The Beatles

Beatles, The, britische Rockgruppe, 1959 in Liverpool gegründet.

Bandbiografie

John Winston Lennon (* 1940; Gesang, Gitarre) gründete 1957 nach ersten Versuchen, das Gitarrespiel zu lernen, mit seinem Schulfreund Pete Shotton die Skiffle-Gruppe The Black Jacks, benannte die Gruppe jedoch bald nach dem Schullied seiner Schule, The Quarry Bank High School, in The Quarry Men um; gelegentlich ist auch die Schreibweise The Quarrymen anzutreffen, doch ist auf den ersten gedruckten Programmen der Name The Quarry Men zu lesen. Bei einem Auftritt anlässlich des Sommerfestes der St. Peter Parish’s Church in Woolton lernten die Bandmitglieder James Paul McCartney (* 1942; Gesang, Gitarre, Bassgitarre) kennen. Lennon machte dem instrumental versierten McCartney das Angebot, Mitglied der Band zu werden, was dieser nach kurzem Zögern annahm.
1958 schloss sich der erst fünfzehnjährige George Harrison (* 1943; Gesang, Gitarre) der Band an, wenig später auch Stuart Fergusson Victor Sutcliffe (* 1940, † 1962; Bass). Für einen Band-Wettbewerb nannten sich die Musiker 1959 zunächst Johnny and the Moondogs, dann The Beatals, schließlich The Silverbeetles. 1960 kam der Schlagzeuger Pete Best (* 1941) als ständiges Mitglied zu der Gruppe, die sich nun The Beatles nannte. Mit Best nahmen die Beatles ein Engagement im Indra Club in Hamburg an. Der Aufenthalt endete mit der Ausweisung des minderjährigen Harrisons und dem Entzug der Arbeitserlaubnis für die übrigen Mitglieder der Band. Sutcliffe hatte sich in Hamburg mit Astrid Kirchherr – deren Fotos von den Musikern deren öffentlich später maßgeblich bestimmten – angefreundet und blieb in Hamburg. Paul McCartney übernahm darauf hin den Bass.

Zurück in Liverpool gelang es der Band im Cavern Club, eigentlich ein Jazz Club, ein ständiges Engagement zu erhalten. Doch schon nach wenigen Auftritten ging die Band 1961 erneut nach Hamburg und trat dort im Top Ten Club auf. Hier trafen sie mit dem Sänger Tony Sheridan zusammen, der mit ihnen als Begleitband von Bert Kaempfert für Polydor Records unter Vertrag genommen wurde. Insgesamt wurden fünf Songs aufgenommen, von denen zwei – »Bonnie« und »The Saints« – auf einer Single veröffentlicht wurden. Kaempfert hatte für die Platte den Beatles den Namen The Beat Brothers gegeben.
Nach Erfüllung des Kontrakts mit dem Top Ten Club setzten sie ihr Engagement im Cavern Club fort. Hier suchte sie im Herbst 1961 der Schallplattenhändler Brian Epstein (* 1934, † 1967) auf; Epstein war auf die Single von Tony Sheridan and the Beat Brothers gestoßen und von den Qualitäten der Band überzeugt. Epstein und die Beatles wurden schließlich einig: Epstein übernahm das Management der Gruppe. Sein Plan, das Interesse eines Schallplattenlabels für die in Liverpool zwar sehr populäre, in anderen Teilen des Landes aber nahezu unbekannte Band zu wecken, schlug zunächst fehl. Nach einem Vorspiel wurde das Quartett von ↑Decca abgelehnt. Erneut nahmen die Beatles ein Engagement in Hamburg an, dieses Mal im Star Club. Epstein nahm in dieser Zeit Kontakt zu Parlophone Records, einem Label von EMI, auf. George Martin, Geschäftsführer und A&R-Manager des Labels zeigte sich interessiert und tatsächlich kam es zu einem Vertragsabschluss. Martin lehnte allerdings Pete Best als Schlagzeuger ab. Ersatz wurde in Ringo Starr, eigentlich Richard Starkey, (* 1940) von der Band Rory Storm and the Hurricanes gefunden. Bei den ersten Aufnahmen bei Parlophone wurde allerdings selbst Starr nicht immer eingesetzt, Martin engagierte etwa für die Aufnahme von »Love Me Do« (1962) den Studiomusiker Andy White. »Love Me Do«, eine Komposition von Lennon/McCartney, erreichte die britischen Charts, die Beatles traten im Frühjahr 1963 im britischen Fernsehen auf und die Single »Please Please Me« (1963) brachte es auf den zweiten Platz der Hitparade, eröffnete damit eine beispiellose Reihe von Charts-Erfolgen der Band: Durchweg kamen die allein 1963 veröffentlichten Singles – »From Me to You«, »She Loves You«, »I Want to Hold Your Hand« – auf den ersten Platz der britischen Hitparade. Ähnlich erfolgreich waren die Beatles in den USA. Wo immer die vier Musiker auftraten, erregten sie größtes Aufsehen, so dass nach kurzer Zeit von einer »Beatlemania« gesprochen wurde. Die aus den Hits und diversen weiteren Aufnahmen zusammengestellten LP, in den USA jeweils unter anderem Titel und mit anderer Song-Auswahl veröffentlicht, standen dem Erfolg der Singles nicht nach. Nachdem 1964 die Single »I Want to Hold Your Hand« in den USA den ersten Platz der amerikanischen Hitparade eingenommen hatte und die Beatles in der TV-Show Ed Sullivans aufgetreten waren, revolutionierte dies den amerikanischen Musikmarkt: Die Beatles – selbst höchst erfolgreich – ebneten anderen britischen Bands den Weg, so dass in den USA von der »British Invasion« gesprochen wurde.
Bis 1964 hatten die Beatles neben eigenen Kompositionen immer noch Cover Versions – etwa von Chuck Berry, Buddy Holly und Leiber/Stoller – aufgenommen, doch die LP »A Hard Day’s Night« (1964) und »Help!« (1965), die die Musik der gleichnamigen Beatles-Filme enthielten, umfassten nur Kompositionen der Band, die meisten von Lennon und McCartney, die verabredet hatten, die Songs stets unter beider Namen zu veröffentlichen, unabhängig davon, wer der eigentliche Urheber war.

Die im Dezember 1965 veröffentlichte LP »Rubber Soul« brach mit der Tradition, die Langspielplatte nur als Sammlung zuvor veröffentlichter mehr oder weniger erfolgreicher Singles, gekoppelt mit weiteren Songs, zu verwenden. »Rubber Soul« enthielt ausschließlich neue Songs, keiner war zuvor veröffentlicht worden. Die mit der Single »Yesterday« (1965) begonnene Ausweitung der Instrumentierung war für »Rubber Soul« fortgesetzt worden. Thematisch hatten sich die Beatles zwar nicht gänzlich, aber doch in erstaunlichem Umfang von den früheren, dem Teenager-Leben gewidmeten Themen entfernt.
Die Beatles bestimmten zu dieser Zeit die Entwicklung der Rockmusik. Die LP »Revolver« (1966) und »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« (1967) sowie die EP »Magical Mystery Tours« (1967) sprengten die Grenzen der bis dahin üblichen Rockmusik. In diese Zeit fiel allerdings auch der Entschluss, nicht mehr im Konzert aufzutreten, teils, weil die Konzerte unter dem Jubel der Fans nicht mehr ohne größte Anstrengung durchzuhalten waren, teils, weil es nicht möglich war, die komplizierten Arrangements und diffizilen Instrumentationen auf der Bühne adäquat nachvollziehen zu können; eine Rolle mag auch Lennons Lampenfieber gespielt haben. Die Doppel-Single »Penny Lane/Strawberry Fields Forever« (1966), eine Hommage an ihre Heimatstadt, war die erste Single der Beatles, die nicht den ersten Platz der britischen Charts erreichte, sondern Engelbert Humperdincks »Release« den Vortritt lassen musste. Nach der Veröffentlichung von »Sgt. Pepper« stand das Quartett aus Liverpool auf dem Zenit seiner Karriere und ihres kulturellen Einflusses; die parallel zum Album veröffentlichte Single »All You Need Is Love« gab einer ganzen Zeit das Motto, wurde am 25. Juni 1967 weltweit live übertragen und nahm in vielen Ländern den ersten Platz der jeweiligen Hitparaden ein. Wie ein Menetekel nahm sich indes wenig später der Tod ihres Managers Brian Epstein am 21. August 1967 aus.
Manager und Band hatten sich innerlich längst voneinander entfernt. Unter dem Einfluss von George Harrison hatten sich die Musiker der Philosophie des Maharishi Mahesh Yogi zugewandt und gingen mit einem Troß von Begleitern in ein Camp in Indien. Die Kreativität der Musiker war ungebrochen, doch auch ein wenig richtungslos: 1968 gründeten sie ein Unternehmen, das sie Apple nannten, und in dessen Mittelpunkt zwar das eigene Schallplattenlabel stand, doch gehörten auch eine Boutique und eine obskure Abteilung dazu, die sich elektronischen Erfindungen im weitesten Sinne widmen sollte. Apple verschlang Millionen, so dass die Musiker sich bald gezwungen sahen, von ihrem Plan, ohne Manager ihre Geschäfte selbst zu regeln, Abschied zu nehmen. Während in den Kinos der Trickfilm »Yellow Submarine« (1968; Regie: George Dunning/Dennis Abey) anlief, suchten die Beatles einen neuen Manager, den sie in Allen Klein fanden. Der Entscheidung, Klein mit der Sanierung von Apple – die dann darin bestand, außer dem Label alle Unternehmenszweige zu schließen – zu beauftragen, waren lange Streitereien zwischen McCartney und den übrigen Bandmitgliedern vorangegangen. Die unterschiedlichen Wege, die die Musiker gingen, drückten sich auch in ihrem Privatleben aus: Lennon hatte die Künstlerin Yoko Ono (* 1933) kennen gelernt und sich von seiner Frau Cynthia scheiden lassen; McCartney hatte sich von der Schauspielerin Jane Asher getrennt und war mit der amerikanischen Fotografin Linda Eastman (* 1941, † 1998) liiert.

Die divergierenden Interessen von Lennon, McCartney und Harrison hatten künstlerische Konsequenzen: Die Aufnahmen zu dem 1968 veröffentlichten Album »The Beatles«, wegen seines Covers als »White Album« (»Weißes Album«) in die Geschichte der Rockmusik eingegangen, zeigten das ganze Dilemma, Lennon und McCartney mieden mitunter gemeinsame Termine, Ringo Starr verließ gar einmal die Band – für »Back in the USSR« etwa spielte McCartney den Schlagzeug-Part ein – und Harrison fühlte sich ohnehin unzureichend wahrgenommen – er sah sich, Lennon und Starr als Begleitband für Paul McCartney. In langen Diskussionen erwägten die Musiker, wieder öffentlich aufzutreten, doch scheiterte dies an Lennons Widerstand. Immerhin versuchte das Quartett, die ihrem Empfinden nach allzu artifiziell gewordene Musik durch eine Rückbesinnung auf die Musik ihrer Anfangsjahre zu ersetzen.

Der Song »Get Back«, 1969 veröffentlicht, stand geradezu als Motto über dieser Zeit. Bei den Aufnahmen zu einem neuen Album ließen sich die Musiker für einen Kinofilm von einem Kamerateam beobachten, spielten die alten Songs und Songs aus ihrer Anfangszeit, die sie nie veröffentlicht hatten. Als es jedoch an die Produktion des Albums ging, um die Auswahl der Songs, gerieten die Beatles erneut in Streit. Lennon übergab die Bänder schließlich dem amerikanischen Produzenten Phil Spector, veröffentlicht wurde aber 1969 unter dem Titel »Abbey Road« zunächst eine Reihe von Songs und von Martin kunstvoll zusammengesetzten Song-Bruchstücken, die teils noch nach den Aufnahmen zustande gekommen waren, die noch bei Spector lagen. Spector drehte die ihm überlassenen Aufnahmen teils durch den Wolf – gab ihnen mitunter üppige Orchesterarrangements –, teils ließ er sie, wie sie waren. Der geplante Titel »Get Back« wurde durch »Let It Be« ersetzt und das Album 1970 als letztes genuines Beatles-Album präsentiert. Zu dieser Zeit waren Lennon und McCartney längst mit Aufnahmen zu eigenen LP beschäftigt. McCartney legte sein Solo-Debüt »McCartney« wenige Wochen vor der Veröffentlichungen von »Let It Be« vor; das Album enthielt auch Songs, die eigentlich für eine Beatles-Platte gedacht waren. Lennon gründete die Plastic Ono Band, zu der neben Yoko Ono auch alte Beatles-Freunde wie Eric Clapton und Klaus Voormann gehörten, und trat wieder im Konzert auf.

Dass John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr ihre gemeinsame Geschichte als The Beatles spätestens 1970 beendet hatten, wollten weder ihre Plattenfirma noch die Öffentlichkeit wahrhaben. Im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte wurden immer wieder Zusammenstellungen auf den Markt gebracht, die mitunter auch die Feuilletons beschäftigten: 1973 zwei Doppel-Alben, die als »Rotes Album« und »Blaues Album« in die Diskografie der Band eingingen, 1976 die LP »Rock’ n’ Roll Music«, 1978 die Wiederveröffentlichung aller Beatles-LP in einer Box, dazu 1979 eine »Rarities«-LP, 1988 die »Past Masters«-Alben Volume 1 und Volume 2, 1992 dann eine CD-Box mit allen Alben, 2000 unter dem Titel »1« eine Zusammenstellung aller Beatles-Nr. 1-Hits, 2009 schließlich die erneute Veröffentlichung aller Beatles-LP als technisch aufpolierte CDs. Dazwischen brachte die EMI alte Live- und Rundfunkaufnahmen, die US-amerikanischen Fassungen der alten LP und ab und an thematisch ausgesuchte Beatles-Songs auf den Markt.

Von einiger Bedeutung waren in diesem endlosen Reigen lediglich die »Anthology«-Serie, die in den Jahren 1995 und 1996 vorgelegt wurde und die Ur-Fassung von »Let It Be«, die 2003 unter dem Titel »Let It Be«-Naked veröffentlicht wurde und demonstrierte, wie rücksichtslos Spector seinerzeit in manchen Fällen in die Songs eingegriffen hatte.

Die »Anthology«-Serie enthielt Outtakes – von denen es gerüchteweise zahllose gab und immer noch geben soll –, frühe Fassungen und auch Missglücktes. Dazu zwei Songs, die John Lennon zurückgelassen hatte und die Yoko Ono den übrigen drei Beatles und Jeff Lynne (Electric Light Orchestra) zur Ausarbeitung übergab, »Free As a Bird« (1995) und »Real Love« (1996). Beide Songs, von McCartney und Lynne im Stile der Songs der Jahre 1966-1968 arrangiert und erweitert, zählen nicht zum Kanon originaler Beatles-Songs und werden von nicht wenigen Beatles-Anhängern als Machwerke angesehen.

Ließ sich schon das Werk der Beatles nicht ohne Tricks erweitern, so setzten bis zum Tode Lennons im Jahre 1980 viele Fans ihre Hoffnung in eine Wiedervereinigung der Beatles, selbst wenn sie nur temporär gewesen wäre. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, obwohl den vier Bandmitgliedern mitunter hohe Geldbeträge geboten wurden. Der Tod von George Harrison 2001 durchkreuzte dann auch Erwartungen, dass wenigstens die drei übrigen Beatles noch einmal gemeinsam auftreten würden. Stattdessen betätigte sich Paul McCartney auf zahlreichen seiner Veröffentlichungen als Sachwalter der Beatles-Songs – bei einem Verkauf der Rechte an den Lennon/McCartney-Songs unterlag er allerdings dem Gebot von Michael Jackson. Die Musik der Beatles wirkt nach. Schon während der Zeit ihres Bestehens nahm die Band immensen Einfluss auf die Rock- und Pop-Musik. Selbst The Rolling Stones, in den 1960er-Jahren in eine antagonistische Stellung zu den Beatles gebracht, orientierten sich an den Liverpoolern und veröffentlichten ihre wichtigsten LP bis 1970. Der Einfluss der Fab Four reichte aber weiter, selbst die Beach Boys, insbesondere Brian Wilson, sahen in den Beatles eine völlig neuartige Konkurrenz – wie auch Lennon und McCartney das Tun der Amerikaner sehr genau beobachteten. Die Kette der Bands, die seitdem die Musik der Beatles zum Vorbild nahm, reißt seit den 1960er-Jahren nicht ab und brachte selbst Epigonales hervor. Die Musik etwa von 10cc, Electric Light Orchestra, XTC, Blur, Oasis – um nur einige wenige zu nennen – ist ohne das Vorbild der Beatles nicht denkbar.

Die Beatles waren Urheber und Nutznießer der Entwicklung der Rockmusik in den 1960er-Jahrne. Im Verein mit George Martin, dessen Einfluss auf die vier Musiker vermutlich nicht überschätzt werden kann, legten sie – wie es scheint: ein für alle mal – fest, wie Rock- und Popmusik zu produzieren ist. Tatsächlich ist diese Produktionsweise am Film orientiert und hat sich seitdem zwar im Detail verbessert, nicht aber in ihrem Wesen. Jedwede technische Neuerung wurde von den Beatles und Martin angenommen und adäquat, um nicht zu sagen: mustergültig, genutzt. In ihren Songs verbanden sie Blues und Pop, ließen aber jede andere Musik gelten. Nie ging es ihnen um eine Synthese, weder in »Yesterday« (1965) von Rock und traditioneller Kunstmusik, noch in »Love You To« (1966) um eine von Rock und klassischer indischer Musik – allemal stand der ungewohnte, interessante Klang im Vordergrund. Dass Rockmusik zu einer »Klangmusik« geworden ist, ist maßgeblich den Beatles – und den Beach Boys – zu verdanken. Jedwede Musik lediglich als Material zu betrachten, einen bestimmten Effekt, eine bestimmte Atmosphäre zu erreichen, drängte die Musik selbst aber auch in eine Nebenrolle. Lennon etwa gab seinen Texten den absoluten Vorrang. Wo andere Musiker den Text passend machten – bis hin zur Unverständlichkeit –, unterwarf Lennon die Faktur der Musik dem Text, passte die Form an, fügte Taktwechsel mitunter für einen einzigen Takt ein. Spätestens mit »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band« (1967), eigentlich aber schon mit »Rubber Soul« (1965) änderten sie die Rolle der LP, die im Rock bis dahin nur eine Art Sammlung für die zuvor herausgegebene Singles war. Nun wurde die LP zur Kunstform und füllte den Begriff »Schallplattenwerk« erst mit Sinn und Leben. Rockoper, Concept Album, Rock-Suite – all diese für die Musik der ausgehenden 1960er- und die 1970er-Jahre bis heute wichtigen Möglichkeiten der Rockmusik nahmen in der Musik der Liverpooler ihren Anfang. Die offene Form, mit »Abbey Road« (1969) mehr notgedrungen als gewollt als Möglichkeit der Rockmusik postuliert, machte die Entwicklung eines »Progressive Rock« überhaupt erst möglich. Die Kehrseite der Medaille war, dass der Rockmusik das Authentische abhanden kam, schon »Sgt. Pepper« und erst recht das Album »The Beatles« (1968) präsentieren Musik über Musik – Country, Ska, Hardrock, Blues, Avantgarde-Musik – alles findet sich hier, begierig von anderen Musiker aufgegriffen. Mitunter ergab das mangelhafte Verständnis dieses Vorgangs überraschende Revivals, so etwa die Veröffentlichung der Single »Lady Madonna« 1968, die ein Rock ’n’ Roll-Revival hervorrief: Lennon und McCartney hatten listig musikalische Topoi von Fats Domino mit denen von Humphrey Lyttleton (»Bad Penny Blues«) vermischt und einen originären Beatles-Song daraus gemacht.

Der sich stets wie von selbst einstellende Erfolg, die starke Beachtung, die jede Regung der Musiker fand, ließ wohl auch so etwas wie Hybris aufkommen. Lennons böses Wort, dass die Beatles bekannter seien als Jesus Christus, war so wahr wie provokativ, ließ aber auch die Richtungslosigkeit der Band aufscheinen, die Lennon wohl als erster in der Band spürte. Der Naivität und auch der Unschuld des Teenager-Daseins entwachsen, zeigte sich, dass das Musikgeschäft – wie es die Beatles prototypisch erfuhren – kein Spaß war.

Tatsächlich zeigt die Geschichte der Band im Nachhinein die ungeheure Belastung der vier Musiker. Allgemein ist es üblich, die Geschichte der Band anhand ihrer Veröffentlichungen in drei Phasen einzuteilen. Dies ist sinnvoll, so weit es um Abgrenzungen innerhalb der Musik geht. Tatsächlich aber entspricht dies nicht der Reihenfolge der Arbeit an den Alben, und erst recht nicht der Abfolge der Aufnahmen. Vielmehr befanden sich die Musiker in einem endlosen, kaum unterbrochenen Prozess der Produktion von Songs; Filmaufnahmen, Tourneen, kurze Urlaube, private Wünsche wurden diesem Prozess untergeordnet. So wurden Kompositionen begonnen, abgebrochen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder fortgeführt. Manche Songs kamen innerhalb weniger Tage, andere nicht in Monaten zu einem veröffentlichungsfähigen Ende. Mitunter wurden Bruchstücke von Songs mit anderen verkoppelt, »A Day in the Life« von »Sgt. Pepper« (1967), einer der bedeutendsten Songs der Band, kam auf diese Weise zustande. So wurden für die LPs die Songs genommen, die gerade fertig waren. Das Album »The Beatles« etwa wurde in dieser Form veröffentlicht, weil es unbedingt ein Doppelalbum werden sollte; George Martin hätte es vorgezogen, eine einzige LP in die Hülle stecken zu lassen. Von »schwachen« Songs, die aufgrund derartiger Prämissen den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben, kann man indes nicht sprechen. Noch jeder Beatles-Song fand seine Fans. Die Beatles sind – neben Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und vielleicht noch Ludwig van Beethoven – das Phänomen der Musik, das am häufigsten beschrieben und interpretiert wurde. Die Zahl der Veröffentlichungen zur Band und zu deren Musik ist unüberschaubar. Es ist die einzige Rockband, deren Musik komplett in Partituren niedergelegt ist. Akribisch wurden im Nachhinein Tagebücher der Aktivitäten der Bandmitglieder angelegt und veröffentlicht. Texte und Musik wurden zu Kunst erklärt, wenn sie nicht – wie etwa das Cover zu »Sgt. Pepper« – ohnehin gleich Kunst waren.

Und vielleicht ist dies das größte Verdienst der Beatles: Ihre Musik vergrößerte den Raum der Pop- und Rockmusik und öffnete ihn für jedwede andere Musik. Was nicht Kunstmusik ist oder sein will, was nicht Jazz ist oder sein will, findet unter der Bezeichnung Pop oder Rock allemal sein Publikum.

Diskografie

Please Please Me (1963)
With The Beatles (1963)
A Hard Day’s Night (1964)
Beatles for Sale (1964)
Help! (1965)
Rubber Soul (1965)
Revolver (1966)
Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)
Magical Mystery Tour (zwei EPs 1967; LP 1976)
The Beatles (1968)
Yellow Submarine (1969)
Abbey Road (1969)
Let It Be (1970)
Rarities (1979)
The Beatles – Live at The BBC (1994)
Anthology Volume 1 (1995)
Anthology Volume 2 (1996)
Anthology Volume 3 (1996)
Let It be… Naked (2003)

In den USA wurden bis zur Veröffentlichung von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band die Beatles-LPs unter abweichenden Titeln mit anderem Repertoire veröffentlicht.

Introducing The Beatles (1963; mehrmals wiederveröffentlicht, teilweise auch in Zusammenstellung mit Aufnahmen anderer Musiker; 1965 von Capitol als Early Beatles veröffentlicht)
Meet The Beatles (1964)
The Beatles‘ Second Album (1964)
A Hard Day’s Night (1964)
Something New (1964)
The Beatles Story (1964)
Beatles ’65 (1964)
Beatles VI (1965)
Help! (1965)
Rubber Soul (1965)
Yesterday and Today (1966)
Revolver (1966)

Zusammenstellungen (Auswahl):

A Collection of Beatles Oldies (1966)
The Beatles 1962-1966 (1973; Rotes Album)
The Beatles 1967-1970 (1973; Blaues Album)
Love Songs (1977)
The Beatles Collection (1978; 14 LPs)
The Beatles Mono collection (1982; Mono-LPs)
Past Masters Volume I & Volume II (1988)
One (2000)
The Capitol Years – Volume 1 (2004)
The Capitol Years – Volume 2 (2006)

Ausgaben

The Beatles. Complete Scores, bearbeitet von T. Fujita u. a. (Neuausgabe 1993)

Literatur

Mellers, W.: The twilight of the gods. The Beatles in retrospect (1973)
Lewisohn, M.: The complete Beatles chronicle (1992)
The Beatles Anthology, bearbeitet v. B. Roylance u. a. (aus dem Englischen, 2000)
Hertsgaard; M.: The Beatles. Die Geschichte ihrer Musik (aus dem Amerikanischen, 32000)
Babiuk, A.: Der Beatles-Sound (aus dem Englischen, 2002)
Turner, S.: A hard day’s write. The Beatles ? Die Geschichte zu jedem Song (aus dem Englischen, 2002)
MacDonald, I.: The Beatles. Das Song-Lexikon (aus dem Englischen, 22003)
Spitz, B.: The Beatles (New York u. a. 2005)
Bratfisch, R.: Das Beatles-Lexikon (Neuausgabe 2007)
Kemper, P: The Beatles (2007)
Robertson, J./Humphries, P.: The Beatles (aus dem Englischen 2007)
Gould, J.: Can’t Buy Me Love – The Beatles, Britain and America; London 2007
Mojo (Special Edition): 1000 Days of Beatlemania

Weblinks

www.erdbeerfelder.de (Website zu der britischen Band The Beatles.)
www.rarebeatles.com (Fanpage mit Fotos von seltenen Beatles-Memorabilien)