The Cure

Cure, The, britische Rockband, 1976 als Easy Cure in Crawley (Sussex) gegründet.

Bandbiografie

Gründung und Karrierebeginn

Die Schulfreunde Robert James Smith (* 1959; Gesang, Gitarre, Text, Komposition), Michael Dempsey (* 1958; Bass, Gitarre) und Lol Tolhurst, eigentlich Laurence Tolhurst, (* 1959; Schlagzeug, Keyboards) hatten mit weiteren Musikern 1973 unter dem Namen The Obelisk eine Rockband gegründet und vereinzelt Konzerte gegeben. Angeregt von der Radikalität des Punk, der Mitte der 1970er-Jahre die Rockmusik Großbritanniens erschütterte, und aufgrund auseinanderstrebender Interessen taten Smith und Dempsey sich zu der Band Malice zusammen. Als auch Tolhurst zu ihnen stieß, und wenig später Porl Thompson, eigentlich Paul Stephen Thompson (* 1957; Gitarre), nannte sich das Quartett in Easy Cure um. Die deutsche Schallplattenfirma Hansa Records, damals stark an der neuen und vielversprechenden Musik Englands interessiert, veranstaltete einen Band-Wettbewerb und gab The Easy Cure, wie sich die Gruppe um Robert Smith nunmehr nannte, einen Schallplattenvertrag. Von den im Anschluss an diesen Gewinn zustande gekommenen Aufnahmen wurde allerdings keine einzige veröffentlicht. Hansa löste den Vertrag wieder, Thompson verließ die Band und das verbliebene Trio nannte sich etwas vielsagend The Cure. Als Trio spielten die Musiker 1978 auf eigene Rechnung einige Songs ein und verschickten die daraus zusammengestellten Kassetten an diverse größere Schallplattenfirmen. Eine dieser Kassetten erhielt auch der A & R-Manager Chris Perry von Polydor Records, der für das gerade gegründete Unterlabel der Firma, Fiction Records, passende Musiker und Bands suchte.
Die erste Single der Band, »Killing an arab« (1978) erschien allerdings dann doch nicht bei Fiction, sondern bei Small Wonder Records, ein weiteres Label von Polydor. Wenn auch der Titel der Single keineswegs provokativ gemeint war, sondern sich auf eine Passage in der Novelle »Der Fremde« des französischen existenzialistischen Schriftstellers A. Camus bezog, zog die Schallplatte natürlich gerade dadurch die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich und machte den Namen The Cure bekannt. Als die Single dann von Fiction wiederveröffentlicht wurde, wie ein Aufkleber auf den eigentlich Sachverhalt hin.
Die Wiederveröffentlichung bewirkte nebenbei aber das erhebliche Interesse der Medien, zumal der Zeitschrift New Musical Express, die seinerzeit erheblichen Einfluss auf die aktuelle Rockmusik war. The Cure veröffentlichte 1979 ihre erste LP, »Three imaginary boys« und wenig später die Single »Boys don’ t cry«. Der Erfolg von LP und Single veranlasste die zu dieser Zeit weit bekanntere Band Siouxsie & the Banshees, The Cure für das Vorprogramm ihrer Konzerte zu engagieren. Vor allem für Robert Smith, der als Bassist bei Siouxsie & The Banshees einsprang, war die Erfahrung mit der Band um die Sängerin Siouxsie Sioux so einschneidend, dass er auch seine eigene Musik änderte und dafür sogar in Kauf nahm, dass Dempsey Ende 1979 die Band verließ, als er erfuhr, dass die Songs für das geplante zweite Album ähnlich düster wie die Elaborate von Siouxsie und ihren Weißen Frauen sein sollte. Für ihn holte Smith, nunmehr fraglos der Kopf der Gruppe, den Bassisten Simon Gallup (* 1960) und den Keyboard-Spieler Matthieu Hartley.

Gothic Cure

1980 veröffentlichte die Band die zweite LP. Smith hatte sein Vorhaben, die Musik der Gruppe zu ändern wahr gemacht und war damit sogar erfolgreich. Die aus »Seventeen seconds« ausgekoppelte Single »A forest« war die erste Veröffentlichung der Band, die sich in der britischen Hitparade platzieren konnte. Nachdem die erste LP in den USA unter dem Titel »Boys don’t cry« veröffentlicht war, ging The Cure auf eine ausgedehnte Tournee durch Nordamerika. Danach hatte Hartley genug von den traurigen Liedern um Tod und Verzweiflung,die Smith schrieb, und verließ die Band.
Das Publikum indes war angetan von der Musik der Band, kaufte die dritte Platte der Band, »Faith« 1981 auf den dritten Platz der Charts und machte Smith zur Gallionsfigur des Gothic Rock. Der seinerseits war mitunter so überwältigt von seinen eigenen Werken, dass er keinen Unterschied mehr zwischen der depressiven Bühnenfigur Robert Smith und dem realen Robert Smith machte. Nach der Veröffentlichung von »Pornography« 1982 zeichnete sich allerdings ein Ende der großen Depression ab. »Pornography« stellte zwar noch einmal eine Steigerung der »Ich habe genug, ich will tot sein«-Pose dar, doch war Smith nach der Veröffentlichung der LP, die nicht eine einzige für das Radio brauchbare Single enthielt, selbst ratlos über die Richtung,die seine Musik nehmen sollte. Äußeres Zeichen des Sinneswandels war, dass Smith und einige der anderen Musiker ihre Haare hoch toupierten und sich die Lippen rot anmalten. Als Gallup aber nach einer über ein Jahr dauernden Tour im Anschluss an die Veröffentlichung von »Pornography« die Band verließ, stand The Cure vor der Auflösung.

Erfolg im Mainstream

Das wiederum rief Parry auf den Plan, der die kommerziell erfolgreichste Band des Labels Fiction nicht ohne weiteres ziehen lassen wollte. Die Band wurde umbesetzt, Tolhurst wechselte von den Drums an die Keyboards, mal nahm Smith im Alleingang auf, mal halfen Musiker von Siouxsie & The Banshees aus, dann kehrten Gallup und Thompson wieder zurück.
Diese für The Cure schwierige Phase ergab dennoch einige der interessantesten Songs der Band, angefangen von »Let’ s go to bed« (1982) über »Lovecats« (1983) bis hin zu der filigranen Riffsammlung »Six different ways« und dem geradezu fröhlichen »Close to me« von der CD »The head on the door« (1985). Die ständig wechselnde Besetzung der Gruppe sorgte für ungewohnte, farbige Instrumentationen, mitunter dem Kompromiss abgetrotzt, und diverse Einflüsse von Flamenco bis Jazz machten die CDs einem breiten Publikum zugänglich. »The head on the door« war nicht nur in Europa höchst erfolgreich, sondern auch die erste LP, die in den USA die Hürde der Top 75 übersprang (Platz 59). Noch erfolgreicher war dann die Doppel-LP »Kiss me, kiss me, kiss me« (1987) und »Disintegration« (1989). »Disintegration«, wieder ein wenig mehr mit Weltschmerz gefüllt, war das erfolgreichste Album der Band, der als dritte Single ausgekoppelte »Lovesong« schaffte es in den USA auf den zweiten Platz der Hitparade.
Abseits des Hitparaden-Glanzes allerdings kam die Band nicht zur Ruhe. Die Reibereien zwischen Smith, Tolhurst und den übrigen Musikern wuchsen sich zeitweise zu einem Jeder gegen Jeden aus, bis Tolhurst die Band – Smith hatte ihn 1989 regelrecht gefeuert – auch noch vor Gericht zog – er wollte Geld und reklamierte den Namen The Cure für sich; die Klage wurde abgewiesen.

Ratlos im Niedergang

Die Streitereien und der häufige Besetzungswechsel blieben nicht gänzlich ohne Folgen für die Musik der Band. Seit Anfang der 1990er-Jahre standen um Robert Smith stets andere Musiker auf der Bühne oder im Studio. Er schien den Faden verloren zu haben und spätestens »Wild mood swings« (1996) bewies dann auch, dass die Phase des großen kommerziellen Erfolges fürs Erste beendet war. Smith dachte einmal mehr daran, die Existenz der Band zu beenden, doch war von der Gründungsbesetzung ohnehin nur noch er selbst übrig geblieben – The Cure war Robert Smith.
2000 raffte er sich noch einmal auf. »Bloodflowers« wurde sogar für einen Grammy nominiert und stieg hoch wenigstens in die deutsche Hitparade, in den USA und im Heimatland Großbritannien dagegen kam es noch nicht mal in dieTop Ten. Mittlerweile hatte die Band den Markt mit einer Flut von Live-Aufnahmen und Sammlungen überschwemmt. 2001 beendete Smith die Zusammenarbeit mit Fiction Records. Zum Abschied wurde eine DVD produziert, die ein Konzert in Berlin dokumentierte, bei dem The Cure die Musik der Alben »Pornography«, »Disintegration« und »Bloodflowers« – die Smith stets als eine Einheit angesehen hatte – nacheinander gespielt hatte.
2003 unterschrieb Smith eine Vertrag mit Geffen Records. 2004 wurde eine CD-Box mit, die den Jahren bei Fiction Records gewidmet war und Single-B-Sides und einige Rarities enthielt. Bedeutsamer war die Veröffentlichung »The Cure«, wirkte sie doch wie ein Neuanfang und konnte sich in der Alten wie der Neuen Welt in diversen Hitparaden in die Top Ten vorarbeiten. 2005, nach diversen Konzertauftritten im Jahre 2004, reduzierte Smith die Band auf ein aus ihm, Gallup und Jason Cooper bestehendes Trio, doch nahm er wenig später Porl Thompson wieder in Gnaden auf. Die Arbeiten an einem neuen Album gingen jedoch nur schleppend voran. Immer wieder wurde die Veröffentlichung verschoben, bis Ende 2008 »4:13 Dream« auf den Markt kam.

Zwischen Gothic und Pop

Wollte man die Musik von The Cure charakterisieren, so würde es genügen, die Musik Robert Smith’ zu charakterisieren. Tatsächlich ist sein Stimmklang, seine klagende Art zu singen und seine Art, Gitarre zu spielen so essentiell für den Klang der Band, dass allein die Präsenz von Smith, abseits aller Besetzungswechsel, einen Song zu einem The-Cure-Song macht. Wenn auch die Band maßgeblich an der frühen Entwicklung des Gothic Rocks beteiligt war, wenn es auch vor allem in den 1980er-Jahren manch einen angepassten Popsong und auch manch ein Experiment auf den CDs gab, so war The Cure doch stets eine singuläre Erscheinung, extrem abhängig von Smith. Thompson und Tolhurst hatten vergeblich dagegen angewütet.
Im Konzert konnte das schon mal verunglücken, wenn etwa die ausgetüftelten Songs von »The head on the door« zu Gehör gebracht werden sollten.
The Cure war aber stets mehr als die Musik: Die von Smith besungenen Themen, die vorher eher ein Dasein bei Nischen-Bands fristeten, waren durch The Cure tauglich für Hitparaden geworden. Smith sang über Tod, Krankheit, Depression – die Platten und CDs fanden Millionen Käufer.



Diskografie

Three imaginary boys (1979)
Seventeen seconds (1980)
Faith (1981)
Pornographic (1982)
The top (1984)
Concert – live (1984)
The head on the door (1985)
Kiss me kiss me kiss me (1987)
Disintegration (1989)
Wish (1992)
Show (1993)
Paris (1993)
Wild mood swings (1996)
Bloodflowers (2000)
The Cure (2004)
4:13 Dream (2008)



Weblinks

http://www.thecure.com (Offizielle Website der britischen Band The Cure)
http://www.the-cure.de (Offizielle deutsche Website der britischen Band The Cure)

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Minuten der Wahrheit

Hard Corps und The Cure in der Eissporthalle

Manchmal wünsche ich mir, dass es in Rockkonzerten ein wenig »demokratischer« zuginge. Etwa so: Am Eingang erhielte jeder Besucher ein Mikrophon in die Hand gedrückt, mitten im Saale stünde ein PA-System, eine Verstärkeranlage also, nur für das Publikum bestimmt, die Lautsprecher in Richtung Bühne strahlend. Gruppen wie Hard Corps, die als »Special Guest« engagiert worden waren, hätten keine Chance mehr, der dann verstärkte Unmut des Publikums würde sie regelrecht von der Bühne pusten.
Aber so, wie Rockkonzerte nun einmal organisiert sind, bleibt den vielen Zwangs-Hörern nur, in den Pausen zwischen den Songs ihren lautstarken Protest anzumelden.. Gefangen in ihrem Konzept, nur mit Hilfe von Synthesizern – ein imposantes, modular aufgebautes System im Hintergrund sieht zwar vielversprechend aus, wird dann aber kaum genutzt – und elektronischem Schlagzeug Musik zu machen, standen die drei Musiker gezwungenermaßen stocksteif auf der Bühne, und selbst die Sängerin wusste ihre Bewegungsfreiheit nicht zu nutzen, ihren Nicht-Gesang gestisch zu untermalen. Aber die Band war sich ihres Unvermögens keineswegs bewusst, die verächtlichen Mienen der vier zeigten vielmehr, dass sie sich als Perlen fühlten, die unter die Säue geraten waren.
The Cure ist eigentlich ein Deckname für die Projekte des Gitarristen, Sängers und Komponisten Robert Smith. Denn er ist der einzige konstante Faktor der Gruppe. Zwar ist auch Lol Tolhurst, neben Smith eines der Gründungsmitglieder der Band, immer noch dabei, aber seine Rolle ist ambivalent, ursprünglich war er Schlagzeuger, heute steht er an den Keyboards. Inzwischen ist The Cure zum Quintett gewachsen, ohne dass die Stellung Smith’ angetastet wurde, immer noch setzt er – zumindest im Konzert – die Maßstäbe.
Hier in der Eissporthalle werden Erwartungen enttäuscht. Es zeigt sich schnell, dass die instrumentalen Fertigkeiten der Band nicht gewachsen sind. So setzen Smith und die Mitglieder seiner Band vorerst, den größten Teil des Konzertes auf die Wirkung ihrer inzwischen recht zahlreichen Hits, typische Gitarristenkompositionen: Die Hauptharmonien samt Moll-Parallelen, manchmal durchmischt, dann wieder komplette Songs in Moll, ab und an, selten, Zwischen dominanten, in zumeist viertaktigen Turn-a-rounds organisiert. Die Keyboards, immerhin gehört neben Tolhurst auch noch der Keyboard-Spieler Porl Thompson dazu, spielen eine eher untergeordnete Rolle, ganz anders als auf den LPs der Gruppe, vornehmlich den letzten beiden. Das Publikum in der wohl nahezu ausverkauften Eissporthalle ist begeistert. Dicht gedrängt gerät es unter den wechselnden Farben der Scheinwerfer und unter dem Zucken der Sroboskop-Blitze in Bewegung – ich stehe mittendrin, kann mich selbst kaum rühren -, mal werden die Massen nach vorn geschoben, dann nach hinten gedrückt, bald driftet die Menge nach rechts, bald nach links, kurz: man kann sich nicht auf die Musik konzentrieren. Weiter hinten dann ist der Klang der Verstärkeranlage weitaus schlechter als vor der Bühne; spitz und hohl, manchmal durchdringend schrill füllt er die Halle, jedes Detail nivellierend, selbst der Gesang von Smith geht zuweilen im brüllenden Lärm unter.
Die Minuten der Wahrheit kommen mit der ersten Zugabe. Dann endlich durchbricht The Cure den Schein der Einheitlichkeit ihrer Songs und spielt zwei der elaboriertesten Songs ihrer jüngsten Schallplatte, »Six different Ways« und »Close to me«. »Six different Ways« weicht vor allem in rhythmischer Hinsicht von üblichen Rocksongs ab, es steht im Sechs-Achtel-Takt. Die Komposition selbst ist, bis auf eine kurze Episode in c-Moll zu Beginn, in klarstem C-Dur gehatlen. Aber die Tonart ist gleichsam nur die Klangebene, auf der jedem Instrument – und es sind an diesem Song eine große Anzahl Keyboardinstrumente beteiligt – eine eingegrenzte Fläche zugeordnet ist, Bass und Klavier, unisono gespielt, eine andere als den einzelnen Synthesizern, dem Gesang Smith’ wiederum eine andere. Das alles ist kunstvoll miteinander verzahnt – viel zu kunstvoll, als dass The Cure in der Lage wären, dies auch im Konzert vorzuführen. In kaum mehr als einer Minute spielen sie den Song herunter, rhythmisch mehr als wacklig, viele Details kurzerhand weglassend.
»Clos to me« wird dann auf andere Weise gemeuchelt: Der dynamisch ausgeklügelte Gesang – er besteht aus keuchenden Atemgeräuschen und durch die Harmonien schlingernden Linien -, lässt sich im Konzert schlichtweg nicht nachvollziehen, Smith versucht es dann auch gar nicht erst. Diese erste Zugabe hat etwa vier Minuten gedauert, noch zweimal, dann jeweils etwas länger, kommt die Band auf die Bühne zurück.
Im Grunde genommen brauchten The Cure gar keine Konzerte zu geben. Wären da nicht die vielen Fans, die ihre Stars einmal leibhaftig erleben wollen, so könnten sie sich damit begnügen – und würden Ruhm und Ehre auf sich häufen -, nur noch von Zeit zu Zeit Schallplatten zu veröffentlichen und ansonsten ihren Mythos zu pflegen – wie seinerzeit die Beatles, deren »I am the Walrus«, wohl nicht ganz zufällig, vor dem Konzert vom Band lief.

Diese Konzertkritik erschien am 4. Dezember 1985 in der Berliner Tageszeitung DER TAGESSPIEGEL.