. In den nächsten Jahren blieb es für Sinclair dabei: Er kam immer wieder mit Musikern der Canterbury Scene zusammen, bei Phl Millers Bandin Cahoot mit Elteon Dean und Pip Pyle, dann im Duo mit Hugh Hopper, mit Robert Wyatt, wieder mit Caravan anlässlich des Canterbury Summer Festivals 1984, mit Geoff Leigh, mit Andy Ward und dann wieder mit Phil Miller. So trat auch Hatfield and the North für ein einziges Konzert bei der BBC 1990 auf. Richard Sinclair war auch dabei, als Caravan einige Konzerttermine in Großbritannien absolvierte.
1990, nach seinem Engagement bei Caravan, gründete Sinclair mit Hopper, Hewins, Ward und Clarke die Gruppe GoingGoing, die zunächst den zurückhaltenden Namen Hugh Hopper & Friends trug. Diese Formation wurde bald in Going Going umbenannt, aus der 1991 Caravan of Dreams hervorging.
Seit den 1990er-Jahren veränderte sich das soziale Gefüge der Bands von Richard Sinclair: Die alten Namen tauchten seltener auf, nunmehr gehörten junge Musiker, die zu den Hochzeiten von Caravan noch nicht einmal geboren waren, zu den Besetzungen; nach der Jahrtausendwende spielte er etwa im Duo oder Trio mit Tony Coe und David Rees Williams. Ab und zu kam es zu Reunions, bei denen Sinclair sich mitunter engagierte, so etwa, als 2005 Hatfield and the North sich reformierte; der frühe Tod von Pip Pyle beendete 2006 diese Reunion. Sinclair zog sich aus dem Musikgeschäft zurück und ließ sich in Italien nieder.
Wollte man den Begriff »Canterbury Sound« mit nur einem Beispiel beschreiben, so müsste es eines sein, bei dem Richard Sinclair singt und Bass spielt. Der Klang seiner Stimme, sein ruhig dahin fließender Gesang und der seinen Songs eigene Humor prägte diese Musik. Spätere Musiker, die diese Eigenheiten aufgriffen – wie zum Beispiel die Band The Tangent – wissen genau, welche eigentlich vergangene Klangwelt sie damit heraufbeschwören. Der seltsam emotionslos erscheinende Gesangsstil Sinclairs, dem das Expressive und auch Exaltierte der vom Blues geprägten Rockmusik fehlt, war für manch einen Zuhörer oft auch Grund genug, diese Musik insgesamt als kalkuliert und kühl zu empfinden. Songs wie »Golf Girl« oder »Winter Wine« von Caravans Album »In the Land of Grey and Pink« wären aber genau die, die exemplarisch für den Canterbury Sound stehen könnten.


Diskografie

Live Tracks (2002)
What in the World (2003; mit David Rees Williams und Tony Coe)


Mit R.S.V.P.

R.S.V.P. (1994)


Mit Hugh Hopper

Somewhere in France (1996)


Weitere Alben mit Caravan, Hatfield and the North, National Health, Sinclair and the South, Camel, In Cahoots, Caravan of Dreams