Rio Reiser

Reiser, Rio, eigentlich Ralph Christian Möbius, deutscher Rockmusiker (Gesang, Text, Komposition), * Berlin 9.1.1950, † Fresenhagen 20.8.1996.

Rio Reiser wuchs in verschiedenen Orten der Bundesrepublik Deutschland auf (Berlin, Traunreut, Nürnberg, Mannheim, Stuttgart, Rodgau) und lernte als Jugendlicher autodidaktisch Gitarre, Klavier und Violoncello. Die eingeschlagene Schulausbildung beendete er nicht regulär, sondern nahm eine Lehre als Fotograf auf. Reiser sang in der Rockgruppe The Beat Kings und lernte den Gitarristen R.P.S. Lanrue kennen; Lanrue wurde später Gitarrist in der Band Ton Steine Scherben.
Kulturell sehr interessiert, brach Rio Reiser die Fotografenlehre ab und wechselte in den Westteil Berlins. Hier auch spielte er etwa seit Mitte der 1970er-Jahre in Jugend- und Lehrlingstheatern und wirkte vereinzelt auch an Filmen mit. Zu dieser Zeit gab er sich in Anlehnung an Karl Philipp Moritz’ (* 1756, † 1793) Roman »Anton Reiser« den Namen Rio Reiser.
Als Rocksänger war Rio Reiser seit 1970 Mitglied der politisch stark engagierten Band Ton Steine Scherben geworden. Noch im selben Jahr trat die Band anlässlich des Love and Peace Festivals auf Fehmarn erstmals öffentlich auf.
Ton Steine Scherben wählte von Anfang an einen Weg abseits des musikalischen Mainstreams und profitierte auch nicht von der so genannten Neuen Deutschen Welle der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre. So löste sich die Band 1985 angesichts hoher Schulden auf.
Rio Reiser hatte bereits 1984 in Annette Humpe, zuvor Sängerin der Rockband Ideal und inzwischen eine Art Graue Eminenz der deutschen Rockmusik, eine Art Mentorin gefunden, die seine noch mit Lanrue geschriebene Single »Dr. Sommer« (1984) produzierte. Der Erfolg der Single bestärkte Reiser in dem Plan, nach Auflösung von Ton Steine Scherben eine Solo-Karriere einzuschlagen. Humpe brachte ihn mit dem versierten Produzenten Udo Arndt zusammen und Ende 1985, Anfang 1986 produzierte sie gemeinsam mit Arndt Reisers erste Solo-LP. »Rio I.« (1986) enthielt mit »König von Deutschland« und »Junimond« gleich zwei Hits. Völlig neu indes waren die Kompositionen nicht, denn einige der Songs Reisers waren bereits früher Bestandteil des Repertoires mit Ton Steine Scherben gewesen, nun aber mit Blick auf ein größeres Publikum arrangiert worden. Trotz einiger Animositäten aus der Anhängerschaft der nun nicht mehr existenten Band Ton Steine Scherben setzte Rio Reiser seinen Weg fort und veröffentlichte bis 1995 fünf weitere Studio-LPs und eine Live-LP. Auch trat er immer wieder in Filmen auf – so etwa in zwei Folgen der »Tatort«-Reihe der ARD, für die er auch die Musik beisteuerte -, und schrieb Musik für Filme und Theaterstücke, wie er auch für andere Interpreten Musik oder Texte lieferte.
Rio Reiser nimmt in der Geschichte der deutschen Rockmusik eine Sonderstellung ein. Politisch stark engagiert, hatte er bereits in der Band Ton Steine Scherben Aussagen wie »Keine Macht für niemand« und »Macht kaputt, was euch kaputt macht« popularisiert und zu geflügelten Worten gemacht. Als Sänger war er spätestens mit »Rio I.« neben Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer zu stellen.
Bereits Mitte der 1970er-Jahre hatte er sich immer wieder auf einen Bauernhof in Friesland zurückgezogen. Die Inanspruchnahme durch sein Publikum stürzte ihn in den Zwiespalt zwischen politischer Aktivität – er engagierte sich in den 1970er-Jahren für die SPD, in den 1980er-Jahren für Die Grünen und trat 1990 in die PDS ein – und seiner künstlerischen Arbeit. Dabei war seine Wirkung als Solo-Künstler durchaus größer als die als Mitglied von Ton Steine Scherben. Mit dem Halbsatz »Das alles, und noch viel mehr« aus seinem Song »König von Deutschland« hatte der erneut einen Topos der deutschen Sprache geschaffen. In diesem Sprachwitz lag sicherlich sein größtes Talent, doch war er im Konzert auch ein außergewöhnlicher, mitreißender Interpret seiner Songs – Mitte der 1980er-Jahre sprach er viele Rockhörer an, die mit seinen politischen Ansichten noch nicht einmal sympathisierten. Sind manche seiner Songs auch rasante Gassenhauer, deren Text Reiser auch schon mal gröhlte, so sind einige Musterbeispiele dafür, wie man Balladen ohne Sentiment singen und die Melancholie fühlbar machen kann.
Rio Reiser wurde nach seinem Tod auf seinem Grundstück in Fresenhagen beigesetzt; der Ort wurde zu einer Art Wallfahrtsstätte für Fans und Weggefährten des Sängers. Das Haus selbst wurde nach ihm Rio-Reiser-Haus benannt, dem angeschlossenen Verein sitzt sein Bruder Peter Möbius vor. Sein zweiter Bruder Gert Möbius betreut das Rio-Reiser-Archiv.
Reisers Musik blieb in der deutschen Pop-Musik präsent, nicht nur durch sporadisch erscheinende Zusammenstellungen. Vielmehr spielt seine Musik bis in jüngste Zeit für deutsche Rock- und Popmusiker wie Echt, Fettes Brot, Söhne Mannheims, Rosenstolz, Wir sind Helden und andere eine nicht nur nostalgische Rolle.



Auszeichnungen

1977 Bundesfilmpreis in Gold



Diskografie

Rio I. (1986)
Blinder Passagier (1987)
*** (1990)
Durch die Wand (1991)
Über Alles (1993)
Himmel und Hölle (1995)
Live in der Seelenbinder-Halle, Berlin/ DDR 1988 (1999)



Weblink

http://www.rioreiser.de (Offizielle Website des deutschen Rocksängers Rio Reiser)