Soul

Soul Music, abgekürzt Soul, von englisch soul für »Seele«, in den USA in den 1960er-Jahren entstandene Form der Pop Music, die aus Elementen von Gospel, Blues und älterer schwarzer Pop Music besteht; Soul weist entsprechend seiner geografischen Herkunft bestimmte Unterschiede auf, die sich auch in den zentralen Veröffentlichungen von Labels wie Stax-Volt, Tamla-Motown und Atlantic zeigen.

Soul ist Teil der profanen afroamerikanischen Musik, die bis etwa Ende der 1950er-Jahre im Wesentlichen aus Blues, Jazz und Rhythm & Blues, abgekürzt R’n’B, bestand. Soul als Ganzes entwickelte sich Anfang der 1960er-Jahre und kann unterteilt werden in die »klassische Phase« etwa von Anfang der 1960er-Jahre bis 1968 – als Ende dieser Phase des Soul wird das Datum der Ermordung Martin Luther Kings am 4. Juni 1968 angesehen – und in spätere Ausprägungen dieser Musik; in die Zeit nach 1968 fallen bis in die jüngste Zeit auch immer wieder Revivals des klassischen Souls. Soul hat mit Beginn seines Auftretens immensen Einfluss auf die Rockmusik überhaupt gehabt und diverse, auch von weißen Musikern getragene Variationen hervorgerufen, zu denen etwa Northern Soul und Blue Eyed Soul gehören.

Bereits in den 1950er-Jahren waren aus dem Blues als vielen Soul-Titeln zugrunde liegender musikalischer Form einerseits sowie schwarzer Popmusik dem Gospel-Gesang andererseits Vorformen des Soul aufgetreten, so etwa in der Musik von Sister Rosetta Tharpe, Solomon Burke und Sam Cooke. Vom Gottesdienst in den Kirchen der Schwarzen kam die Instrumentation – Schlagzeug, Bass, Klavier und Hammond-Orgel, um die in der Rockmusik populär gewordene elektrische Gitarre und sehr häufig einen Bläsersatz ergänzt. Dabei gehören zu den verwendeten Blasinstrumenten neben der Trompete vor allem Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon, weniger und sehr selten, die Posaune. Diese Besetzung wurde Ende der 1960er-Jahre für den so genannten Brass Rock üblich, wie ihn etwa Chicago, Blood, Sweat & Tears und Ten Wheel Drive propagierten. Eine Band in der Besetzung der Stax-Begleitband Booker T & The MGs, wurde in den 1960er-Jahren zu einer Standardbesetzung der Rockmusik und findet sich in einer Formation wie etwa Procol Harum, – die als Rhythm and Blues-Band begannen, bis hin zu den Bands des Progressive Rock – Pink Floyd, Yes, Genesis. Dieser Besetzung steht die eher von der Country Music herrührende Besetzung der Gitarrenbands, wie sie im frühen Rock’n’Roll bis hin zum Mersey Beat üblich war. Dennoch: Allemal gab es gegenseitige Einflüsse, wie etwa »Shake, Rattle & Roll«, geschrieben von Jesse Stone, 1951 gesungen von Big Joe Turner, später von Billy Haley übernommen, einerseits, aber andererseits ein Song wie »Lucky Lips«, geschrieben von dem Duo Jerry Leiber und Mike Stoller, 1956 von Ruth Brown gesungen, exemplarisch beweisen.

Im Soul steht allemal der Gesang – und damit Sängerin, Sänger, Vokalensembles – im Vordergrund. Soul ist eine Musik der Großstadt, weil nur dort die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen wie Studios und Labels gegeben waren. So sind die Zentren des klassischen Souls Chicago, Detroit, New York, Memphis und Florence. Verbunden mit diesen Orten sind Labels wie Stax, Volt – oft zusammengezogen zu Stax-Volt –, Tamla, Motown – zusammengezogen zu Tamla-Motown oder auch nur Tamla – und Atlantic. Diese Labels stehen auch für stilistische Unterschiede: Stax-Volt und Atlantic eher für eine am älteren Rhythm’n’Blues orientierte Musik, in der relativ kleine, kompakte Bands für die mitunter etwas gleichförmige Begleitung von Sängerinnen und Sängern sorgten. Zu dieser Form des Soul zählen etwa Carla Thomas, Rufus Thomas, Sam und Dave, die Mar-Keys, Booker T and the MGs, Otis Redding, Wilson Pickett, The Bar-Kays und Eddy Floyd. Nach dem Ort der Entstehung wird diese Musik auch Memphis Soul genannt. Der Soul des Labels Tamla-Motown dagegen wurde stark von dem Gründer der Labels, Berry Gordy, geprägt. Diese Ausprägung ist weniger vom Blues beeinflusst, dafür mehr von der Instrumentation des Jazz, insgesamt aber eleganter und auch individueller – die Musik etwa von The Supremes und Stevie Wonder unterscheidet sich mehr voneinander als zwei beliebige Aufnahmen von Stax. Bei Motown veröffentlichten etwa Marvin Gaye, Four Tops, Martha Reeves & The Vandellas, The Tempatations, The Ilsey Brothers, Smokey Robinson & The Miracles, Jackson 5, Diana Ross, später auch Lionel Richie, Michael Jackson, Coomodores und Rick James.

Soul war stets, gleichgültig, bei welchem Label sie jeweils unter Vertrag standen, stark von Sänger-Persönlichkeiten geprägt, die teils auch sehr individuelle Stile entwickelten. Zu diesen gehören der Sänger und Pianist Ray Charles – in dessen Musik sich zahlreiche Elemente aus dem Jazz finden -, der Sänger James Brown – der in seiner Musik teils Bezug auf frühe schwarze Rockstars wie Little Richard Bezug nimmt, aber auch als Prototyp des Funk-Musikers gilt -, die Sängerin Aretha Franklin, die mit ihrem expressiven Gesangsstil bis in jüngste Zeit Einfluss auf Sängerinnen des RnB nahm und nimmt, die sehr dem früheren Rhythm and Blues verhaftete Formation Ike & Tina Turner, später Prince mit seiner eklektizistischen Auffassung von Soul, in der diverse Strömungen der seinerzeit aktuellen Rock- und Popmusik zu einem vom Rhythm and Blues bestimmten Musik ineinander flossen, und natürlich Michael Jackson, der einerseits Vollender des »alten« Soul war, andererseits abseits vom gegen Ende der 1970er-Jahre in Stereotypien erstarrten Disco Music der schwarzen Musik einen neuen Weg wies. In diese Gruppe gehören natürlich auch Sängerinnen wie Natalie Cole – deren Vater Nat King Cole vielleicht als Vorreiter des Soul-Interpreten angesehen werden kann – und die Sängerin Candi Staton, die nach 2000 ein Come Back erlebte.

Zu Zeiten der größten Erfolge von Jackson und Prince war die Ära des klassischen Soul schon beendet. Ende der 1960er-Jahre wurde die populäre schwarze Musik von Disco bestimmt, der Beat in Form von gleichförmig betonten Vierteln löste die im klassischen Soul übermächtige Betonung der Zählzeit zwei und vier ab und bereitete damit das Feld für spätere Formen der in Diskotheken und Clubs übliche Tanzmusik bis hin zu Techno. In den späten 1970er-, dann zunehmend in den 1980er-Jahren griffen eine Reihe von weißen Musikern und Bands auf den klassischen Soul zurück, die Begriffe Northern Soul für einen restaurativen britischen Soul wie auch Blue Eyed Soul für eine Art »moderne« Fassung des alten Souls – vorgetragen etwa von Simply Red, Q-Tips, The Housemartins, Dexys Midnight Runners oder Eurythmics – war einige Jahre lang äußerst erfolgreich, teilweise auch mit Cover Versions älterer Soul-Titel. Der Begriff Soul allerdings wurde häufig gemieden: Sängerinnen wie Sade wurden eher mit dem Begriff »Pop Jazz« in Verbindung gebracht als mit Soul. Auch eine Formation wie Fine Young Cannibals wurde nur gelegentlich mit dem Begriff Soul belegt.

Die Zweiteilung der schwarzen Musik – abseits von dem nach wie vor existenten Blues und Jazz – setzte sich bis in jüngste Zeit fort: Während eine unüberschaubare Reihe vornehmlich von Sängerinnen in Anknüpfung an die Gesangstechniken von Aretha Franklin oder selbst von Shirley Bassey eine melismenreiche, äußerst perfekt vorgetragene und produzierte Musik vertreten – dazu gehören etwa Beyoncé und Rihanna wie auch diverse Girlgroups von Envogue bis Pussycat Dolls –, gab es nach der Jahrtausendwende ein geradezu nostalgisches Revival des Soul der 1960er-Jahre, als Sängerinnen wie Amy Winehouse, Duffy, Rox, Macy Gray, Lauryn Hill oder Corinne Bailey Rae. Dabei lassen sich die Stilbereiche natürlich nicht immer eindeutig zuordnen: Elemente der Motown-Girlgroups lassen sich natürlich auch bei Formationen wie Destiny’s Child finden, wie auch etwa die Musik von Corinne Bailey Rae hier und da selbst auf »weißen« Folk zurückgreift. Die reine Lehre vertreten dagegen etwa die Dap Kings, wie überhaupt der klassische Stax-Klang von vielen Soul-Bands weltweit favorisiert wird, auch wenn sie den großen Markt nicht erreichen. Dieser Musik war etwa auch der Film »The Commitments« (1991; Regie. Alan Parker; nach einem Roman von Roddy Doyle), gewidmet, der den Aufstieg einer irischen Soul-Band erzählt.

Der Funk des James Brown eröffnete in den 1970er-Jahren weiteren Funk-Musikern eine eigene Strömung, die sich dann auch vom klassischen Soul mehr oder weniger stark löste. Als Prototyp dieser Strömung, in der in den 1980er-Jahren auch diverse aus weißen Musikern bestehende Bands erheblichen Erfolg hatten, ist die Formation Sly & The Family Stone anzusehen.

Es gibt natürlich auch einige kleinere Strömungen in der schwarzen Musik, die gelegentlich als Soul bezeichnet werden, so etwa Teile der Musik New Orleans, die meist allerdings mit dem Begriff Rhythm and Blues belegt wird. Umgekehrt ist natürlich der Hiphop über den Umweg von Disco aus dem Soul entstanden, Rap etwa war, wenn auch in etwas anderer Form, stets Bestandteil der Auftritte von James Brown. Auch auf die weiße Rockmusik hat der Soul der 1960er-Jahre unmittelbar Einfluss genommen, ohne dass dabei der Begriff selbst fiel. Schon manch ein Titel der Beatles zeigt bei näherem Hinsehen die Kenntnis der vier Liverpooler Musiker von den aktuellen Entwicklungen des Soul; manch ein Arrangement des Background-Gesangs der Fab Four, und Songs wie »Come Together«, »Get Back« und ganz offensichtlich »Oh, Darling« sind offensichtlich Soul.

Bei aller Verschiedenheit in der Phänomenologie des Soul, stets war die Sängerin oder der Sänger der Star. Ohne Little Richard, Sam Cooke, Solomon Burke, Otis Redding, Aretha Franklin, Ben E. King, Marvin Gaye, Percy Sledge, Isaac Hayes und zahllose andere wären Rock und Pop in ihrer heutigen Form nicht denkbar.

Diskografie

Candi Staton: His Hands (2006)
Destiny’s Child: – (1998)
Natalie Cole: Leavin’ (2006)
The Commitments: – (1991; Soundtrack)
Macy Gray: The Trouble With Beeing Myself (2002)
Rox: Memories (2010)
Corinne Bailey Rae: – (2006)

Zusammenstellungen

True Motown (2006; drei CDs)
Best of Soul Classics (2005; drei CDs)
The Sory of Brunswick (2002; zwei CDs)
James Brown: The Album (o.J.; zwei CDs)
Wilson Pickett: The Very Best of Wilson Pickett (2005)

Literatur

Garland, Phyl: The Sound Of Soul; New York 1971
Shaw, Arnold: Soul; Reinbek bei Hamburg 1980
Hündgen, Gerald (Hrsg.): Chasin‘ A Dream – Die Musik des
schwarzen Amerika von Soul bis Hip Hop; Köln 1989
Guralnick, Peter: Sweet Soul Music; Lonon 1986, 1999, deutsch: Berlin 2008