Udo Lindenberg

Lindenberg, Udo, deutscher Rockmusiker (Gesang, Schlagzeug, Text, Komposition), * Gronau 17.5.1946

Biografie

Udo Lindenberg lernte als Jugendlicher zunächst autodidaktisch Schlagzeug, spielte in diversen Jazzgruppen, nahm als 15jähriger eine KEllnerausbildung in Düsseldorf auf, entschloss sich aber noch vor seinem Wehrdienst, professionell als Musiker zu arbeiten dun nahm deshalb in Münster eine Instrumentalausbildung auf. 1968 wechselte er nach Hamburg und wurde Mitglied der 1965 von dem Briten John O’Brien-Docker gegründeten Folkformation The City Preachers. Als es 1969 in der Gruppe kriselte und verschiedene Musiker die City Preachers verließen, ging auch Lindenberg und gründete die Jazzrock-Gruppe Free Orbit. Nebenbei arbeitete er als Studiomusiker und trommelte etwa für den Pianisten Michael Naura und den Sänger Knut Kiesewetter. In diesem Umfeld lernte er 1970 auch den Saxophonisten Klaus Doldinger kennen. Doldinger, der parallel zu seiner Karriere als Jazzmusiker auch als Komponist von Filmmusik arbeitete, bereitete zu dieser Zeit seine Jazzrock-Band Passport vor und engagierte Lindenberg als Schlagzeuger.

Lindenberg war allerdings nur an den Aufnahmen zu der ersten Passport-LP (»Passport«, 1971) beteiligt und wechselte bald zu der neugegründeten Jazzrock-Gruppe Emergency. Wenn auch Emergency reichlich mit Vorschusslorbeeeren bedacht wurde und tatsächlich eine überzeugende LP vorlegte, konnte die Band nicht reüssieren. Da sich Lindenbergs finanzielle Situation auch durch sein Engagement bei der Band Niagara verbesserte, wurde ihm klar, dass er als Musiker mit Jazz und Jazzrock kein auskömmliches Leben würde führen können und wandte sich der Rockmusik zu – nicht als Schlagzeuger, sondern als Sänger. Rockmusik mit einem deutschen Sänger, der Englisch sang, traf allerdings ebenso wenig den Geschmack des breiten Publikums wie Jazz und so war Lindenbergs erster LP »Lindenberg« (1971) kein Erfolg beschieden.

Udo Lindenberg gab allerdings nicht auf und entschloss sich zu einem radikalen Schritt: Rockmusik mit deutschen Texten. Die LP »Daumen im Wind« (1972) war zwar kaum erfolgreicher als ihre Vorgängerin, doch der Song »Hoch im Norden« wurde gerade in der besungenen Region zu einem Hit. Das 1973 folgende Album »Alles klar auf der Andrea Doria« war dann bereits so erfolgreich, dass es sich in den deutschen LP-Charts platzieren konnte. Lindenberg, nun bundesweit bekannt, war bald der erfolgreichste Rockmusiker der Bundesrepublik Deutschland und seine in diesen Jahren vorgelegten LPs sind durchweg zu Klassikern der deutschen Rockmusik geworden – »Ball Pompös« (1974), »Votan Wahnwitz« (1975), »Galaxo Gang« (1976), »Sister King Kong« (1976), später »Lindenbergs Rock-Revue« (1978) und »Dröhnland Symphonie« (1979). Seine Konzerte wurden zu aufwendigen Revuen; der Regisseur Peter Zadek inszenierte die »Dröhnland Symphonie« 1979 als schrilles Spektakel, in dem die Protagonisten der Lindenberg-Songs leibhaftig auftreten.

Dann verlor Lindenberg, mittlerweile mit Hut, Sonnenbrille und Gummihose zu einem Emblem geworden, die Orientierung. Zwar folgte ihm eine große Schar von Fans, er verkaufte nach wie vor Platten in großer Zahl und biederte sich nicht bei jüngeren Strömungen der Rockmusik an, doch fügte er seiner Musik auch nichts eigenes Neues hinzu, sondern griff immer wieder mal auf alte Musik zurück, Evergreens wie »Candle in the wind«, »Born to be wild« und selbst »As time goes by«. Für sein »Sonderzug nach Pankow« musste der Big-Band-Hit »Chattanooga Choo choo« herhalten, und tatsächlich ließ sich das angesprochene DDR-Regime 1983 erweichen, ihn im Palast der Republik in Ost-Berlin auftreten zu lassen – die geplante anschließende Tournee durch das Arbeiter-und-Bauern-Paradies allerdings genehmigte sie Lindenberg dann doch nicht. Dafür durfte er zwei Jahre später in Moskau ein Konzert geben.

Hits produzierte Lindenberg kaum noch, allenfalls Balladen wie »Ein Paar wie Blitz und Donner« fanden wie früher schon »Cello« oder »Mädchen aus Ost-Berlin« ein größeres Publikum. 1988 veröffentlichte seine Plattenfirma dann auch den Sampler »Gänsehaut«, der es bis auf Platz fünf der Album-Charts schafft. Ansonsten präsentierte der Sänger seinem Publikum Uneinheitliches, mal Schlager und Chansons vergangener Zeiten wie auf der seiner Mutter gewidmeten CD »Hermine« (1988) – 1992 folgte mit »Gustav« eine Hommage an seinen Vater – oder später mitsamt Orchester »Belcanto« (1997), mal wieder Rock (»und ewig rauscht die Linde«, 1996). Lindenberg produzierte zwar weiter CDs, sie erschienen lediglich in größeren Abständen und waren offensichtlich keinerlei Marktkalkül verpflichtet, er selbst suchte sich aber auch andere Betätigungsfelder wie Malerei und Grafik.

Nach der Jahrtausendwende hielt Lindenberg eine Art Rückschau: 2002 veröffentlichte er mit »Atlantic Affairs« eine Sammlung von Liedern, die im Exil lebende Deutsche in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben hatten. Für die Aufnahmen hatte er so illustre Gestalten wie Yvonne Catterfeld und Helge Schneider gewinnen können. »Panikpräsident« (2003) hingegen enthielt neu eingespielte Fassungen alter Songs. Lindenberg war mit seiner Band ins Studio gegangen und hatte u.a. Peter Maffay, Nina Hagen und Eric Burdon vor das Mikrofon gebeten, um mit ihnen im Duett zu singen. Die obligate an die CD-Veröffentlichung anschließende Tournee ließ er filmen und als DVD veröffentlichen. Eine weitere Autobiografie erschien 2004 ebenfalls unter dem Titel »Panikpräsident« und wurde bald von dem Schauspieler Ben Becker für ein Hörbuch vorgelesen. Seinen 60. Geburtstag feierte er mit einer eigenen Show bei dem Fernsehsender RTL und einigen Duetten, so mit der deutschen Rockband Silbermond, Max Herre und Jan Delay. Delay lud ihn ein, an seinem neuen Album mitzuwirken. Diese Aktivitäten mit jungen Musikern schienen ihn zu beflügeln, denn 2006 legte er mit »Stark wie zwei« eine CD vor, die weit mehr an seine besten Zeiten erinnerte als sämtliche Alben seit Mitte der 1980er-Jahre. Der Erfolg gab dem neuen »alten« Lindenberg recht. Erstmals stieg ein von ihm veröffentlichtes Album auf den ersten Platz der deutschen Album-Charts.

In Udo Lindenbergs Band, dem »Panikorchester«, haben im Laufe der Jahre eine Vielzahl deutscher Rockmusiker gespielt, die durchweg zur Elite der deutschen Rockmusik gehören und wesentlich zur Professionalisierung der deutschen Rockmusik beigetragen haben. Viele von ihnen arbeiteten immer auch als Studiomusiker oder spielten in anderen Bands, so beispielsweise in der Band Peter Maffays. Zu der ersten Band Lindenbergs gehörten der Gitarrist Karl Allaut, die Saxofonistin Judith Hodosi, der Pianist Gottfried Böttger, der Bassist Steffi Stephan und der Schlagzeuger Backi Backhausen. Im Laufe der Jahre spielten u.a teils nur im Studio, teils nur im Konzert Olaf Kübler (sax), Helmut Franke (g), Thomas Kretschmer (g), Keith Forsey (dr), Jean-Jacques Kravetz (org, kb), Bertram Engel (dr), Hannes Bauer (g), Hendrik Schaper (kb), Kieran Hilbert (g), Lukas Hilbert (g), Carl Carlton (g) und Curt Cress (dr). Eng verbunden mit der Produktion der LPs und CDs Lindenbergs waren zeitweilig auch Horst Königstein sowie Hans Peter und Ernst Ströer.

Lindenberg hat beinahe von Beginn an andere Solomusiker in seine Konzerte einbezogen, wobei sie mit ihren Bands häufig nicht vor den eigentlichen Lindenberg-Auftritten das Publikum zu animieren suchten, sondern zentral in das Lindenberg-Konzert integriert wurden. So förderte er ab 1970 Jutta Weinhold (voc), Ingeborg Thomson (voc), Ulla Meinecke (voc), Helen Schneider (voc), Gianna Nannini (voc), Dalbello (voc) und Olga Pugatschowa. Auch Otto Waalkes, Eric Burdon, Inga Rumpf, Die Prinzen, Sezen Aksu und Nina Hagen traten im Rahmen von Konzerten Lindenbergs auf.

Wenn Udo Lindenberg auch politisch interessiert ist und sich in vielen seiner persönlichen Äußerungen  als politischer Mensch darstellt, so schimmert bei all seinen politischen Äußerungen doch immer auch die der Rockmusik immanente Staatsferne durch – er vertraut weder politischen Institutionen noch der sogenannten politischen Klasse. Wohl aber dem einzelnen Menschen. So ist aus diesem Blickwinkel auch sein Kontaktgesuch zu Erich Honecker zu verstehen, den er als »alten Rocker« ein wenig kumpelhaft anging und ihm dann auch eine Lederjacke und eine elektrische Gitarre schenkte. Er erhielt eine Schalmei als Gegengeschenk. In der Sache selbst – dem Wunsch Lindenbergs, in der DDR auftreten zu dürfen – war das DDR-Regime zunächst ambivalent, ließ ihn zwar in Ost-Berlin vor handverlesenem Publikum auftreten, sagte aber dann die geplante Tournee ab. Offensichtlich war man sich nicht sicher, ob Lindenbergs Ansinnen eine Provokation mit ungewissem Ausgang sein könnte. Im Westen sah man Lindenbergs Bemühungen mit mokantem Lächeln und es spricht Einiges dafür, dass auch die später folgenden Äußerungen des Sängers zu anderen politischen Themen – die er stets in seiner ihm eigenen Comic-Sprache vortrug – nicht eher als liebenswerte, aber nicht weiter zu beachtende Schrullen eines alternden Rockstars angesehen wurden. Dennoch erhielt Lindenberg 1989 für seine Verdienste um die Verständigung zwischen Ost und West 1989 das Bundesverdienstkreuz.

Lindenberg engagierte sich allerdings nicht nur verbal politisch, sondern trat in Benefizkonzerten auf und wandte sich nicht zuletzt in seiner Aktion »Rock gegen rechte Gewalt« gegen die Umtriebe der Neonazis; 2006 gründete er die »Udo Lindenberg Stiftung«, mit der er einerseits Sozialeinrichtungen, andererseits junge Rockmusiker unterstützen will. Neben der Musik betätigte sich Lindenberg auch auf anderen Gebieten künstlerisch, schreibt – u.a. zwei Autobiografien – und malt.

Udo Lindenberg ist ohne Zweifel der bedeutendste deutsche Rockmusiker. Seine Bedeutung liegt indes weniger in seiner Musik, seinen Songs oder seinen Shows, sondern in seiner Fähigkeit, Rockmusik mit deutschen Texten zu verbinden, ohne dass sie zum Schlager oder zu einem bloß bemühten Kunstprodukt wird. Er schuf eine Sprache, die ihre Anregungen aus Comics – etwa den Mickey-Mouse-Übersetzungen einer Erika Fuchs – wie aus der Werbung bezog, ungeniert flapsige Sprüche – über deren Urheberschaft er mit dem Saxofonisten Olaf Kübler in Streit geriet – wie kleine Provokationen verwendete und insgesamt durchaus als »lindianisch« bezeichnet werden kann – so nennt er selbst seine in späteren Jahren zur Manier geronnene Ausdrucksweise.

Hinter seiner Sprache und seine Texte trat die Musik stets ein wenig zurück. Es finden sich unter seinen Songs dann auch nur wenige Hits, die der Briefträger bei seiner Arbeit pfeift, aber auch keine echten Schnulzen, die den Hörer das Radio ausschalten lassen. Selbst seine sentimentalsten Balladen etwa vom Schlage »Mädchen aus Ost-Berlin« oder »Cello« wirken authentisch und damit für den Rockhörer »echt« im Sinne von »ehrlich« – eine wesentliche Voraussetzung für Rockmusik.

Mit seiner Musik – die abgesehen von der Sprache und den Texten kaum einmal eine Überraschung bietet – war Lindenberg Vorbild und Vorreiter für Sänger wie Marius Müller-Westernhagen, Herbert Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Klaus Lage, um nur wenige prominente zu nennen. Und natürlich bot er Angriffsflächen für ein Heer von mehr oder weniger überzeugenden Komödianten, die alles parodierten, was Udo Lindenberg nach Außen hin ausmacht: Kleidung, Worthülsen, Gang, Stimmklang, Genuschel, Hybris.

Auszeichnungen

1989 Bundesverdienstkreuz
1991 Echo für sein Lebenswerk
2003 Paul-Lincke-Ring

Diskografie

Lindenberg (1971)
Daumen im Wind (1972)
Alles klar auf der Andrea Doria (1973)
Ball Pompös (1974)
Votan Wahnwitz (1975)
Galaxo Gang (1976)
Sister King Kong (1976)
Panische Nächte (1977)
Lindenbergs Rock-Revue (1978)
Dröhnland-Symphonie (1979)
Livehaftig (1979)
Der Detektiv (1979)
Panische Zeiten (1980)
Udopia (1981)
Keule (1982)
Intensivstationen (1982)
Odyssee (1983)
Lindstärke 10 (1983)
Götterhämmerung (1984)
Sündenknall (1985)
Radio Eriwahn präsentiert (1985)
Feuerland (1987)
Phönix (1987)
Hermine (1988)
Casa Nova (1988)
Bunte Republik Deutschland (1989)
Live in Leipzig (1990)
Ich will dich haben (1991)
Gustav (1992)
Panik-Panther (1992)
Benjamin (1993)
Kosmos (1995)
Und ewig rauscht die Linde (1996)
Belcanto (1997)
Zeitmaschine (1998)
Der Exzessor (2000)
Ich schwöre – Das volle Programm (2001)
Atlantic Affairs (2002)
Stark wie Zwei (2008)
Stärker als die Zeit (2016)

Zusammenstellungen

Panik Udo (1976)
Meine Panik (1980)
Gänsehaut (1988)
Unter die Haut (1992)
Balladen (2001)
Der Panikpräsident (2003)
Absolut (2005)

Literatur

U. Lindenberg: El Panico oder: Wie werde ich Popstar? (München 1990)
U. Lindenberg: Der Pakt. Vom Leben gezeichnet. Gemälde von Udo Lindenberg
U. Lindenberg (mit Kai Hermann): Panikpräsident. Die Autobiographie (2004)
U. Lindenberg (mit Tine Acke und Ralph Larmann): Udo Lindenberg – Das Lindenwerk.
Malerei in Panikcolor mit ausgewählten Texten (Berlin 2005)
U. Lindenberg: Rock ’n’ Roll und Rebellion – ein panisches Panorama (Hamburg 2007)
A. Köster (Hrg.): Udo Lindenberg – In eigenen Worten (Heidelberg 1998)

Weblinks

http://www.udo-lindenberg.de (Offizielle Website des deutschen Rockmusikers Udo Lindenberg
http://www.udo-lindenberg-stiftung.de (Website der Udo-Lindneberg-Stiftung)