Todd Rundgren

Rundgren, Todd Harry, amerikanischer Rockmusiker und Produzent, * Upper Darby (Philadelphia) 22.6. 1948

Todd Rundgren schloss sich als Halbwüchsiger der Gruppe Woody’s Truck Stop an. Der von der Band favorisierte Blues-Rock allerdings genügte ihm bald nicht mehr und so gründete er 1967 gemeinsam mit dem Bassisten der Band, Carson Van Osten, die Gruppe Nazz. Mit Nazz, zu der außerdem der Sänger und Keyboard-Spieler Robert Antoni und der Schlagzeuger Thom Mooeny gehörten, veröffentlichte er mit mäßigem Erfolg 1968 und 1969 je ein Album, bevor er die Band mit Van Osten verließ. Während Van Osten eine Karriere als Comic-Zeichner, etwa für Disney einschlug, tat Rundgren sich mit dem Musikmanager Albert Grossman zusammen, um die Musik anderer Bands und Musiker aufzunehmen und deren Platten zu produzieren; nebenbei arbeitete er an eigenen Songs. Der vielseitig begabte Rundgren war dann auch der erste Musiker, der von Grossmans neu gegründetem Label Bearsville Records unter Vertrag genommen wurde. Hier baute er systematisch seine Laufbahn als Toningenieur und Produzent auf, bis er in den 1970er-Jahren als Star der Branche galt und etwa Musik von Janis Joplin, The Band, der James Cotton Blues Band und der Paul Butterfield Blues Band aufnahm. Aus dieser Zeit rührt auch die Freundschaft zu Patti Smith, die seinerzeit zwar noch als Journalistin arbeitete, 1979 aber das letzte Album der Patti Smith Group von Rundgren produzieren ließ.
Neben dem Engagement für diverse mehr oder weniger bekannte Bands vernachlässigte Rundgren seine eigene Karriere nicht: 1970 gründete er mit dem Bassisten Tony Sales und dessen Bruder, dem Schlagzeuger Hunt Sales, die Gruppe Runt; Rundgren selbst spielte vornehmlich Gitarre in dieser Band, übernahm aber auch den Gesang. Die Sales-Gebrüder waren aber kaum mehr als die Wasserträger für Rundgren, denn die Covers von »Runt« (1970) und »Runt: The Ballad of Todd Rundgren« (1971) zeigten nur ihn, es schien offensichtlich, dass Rundgren Runt als »sein« Projekt sah. Dieses hatte nun etwas Erfolg, einige Songs fanden sich in den Top 100. Mittlerweile hatte er den Mittelpunkt seiner Tätigkeit nach Los Angeles verlegt, lernte dort Ron und Russell Mael kennen – seinerzeit nannte das Duo sich noch Halfnelson –, und produzierte deren erste LP, die als die erste der Sparks, wie sich die Mael-Brüder später nannten, gilt.
In der ersten Hälfte der 1970er-Jahre änderte sich Rundgrens Einstellung zur Musik überhaupt wie zu seiner eigene Musik, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Drogen, die Rundgren als willkommene Stimulans ansah. Erstes Zeichen seiner neuen Sicht auf die Dinge war das Doppelalbum »Something/Anything« (1972). Jahr für Jahr konnte der Hörer Zeuge von Rundgrens allmählicher Drift in den Progressive Rock sein, bis er 1973 die Gruppe Utopia gründete, parallel zu deren Veröffentlichungen aber noch LPs wie »A Wizard, a True Star« (1973), »Todd« (1974) und »Initiation« (1975) vorlegte.
Rundgren verfolgte nun wenigstens zwei Karrieren als Musiker: Einerseits eine mit Utopia, andererseits eine weiter als Solist, die bei aller Perfektion der Ergebnisse offenbar mehr dem Experimentieren diente als die mit Utopia. 1976 veröffentlichte er »Faithful«, ein Album, dessen eine Seite eine Sammlung von Cover Versions bekannter Rocksongs enthielt. Anders als übliche Cover Versions – die meist dazu dienen, einen bekannten Song im eigenen Sinne zu verändern und ihm neue Seiten abzugewinnen -, hatte Rundgren seinen Ehrgeiz darein verlegt, die Vorbilder, etwa Songs von den Beatles, den Beach Boys, Jimi Hendrix und Bob Dylan möglichst exakt nachzuahmen. Seine Version von »Good Vibrations« kommt dem Original von den Beach Boys so nahe, dass nicht wenige Hörer Schwierigkeiten haben, die Fassungen zu unterscheiden.
»Faithful« war zwar als Solo-LP Rundgrens veröffentlicht worden, an den Aufnahmen waren aber die Musiker Utopias beteiligt gewesen.
In den folgenden Jahren legte Rundgren immer im Abstand weniger Jahre Album um Album vor, mit jedem formulierte er seine Ideen aus, oft in Reaktion auf bestimmt Topoi der Rockmusik, und mitunter ging es weniger um die Musik, als um bestimmte Produktionsideen: Cover Versions, Live-Aufnahmen im One-Take-Verfahren, ohne jegliches Nachbearbeitung veröffentlicht, dann wieder eine Sammlung von A-Cappella-Aufnahmen, wobei er selbst alle Stimmen sang, oder er setzte sich mit Rap auseinander und schließlich bezog er den Hörer ein, indem er ihn mit kurzen Musik-Clips konfrontierte, die der Hörer selbst zu längeren Stücken zusammensetzen konnte. Und gelegentlich sah man ihm in Konzert als Mitglied von Ringo Starr’s All-Starr Band. Zeitweise geriet ihm die Musik in den Hintergrund, er beschäftigte sich intensiv mit Video-Technik, seine Videos wurden auch von MTV gezeigt, und mit dem Utopia Graphics System programmierte er eines der ersten Grafik-Programme für Computer der amerikanischen Firma Apple, Rundgrens Experimente mit interaktiv nutzbaren Musikproduktionen führten auch dazu, dass er fortan auch unter dem Pseudonym tr-i für Todd Rundgren Interactive veröffentlichte. Mitte der 1990er-Jahre richtete er Patronet ein, eine Internet-Plattform, mit der es interessierten Hörern seiner Musik möglich ist, am kreativen Prozess teilzuhaben. Zentrales Werkzeug ist dabei die von Rundgren programmierte Software The Interocitor.
Nach der Jahrtausendwende, 2005, schloss Rundgren sich überraschend einer Re-Inkarnation der Band The Cars an, die unter dem Namen The New Cars Konzerte gab und auch einige Studiotermine absolvierte. Nachdem er jahrelang gar nicht im Konzert aufgetreten war, wurde Rundgren gerade auf diesem Gebiet wieder aktiv, formierte auch seine 1986 verblichene Band Utopia neu und arbeitete 2011 erstmals mit einem Symphonieorchester zusammen. Ein Konzert, das er im Herbst 2012 gemeinsam mit dem niederländischen Metropole Orchestra in Amsterdam gegeben hatte, wurde mitgeschnitten und als Teil einer limitierten Auflage des Albums »State« 2013 veröffentlicht. »State« selbst war einmal mehr eine typische Rundgren-Produktion: Er hatte sämtliche Songs geschrieben, alle Instrumente gespielt und natürlich das Album produziert.
Todd Rundgren ist in seiner über Jahrzehnte gehaltenen Kreativität sicherlich ein bemerkenswerter Einzelfall in der gesamten Rockmusik. Seine Musik ist nicht einem bestimmten Stil zuzuordnen, er hat sich mit Power Pop ebenso beschäftigt wie mit Progressive Rock, viele seiner Songs sind dem Art Rock zuzurechnen und seine Vorliebe für akribisch detaillierte Cover Versions ist sicherlich singulär. Er ist ein Sänger, dessen Stimmklang leicht identifiziert ist, er ist ein hervorragender Gitarrist, beherrscht aber eine Vielzahl weiterer Instrumente, vor allem aber ist er ein ausgefuchster Produzent. Der Verdacht liegt nahe, dass er seine stilistische Vielseitigkeit als Komponist und Musiker besonders entwickelte, um seine Phantasie als Produzent in Alben umzusetzen. Ähnlich sind ihm vielleicht Frank Zappa und Van Dyke Parks in Aufgeschlossenheit für jegliche Musik wie Respektlosigkeit jeglicher Musik gegenüber. Dies machte es ihm leicht, Platten von beispielsweise The New York Dolls, Badfinger, Grand Funk Railroad, Hall & Oates, Meat Loaf – für dessen Album »Bat Out of Hell« (1977) er auch Lead-Gitarre spielte – Patti Smith, The Tubes, Tom Robinson Band, XTC, Cheap Trick, The Pschedelic Furs und Steve Hillage zu produzieren.


Diskografie

Runt (1970)
Runt. The Ballad of Todd Rundgren (1971)
Something/Anything? (1972)
A Wizard, a True Star (1973)
Todd (1974)
Initiation (1975)
Faithful (1976)
Hermit of Mink Hollow (1978)
Healing (1981)
The Ever Popular Tortured Artist Effect (1982)
A Cappella (1985)
Nearly Human (1989)
2nd Wind (1991)
No World Order (1993)
The Individualist (1995)
Up Against It (1997)
With a Twist… (1997)
One Long Year (2000)
Liars (2004)
Arena (2008)
Todd Rundgren’s Johnson (2011)
(re)Production (2011)
State (2013)


Weblink

http://www.tr-i.com (Offizielle Website des amerikanischen Rockmusikers Todd Rundgren)
http://trconnection.com (Todd Rundgrens Musik-Plattform)