Wallenstein (Band)

Wallenstein, deutsche Rockgruppe, 1971 von Jürgen Dollase (* 1948) unter dem Namen Blitzkrieg in Mönchengladbach gegründet; die Band benannte sich 1972 nach dem Namen des Feldherrn Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, genannt Wallenstein, (* 24.9. 1483, † 1634) in Wallenstein um.

Jürgen Dollase hatte bereits im Kindesalter eine musikalische Ausbildung aufgenommen und spielte Klavier und Kontrabass. An der Kunstakademie Düsseldorf studierte er daher sowohl Musik als auch Kunst und spielte in einigen Skiffle- und Jazz-Gruppen. Die Idee zu einer Rockband entwickelte er gemeinsam mit seinem Freund Corrad Faccioni und dem Musikmanager Peter Giehlen. Die Musiker wurden aus anderen, schon mehr oder weniger erfolgreichen Bands rekrutiert. Die Gitarre übernahm zunächst Wolfgang Steinicke, dass Schlagzeuger Harald Großkopf, den Bass der Niederländer Jerry Berkers, eigentlich Gerrit Berkers. Steinicken wurde bald durch den Amerikaner Bill Barone, eigentlich William Joseph Barone, ausgetauscht. Außer Großkopf betätigten alle Musiker sich auch als Sänger.
Der Bandname Blitzkrieg wurde zwar bald fallen gelassen – einerseits, weil es bereits eine britische Band des Namens gab, andererseits, weil er auf ein europäisches Publikum mindestens provozierend wirkte –, und durch den Namen Wallenstein ersetzt, tauchte aber als Titel der ersten, 1972 bei dem im Jahr zuvor von Rolf-Ulrich Kaiser und Peter Meisel gegründeten Label Pilz veröffentlichten LP weider auf. Wohl um den Titel zu untermauern, war auf dem Cover eine Zeichnung von mehreren vernieteten Panzerplatten zu sehen, auf den Platten ein Portrait des Feldherrn aus dem 30jährigen Krieg. Die Musik der Band Musik indes hatte mit Cover, Titel und Namen der Band nichts zu tun. Vielmehr hatte sich Dollase an der seinerzeit aktuellen britischen Musik, etwa an Pink Floyd und Renaissance orientiert und vier ausgedehnte Kompositionen mit seiner Band vorgelegt, die alle Kriterien des Progressive Rock der Zeit erfüllten. Auf das Debütalbum folgte noch 1972 die zweite LP, die den Titel »Mother Universe« trug. Als Kaiser Pilz aufgab, bleiben die Musiker ihm treu und veröffentlichten ihre nächsten zwei Alben, »Cosmic Century« (1973) und »Stories, Songs & Symphonies« 1975) bei Kaisers neuem Label, das dieser Kosmische Kuriere genannt hatte. Die Band war nunmehr vom Progressive Rock britischer Prägung zu einer Musik geschwenkt, die später als Krautrock in die Geschichte der Rockmusik einging. Auch personell hatte Dollases Band ihr Gesicht verändert: 1972 ging Berkers, wurde nicht gleich ersetzt, doch blieb die Band nur für kurze Zeit ein Trio: Für Berkers kam Dieter Meier, für ihn wiederum bald Jürgen Pluta; als fünftes Mitglied wurde der Geiger Joachim Reiser in die Band genommen. In der Werbung zur Band trat nun der Beinamen Symphonisches Rock Orchester auf, als dessen erstes Werk »Cosmic Century« anzusehen sei.
Nach Veröffentlichung der LP »Songs, Stories Symphonies« 1975 hatte der Krautrock für Wallenstein keine Bedeutung mehr. Die Band, zu der nun Gerd Klöcker für Barone und Nicky Gebhard für Großkopf gehörten, lag mit Kaiser in Streit, der auch juristisch ausgefochten wurde, der Titel der 1977 veröffentlichte LP »No More Love« schien Programm geworden zu sein. 1978 veränderte Dollase Besetzung und damit musikalische Ausrichtung seiner Band radikal: Pete Brough spielte Gitarre, Terry Park Bass und Charly Terstappen Schlagzeug; mit Joachim Merz, genannt »Kim«, und Michael Dommers verfügte Wallenstein nunmehr über gleich zwei Sänger.
Diese Formation trat 1979 in Ilja Richters Fernseh-Diskothek auf und hatte mit »Charline« einen kleinen Hit. Das angestammte Publikum konnte man damit zwar nicht halten, aber wenigstens hatte die Band, auch mit der Single »Don’t Let It Be«, mehr Erfolg mit diesem hart am Schlager schrammenden Pop als mit den ausgeklügelten Klassikrock-Werken ihrer Vergangenheit. Anfang der 1980er-Jahre verlagerten sich Dollases Interessen, weg von der Musik, hin zum Kochen. 1982 löste sich die Band auf.
Die Karriere von Wallenstein ist geradezu typisch für die deutsche Rockmusik der 1970er-Jahre: Der Bandname ist deutsch, die erste LP trägt einen deutschen Titel, wenn auch einen unmöglichen, dann gibt es lange Zeit nur englische Titel, es gibt die ambitionierten, mit Getöse angekündigten Projekte, es gibt die Auftritte im deutschen Fernsehen im »Rock Palast« wie im Umfeld von Schlager und vorgetäuschtem Gefühl, und es gibt Songs und dann gleich auch Symphonies.
Die treibende Kraft hinter Wallenstein war sicherlich Jürgen Dollase. Er komponierte die Musik und bestimmte damit die Ausrichtung der Band. 1972 gründete er gar die »Organisation Wallenstein«, die mit ihren sieben Abteilungen (Wissenschaft, Kritik, Film, Cartoon & Kunst, Lyrik, Technik, Musik) Entwicklungen in der Pop-Kultur fördern sollte. Es war aber gerade diese Lautsprecherei, erfunden von Kaisers Labels, die die Musik der bei Pilz und den Kosmischen Kurieren unter Vertrag stehenden Bands bei manch einem Rockhörer auf Ablehnung stoßen ließ. Dollase machte seine Anfang der 1980er-Jahre entdeckte Liebe zur guten Küche zum Beruf und gilt mit seinen Gastronomie-Kritiken auf diesem Gebiet als führend.


Diskografie

Blitzkrieg (1972)
Mother Universe (1972)
Cosmic Century (1973)
Stories, Songs & Symphonies (1975)
No more Love (1975) Charline (1978)
Blue Eyed Boys (1979)
Fräuleins (1980)
SSSSS…Top (1981)
Best of Wallenstein (1982)


Weblink

http://www.haraldgrosskopf.de (Website von Harald Grosskopf)